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22.5.2002 | Von:
Alexander Gallus

Demoskopie in Zeiten des Wahlkampfs

"Wirkliche Macht" oder "Faktor ohne politische Bedeutung"?

Der Beitrag bilanziert die in Wahlkampfzeiten besonders aktuelle und wichtige Frage nach den politischen Wirkungen der Demoskopie. Im ersten Teil steht das Verhältnis der Umfrageforschung zu den Politikern.

I. Einleitung

Ihren Durchbruch erlebte die Umfrage- und insbesondere die politische Meinungsforschung 1936 in den Vereinigten Staaten, als George Gallup auf der Grundlage einer repräsentativen Stichprobe den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen richtig vorhersagte - anders als die Zeitschrift "Literary Digest". Diese war nach Auswertung von über zwei Millionen beantworteten Fragebögen davon überzeugt, Alfred M. Landon und nicht Franklin D. Roosevelt werde die Wahl gewinnen. Mit seinem American Institute of Public Opinion prognostizierte Gallup hingegen durch Befragung von lediglich wenigen tausend Personen - ausgewählt anhand eines der Gesamtbevölkerung entsprechenden Quotenschlüssels - nicht nur das Wahlergebnis, sondern auch die zu erwartende Fehlschätzung des "Literary Digest". "Unversehens wurde sich die Öffentlichkeit bewusst, dass sich die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf das Phänomen der politischen Meinung anwenden ließ." [1] Seit dieser Zeit ist "Sankt Gallup eine Art Nationalheiliger" in den Vereinigten Staaten, wie Karl Loewenstein einst nicht ohne kritischen Unterton bemerkte. [2]

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  • Mit diesem spektakulären Erfolg setzte der Siegeszug der Demoskopie ein, und trotz zeitweiliger Rückschläge - nicht zuletzt Gallups Fehlprognose bei den Präsidentschaftswahlen von 1948 [3] - etablierte und institutionalisierte sich die politische Umfrageforschung zusehends, zunächst in Amerika, nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Europa und Deutschland. Schon vor Schaffung der Bundesrepublik entwickelten nicht zuletzt die amerikanischen Alliierten eine rege Umfragetätigkeit. Die Feldarbeit übertrugen sie bald dem neu gegründeten Deutschen Institut für Volksumfragen (DIVO). In den ersten Jahren nach Kriegsende wurden verschiedene private Markt- und Meinungsforschungsinstitute ins Leben gerufen - am prominentesten in Bielefeld Karl-Georg von Stackelbergs Emnid-Institut und in Allensbach am Bodensee das Institut für Demoskopie (IfD) unter der Ägide von Erich Peter Neumann und Elisabeth Noelle.

    Nach Gründung der Bundesrepublik schossen zahlreiche privat geführte Befragungsinstitute aus dem Boden, und ihre Zahl hat bis heute stetig zugenommen. Auch entstand eine Reihe von universitären und mit öffentlichen Mitteln finanzierten Einrichtungen, die sich der Umfrageforschung in Theorie und Praxis widmen; zu den wichtigsten gehören das Kölner Zentralarchiv für empirische Sozialforschung (ZA), das Mannheimer Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) und das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Die Demoskopie bildet heute einen bedeutenden, weiter expandierenden Dienstleistungssektor - und Wissenschaftszweig gleichermaßen. [4]

    Die Kritik an der Demoskopie ist dabei so alt wie die Demoskopie selbst, und an ihr scheiden sich weiterhin die Geister. Gilt sie den einen als Mess-, so den anderen als Einflussinstrument. Loben sie die einen als Möglichkeit zur Selbstbeobachtung der Gesellschaft, so erkennen die anderen darin ein gefährliches Herrschaftswissen, Macht- und Propagandamittel. Doch ungeachtet der fortdauernden Kritik ist die Meinungsforschung aus dem politischen Leben nicht mehr wegzudenken; [5] zumal nicht in Wahljahren, in denen sie zu besonders großer Prominenz gelangt und die aus der berühmten "Sonntagsfrage" gewonnenen Daten in immer kürzeren Abständen veröffentlicht werden.

    Die Nachfrage nach solchen Enqueten hat in den vergangenen Jahren noch zugenommen; schließlich gilt - überspitzt formuliert - folgender Zusammenhang: "Je mehr Wahlen im Ergebnis neben festgefügten Strukturen auch von der Beweglichkeit einer größeren Wählergruppe abhängen, desto spannender werden sie, desto genauer betrachten die Parteien die Ergebnisse der Wahlforschung, desto größer wird der Einfluss der Meinungsforschung." [6]

    Der Wähler ist unberechenbarer geworden. Seit Jahren diagnostizieren die Wahlforscher das Aufbrechen fester Sozialmilieus, eine nachlassende Parteiidentifikation, eine gestiegene und weiter steigende Zahl von Wechselwählern sowie eine größere Neigung zum Stimmensplitting. Dies alles lässt Regierungswechsel wahrscheinlicher erscheinen als früher. Das bundesdeutsche Parteiensystem ist in Bewegung geraten, weist nicht länger die Stabilität vergangener Jahrzehnte auf. [7] Umso größer ist das Verlangen nach Umfragen, nach in regelmäßigen Intervallen erhobenen Daten darüber, was der repräsentative Querschnitt der Bevölkerung denkt, wünscht, missbilligt. Es ist die Rede von einer Tendenz zur Amerikanisierung der Politik: Das direkte Wechselspiel von politisch Handelnden und Wahlvolk gewinnt an Bedeutung, Mittlerinstanzen wie Parteien und Parlament rücken in die zweite Reihe. Kandidaten dominieren gegenüber Parteien und "Images" gegenüber "Issues". Professionelle Berater - darunter nicht zuletzt Meinungsforscher - entwerfen Strategien und steuern Kampagnen, um unentschlossene, zum Wechsel bereite Wähler zu mobilisieren und zu gewinnen.

    Obgleich es an gesicherten empirischen Befunden mangelt, [8] dürfte die Bedeutung von Wahlkämpfen für den Ausgang der Wahlen vor diesem Hintergrund gestiegen sein, und damit zugleich der Bedarf an demoskopischem Beistand. Die Herausforderungen für die Meinungsforscher sind ebenfalls gewachsen - angesichts eines Elektorats, das zunehmend erst kurz vor dem Wahltermin eine Entscheidung trifft. So antworteten in der Wahltagsbefragung von Infratest-dimap 1998 16 Prozent, sich erst am Wahlsonntag für eine Partei entschieden zu haben, und 20 Prozent "während der letzten Tage". [9]

    Angesichts dieser Entwicklungen und der Tatsache, dass sich die Meinungsforschung - trotz des ihr weiterhin entgegengebrachten Argwohns - fest im politischen System des demokratischen Verfassungsstaates etabliert hat und an Bedeutung eher noch gewinnt als verliert, will dieser Beitrag eine Bestandsaufnahme zu den politischen Wirkungen der Demoskopie vornehmen. Er vermittelt einen Überblick über ihr Verhältnis erstens zu den Politikern und zweitens zur Bevölkerung. Ist Demoskopie nun, um ein Wort des Historikers Hermann Oncken über die öffentliche Meinung abzuwandeln, eine "wirkliche Macht, auf die auch die Staatsmänner blicken", oder ein "Faktor ohne politische Bedeutung"? [10] Schließlich soll drittens - gleichsam als Fazit - die Frage knapp erörtert werden, welches demokratische Potenzial in der Meinungsforschung ruht, ob sie eher als demokratieförderlich oder -schädlich einzuschätzen ist.

    Fußnoten

    1.
    Felix Keller, Archäologie der Meinungsforschung. Mathematik und die Erzählbarkeit des Politischen, Konstanz 2001, S. 35.
    2.
    Karl Loewenstein, Vorschläge zur Kontrolle der politischen Meinungsforschung, in: Juristenzeitung, 26 (1971), S. 532.
    3.
    Oft übersehen wird indes, dass das Survey Research Center der University of Michigan unter Angus Campbells Leitung damals - anders als die privaten Umfrageinstitute - auf der Grundlage einer Zufallsstichprobe den Wahlsieger korrekt ermittelte. Erst das Jahr 1948 bedeutete daher den "Durchbruch der akademischen Wahlforschung", meinen Max Kaase/Barbara Pfetsch, Umfrageforschung und Demokratie. Analysen zu einem schwierigen Verhältnis, in: Hans-Dieter Klingemann/Friedhelm Neidhardt (Hrsg.), Zur Zukunft der Demokratie. Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2000, S. 153.
    4.
    Zur historischen Entwicklung in der Bundesrepublik vgl. Max Kaase, Entwicklung und Stand der Empirischen Wahlforschung in Deutschland, in: Markus Klein u. a. (Hrsg.), 50'Jahre empirische Wahlforschung in Deutschland. Entwicklung, Befunde, Perspektiven, Daten, Wiesbaden 2000, S. 17-40; Erwin K. Scheuch, Von der Pioniertat zur Institution - Beobachtungen zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung, in: Dieter Franke/Joachim Scharioth (Hrsg.), 40 Jahre Markt- und Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland - eine Standortbestimmung, München 1990, S. 43-67; siehe auch die weit über eine geschichtliche "Bestandsaufnahme hinausweisende Analyse von Frank De"cker, Politische Meinungsforschung in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz nach fünfzig Jahren, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, 11 (2001), S. 31-69.
    5.
    Zur eigentümlichen Dialektik von Meinungsforschung und der Kritik an ihr vgl. F. Keller (Anm. 1); die unterschiedlichen Vorwürfe zusammenfassend: Alexander Gallus/Marion Lühe, Öffentliche Meinung und Demoskopie, Opladen 1998, S. 145-154.
    6.
    Joachim Jens Hesse/Thomas Ellwein, Das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland, Band 1: Text, Opladen 19978, S. 238.
    7.
    Vgl. den Überblick von Jürgen W. Falter/Harald Schoen, Wahlen und Wählerverhalten, in: Thomas Ellwein/Everhard Holtmann (Hrsg.), 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland. Rahmenbedingungen - Entwicklungen - Perspektiven, Opladen 1999, S. 454-470.
    8.
    Zu diesem Schluss gelangt die Bilanz von Kathrin Bretthauer/Patrick Horst, Wahlentscheidende Effekte von Wahlkämpfen? Zur Aussagekraft gängiger Erklärungen anhand in der ZParl publizierter Wahlanalysen, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 32 (2001), S. 387-408.
    9.
    Diese Daten sind wiedergegeben in: Markus Rettich/Roland Schatz, Amerikanisierung oder Die Macht der Themen. Bundestagswahl 1998: Die Medien-Tenor-Analyse der Berichterstattung und ihre Auswirkung auf das Wählervotum, Bonn u. a. 1998, S. 6; siehe auch Wolfgang G. Gibowski, Wie gut sind Wahlprognosen? Eine Betrachtung am Beispiel der Bundestagswahl 1998, in: Oskar Niedermayer/Bettina Westle (Hrsg.), Demokratie und Partizipation. Festschrift für Max Kaase, Wiesbaden 2000, S. 417-422.
    10.
    Hermann Oncken, Politik, Geschichtsschreibung und öffentliche Meinung (1904), in: ders., Historisch-politische Aufsätze und Reden, Band 2, München-Berlin 1914, S. 236.