APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Martin Sabrow

Die Ohnmacht der Objektivierung Deutsche Historiker und ihre Umbruchserinnerungen nach 1945 und nach 1989

V. Der Zwang zur Erinnerung im vereinigten Deutschland

Gänzlich mussten schließlich ostdeutsche Historiker der heilenden Kraft des Vergessens nach 1989 entsagen. Hier zwang die sich vor den Augen einer selbst nicht betroffenen Westöffentlichkeit vollziehende Transformation der DDR-Gesellschaft im Grunde jeden arrivierten DDR-Historiker, sich mit einer in der Historiographiegeschichte einzigartigen Schonungslosigkeit privat oder öffentlich Rechenschaft über seine Leistung und sein Versagen zu geben. Öffentliches Schweigen über die eigene Rolle war unter diesen Umständen riskant, gezieltes Verschweigen angesichts der fast schrankenlos zugänglichen Akten gelegentlich geradezu selbstmörderisch. Kaum ein anderer Historiker konnte unter diesen Umständen so selbstbewusst auf seine Vita zurückblicken wie der sächsische Archivar und Landesgeschichtler Karlheinz Blaschke (geb. 1927), für den die "Wende" nicht Umbruch, sondern Befreiung aus jahrzehntelangen Zwängen bedeutete. Folgerichtig schrieb er seine Erinnerungen als eine fortlaufende Konfliktgeschichte in der fachlichen Diaspora und hatte lediglich Mühe, die seltenen Zeichen der Anerkennung durch die SED-Bürokratie in seine Erzählung zu integrieren [44] .

Dass aber selbst in den unter dem grellen Licht öffentlicher Aufmerksamkeit und paralleler Aktenforschung zustande gekommenen Autobiographien von Historikern erzählerische Wahrhaftigkeit und historische Wahrheit nicht immer zusammenfallen, haben zuletzt die Reaktionen auf Joachim Petzolds ausführliche Darstellung seines beruflichen Werdeganges als Historiker in der DDR gezeigt. Ungeachtet ihres dokumentarischen Charakters und ihrer schonungslos selbstkritischen Grundhaltung zeichnen sie ein Bild des Historikers Petzold, das zahlreiche seiner früheren Weggefährten mit Unverständnis aufnahmen. Der Autor selbst nahm in seinen Lebensbericht die briefliche Stellungnahme zweier früherer Weggefährten auf, die Petzolds Darstellung für grundsätzlich misslungen erklärten, weil "Du verschiedene markante Episoden aussparst", andere "mit Zusätzen wie ,wider Willen' verharmlost" und überhaupt "in all den Jahren gemeinsamer Arbeit nicht (und auf jeden Fall weniger als andere Kollegen) geneigt warst, gegen den Stachel zu löcken" [45] .

Fußnoten

44.
Vgl. Karlheinz Blaschke, Als bürgerlicher Historiker am Rande der DDR. Erlebnisse, Beobachtungen und Überlegungen eines Nonkonformisten, in: Karl Heinrich Pohl (Hrsg.), Historiker in der DDR, Göttingen 1997, S. 45-93.
45.
Helga Gotschlich und Wolfgang Ruge an Joachim Petzold, 12. 11. 1998, in: J. Petzold (Anm. 6), S. 386.