APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Reinhard Bachleitner

Alpentourismus: Bewertung und Wandel

III. Zum Wandel der Alpen durch Tourismus

Hält man sich vor Augen, dass man weder im Mittelalter noch in der frühen Neuzeit etwas von den "erschreckenden" Gebirgszügen im Alpenraum wissen wollte und die Alpen mit ihren Ödflächen als "Müllhalde" Europas bezeichnete, so erkennt man den rapiden Wandel im heutigen Bild der Alpen. Setzt man das Zeitfenster der Betrachtung für die Veränderung der Alpen durch Tourismus kürzer an, so wird es erheblich schwieriger, den Tourismus als wesentliche Ursache für die Transformationen verantwortlich zu machen. Wenngleich man sich heute - sei es unter raum- und verkehrsplanerischen, sei es aber auch nachfrageorientierten Aspekten - klare Aussagen über den Wandel der Alpen durch Tourismus wünscht, ist die Antwort mit einem erheblichem Unsicherheitspotenzial belastet. Dies hat folgende Gründe:

1. Tourismus stellt zweifelsfrei nur "einen" Faktor des Wandels dar; er ist als Motor für Veränderungen sozial, strukturell und kulturell mit anderen gesellschaftlichen Faktoren kombiniert und lässt sich aus dieser Verknüpfung nicht exakt isolieren.

2. Tourismus in den Alpenregionen - selbst ein multidimensionaler Faktor: sei es als Erholungs-, Abenteuer- oder Kurtourismus usw. - trifft auf völlig verschiedene Bedingungen und löst in Abhängigkeit davon unterschiedliche Effekte bzw. Veränderungen aus. Eindeutigkeit fehlt dabei.

3. Wandel durch Tourismus vollzieht sich nicht nur im visuellen, also wahrnehmbaren Bereich, wie dies gerne von Kritikern dokumentiert wird. Er vollzieht sich auch kommunikativ, das heißt hier in der aktiven Auseinandersetzung mit örtlichen Bedingungen und den beabsichtigten Perspektiven.

Zu diesen grundsätzlichen Aspekten, die die Aussagen zum Tourismus als Motor für Veränderungen erschweren, gesellt sich ein weiteres, eher wissenschaftsbezogenes Einflussfeld. Ein Blick in die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die sich mit dem Wandel und der Veränderung durch Tourismus beschäftigen, zeigt, dass letztlich jede der beteiligten Disziplinen ihr spezifisches Bild vom Wandel entwirft und entwickelt.

Dabei gewinnt man den Eindruck, dass das Bild des Wandels durch Tourismus in den einzelnen Wissensdisziplinen deutlich vom Stellenwert und der Bedeutung des Wandels im Theoriegebäude der Disziplin abhängt.

So entwerfen etwa Geschichte und Soziologie - beides Wissenschaftsdisziplinen, bei denen Wandel, Veränderung, Transformation eine erhebliche Rolle spielen - ein völlig anderes Bild vom touristischen Wandel als etwa die Volkskunde, die in ihren Erzählungen von Natur und Vergangenheit die Alpen in romantisierter Form beschreibt und aktuellen Entwicklungen eher moralisierend begegnet. [16]

Beschreibungen, die von einem gravierenden Wandel mit den tiefsten Einschnitten ausgehen, findet man bei Ökologen - insbesondere in der Landschaftsökologie -, die den Wandel von der Kultur- und Naturlandschaft mit visueller Komparatistik anprangern. [17]

Die Geographie schließlich, in der der Wandel ebenfalls ein entscheidendes Konzept darstellt, beschreibt die Dynamik der Entwicklung in den Alpen - insbesondere die Tertiarisierung einschließlich des Dienstleistungssektors Tourismus - als wesentlichen Entwicklungsimpuls, der zu einer Aufwertung der Alpen zu einem europäischen Freizeit- und Erholungsraum führe. [18]

Es soll und kann nun im Einzelnen nicht näher auf die vier Bewertungsdimensionen und die Ergebnisse der Beschreibungen in den einzelnen Disziplinen eingegangen werden. Vielmehr sollen in einem integrativen Ansatz die Ergebnisse einer Studie über den Wandel des Tourismus in österreichischen Alpenregionen skizziert werden.

Stellen wir also abschließend die Frage nach "dem" Wandlungspotenzial des Tourismus, "der" Richtung des Wandels und "den" Effekten beziehungsweise Folgen, die auf sozialwissenschaftlicher Analyseebene aufzeigbar sind, dann lässt sich für eine längsschnittliche Betrachtungsweise folgendes festhalten:

Erstens: Tourismus als Sozialphänomen mit bestimmter zeitlicher Rhythmik stellt eine Determinationsgröße für strukturelle regionale Veränderungen dar. Dieses Veränderungspotenzial hängt entscheidend vom regionalen Umgang mit Tourismus ab, d. h., Tourismus und seine Effekte sind in ihren Rahmenbedingungen steuerbar, diese treten nicht zwingend auf.

Zweitens: Wandel durch Tourismus vollzieht sich letztlich langsam, wenngleich typische wahrnehmbare Schlüsselphänomene auftreten können, die vor allem als veränderte Raum-/Landschaftsempfindungen zum Ausdruck kommen.

Drittens: Wandel durch Tourismus vollzieht sich vor allem durch und über Kommunikation; diese gestaltet das (wahrnehmbare) Bild des Tourismus. Dieser Prozess wird seinerseits durch gesamtgesellschaftliche Diskurse und Einstellungen, wie Ökologiebewusstsein und Erlebnisorientierung, geprägt.

Viertens: Tourismus wird als Motor des Wandels, der soziale Veränderungen oder strukturelle Brüche einleitet, erfahren. Er ist als entwicklungsbestimmender Faktor aber selten klar abgrenzbar, da das Veränderungspotenzial und die Veränderungsschübe durch den Tourismus im Bewusstsein Einzelner unterschiedlich registriert werden. Außerdem ziehen die Entwicklungen verschiedenste Effekte nach sich, die auch die ästhetischen Wahrnehmungen differieren lassen. Tourismus verändert die Landschaft, sei es durch Hotelbauten, Sportzentren, Skianlagen oder sonstige Infrastruktureinrichtungen; Tourismus führt zu hohem Verkehrsaufkommen mit enormen Parkplatzproblemen in Landgemeinden und zu anderen negativen Begleiterscheinungen des Massenbetriebs (Überfüllung von Gaststätten, Wanderwegen, erhöhtes Preisniveau u. ä.). Die subjektiven Einschätzungen all dieser Entwicklungen sowie der Rolle des Tourismus variieren jedoch beträchtlich.

Fünftens: Die Annahme eines tief greifenden oder raschen Wandels von persönlichen Identitäten und Mentalitäten durch überforcierten Tourismus kann auf empirischer Ebene nicht bestätigt werden, zumal Tourismus - als eine Einflussgröße unter vielen - nicht problemlos als Einzelvariable isolierbar ist und insgesamt nicht als Einzelphänomen wahrgenommen wird.

Sechstens: Klar ist hingegen, dass sich die regionalen Selbstdarstellungen und Diskurse im Laufe der Zeit und in Übereinstimmung mit den touristischen Wünschen und Urlaubspräferenzen wandeln, womit eine sukzessive Veränderung regionaler affektiver Bezüge, d. h. der regionalen Identifikationsmuster, einhergeht.

Siebtens: Einzelbefunde sowie selektive Beobachtungen über negative Veränderungen durch den Tourismus scheinen stimmig, ohne jedoch einen Gesamttrend erkennen zu lassen.

Insgesamt gesehen zeigt sich, dass trotz der oft befürchteten und auch formulierten Bedenken gegenüber der "Touristifizierung" im vorliegenden Fall keine [19] dramatische Entleerung - sei es kulturell, sozial oder ökologisch - der Räume und Regionen stattfindet. Die "Touristifizierung" vollzieht sich langsam und in einem aktiven Auseinandersetzungsprozess, in welchen die Regionalpolitik zielsetzend eingreifen sollte. [20]

Fußnoten

16.
Vgl. Bernhard Tschofen, Berg - Kultur - Moderne. Volkskundliches aus den Alpen, Wien 1999.
17.
Vgl. den Bildband "Freizeit fatal", Bonn 1989.
18.
Vgl. Werner Bätzing/Paul Messerli (Hrsg.), Die Alpen im Europa der neunziger Jahre. Ein ökologisch gefährdeter Raum im Zentrum Europas zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit, Bern 1991.
19.
Vgl. dazu Paul Messerli/Urs Wiesmann, Nachhaltige Tourismusentwicklung in den Alpen - die Überwindung des Dilemmas zwischen Wachsen und Erhalten, in: Umwelt, Mensch, Gebirge. Beiträge zur Dynamik von Natur- und Lebensraum. Festschrift für Bruno Messerli zum 65. Geburtstag,
20.
Jahrbuch der Geographischen Gesellschaft Bern 59 (1994-1996), S. 175-194; sowie Thomas Petermann, Folgen des Tourismus, Band 2: Tourismuspolitik im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 1999.