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26.5.2002 | Von:
Martin Sabrow

Die Ohnmacht der Objektivierung Deutsche Historiker und ihre Umbruchserinnerungen nach 1945 und nach 1989

II. Erzählte Erfahrung

Gerade weil sie punktuell und instrumentell ist, kann zitierte Erfahrung nur wenig über die kritische Kraft der historiographischen Objektivierung aussagen. Anders steht es um die zweite Form erzählter Historiker-Erinnerungen, wie sie in Form zahlreicher autobiographischer Äußerungen vorliegen. Als Lebensbeschreibungen in Umbruchszeiten waren sie gezwungen, biographische Kontinuität mit historischer Diskontinuität in Einklang zu bringen, also zwischen der gewachsenen Eigenidentität eines Individuums und dem System- und Identitätswandel der Gesellschaft zu vermitteln, der mit dem Übergang von der Diktatur zur Demokratie verknüpft ist.

Der erste Befund bestätigt zunächst Ricoeurs Annahme, dass fachlich reflektierte Objektivierungen eigener Erfahrung "die Distanzierung der historischen Erklärung gegenüber den ,wilden' Erklärungen des alltäglichen Gesprächs" akzentuieren [18] . Durchgehend erörterten Historiker in West und Ost nach 1945 und nach 1989 den Quellen- und Erkenntniswert, aber auch die Erkenntnisgrenzen ihrer Darstellung. Gleichermaßen waren selbstbiographische Historikerzeugnisse in allen drei hier betrachteten Kulturen im Sinne Ricoeurs auf historische Erklärung angelegt. Nach 1945 stellten sie sich in den Worten Karl Alexander von Müllers die Aufgabe, "den Gang dieser ungeheuren Umwälzung" zwischen 1919 und 1945 "im kleinen Spiegel eines persönlichen Einzelschicksals aufzufangen" [19] , oder verstanden ihre Aufzeichnungen mit Gerd Tellenbach (1903-1999) als "unkonventioneller Versuch, Geschichte zu schreiben", um "einseitige, klischeehafte Urteile über unsere Zeit" zu überwinden [20] ; während in der DDR der achtziger Jahre der einflussreiche Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski (1904-1997) zu ergründen suchte, wie es möglich war, dass ein hochgebildeter Wissenschaftler "dem ,Stalinismus' erlag" [21] , und nach 1989 der Weimar-Spezialist Joachim Petzold (1933-1999) das "Spannungsverhältnis zwischen Politik und Wissenschaft in der DDR in einem ganz konkreten Fall aus eigenem Miterleben zu beschreiben" unternahm [22] . Dennoch zeigen sich in der Arbeit am individuellen Gedächtnis aufschlussreiche Unterschiede zwischen den Zunftgenossen in der alten Bundesrepublik, in der DDR und schließlich im vereinigten Deutschland.

Fußnoten

18.
P. Ricoeur (Anm. 1), S. 121.
19.
Karl Alexander von Müller, Im Wandel einer Welt. Erinnerungen, Bd. 3: 1919-1932, hrsg. von Otto Alexander von Müller, München 1966, S. 11.
20.
G. Tellenbach (Anm. 5), S. 8.
21.
Jürgen Kuczynski, Dialog mit meinem Urenkel. Neunzehn Briefe und ein Tagebuch, Berlin (O) - Weimar 1987, S. 81.
22.
J. Petzold (Anm. 6), S. 17.