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26.5.2002 | Von:
Reinhard Bachleitner

Alpentourismus: Bewertung und Wandel

II. Dimension der Bewertungen des Alpentourismus

Bewertungen von gesellschaftlich relevanten Phänomenen wie etwa des Tourismus sind vor allem dann von Interesse, wenn erstens die konkreten Lebensbedingungen und aktuellen Umweltzustände in eine Entwicklungsrichtung tendieren, die für die Bewohner belastend wird, und zweitens dadurch sowohl Wandlungsdruck als auch Veränderungstempo für die eingeforderten Anpassungsleistungen der Betroffenen steigen. Gerade die Veränderungen durch den massenhaften Tourismus mit beachtlichen Zeitspitzen können als ein typisches Beispiel hierfür gelten.

1. Zur ökologischen Dimension



Mit dem quantitativen Wachstum des Alpentourismus war auch eine flächenintensive Nutzung bisher nur vereinzelt beanspruchter Regionen verbunden. Die Alpen als Freiraum, der als Kontrast zu den Zwängen der Zivilisation in den letzten 50 Jahren immer intensiver genutzt wurde, erhielten langsam eine neue Kontur sowie neue Funktionszuschreibungen. Gleichzeitig stieg die Angst vor ihrer ökologischen Zerstörung und Übernutzung. Insbesondere alle outdoor-Aktivitäten - vom variantenreichen alpinen Wintersport über Kletter- und Wanderaktivitäten sowie spezifische Wassersportarten wie Canyoning, Rafting in den Alpenflüssen usw. bis hin zum Golfsport - verändern die Natur- und Kulturlandschaft der Alpenregionen.

Die mit dieser teils intensiven Nutzung verbundenen Anschuldigungen und Verurteilungen sind so vielfältig, dass sich positive Akzente wie die damit verbundenen und auch vermehrten Anstrengungen für den (Natur-)Landschaftsschutz geradezu bescheiden ausnehmen. Während viele der anfänglich durchaus als relevant erachteten Kritikpunkte, die aus einer ökologischen Perspektive erhoben wurden, über gesetzliche Maßnahmen [4] behoben wurden, konnte das Problem der "Automobilität", sei es lokaler Tourismusverkehr oder (interregionaler) touristischer Transitverkehr, bisher nicht gelöst werden. Die vereinzelten Ansätze verkehrsfreier Fremdenverkehrsorte sind zaghaft und mit erheblichen Umstellungs- und Einstellungsveränderungen verbunden. [5]

Auch die oft bewusst überinterpretierten und überzeichnet vorgebrachten "Horrorszenarien" von Umweltschäden, die ursächlich mit dem Alpentourismus verbunden und mit irreversiblen ökologischen Folgen verknüpft sein sollen, können wenig zu seiner Verhinderung beitragen. Das quantitative Ausmaß des Tourismus in den Alpenregionen lässt sich der obigen Grafik entnehmen.

Erst in jüngster Zeit setzt eine Entideologisierung ein, die sich in einer abgewogenen und entemotionalisierten Beurteilung der ökologischen Folgen des Tourismus ausdrückt, wobei hier CIPRA und andere lokale Institutionen wegbereitend für den so genannten "nachhaltigen Tourismus" [6] sind.

Trotz des angesteuerten integrativen Ansatzes in der Tourismusentwicklung in den Alpen bestimmen drei konträre Positionen den aktuellen ökologischen Diskurs: eine Relativierungs-, eine biologistische (biozentrische) und eine empirische Position.

Die Grundintention der Relativierungsposition besteht darin, die Schadensdiskussion einschließlich der empirischen Befunde von der unmittelbaren emotionalen auf eine höher gelagerte Abstraktionsebene zu heben. Ziel ist es, in vergleichender Vorgehensweise die Auswirkungen touristischer Erschließungen zu relativieren. Mögliche Veränderungen, Beeinträchtigungen und ursächliche Zusammenhänge von Tourismus und Natur werden dabei keineswegs geleugnet, vielmehr wird der Nachweis einer meist geringen Wirkung über Relationen herausgearbeitet. Die dabei forcierte quantitative "Verharmlosung" besitzt mehrere Dimensionen, über welche eine Relativierung herbeigeführt werden kann:

- eine Relativierung über Massen-Flächenbilanzen/Frequenzen;

- eine Relativierung auf gleicher qualitativer Ebene;

- eine Relativierung innerhalb gleicher Wirkungen;

- eine Relativierung im Vergleich zu großen Umweltbeeinträchtigungen.

Derartige Relativierungen, die sich traditionell auf naturwissenschaftlich-quantitativer Datenebene bewegen, sollten jedoch um jene kulturalistische Perspektive ergänzt werden, die zeigt, dass Natur auch das Ergebnis menschlicher Praxis ist und daher gesellschaftlich (mit)produziert wurde. Über die soziale Aneignung von Natur wird die Natur nicht nur anders gedacht, sondern sie wird letztlich kulturspezifisch (mit)erzeugt. Da die Sicherheit einer vorgegebenen, unberührten Natur nicht mehr vorhanden ist, gilt es einen neuen Orientierungsmaßstab zu entwickeln. Die Vergleichsebene für Bewertungen, die man ursprünglich in einem statischen Naturzustand zu finden geglaubt hatte, muss nun gesellschaftlich neu definiert werden.

Die hinter der biozentrischen Position stehenden Intentionen gehen von einem Naturverständnis aus, welches die Natur als abzugrenzendes und vor menschlichen Eingriffen zu schützendes Territorium ausgibt. Weitreichende tourismusbezogene Eingriffe und Belastungen der (Natur-) Landschaft werden abgelehnt. Der Mensch spielt in der biozentrischen Sichtweise eine untergeordnete Rolle; er hat sich im "Zweifelsfalle" der Ökoethik zu beugen. [7]

Die Vertreter dieser Position haben es bislang verabsäumt, die sicher schwierige und weitreichende Frage zu beantworten, welche Natur es denn nun tatsächlich zu schützen gilt, zumal uns auch die Ökologie nicht sagen kann, wie "natürlich" die Natur sein soll. Die in der biozentrischen Position forcierte Maxime, nicht einzugreifen, ist erkenntnistheoretisch blind und letztlich auch inhuman, denn in dem Versuch, Naturbelassenheit durch "Nichtstun" herbeizuführen, ist das Mängelwesen Mensch unter allen seiner Handlungsalternativen ein Störfaktor der Natur. Der biologistische Rückzug mit seiner Berufung auf die zu schützende Natur ist auch insofern erfolglos, als die soziale Erzeugung der Natur längst eingesetzt hat. So kann in Anlehnung an Hans Immler [8] gesagt werden: Die Natur vor den Menschen schützen heißt in letzter Konsequenz, sie zu zerstören. Die Natur durch den Menschen zu produzieren bedeutet dagegen, sie zu erhalten.

Die Strategie der empirischen Position besteht in dem Versuch, die Wirkungen des Tourismus und der Freizeitindustrie auf die natürliche Umwelt (äußere Natur) über das biologische Methodenrepertoire - bevorzugt im Rahmen von Längsschnittdesigns - zu analysieren. Es liegen jedoch erst wenige umfassende Langzeitstudien vor. [9] So notwendig und wünschenswert solche Basisdaten sind, so vordringlich ist es auch, eine doppelte kritische Distanz gegenüber diesen zu entwickeln, denn zum einen sind sie auf sehr kleinräumige Flächen beschränkt, mit vielen Selektiva (unterschiedlichste Ausgangslagen, verschiedene Exposition usw.) belastet und somit nicht generalisierbar; zum anderen ist es ebenso von Wichtigkeit, die Daten in einen umfassenderen, eben sozioökonomischen und soziokulturellen Bezugsrahmen zu setzen. So ist etwa die Feststellung der Auswanderung von fünf Arten aus einem pflanzensoziologischen Verbund auf Grund von Skisportaktivitäten und die Ansiedlung von zwei resistenten Sorten zwar ein empirisch-biologischer Befund, er sagt jedoch nichts über eine humanökologische Perspektive des Skitourismus aus. Derartige Studien, die in ihren Analysemittelpunkt den anthropogenen Einfluss auf die Natur setzen, liefern ein Wissen über die Natur, welches Mensch und Natur voneinander trennt. Die Transdisziplinarität - nicht die üblicherweise eingeforderte Interdiziplinarität - könnte hier hilfreich sein.

2. Ökonomische Bewertungsdimension



Tourismus ist für viele ein vordergründig ökonomisches Handlungsfeld, das in zahlreiche Wirtschaftsbereiche ausstrahlt. Demgemäß erfolgt die Wahrnehmung des Tourismus anhand ökonomischer Kriterien, da er (zumindest im österreichischen Alpenraum) als entscheidender Devisenbringer gilt, der die Kaufkraft in den touristifizierten Regionen erhöht. Neben der direkten (primären) Tourismusindustrie hat sich zwischenzeitlich eine "ergänzende" sowie eine "touristische Randindustrie" entwickelt, [10] welche die Zentrierung auf die ökonomische Wahrnehmungs des Tourismus weiter verstärkt.

Die beiden Pole der ökonomischen Bewertung stellen sich folgendermaßen dar: Tourismus gilt einerseits als wirtschaftliche Notwendigkeit für strukturschwache Alpenregionen, die sich für andere Industriezweige wenig eignen. So werde etwa die Abwanderung der Bewohner in den landwirtschaftlich nur mehr wenig genutzten Tallandschaften gestoppt; Tourismus schaffe zahlreiche, wenngleich eher saisonale Arbeitsplätze und erhöhe damit gleichzeitig das Steuereinkommen der Regionen. Andererseits gilt Tourismus als ein Faktor, der die Lebenshaltungskosten der Bewohner entscheidend erhöht und u. a. zur Steigerung der Bodenpreise führt (Nachfrage nach Zweitwohnsitzen).

Doppelt negativ wirkt sich schließlich ein möglicher Rückgang des Tourismus aus, da ein zweifacher Wohlstandsverlust droht: Realeinkommen und Steuereinkommen sinken. Gerade in Pha- sen stetig wechselnden Nachfrageverhaltens der Gäste, wie es sie seit den neunziger Jahren immer gab, wird die touristische Monokultur in den Alpenregionen zum wirtschaftlichen Risiko.

Zudem ergibt sich im Zuge der Tourismusentwicklung in den Alpen ein starker Konzentrationsprozess des touristischen Angebots in einigen wenigen Zentren und Regionen. Dies brachte und bringt enorme wirtschaftliche Zwänge mit sich, da die mit hohen Investitionskosten verbundenen ständigen qualitativen Verbesserungen hohe Auslastungsquoten erforderlich machen.

Die ökonomische Bewertungsdimension erweist sich somit als höchst ambivalent, und zwar in Abhängigkeit von der jeweiligen regionalen Ausprägung und Auslastung.

3. Soziale Bewertungsdimension



Neben der ökologischen und ökonomischen Einschätzung des Tourismus setzte auch eine sozialkritische Beurteilung des Massentourismus in den Alpen ein, da die "Bereisten" durch den Tourismus mit starken Veränderungen im alltäglichen Lebensvollzug konfrontiert waren. Schlagzeilen in den Medien wie etwa "Aufstand der Bereisten" oder "Schützt uns vor Massentourismus" waren im Alpenraum keine Seltenheit, und selbst die These eines den Suizid fördernden Tourismus findet sich in der Literatur. [11]

Die "klassische" Sozialkritik am Tourismus geht in drei Richtungen:

Erstens: Tourismus führe zur Auflösung sozialer Bindungen und zum Schwund des lokalen Sozialgefüges, da er mit seiner Dominanz des Kommerzdenkens wenig Raum für Sozialität lasse (sozialstrukturelle Bewertungsdimension).

Zweitens: Tourismus verändere die Identität und Mentalität der Bereisten, da es durch die Fremden zur Überfremdung des Selbst und der Region komme.

Drittens: Zu Negativeffekten durch den Tourismus komme es vor allem bei jenen, die im touristischen Dienstleistungsbereich tätig sind, da hier aufgrund der zeitlichen/saisonalen Beanspruchungen gesundheitsbezogene Beeinträchtigungen auftreten könnten. [12]

Kurz: Die Konfrontation mit dem Fremden und Andersartigen forciert bei so manchem das Gefühl von Ablehnung und Unsicherheit für das Selbst und Ich, das dann als Bedrohung durch den Tourismus empfunden werden kann, wenngleich nicht muss. [13]

Auf der positiven Bewertungsseite wird in diesem Zusammenhang von sozialer Bereicherung und der Möglichkeit eines Sozialisationsfelds für Aufgeschlossenheit gegenüber dem Fremden und kulturell Andersartigen gesprochen. Tourismus biete sich als Chance für vielfältige Sozialisationsmöglichkeiten im soziokulturellen Bereich an oder, wie es Wolfgang Lipp [14] formuliert: Fremdenverkehr und Alpen sind "kulturelle Curricula", gleichsam eine "Schule Europas" für gegenseitige Lernprozesse.

4. Kulturelle Bewertungsdimension



Die jüngste Facette der Bewertungsdimension stellt im Zuge des zunehmenden Kulturalismus in postmodernen Gesellschaften der vom und über Tourismus ausgelöste Kulturwandel dar. Das Spektrum der Einstellungen reicht auch hier vom angeblichen Kulturverlust bis zur Wiederbelebung und Verdichtung von kulturellen Aspekten. Drei Positionen seien hier aufgeführt:

- Durch Tourismus drohe generell ein Kulturverlust, da jeder Tourismus die über lange Zeiträume hinweg gewachsenen Traditionen und Strukturen der Zielregion verändere.

- Durch Tourismus verkomme das regionale Brauchtum; Folklore werde zum Folklorismus, da die sinnstiftenden Funktionen durch die Inszenierung für den Tourismus verloren gehen, ein artifizieller Charakter werde erkennbar (Verlust des "Authentischen").

- Umgekehrt trage der Tourismus zur Stärkung, Wiederbelebung und Pflege regionaler Kultur - insbesondere des Brauchtums - bei. Er belebe auch alte Handwerkstraditionen und stärke die kulturelle Identität der Region.

Ausgehend von dieser Polarisierung wird u. a. ein "Kultur-/Sozialschutz" analog dem "Naturschutz" für Regionen mit überforciertem Tourismus gefordert.

Entlang der vier aufgeführten Dimensionen erfolgte in den letzten 50 Jahren die Bewertung und Einschätzung des Tourismus in den verschiedenen Alpenregionen. In den einzelnen Entwicklungsphasen des Tourismus [15] ist dabei eine unterschiedliche Akzentuierung dieser Bewertungsperspektiven festzustellen.

Fußnoten

4.
Vgl. Reinhard Bachleitner (Hrsg.), Alpiner Wintersport: eine sozial-, wirtschafts-, tourismus- und ökowissenschaftliche Studie zum alpinen Skilauf, Snowboarden und anderen alpinen Trendsportarten, Innsbruck - Wien 1998³.
5.
Vgl. u. a. Ruedi Meier, Nachhaltiger Freizeitverkehr, Chur-Zürich 2000; sowie Roland Kautzky, Autofreie Tourismusorte in Österreich. Utopie oder Chance? Eine Vergleichsstudie Schweiz-Österreich, Diplomarbeit an der Universität für Bodenkultur Wien, Wien 1995.
6.
Unter nachhaltiger Tourismusentwicklung (auch als Sus"tainability, Dauerhaftigkeit, Zukunftsfähigkeit, Tragfähigkeit etikettiert) wird eine Entwicklung verstanden, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.
7.
Vgl. Fritz Seewald, Klettern, Natur- und Umweltschutz, in: Sportpädagogik, 17 (1993) 4, S. 20-23.
8.
Vgl. Hans Immler, Vom Wert der Natur. Zur ökologischen Reform von Wirtschaft und Gesellschaft, Opladen 1992.
9.
Vgl. etwa Ch. Brandstätter, Skiwelt und Umwelt. Eine Untersuchung von Pisten und Nicht-Pisten über Bodenzustand, Vegetation und Ertrag, o.ÄO., o.ÄÄJ. (1992); Thomas Mosimann, Beschneiungsanlagen in der Schweiz. Aktueller Stand und Trends, Umwelteinflüsse, Empfehlungen für Bau, Betrieb und UVP, Bern 1990.
10.
Vgl. Walter Freyer, Tourismus. Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie, München-Wien 20007.
11.
Vgl. Reinhard Bachleitner/Martin Weichbold, Tourismusbedingter Suizid? Fehler und Fallen beim korrelationsstatistischen Nachweis, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 23 (1998) 4, S. 22-34.
12.
Vgl. Reinhard Bachleitner, Gesundheit im Tourismus oder der Einfluss gesundheitssuchender Besucher auf die Gesundheit der Besuchten, in: psychosozial, 20 (1997) 3, S. 13-20.
13.
Vgl. Reinhard Bachleitner, Von Naturschützern, Tourismusfressern und dem Miteinander, in: Erlebniswelt Nationalparks - das touristische Potenzial der Zukunft? Tagungsband der Nationalparkakademie Hohe Tauern, Matrei in Osttirol 2001, S. 24-33.
14.
Wolfgang Lipp, Alpenregion und Fremdenverkehr. Zur Geschichte und Soziologie kultureller Begegnungen in Europa, besonders am Beispiel des Salzkammerguts, in: ders., Heimat - Nation - Europa. Standorte in Bewegung, Würzburg 1999, S. 108.
15.
Man differenziert in eine Aufbauphase (1947 bis 1955), eine Phase des Aufschwungs (1955 bis 1973), eine Phase der Krise und Stagnation (1974 bis 1982) sowie eine Phase der Konsolidierung und Innovation aufgrund von Strukturproblemen. (Vgl. Reinhard Bachleitner/Otto Penz, Massentourismus und sozialer Wandel. Tourismuseffekte und Tourismusfolgen in Alpenregionen, München 2000.)