Unterernährung
8.6.2010
Von den globalen Problemen ist das größte soziale Problem die Unterernährung. Laut BMZ stirbt etwa alle 3,5 Sekunden ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterernährung.
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Es ist schwer zu bestimmen, wie groß der Zusammenhang zwischen den globalen sozialen Problemen und der Globalisierung ist. Für viele soziale Probleme finden sich Ursachen auf lokaler Ebene und auch der Einfluss nationalstaatlicher Entscheidungen ist groß. Fest steht jedoch: Auch ein geographisch klar einzugrenzendes Problem kann ein globales Problem darstellen. Dies gilt vor allem, wenn angemessene Lösungen nur auf globaler Ebene gefunden werden können.
Von den globalen Problemen ist das größte soziale Problem die Unterernährung bzw. der Hunger. Laut Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) stirbt etwa alle 3,5 Sekunden ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterernährung – das sind mehr als zehn Millionen Menschen pro Jahr. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder, die nicht einmal ihr fünftes Lebensjahr vollendet haben. An Hunger bzw. Unterernährung leiden mehr Menschen als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen.
Nachdem die Zahl der Unterernährten in den 1970er- und 1980er-Jahren gesunken war, hat sich der Trend seit Ende der 1990er-Jahre umgekehrt. Nach Angaben der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) lag die Zahl der Unterernährten Mitte der 1990er-Jahre bei 825 Millionen. Zehn Jahre später hungerten 870 Millionen Menschen. Vor allem durch die bis 2008 massiv gestiegenen Nahrungsmittelpreise wuchs die Zahl der Hungernden auf 920 Millionen im Jahr 2007 und weiter auf 1,02 Milliarden im Jahr 2009 – die höchste Zahl an hungernden Menschen seit 1970.
Von den 1,02 Milliarden Hungernden lebten 63,1 Prozent in der Region Asien-Pazifik, 26,1 Prozent im subsaharischen Afrika, 5,2 Prozent in Lateinamerika und der Karibik, 4,1 Prozent im Nahen Osten und Nordafrika sowie 1,5 Prozent in den ökonomisch entwickelten Staaten. Im Zeitraum 2004 bis 2006 lebte laut der FAO knapp die Hälfte aller hungernden Menschen in nur drei Staaten: Indien (28,8 Prozent), China (14,6 Prozent) und der Demokratischen Republik Kongo (5 Prozent). Weiter lebte ein Sechstel aller Hungernden in Bangladesch, Indonesien, Pakistan und Äthiopien.
Trotz der steigenden Anzahl an Hungernden ist der Anteil der hungernden Menschen an der Weltbevölkerung lange Zeit rückläufig gewesen, da die Weltbevölkerung noch stärker zunahm als die Zahl der Hungernden. Wie stark sich die Anzahl der hungernden Menschen in den letzten fünf Jahren erhöht hat, wird vor allem daran deutlich, dass auch der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung gestiegen ist: Nach Angaben der FAO stieg dieser von 13 Prozent im Zeitraum 2004 bis 2006 auf 15 Prozent 2009.
Viele Menschen in den ökonomisch sich entwickelnden Staaten haben keine Möglichkeit, sich ausgewogen zu ernähren. Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais oder Weizen enthalten zwar genug Energie, aber nicht das ganze Spektrum an Nährstoffen, die ein Mensch benötigt. Mangelernährung wird deshalb oft als 'versteckter Hunger' bezeichnet. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in den ökonomisch sich entwickelnden Staaten jeder Dritte von Vitamin- und Mineralstoffmangel betroffen (vor allem Jod-, Vitamin-A-, Eisen- sowie Zinkmangel).
Hunger und Mangelernährung sind nicht primär die Folge von Naturkatastrophen oder bewaffneten Konflikten. Solche Krisen verursachen nur zehn Prozent des Hungers in der Welt. In den meisten Fällen ist Hunger strukturell bedingt. Die entscheidenden – häufig miteinander zusammenhängenden – Faktoren sind laut BMZ:
- Armut, denn Hunger ist in erster Linie kein Produktions- sondern ein Einkommensproblem.
- schlechte politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen durch eine hohe Verschuldung, Korruption sowie ausbleibende Investitionen in den Bereichen Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit und Infrastruktur.
- unfaire Wettbewerbsbedingungen aufgrund von Agrarsubventionen der ökonomisch entwickelten Staaten. Die Subventionen reichen zum Teil soweit, dass sie in den ärmeren Staaten heimische Produkte verdrängen.
- Protektionismus der ökonomisch entwickelten Staaten, insbesondere für Agrarprodukte. Zudem wird häufig versucht, durch nicht-tarifäre Handelshemmnisse (vor allem Produktstandards, Quotenregelungen und Marktzugangsgenehmigungen) den Marktzugang zu erschweren.
- unzureichender Zugang zu produktiven Ressourcen (zum Beispiel Maschinen oder Dünge- und Pflanzenschutzmittel).
- unklare Bodenrechtsverhältnisse und ungleiche Verteilung des Bodens. Hinzu kommt das sogenannte 'Land Grabbing'-Problem: Private Investoren aus den ökonomisch entwickelten Staaten und den Schwellenländern, aber auch staatliche Akteure, sichern sich mittels langfristiger Pacht- oder Kaufverträge große Agrarflächen in den ärmeren Staaten, um dort Nahrungsmittel oder Energiepflanzen (Biosprit) für den Export anzubauen.
- die Umweltzerstörung: Die Nahrungsmittelproduktion ist durch Schädigung von Ackerflächen (Überweidung, falsche Bewässerung, ungeeignete Anbaumethoden) sowie durch die fortschreitende Wüstenbildung in den Trockenzonen gefährdet. Jährlich werden etwa 12 Millionen Hektar Land endgültig zerstört.
- der Klimawandel bzw. die Verschiebung von Regenzeiten oder sogar Klimazonen sowie die Verringerung von Niederschlagsmengen. Insbesondere das überlieferte bäuerliche Wissen verliert in Zeiten des Wandels an Wert.
- die Nutzung von Agrarflächen für die Kraftstoffproduktion. Einerseits wird hierdurch die Anbaufläche für Nahrungsmittel verringert, andererseits beschleunigt die zunehmende Biokraftstoffproduktion die ohnehin steigenden Nahrungsmittelpreise.
- der mangelhafte Gesundheitszustand vieler Menschen, der Arbeitskraft und Wissen entzieht und gleichzeitig den Nährstoff- und Energiebedarf steigert. Insbesondere AIDS verschärft das Problem der ausreichenden Versorgung mit Nahrungsmitteln.
- bewaffnete Konflikte, die insbesondere bei Flüchtlingen zu Nahrungsmangel führen. Zudem werden Boden, Luft und Wasser verschmutzt und die Infrastruktur zerstört. Minen und Blindgänger behindern noch Jahrzehnte nach einem Krieg die Feldarbeit und den Wiederaufbau.
- Naturkatastrophen (Vulkanausbrüche, Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen), die Felder und Ernten zerstören können. Die Produktivität der kleinbäuerlichen Betriebe ist dadurch oft über Jahre eingeschränkt. Wird durch eine Naturkatastrophe eine Wirtschaftskrise ausgelöst, kann sie auch in städtischen Gebieten zu sinkenden Einkommen und zu Hunger führen.
Datenquelle
Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO): The State of Food Insecurity in the World 2008 und 2009; Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): www.bmz.de
Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen
Laut der FAO hungert ein Mensch, wenn er weniger zu essen hat, als er täglich braucht, um ein akzeptables Körpergewicht zu halten und zugleich leichte Arbeit zu verrichten. Die Begriffe 'Hunger' und 'Unterernährung' werden synonym verwendet.
Tabelle: Unterernährung
Anteil der unterernährten Bevölkerung in Prozent, nach ausgewählten Staaten, Betrachtungszeitraum 2004 bis 2006
| Anteil der unterernährten Bevölkerung, in Prozent |
|
| Demokratische Republik Kongo | 75 |
| Eritrea | 66 |
| Burundi | 63 |
| Haiti | 58 |
| Sierra Leone | 46 |
| Sambia | 45 |
| Angola | 44 |
| Äthiopien | 44 |
| Zentralafrikanische Republik | 41 |
| Ruanda | 40 |
| Simbabwe | 39 |
| Liberia | 38 |
| Tschad | 38 |
| Mosambik | 37 |
| Togo | 37 |
| Madagaskar | 35 |
| Tansania | 35 |
| Jemen | 32 |
| Nordkorea | 32 |
| Kenia | 30 |
| Gambia | 29 |
| Malawi | 29 |
| Mongolei | 29 |
| Niger | 28 |
| Bangladesch | 26 |
| Botsuana | 26 |
| Tadschikistan | 26 |
| Kambodscha | 25 |
| Senegal | 25 |
| Armenien | 23 |
| Bolivien | 23 |
| Kamerun | 23 |
| Pakistan | 23 |
| Indien | 22 |
| Dominikanische Republik | 21 |
| Kongo | 21 |
| Nicaragua | 21 |
| Sri Lanka | 21 |
| Sudan | 20 |
| Benin | 19 |
| Laos | 19 |
| Namibia | 19 |
| Swasiland | 18 |
| Myanmar | 17 |
| Panama | 17 |
| Thailand | 17 |
| Guatemala | 16 |
| Guinea | 16 |
| Indonesien | 16 |
| Nepal | 16 |
| Lesotho | 15 |
| Philippinen | 15 |
| Uganda | 15 |
| Côte d'Ivoire | 14 |
| Ecuador | 13 |
| Peru | 13 |
| Usbekistan | 13 |
| Vietnam | 13 |
| Georgien | 12 |
| Honduras | 12 |
| Paraguay | 12 |
| Venezuela | 12 |
| Aserbaidschan | 11 |
| China | 10 |
| El Salvador | 10 |
| Kolumbien | 10 |
| Mali | 10 |
| Trinidad und Tobago | 10 |
| Burkina Faso | 9 |
| Ghana | 8 |
| Mauretanien | 8 |
| Nigeria | 8 |
| Suriname | 7 |
| Brasilien | 6 |
| Guyana | 6 |
| Mauritius | 6 |
| Turkmenistan | 6 |
| Jamaica | 5 |
Quelle: Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO): The State of Food Insecurity in the World 2009
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