Koran

K. (arab. qur’ân, „Vortrag“ oder „Lesung“, oft auch al-kitâb, „das Buch“, oder mushaf „Codex“ genannt), die Heilige Offenbarungsschrift des Islams. Formal besteht der K. aus 114 Suren. Zu Zwecken der Koranrezitation, etwa während des Ramadân, ist er in 30 etwa gleich lange Abschnitte unterteilt, die ihrerseits untergliedert sein können. Die Suren entsprechen keinen themat. Abschnitten, wie überhaupt der K. – von einzelnen Surenteilen abgesehen – keine inhaltliche Ordnung oder Systematik aufweist. Nach islam. Verständnis geht der K. auf ein bei Gott verborgenes „Ur-Buch“ zurück, das als „wohlverwahrte Tafel“ (Sure 85:22) beschrieben wird. Die Kontroverse um die Natur des koran. Wortlauts, der entweder als geschaffen oder als in Ewigkeit existierend angesehen wurde, prägte für Jahrhunderte die innerislam. Diskussion zwischen orthodoxen Sunniten und rationalist. Gruppierungen (Mutazila). Darüber hinaus gilt der K. als Gottes Wort, als eine sprachliche Theophanie. Parallelen bestehen zwischen der Stellung des K. im Islam und der Figur Jesu im Christentum: Beide sind Gottes Wort, als Text („Inlibration“) oder als Mensch (Inkarnation). Wie Jesus als „Buch des Lebens“ (liber vitae) gelten mag, so „verkörpert“ der K. die Offenbarung textlich. Der heutige Wortlaut des K. ist nicht einheitlich, sondern umfaßt phonet., orthograph. und syntakt. Varianten, die auf verschiedene Rezensionen zurückgehen. Eine nach philolog. Maßstäben erarbeitete, textkrit. Ausgabe, die sämtliche Lesarten berücksichtigt, steht bisher jedoch noch aus. Daneben sind in der islam. Überlieferung (Hadîth) Passagen bekannt, die zunächst Bestandteil des K. waren, vor Muhammads Tod aber entfernt oder modifiziert wurden; auch innerhalb des K. finden sich Verse, deren Aussage durch später offenbarte Verse abgeschwächt, geändert oder außer Kraft gesetzt wurde. Dieses Entfernen, Außerkraftsetzen oder Verändern, als „Abrogation“ (arab. naskh) bezeichnet, hat ein umfangreiches islam. Schrifttum hervorgebracht. Der Wortlaut des K. besteht aus den Offenbarungen, die Muhammad zwischen 610 und 632 zuerst in Mekka, dann in Medina empfangen hat. Der Prophet, der nach islam. Überzeugung des Lesens und Schreibens unkundig war, beschäftigte Sekretäre, die die einzelnen, Stück für Stück mitgeteilten Offenbarungen festhielten; viele Gläubige im Umfeld Muhammads wußten den K. auch auswendig. Als Schreibmaterialien dienten zuerst Knochen, Palmrispen, Häute u. a. Zur eigentlichen Sammlung des K., der Basis der heutigen „kanon.“ Textgestalt, kam es nach dem Tod des Propheten, als unter den beiden ersten Kalifen Abû Bakr und Umar die niedergeschriebenen Texte zunächst gesammelt wurden, bevor sie auf Initiative des dritten Kalifen Uthmân (644–56) zur sog. „uthmân. Rezension“ zusammengestellt wurden. Die Schiiten vertreten die Auffassung, daß dabei einige Passagen aus dem K. getilgt wurden, die den besonderen Status Alîs zum Gegenstand hatten, obwohl der von den Schiiten verwendete Korantext der sunnit. Fassung entspricht. Die jüngst bekanntgewordenen Koranhandschriften aus dem Jemen, die auf das 1. islam. Jh. zurückgehen, lassen darauf schließen, daß die Einheitlichkeit des koran. Wortlauts noch einige Zeit nach der „uthmân. Rezension“ nicht gewährleistet war. In den letzten Jahren hat sich eine Debatte über Ursprung und Entstehung des K.s entwickelt, die 2000 durch die Veröffentlichung von Christoph Luxenbergs Buch Die syro-aramäische Lesart des Koran angestoßen wurde. Die dort und in weiteren Schriften vertretenen Thesen stehen im Gegensatz zur islam. Tradition und legen eine andere, im Detail aber nicht genau faßbare Entstehung des K.s nahe. Die deutsche Islamwissenschaft steht diesen Thesen mehrheitlich kritisch gegenüber, aber die Debatte ist noch im Gang, und ein endgültiges Urteil zum jetzigen Zeitpunkt wäre verfrüht. Der K. besitzt keine inhaltliche Systematik, weshalb für die ausführliche Beschäftigung mit ihm – weiß man ihn nicht auswendig – eine Konkordanz unerläßlich ist. Die im K. angesprochenen Hauptthemen bestehen aus der Eschatologie (Hölle und Paradies, das Jüngste Gericht), Stoffen der Bibel, ethischen Maximen, Rechtsvorschriften und theolog. Diskussionen (Bekämpfung des Polytheismus, Überwindung des Juden- und Christentums, Darlegung des islam. Monotheismus). Dieser inhaltlichen Vielfalt entspricht eine Form- und Stilmannigfaltigkeit: Drohreden wechseln mit sog. „Straflegenden“ (Berichte über Völker, die der Offenbarung Gottes zuwiderhandelten), hymnische Abschnitte mit Schwurformeln, liturg. Texte mit Gebeten, Gleichnisse mit rituellen Anweisungen, Erzählungen mit Gesetzestexten ab. Oft werden die Themen und Stoffe nicht ausführlich präsentiert, sondern nur angedeutet oder kurz zitiert, so daß ein genaueres Verständnis vieler Stellen auf die Koranexegese angewiesen ist. Das bedeutet, daß eine „einfache Lektüre“ des K. unmöglich ist; auch eignet er sich nicht ohne weiteres als Argumentationsgrundlage im interreligiösen Diskurs (schon gar nicht in Übersetzung): Der K. ist weniger ein Text, der Lehren vermittelt, als ein Text, der schon bekannte Lehren kondensiert und sprachlich anspruchsvoll formuliert; er ist weder ein theolog. noch ein rechtlicher Traktat, sondern in erster Linie für den liturg. Gebrauch (Koranrezitation) und die Predigt bestimmt. Abgesehen von den Problemen der Koranübersetzung bleiben deshalb viele Passagen ohne die Kenntnis des geschichtlichen Hintergrunds und der arab. Sprache wenn nicht verschlossen, so doch unklar. Des weiteren enthält der K. zwar einige relativ exakt formulierte Rechtsvorschriften, diese betreffen aber insgesamt nur wenige Probleme. Der weitaus größte Teil des islam. Rechts läßt sich nicht allein auf der Grundlage des K. behandeln. Die sprachliche Form des K. ist durch Reimprosa (arab. saj) gekennzeichnet: Die einzelnen Verse folgen keiner festen Metrik; die Versenden sind reimgebunden, wobei der Reim innerhalb einer Sure wechseln kann. Diese koran. Sprachgestalt ist tatsächlich sui generis und vermittelt fast durchweg einen hymnischen Eindruck. Für die Muslime erweist sich in dieser sprachlichen Unvergleichlichkeit (arab. ijâz) der göttliche Ursprung des K., und er gilt als das wichtigste Beglaubigungswunder für Muhammads Prophetentum. Daß hier, ganz abgesehen von der Komplexität der arab. Sprache, ein großes Problem für die Koranübersetzung liegt, versteht sich von selbst. Wer den K. nicht im Original rezipieren kann, für den ist der ästhet. Reiz der unverwechselbaren koran. Sprachlichkeit verloren. Angesichts der Einzigartigkeit des K. ist die in der Orientalistik oft gestellte Frage nach den Quellen der koran. Botschaft weniger von Belang. Ohne Zweifel finden sich im K. viele Elemente aus der jüdischen und christlichen Überlieferung, wobei eher die außerkanon. Schriften (Haggada, neutestamentliche Apokryphen) als die Bibel selbst in Betracht kommen; die im K. zu findenden Fremdwörter gehen auf den Sprachgebrauch der Juden oder Christen zurück. Die Übernahme von Begriffen und Motiven beweist aber nichts anderes als die Einbindung der islam. Religion in den Kontext des nahöstlichen, zur Zeit Muhammads v. a. vom Juden- und Christentum geprägten Monotheismus: Wie das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist, so entwickelte sich der Islam vor dem Hintergrund dieser beiden Religionen und brachte etwas Neues hervor, nicht zuletzt die ganz eigene Form des K. Der K. ist seit gut 1400 Jahren das zentrale Dokument der islam. Kultur. Er prägt diese so tief, daß seine Rolle mit keiner Heiligen Schrift in anderen Weltreligionen verglichen werden kann. Die arab. Idiomatik und die modernen Islamsprachen sind mit koran. Wendungen durchsetzt. Ohne den Rückgriff auf den K. sind viele Anspielungen in der arab. Literatur u. a. Literaturen islam. Länder unverständlich, und nicht umsonst ist heute der K., nicht die Bibel, das sprichwörtliche Beispiel eines Heiligen Buches. Die besondere Heiligkeit des K. als materieller Gegenstand und Buch kommt dadurch zum Ausdruck, daß es Nichtmuslimen im Prinzip – die Rechtsschulen sind sich hier uneins – nicht gestattet ist, ein Exemplar zu berühren; noch dürfen sie es besitzen oder herstellen; früher war auch die Mitnahme eines K. in nichtmuslim. Gebiete untersagt. Auf dem Gebiet der Kunst war es die Kalligraphie, die Meisterwerke hervorbrachte, wenn es darum ging, den K. in visueller Perfektion zu präsentieren; die Rolle der koran. Kalligraphie kann dabei am besten mit dem Anfertigen von Altarbildern und Ikonen im Christentum verglichen werden. Koran. Verse zieren nicht nur Moscheen, Medresen und Grabsteine, sondern oft auch das Innere von Privathäusern und die Karosserien von Autos und Bussen; Exemplare des K. finden sich allerorten, seine Präsenz hat nicht selten amulettartigen Charakter. Die wortgetreue Überlieferung und das Auswendiglernen des Korantexts bildeten einen wichtigen Zweig der islam. Gelehrsamkeit, bis in der Moderne der Buchdruck dieser Beschäftigung viel an Bedeutung genommen hat. Der erste Druck eines arab. K. enstand um 1537 in Venedig, doch westliche Drucke fanden keine Verbreitung in der islam. Welt. Die von der Azhar-Universität in Kairo seit 1923 vertriebene Koranausgabe folgt der am weitesten verbreiteten Rezension (Lesart) und wird heute als Standardausgabe bei jeder Beschäftigung mit dem K. zugrundegelegt. Im Maghreb ist bis heute eine eigene Rezension in Gebrauch, die ebenfalls allgemein anerkannt ist. 2007 wurde an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit dem Forschungsprojekt „Corpus Coranicum“ das bisher größte Editionsunternehmen im Rahmen der K.-Forschung ins Leben gerufen. Ziel ist eine kritische Edition des K.-Textes und eine umfassende Kommentierung.

Literatur:
Berque, J.: Der Koran neu gelesen, 1996. – Bobzin, H.: Der Koran. Eine Einführung, [6]2007. – Burgmer, C. (Hg.): Streit um den Koran. Die Luxenberg-Debatte, [3]2007. – Cook, M.: Der Koran. Eine kurze Einführung, 2002. – Horovitz, J.: Koranische Untersuchungen, 1926. – Luxenberg, C.: Die syro-aramäische Lesart des Koran, [3]2007. – McAuliffe, J. D. (Hg.): The Encyclopaedia of the Qur’ân, 5 Bde., 2001–2006. – Nagel, T.: Der Koran. Einführung, Texte, Erläuterungen, [3]1998. – Paret, R.: Mohammed und der Koran, [9]2005. – Ders. (Hg.): Der Koran, 1981. – Watt, W. M.: Bell’s Introduction to the Qur’ân, 1991. – Zirker, H.: Der Koran. Zugänge und Lesarten, 1999.

Autor/Autorinnen:
Marco Schöller, PD Dr., Universität zu Köln, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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