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22.5.2002 | Von:
Benjamin R. Barber

Ein Krieg "jeder gegen jeden": Terror und die Politik der Angst

Globale Zivilgesellschaft und ein Platz für Religion

Das vorrangige Ziel einer nachhaltigen Strategie gegen den Terrorismus besteht darin, eine gerechte und integrierende Welt zu schaffen, an der alle Bürger Anteil haben, doch eine bürgerliche Gesinnung, die Säkularismus erzwingt oder religionsfeindlich erscheint, wird für das Problem des Fundamentalismus nicht geeignet sein. Denn die Feinde des Westens versuchen nicht nur an der Fülle des Kapitalismus teilzuhaben, sondern auch seine säkulare Kraft und seinen absoluten Materialismus zu schwächen. Sie sind besorgt, dass der globale Kapitalismus ohne sie oder auf ihre Kosten gedeihen wird, aber sie sind ebenso besorgt, dass es ihm gelingen könnte, sie einzuschließen und dabei ihre Werte zu unterlaufen und ihre Kinder zu korrumpieren. "McWorld" bringt eine Welt von Ambivalenzen mit sich, und ihr möglicher Erfolg bei der Integration ist ebenso beunruhigend wie das derzeitige Versagen hierbei.

Der neoliberale Mythos der allmächtigen Märkte hat eine neuartige - von unten nach oben verlaufende - Form der absoluten Homogenität geschaffen, die zutiefst bedrohlich für die religiöse Vielfalt und das Streben nach immateriellen Gütern ist, ganz gleich, ob es sich dabei um kulturelle, erzieherische oder religiöse Vielfalt handelt. Christliche Fundamentalisten sind ebenso geprägt von ihrer Furcht vor dem Materialismus der Popkultur und seiner Tendenz zu materieller Überladung und Gewalt wie moslemische und jüdische Fundamentalisten. In Millionen amerikanischer christlicher Hausschulen werden die Kinder unterrichtet, um sie von der Popkultur fernzuhalten, die die öffentliche Erziehung durchdringt. Friedfertige und hart arbeitende moslemische Eltern sehen in dem allumfassenden Angriff des materiellen Konsums ebenso eine Bedrohung ihrer höchsten Werte.

Es ist eines der Rätsel unserer Tage, warum wir es Theokratie nennen und uns über Tyrannei beklagen, wenn die Religion jeden Bereich des Lebens bestimmen darf, und wir es Totalitarismus nennen und uns über die Zerstörung der Freiheit beklagen, wenn ein Einparteienstaat jeden Bereich des Lebens dominiert, aber wir es Freiheit nennen und den Triumph der eindimensionalen Marktgesellschaft feiern, wenn die Wirtschaft und der private Sektor jeden Bereich des Lebens dominieren. Eine globale bürgerliche Haltung wird ebenso den Bedürfnissen des Geistes wie bisher schon den Bedürfnissen des Körpers Platz einräumen müssen. Sie soll Pluralismus wie Privatheit sicherstellen und garantieren, dass "freie" Märkte nicht die Bedingungen wirklicher Freiheit untergraben. Diese Aufgaben gehen über die Schaffung globaler Institutionen zur Überwachung der Wirtschaft und die Regelung der sozialen Gerechtigkeit hinaus. Aber sie sind für den Sieg über den Terrorismus ebenso wichtig wie die ökonomische und politische Agenda.

Der angemessene Umgang mit Religion in einer neuen und gerechten globalen Weltordnung wird erfordern, dass wir erneut die Kompromisse der frühreren Sozialverträge betrachten. Als es der Religion in den Jahrhunderten vor dem Aufstieg der Demokratie erlaubt war, die Politik zu dominieren, gab es endlose Bürgerkriege, die in durchdringender Intoleranz und religiösem Absolutismus wurzelten. Die Herrschaft der Toleranz verlangt die Trennung zwischen Religion und Regieren, und die Gesellschafterverträge des 16. und 17. Jahrhunderts verdrängten die Religion aus dem Staat; dies hatte auch Auswirkungen auf die verfassungsmäßige Trennung der beiden Bereiche in Amerikas konstitutionellem Gründungsdokument. Die Vereinbarungen forderten den Vorrang von politischen Identitäten, bei denen die Menschen zuerst Staatsbürger und erst danach Gläubige seien, umgekehrt wurden die Bürger sowohl der Nichteinmischung des Staates bei der Religionswahl und der freien Ausübung jeglichen religiösen Glaubens versichert.

Der Kompromiss funktionierte so lange gut, wie die Gesellschaften religiös waren und der Staat eher der Garant der freien Religionsausübung war als ihr Feind. Aber im Zeitalter des McWorld, das eine eigene säkulare Theologie mit einem aggressiven Glauben an materielle Produkte und den Konsum als Schlüssel zum guten Leben hat, haben sich Gläubige und Andächtige verdrängt gefühlt, selbst in Amerika und mit Sicherheit im Rest der Welt. In den letzten Jahren benutzten die Gerichte in den Vereinigten Staaten die Trennung von Kirche und Staat als ein Argument für die völlige Privatisierung von Religion - indem sie sie von einer öffentlichen, aber nichtstaatlichen Angelegenheit der Gemeinschaft zu einer privaten Sache der persönlichen Präferenz für Zuhause machten. Aber die Ausübung von Religion ist keine private Vorliebe wie die Wahl des Fernsehprogramms. Niemand kann Religion allein in der Privatheit des eigenen Zuhauses ausüben. Eine Kirche ist eine Gemeinschaft aus Andächtigen und bietet Teilhabe an öffentlichen Praktiken, die von öffentlichen Orten abhängen.

Ohne Respekt vor religiösen Bedürfnissen haben die Amerikaner religiöse Symbole von öffentlichen Plätzen verbannt. Dies beraubt die Religion ihrer Treffpunkte; es schützt zwar die andersgläubige Minderheit, nimmt aber der Mehrheit ihre Fähigkeit, als eine Gemeinschaft ihren gemeinschaftlichen Glauben zu feiern. Auch auf der globalen Ebene muss ein Weg gefunden werden, um die Schaffung einer offiziellen Religion zu verhüten, ohne zugleich religiöse Gemeinschaften zu privatisieren. Wir können nicht die Freiheit des öffentlichen Raumes sicherstellen, indem wir die Gläubigen dazu bringen, jede Religion davon fern zu halten. Die beste Zivilgesellschaft ist der nichtstaatliche öffentliche Bereich, in dem wir durch freien Zusammenschluss freiwillige Gemeinschaften von Erziehung, Kultur und Glauben schaffen, die unser plurales menschliches Wesen bestimmen. Zivilgesellschaft ist öffentlich, sie ist frei, aber nicht privat. Sie fordert angemessenen Raum für all diejenigen Aktivitäten, die dem Leben Sinn und Würde geben.

Um angemessen auf diejenigen zu reagieren, die von der globalen Unordnung durch ihre Anarchie sowie aufgrund ihrer Verwundbarkeit durch die Mächtigen, Reichen und Gewalttätigen ausgeschlossen sind, muss die globale Zivilgesellschaft demnach in erster Linie ein bürgerlicher Raum sein. Das bedeutet, dass sie weder alleine durch Regierungen noch durch Märkte geschaffen werden kann. Es bedeutet, dass der neue globale Sozialvertrag, wurzelnd in einer neuen Deklaration der Interdependenz, der Religion in einem bürgerlichen Raum - der so stabil und frei ist wie seine demokratische Regierung - ebenso viel Platz einräumt wie den Märkten. Dies ist selbstverständlich ein großer Auftrag. Aber es ist bei weitem der beste Weg, um denjenigen, die heute ohne Hoffnung auf Gerechtigkeit oder auf das Überleben ihrer tiefsten religiösen Werte existieren, eine Zukunft zu bieten. Indem wir alle Menschen in die Sphäre der Demokratie führen und eine Übereinkunft bilden, welche die Anarchie der globalen Beziehungen überwindet, schaffen wir eine Welt, in der sowohl Freiheit als auch Glaube sichergestellt werden und in der folglich Terrorismus unbedeutend wird. Weil in einem gelebten öffentlichen Raum mit Wahlstuben, Parlamenten und freien Medien auf der einen Seite und Plätzen der Andacht, Schulen und bürgerlichen Zusammenschlüssen auf der anderen, mit Fabriken und Geschäften, die für alle offen sind, es für niemanden einen Grund geben wird, Bomben zu werfen. Das Leben wird unter diesen Bedingungen sogar so schön sein, dass es selbst Fanatikern nicht erlaubt, sich in den Tod zu verlieben.