Arbeitsgruppe bei der Fachtagung von KMK und bpb 2016

11.10.2016

Auslandsjournalismus in Zeiten von Digitalisierung und Propaganda

In den vergangenen Jahren hat sich der Auslandsjournalismus grundlegend verändert. Die Digitalisierung ist dabei nur ein Aspekt. Durch Sparmaßnahmen in den Redaktionen erhalten viele Weltregionen zu wenig Aufmerksamkeit, auch weil Großthemen die Berichterstattung dominieren, berichtet Gemma Pörzgen in ihrem Vortrag.

"Einen eigenen Weg zwischen den Propagandisten finden" – mit dieser Aussage eröffnete Gemma Pörzgen, freie Journalistin, Osteuropa-Kennerin, Mitglied des Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung (n-ost), sowie Vorstandsmitglied von "Reporter ohne Grenzen" ihren Vortrag.

Durch die Digitalisierung und das Internet hätten sich sowohl Vor- als auch Nachteile aufgetan, die die journalistische Arbeit stark verändert hätten. Während einige Debatten intensiver geführt würden und Journalisten heute einfacher mit ihren Lesern in einen Dialog treten könnten, sei im Ukraine-Konflikt auch eine negative Seite hervorgetreten. Anfeindungen und "Hatespeech" seien an der Tagesordnung, bezahlte Trolle würden von Russland aus Debatten anheizen und auf Provokationen abzielen, die eine konstruktive Diskussion in den sozialen Medien erschwerten.

"Korrespondenten können in das Leben eines Landes eintauchen"

Pörzgen stellte in ihrem Vortrag die Frage, ob die deutschen Medien noch ausreichend dazu in der Lage seien, die Welt in all ihrer Komplexität abzubilden. Die journalistische Antwort darauf sei bislang ausgeblieben, es fehle beispielsweise mit Blick auf Osteuropa in den Redaktionen oft an Neugierde und Interesse, die Probleme dort zu analysieren. Beispielhaft führte sie an: In den meisten Medien müssen die Auslandskorrespondenten von Moskau aus den gesamten früheren sowjetischen Raum abbilden. Wichtige Regionen wie der Südkaukasus oder Zentralasien seien dadurch völlig aus dem Blick geraten. Bei den Zeitungshäusern würden die Sparzwänge die Qualität der Auslandsberichterstattung immer weiter beeinträchtigen. Den Redaktionen fehle das Geld und oft auch die Bereitschaft, Auslandskorrespondenten noch ausreichend zu bezahlen oder ihre Reisespesen zu erstatten. Dabei sei die kontinuierliche Berichterstattung eines Auslandskorrespondenten, der über Jahre Entwicklungen beobachtet und die jeweilige Landessprache beherrscht, nicht dadurch zu ersetzen, dass kurzfristig Reporter einfliegen und über bestimmte Ereignisse berichten.

Als Beispiel führte Pörzgen die Ukraine an, die trotz des andauerndes Krieges zu wenig Aufmerksamkeit in den deutschen Medien finde. Außerdem festen Büro der Deutschen Welle, gebe es in Kiew nur noch zwei freie Korrespondenten, die vor Ort stationiert sind. In den 1990er Jahren sei dies noch deutlich anders gewesen, als sowohl der SPIEGEL als auch die dpa noch mit einem festen Büro in der ukrainischen Hauptstadt vertreten waren. Großereignisse wie die Orangene Revolution bescherten dem Land zwischenzeitlich wieder mehr Aufmerksamkeit. Auch im Zuge der Fußball-Europameisterschaft 2012 sei das Land dann wieder stärker in deutschen Medien wahrgenommen worden, wenn es dann auch oft eher um den Stadionbau als um die wirtschaftliche und politische Lage in der Ukraine gegangen sei. Von der Entwicklung im Winter 2013/2014 in der Ukraine seien deshalb die meisten Redaktionen überrascht worden. Die Debatten rund um das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine waren unter der Wahrnehmungsschwelle der Medien geblieben.

Zu stark dominierende Themen führen beim Mediennutzer zum "Overkill"

Pörzgen kritisierte auch, dass es allzu oft Themen gäbe, welche die Medienberichterstattung so stark dominierten, dass sie alles andere in den Schatten stellen. Dies führe leicht zu einer Art "Overkill" für die Mediennutzer. Medienübergreifend werde dann über Tage oder Wochen fast nur über ein Thema berichtet, sei es die Finanzkrise, die Griechenlandkrise, die Ukraine-Krise oder die Flüchtlingskrise. Ereignisse tauchten deshalb manchmal wie aus dem Nichts auf und verschwänden dann wieder. Dies führe zu Unsicherheit und Irritation bei den Lesern, Zuhörern oder Zuschauern. Im Journalismus, vor allem im Onlinejournalismus, werden Meinungsstücke immer beliebter. Sie sind für die Verlage vor allem preiswert, denn man spart an der aufwändigeren Recherche und an Reisekosten. Es reicht scheinbar aus, einfach am Schreibtisch und in der Redaktion zu bleiben. Dabei wird häufig nur noch auf Sekundärquellen zurückgegriffen statt vor Ort ein Ereignis zu recherchieren und durch die eigene Anschauung zu überprüfen.

Pörzgen kritisierte auch bestimmte stilistische Formen, die, wie der in Mode gekommene "Erzähljournalismus", zu einer Verzerrung der Wirklichkeit beitrügen. Dabei sei vor allem ein Problem, dass in Artikeln viel zu häufig eine Personalisierung von Politik im Vordergrund stehe, statt eine hintergründige Analyse. Als Beispiel nannte Pörzgen die Berichterstattung über Russland, bei der die Darstellung des Landes sich zunehmend nur noch auf den Präsidenten Wladimir Putin konzentriere und alles andere dahinter zurücktrete, als sei er der einzige relevante Akteur in der russischen Politik.

Schülern und Lehrern empfahl Pörzgen einen kritischen Blick auf die Arbeit der Medien. Schon in der Schule müsse heute mehr Medienkompetenz vermittelt werden, um seriöse Quellen leichter identifizieren zu können und sich angesichts der vielfältigen Informationsangebote besser zu orientieren. Aber auch der Geschichtsunterricht müsse heute mehr anbieten als deutsche Nationalgeschichte und sich stärker der europäischen Geschichte und der Weltgeschichte widmen. Nur so könne man Schülern die Welt von heute verständlicher machen und in Zeiten der Globalisierung die nötigen Hintergrundkenntnisse anzubieten, um mit Medien kompetent umzugehen.


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