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22.5.2002 | Von:
Thomas Meyer

Mediokratie - Auf dem Weg in eine andere Demokratie?

III. Strategische Kommunikation statt Verständigung

Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind umfassend und vielgestaltig. Sie strukturieren nicht nur die Darstellung des Politischen, sondern auch seine Herstellung neu. [16] Welche Themen auf den Tisch kommen, welcher Politiker Aufstiegschancen hat, wer die Führung übernimmt und wie groß seine Spielräume zur Definition seiner Politik sind gegenüber der eigenen Partei, den Kontrahenten und gegenüber der Öffentlichkeit - das wird durch mediale Vermittelbarkeit und Mediencharisma mit entschieden. Wo beide ausbleiben, haben Themen und Interessen - auch wenn sie im Hinblick auf Gerechtigkeit, Zukunftsfähigkeit und Gemeinwohl wichtig sind - wenig Aussicht auf Berücksichtigung.

Professionelle Selbstmediatisierung der Politik nach den Regeln theatraler Inszenierungslogik ist qualitativ und quantitativ zu einer der Hauptaktivitäten des politischen Systems geworden. In Europa ist sie nach dem Wegfall des Systemwettbewerbs eine Art Ideologieersatz. Politik verfügt dabei über drei basale Inszenierungsstrategien, die von Fall zu Fall wechselnd in unterschiedlichem Maße mit Anteilen wirklich vollzogener Herstellungspolitik versetzt sind oder zumindest sein können. [17] Inszenierung kann, sie muss aber nicht, auch der schöne Schein des Realen sein. Ihre Wunderwaffen sind: Event-Politik (Scheinereignisse), Image-Projektion und Scheinhandlung. [18]

Event-Politik: Von Schein-Ereignissen ist in den USA schon seit den sechziger Jahren die Rede. Sie waren die ersten großen Verbeugungen der politischen Welt vor den Mediengesetzen. Die Grenze zwischen solchen, die reales Geschehen verschönt in Szene setzen, und solchen, die nichts sind als Schein, aber aussehen wie greifbare Wirklichkeit, ist fast immer fließend. Der Fundus der Inszenierungschancen ist unerschöpflich. Die Medien aber haben die Wahl. Sie können das ihnen von der Politik dargereichte Scheinereignis an ihr Publikum bloß durchreichen - wenn sie gerade wenig Zeit, Sachverstand, Interesse, Verantwortlichkeit haben oder einfach meinen, dieser Wurm wird dem Fisch schon schmecken. Sie können das Angebot auch ignorieren und selbst etwas aus dem Anlass machen; sie können die Inszenierung der Politik aber auch demontieren, kritisch auf ihren wirklichen Kern befragen und bei all dem doch ihren eigenen Regeln der Auswahl und der Inszenierung treu bleiben. Die Fälle zwei und drei erfordern Kompetenz und Zeit, der Fall drei birgt das Risiko der Ungnade bei jenen Politikern, die man als Informationsquelle schon morgen wieder braucht. Die Medienregeln und das Darstellungsinteresse der Politik bilden strategische Koalitionen, sozusagen "widerspruchsvolle Inszenierungs-Partnerschaften". Die letzte Inszenierungshoheit allerdings liegt stets im Mediensystem.

Image-Politik: Image ist das Schein-Ereignis auf dem Gebiet der Ethik, Scheinhandeln als Personifikation. Durch wohlkalkulierte Scheinhandlungen wird eine natürliche Person zur Personifikation von Eigenschaften, die aus der Mythologie oder Ehtik des Gemeinwesens ihren besonderen Glanz beziehen. [19]

Symbolische Scheinpolitik: Ein klassischer Fall symbolischer Scheinpolitik lag vor, als sich Präsident Reagan vor den versammelten TV-Kameras auf der Schulbank eines Klassenzimmers mit Lehrern und Schülern ins Gespräch vertiefte und leidenschaftliches Interesse am Bildungswesen zeigte, während er gerade dessen Etat empfindlich gekürzt hatte. Solche Auftritte können - müssen aber nicht - Placebo-Politik zu Verstellungszwecken sein. Sie gehören zum Handwerkszeug des Medien-Machiavellisten. [20]

Die Selbstmediatisierung der Politik löst Politik nun keineswegs ins nur noch Mediale auf, wie radikale Kritiker behaupteten. [21] Aber es verändert die Politik in den Tiefenstrukturen ihrer Prozesse und in deren Akteurskonstellationen. Schon bei der Auswahl der Themen, der Gewichtung, der Positionen und der Durchsetzungschancen konkurrierender Akteure spielt die Antizipation ihrer medialen Vermittelbarkeit eine einflussreiche Rolle. [22]

Man könnte nun in dem durchaus auch in Teilen der Medienwissenschaft verbreiteten Don't worry be happy-Stil sagen: Na ja, das ist eben Politik in der Mediengesellschaft, kein Grund zur Panik! Wenn da nicht ein wirklich ernsthaftes Problem bliebe: Wie soll der Normalbürger, der Politik nur von den Medien her kennt, noch wissen, was bloße Schau ist und was gut dargestellte Realität? Eigene Erfahrungen zur Gegenprüfung in Anspruch nehmen kann er oft erst dann, wenn die in Wahrheit ungelösten Probleme etwa von Arbeitslosigkeit, von Gewalt, Umweltschädigungen oder Unsicherheit jenseits der medialen Glanzbilder in die eigene Lebenswelt einbrechen. Was politisch möglich ist und was nicht, welches die wirklichen Optionen sind und was die Rolle der Akteure beim Ringen um sie, gerät kaum in den Blick.

Unter dem Druck der knappen Zeit auf Seiten der Medien und der eingeengten Handlungskorridore auf Seiten der Politik wird die gefällige Inszenierung des Scheins zum Patentrezept. Aber auch dort, wo inhaltlich gut Gemachtes auch noch gut inszeniert wird, bleibt ein Problem. [23] Denn die öffentliche Darstellung von Politik und ihr realer Vollzug werden durch "Politainment" prinzipell entkoppelt. Für den Bürger ist ja unmittelbar kaum noch nachzuvollziehen, welche der Darstellungen von Politik leere Inszenierung und welche geschickte Präsentation tatsächlichen Vollzugs ist. Das alles erscheint als eine Neuauflage der höfischen Öffentlichkeit, wo ja auch dann, wenn die Politik den Interessen der Leute entsprach, sie sich doch stets als das immergleiche Spektakel auf der Staatsbühne darbot. [24]

Fußnoten

16.
Vgl. Ulrich Sarcinelli (Hrsg.), Politikvermittlung. Beiträge zur politischen Kommunikationskultur, Bonn 1987; ders., Mediatisierung und Wertewandel: Politik zwischen Entscheidungsprozess und politischer Regiekunst, in: Frank E. Böckelmann (Hrsg.), Medienmacht und Politik, Berlin 1989, S. 165-174.
17.
Vgl. H. M. Kepplinger (Anm. 9).
18.
Vgl. Murray Edelman, The Symbolic Uses of Politics, Urbana, Ill. 1976; ders., Constructing The Political Spectacle, Chicago - London 1988; David I. Kertzer, Ritual, Politics !!!&!!! Power, New Haven - London 1988; Ulrich Sarcinelli, Symbolische Politik. Zur Bedeutung symbolischen Handelns in der Wahlkampfkommunikation der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1987.
19.
Vgl. Daniel Boorstin, The Image or what Happened to the American Dream, Harmondsworth 1963.
20.
Vgl. Dick Morris, The New Prince. Machiavelli Updated for the Twenty-first Century, Los Angeles 1999.
21.
Vgl. Fritz Plasser, Elektronische Politik und politische Technostruktur reifer Industriegesellschaften. Ein Orientierungsversuch, in: Fritz Plasser/Peter A. Ulram/Manfred Welan (Hrsg.), Demokratierituale. Zur politischen Kultur der Informationsgesellschaft, Wien u. a. 1985, S. 9-31.
22.
Vgl. Th. Meyer (Anm. 10), S. 176-198.
23.
Vgl. Christian Schicha, "Infotainment". Zur politischen Berichterstattung zwischen Information und Unterhaltung, in: Zeitschrift für Kommunikationsökologie, (1999) 1, S. 25-30; ders., Theatralitätselemente im Kontext medialer Politikvermittlung. Schränken Inszenierungsmerkmale in der Mediengesellschaft die Postulate Informativität und Argumentativität ein?, in: Udo Göttlich/Jörg-Uwe Nieland/Heribert Schatz (Hrsg.), Kommunikation im Wandel, Köln 1998, S. 141-153.
24.
Vgl. Jo Groebel u. a., Bericht zur Lage des Fernsehens für den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Gütersloh 1995.