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22.5.2002 | Von:
Benjamin R. Barber

Ein Krieg "jeder gegen jeden": Terror und die Politik der Angst

Unser Demokratiedefizit

Wenn der Krieg der Fundamentalisten gegen die Moderne - was ich Heiliger Krieg gegen McWorld genannt habe - nicht als schlichter Kampf unter und zwischen den Kulturen verstanden wird (wie Samuel Huntington und Andrew Sullivan ihn fälschlicherweise definiert haben), in dem der Islam, dominiert durch seine Fundamentalisten, versucht, die moderne Welt ins Mittelalter zurückzudrängen, dann muss er als ein Kampf innerhalb von Kulturen verstanden werden, ein Kampf innerhalb einer einzigen modernen Zivilisation. In allen Religionen gibt es fundamentalistische Tendenzen: Wir müssen nicht erst zu den Kreuzzügen oder der Inquisition zurückgehen, um eine Kostprobe der christlichen Version zu bekommen, gewissermaßen der "christlichen Taliban". Jerry Falwell beispielsweise führte die Anschläge des 11. September auf einen zornigen Gott zurück, der Rache übe für Homosexualität, Abtreibung, Feminismus.

Diese Entwicklung wird durch die aggressiv säkularen und schamlos materialistischen Tendenzen der globalen Märkte der Moderne verschärft sowie durch ihre durchdringende, privatisierende Zuordnung zum Konsum. Wenn es zu schwierig wird, einen Ausgangspunkt für religiöse Orientierung und Gebete in den säkularisierten Treffpunkten der modernen Gesellschaft (das Multiplexkino, der TV-Raum, der Computerarbeitsplatz) zu finden, werden einige stattdessen einen Ort für ein religiöses Martyrium suchen. Wenn Verehrung nicht friedlich und würdig erfolgen kann, wird sie sich selbst in einen großen "Kampf" verwandeln - einen "Heiligen Krieg" gegen Ungläubige, deren Ungläubigkeit nicht in der Verehrung einer anderen Religion besteht, sondern in der Ablehnung aller Religionen und der krassen Kultivierung eines säkularen Kulturimperialismus.

Tatsächlich ist der Fundamentalismus eine Erfindung des Westens, des Christentums: Die Kreuzfahrer waren die ersten großen Jihad-Krieger, die unbedingt Ungläubige bestrafen sowie ein Gottesreich schaffen wollten. Unzufrieden mit seinen Kriegen gegen den Islam (die es verlor, so wie der islamische Heilige Krieg heute seinen Kreuzzug verlieren wird), verfiel das Christentum in einen brudermörderischen Krieg, der im Dreißigjährigen Krieg gipfelte, in einem Konfessionskrieg um religiöse Reinheit, der die europäische Bevölkerung dezimierte.

Was Europa dabei entdeckte (und was der Islam sich noch bewusst zu machen hat) war, dass die Koexistenz von Religion und weltlicher Souveränität eine Teilung in der menschlichen Seele erfordert: eine Aufteilung in geistliche und weltliche Werte. Papst Gelasius postulierte im Mittelalter eine Doktrin der Zwei Schwerter, in der Religion und Staat jeweils ihr eigenes Reich haben sollten. Die Zwei-Schwerter-Doktrin erkannte indirekt an, dass bei einem Vordringen des weltlichen in das geistliche Reich die Gefahr politischer Tyrannei bestünde: des politischen Totalitarismus. Und wenn die Kirche in das Reich des Weltlichen vordrang, bestand die Gefahr der Theokratie, von Intoleranz und bürgerlichem Unfrieden.

Die Zwei-Schwerter-Lehre vermied sowohl Anarchie als auch Tyrannei, aber sie ließ die tief Religiösen unzufrieden zurück. Als diese fühlten, dass ihr verkleinertes Reich durch die Moderne erdrückt wurde - durch Säkularisierung, Privatisierung und Handel -, revoltierten sie gegen die Umsicht der Trennung und die liberalen Dogmen von Grenzen, die ein Schutz für einen bescheidenen Säkularismus in tief religiösen Zeiten hätten sein können, die jedoch zu einer Bedrohung für die Religion in zutiefst säkularen Zeiten wurden. Puritaner versuchten einst, in Massachusetts ein Gemeinwesen zu schaffen, und heute nehmen ihre Nachfahren, die der derzeitigen Elterngeneration angehören, ihre Kinder aus den öffentlichen Schulen - aus Entsetzen über die aufdringliche, oberflächliche Popkultur. Jüdische Fundamentalisten weisen den Staat Israel als ein Sakrileg an der messianischen Heilserwartung zurück, während andere heute ebenfalls im Namen fundamentalistischer Dogmen Anspruch auf Gebiete in Palästina ("Judäa und Samaria") erheben, die kein Teil des Staates Israel waren. Kürzlich an die Macht gekommene Hindu-Fundamentalisten bestehen darauf, dass der Staat abtrünnigen Seelen die Religion auferlegt - eine Bedrohung für den religiösen Pluralismus im demokratischen Indien.

Daher ist es kaum eine Überraschung oder ein Bruch mit der Tradition, wenn Islamisten die Vorstellung haben, dass die neue globale Unordnung den Tod für ihre Kinder, ihre Werte und ihre Religion bedeutet. Denjenigen, die sich durch ihren Glauben in einen Krieg um Unschuld und Märtyrertum verirren, muss dies notfalls mit Gewalt verboten werden: Doch es ist kaum vorstellbar, dass ein Verbot ausreichen wird, um die Verbreitung des Fundamentalismus zu stoppen oder die Welt vom pathologischen Terrorismus zu heilen. Wir müssen uns nicht nur der globalen Armut annehmen, sondern auch der Frage eines Freiraums für das Praktizieren von Religion. In den Vereinigten Staaten wurde die vernünftige Prämisse einer Trennung von Kirche und Staat zu der unvernünftigen These von der Notwendigkeit einer strikten Privatisierung von Religion ausgeweitet. Religion ist schon per Definition ihrem Wesen nach öffentlich: Sie betrifft Gemeinschaften und Gemeinden, nicht bloß Individuen, und ihre Ausübung macht öffentliche Regeln erforderlich. Ihre Abschirmung gegen den Staat (und des Staates gegen sie) kann nicht durch den Ruf nach ihrer Privatisierung erfolgen. Zwar mag der Islam in seiner derzeitigen fundamentalistischen Ausprägung zuviel öffentlichen Raum beanspruchen, doch das Christentum und andere Religionen wurden veranlasst, zu wenig davon zu besetzen. Verständlicherweise fühlt sich daher der tief Religiöse von diesen Beschränkungen verletzt.

Falls es in allen Religionen Fundamentalisten gibt und diese eine Reaktion auf zu liberale Normen darstellen, können diese auch in kulturellen und ethnischen Gemeinschaften angetroffen werden. Somit ist es angebracht, von einem kulturellen Fundamentalismus zu sprechen. Hier erheben ebenfalls Männer und Frauen, die sich angegriffen fühlen, Anspruch auf die Herrschaft kultureller Ethnizität, was totalitär und ausgrenzend sein kann. Das frühere Jugoslawien zerbarst über Klüften, die durch einen religiösen und ethnischen Fundamentalismus aufgerissen wurden, für den der Völkermord die einzige Antwort zu sein schien.

Sicherlich gibt es offene und tolerante Kulturen und Gemeinschaften, aber ebenso existieren geschlossene, ausgrenzende und intolerante. Die These ist nicht neu, dass eine Gemeinschaft, je stärker sie wird, je geschlossener und vollständiger ihre Kultur ist, umso unwahrscheinlicher tolerant und offen ist. Gemeinschaften, die in einer gemeinsamen Kultur wurzeln, bieten vieles, wonach wir uns bei der Suche nach einer kulturellen Identität sehnen: Brüderlichkeit, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, Homogenität, Verbindendes. Verdichtete, starke Kulturgemeinschaften sind weitaus erfolgreicher als eher unverbindliche Netzwerke wie der Sierra Club, die Amerikanische Union für Freiheitsrechte oder Ärzte ohne Grenzen.

Es gibt also eine natürliche und unvermeidliche Spannung zwischen den Werten einer Kulturgemeinschaft und den Werten einer offenen Gesellschaft, zwischen Identität und Demokratie. Staatsbürgerschaft ist die Identität der Demokratie, doch sie ist weniger widerstandsfähig als beispielsweise Rasse oder Religion. Etwas anderes zu glauben wäre Wunschdenken. Die Demokratisierung unserer kulturellen Gemeinschaften schwächt diese unvermeidlich, obwohl sie dadurch weit weniger verwundbar für Missbrauch gemacht werden und weitaus mehr mit fortschrittlichen liberalen Idealen zu vereinbaren sind. Ein Jugendwanderclub, geschweige denn der Sierra Club, wird seine Mitglieder nicht derart binden wie die Hitlerjugend - Gott sei Dank. Rationale Orientierungen fördern nicht unbedingt emotionale Bindungen an die Demokratie, obwohl auch die Demokratie stabile, sich kulturell identifizierende Mitglieder braucht.

Kein Amerikaner kann der verführerischen staatsbürgerlichen Sprache eines Alexis de Tocqueville widerstehen, der die lokale Dynamik von Demokratie in Amerika in ihrer kindlichen Form eingefangen hat: starke örtliche Gemeinschaften, die aus engagierten Bürgern bestehen. Engagierte männliche Bürger, wohlgemerkt: engagierte männliche, weiße, protestantische, grundbesitzende Bürger. Würde man eine Frau oder einen Afro-Amerikaner nach der Dynamik der amerikanischen Demokratie in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts fragen, als Tocqueville seine geschickt verfasste Beschreibung publizierte, würden diese sagen: "Demokratie für wen?". "Nicht für uns." Die von Tocqueville gefeierte Widerstandsfähigkeit der Gemeinde wurde in Wirklichkeit durch Ausgrenzung und Homogenität erkauft, durch Sklaverei und die Verweigerung der bürgerlichen Rechte der Frauen. Unser staatsbürgerliches Gebilde ist heute weitaus integrierender, weitaus umfassender, weitaus vielfältiger. Aber weniger engagiert, weniger im Besitz gemeinsamer Werte, weniger in der Lage, sich als einzigartige Gemeinschaft zu verstehen. Der Handel, den wir in Amerika eingegangen sind, bestand in der Aufgabe eines widerstandsfähigen, aber auf lokaler Gemeinschaft basierenden und damit oft auch ausgrenzenden bürgerlichen Engagements zu Gunsten einer integrierenden multikulturellen Gesellschaft, die ebenso staatsbürgerlich farblos wie staatsbürgerlich frei war - befreit von der Sklaverei, aber auch ohne Verbindendes. Die amerikanischen Südstaaten waren, wie jeder Leser des großen amerikanischen Klassikers "Vom Winde verweht" weiß, vor dem Bürgerkrieg tatsächlich das Zuhause einer aristokratischen und zutiefst amerikanischen Kultur, in der die Familie, die Kirche und die Gemeinschaft vielleicht fester verwurzelt waren als irgendwo sonst in Amerika - zum Preis der Sklaverei und der Unterordnung von Frauen unter männlich dominierte Sitten. Als eine Gemeinschaft war der Süden den neuen Industriestädten des Nordens weit überlegen, wo die Proletarier oft wirtschaftlich schlechter lebten als manche Haussklaven im Süden.

Wenn wir über die Taliban in Afghanistan oder den Irak reden, müssen wir auch unsere eigenen staatsbürgerlichen Seelen prüfen. Mit unserem Stolz auf die Demokratie liegen wir nicht falsch, und sie liegen nicht richtig mit ihrer engstirnigen Intoleranz gegenüber Pluralismus und Freiheit. Aber wir müssen unsere demokratischen Verfahren richtig und wirklich ordnen, um deren antidemokratischer Rhetorik wirksam zu begegnen. Wir müssen uns nicht Huntingtons Prognose eines Kampfes der Kulturen anschließen: Unsere eigene Existenz umfasst alle die Spannungen und Widersprüche, die er dem "Anderen" zuschreibt. Auf unserer linken Schulter sitzt unser eigener Teufel, der mit den guten Engeln auf der rechten Schulter streitet. Schon Lincoln wusste, dass wir die Ursachen unserer Probleme während unseres eigenen großen Bürgerkriegs nicht im Ausland und in fremden Kulturen suchen mussten. Er wusste, dass wir für das im Namen unserer Freiheit begangene Unrecht mit eigenem Blut bezahlen würden.