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26.5.2002 | Von:
Martin Sabrow

Die Ohnmacht der Objektivierung Deutsche Historiker und ihre Umbruchserinnerungen nach 1945 und nach 1989

VII. Fazit

In den untersuchten Beispielen zeigt sich immer wieder die "Doppelsinnigkeit" erinnerter Viten, die sich mit unterschiedlichen Schlüsseln dechiffrieren lassen. Bis zu welch schroff kontrastierenden Lesarten die Arbeit an der eigenen Vergangenheit auch und gerade unter Historikern gehen konnte, zeigte in den letzten Jahren die Kontroverse um den ersten deutschen Vorsitzenden des Comité International des Sciences Historiques Karl Dietrich Erdmann (1910-1990), in der auch nach einem in Repliken und Gegenstellungnahmen immer weiter fortgesetzten Schlagabtausch zwischen Schülern und Gegnern zwei fast gegensätzliche Biographien nebeneinanderstehen: zum einen das von Erdmann selbst geprägte und mit vielen Zeugnissen untermauerbare Bild eines Historikers, der die Vereinnahmungsversuche durch den Nationalsozialismus unter Inkaufnahme des Karriereabbruchs und in feindseliger Ablehnung Hitlers abwehrte, zum anderen die Kontur eines Schulbuchautors und Wehrmachtsoffiziers im Dienste des Dritten Reiches, der am 23. April 1945 in seinem Tagebuch dem Führer die Treue bis zu dessen Tod zusicherte und im Juni 1945 die "Endlose Propagandamühle über deutsche Greueltaten in Konzentrationslagern" als "Propagandistische Vorbereitung der . . . Versklavung Deutschlands" empfand [59] .

Biographische Doppelsinnigkeit verweist auf historische Doppelbödigkeit. Die rekonstruierte Ambivalenz der Stellung Karl Dietrich Erdmanns oder auch Eduard Winters zum Dritten Reich ergibt sich aus der typischen Mischung von Konsens und Distanz, welche die Haltung von Millionen prägte, während die Biographie Joachim Petzolds in dem Gegensatz zwischen eifriger Loyalität nach außen und nagenden Zweifeln im eigenen Innern wurzelt und Fritz Kleins Erinnerungen, die nicht zufällig den Titel "Drinnen und Draußen" tragen, von der Grundspannung zwischen familienbiographischer und intellektueller Offenheit einerseits, staatlich-politischer Geschlossenheit und Enge der DDR andererseits, durchzogen sind.

Das Ergebnis dieses vergleichenden Überblicks widerspricht keineswegs Ricoeurs noble dream einer kategorischen Kluft zwischen bloßer Erinnerung und überlieferungskritischer Historie. Autobiographische Historikerberichte sind keine wissenschaftlichen Texte. Sie sprechen - in den Worten Tellenbachs - überwiegend nicht von "miterforschter, sondern von erinnerter Zeitgeschichte" [60] . Ihre Aussagekraft ist seit jeher strittig genug, um etwa im Verständnis Gerhard Ritters "die memoirenhafte Behandlung eines wissenschaftlichen Lebens" für grundsätzlich "verfehlt" erscheinen zu lassen, weil das Leben eines Gelehrten "im wesentlichen in seinen Werken" Niederschlag zu finden habe [61] . Dennoch aber wurden sie im Selbstverständnis ihrer Autoren durchaus unter Beachtung der Regeln fachlich disziplinierender und objektivierender Geschichtsschreibung verfasst - und zeigen doch, dass der Historiker kein besserer Zeitzeuge ist. Mehr noch: Es sind nicht selten gerade die Historikern zugeschriebenen und von ihnen in Anspruch genommenen Objektivitätsstandards, welche die angestrengte Homogenisierungsarbeit am eigenen Gedächtnis kaschieren.

Hinter der ,individuellen Erinnerungspolitik' und ihrer fachlichen Disziplinierung wird in allen Untersuchungsbeispielen die Macht einer Erinnerungsordnung fassbar, welche die jeweils geltenden autobiographischen Muster festlegt. Sie vor allem organisiert die Beziehung von Erinnern und Vergessen nach übergreifenden Regeln, die den selbstbiographischen Zeugnissen deutscher Historiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich voneinander abgrenzbare Erinnerungsmodi zuweist. Auch dies spricht dafür, dass die Wasserscheide zwischen wissenschaftlicher und persönlicher Erinnerung, von der das Selbstverständnis der Historikerzunft maßgeblich abhängt, doch eher eine fließende Grenze ist.

Fußnoten

59.
Martin Kröger/Roland Thimme, Karl Dietrich Erdmann im "Dritten Reich". Eine Antwort auf Eberhard Jäckel und Agnes Blänsdorf, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU), 48 (1997), S. 462-478, hier S. 478. Vgl. auch Martin Kröger/Roland Thimme, Die Geschichtsbilder des Historikers Karl Dietrich Erdmann. Vom Dritten Reich zur Bundesrepublik, München 1996; Karl Dietrich Erdmann und der Nationalsozialismus. Diskussionsbeiträge von Winfried Schulze, Eberhard Jäckel und Agnes Blänsdorf, in: GWU, 48 (1997), S. 220-240; Martin Kröger/Roland Thimme, Karl Dietrich Erdmann: Utopien und Realitäten. Die Kontroverse, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 46 (1998), S. 603-621.
60.
G. Tellenbach (Anm. 5), S. 7.
61.
Zit. nach. N. Berg (Anm. 2), S. 184.