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Arbeitsbeziehungen und gewerkschaftliche Organisation im Wandel


23.3.2010
Im Vordergrund steht die Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen ge­werkschaftlichen Organisationen und Arbeitsbeziehungen. Die Gewerkschaften mussten sich den industriewirtschaftlichen Strukturveränderungen anpassen, um handlungsfähig zu bleiben.

Einleitung



Wo immer gearbeitet wird, entwickeln sich "Arbeitsbeziehungen" - zwischen den Arbeitenden und den Nicht-Arbeitenden, zwischen denjenigen, die Arbeit als selbständige Handwerksmeister oder Bauern auf eigene Rechnung vollziehen, schließlich und vor allem zwischen denjenigen, die in abhängiger Stellung Lohn für geleistete Arbeit erhalten. In einem engeren Verständnis werden darunter die Ordnungen und Herrschaftsverhältnisse verstanden, die sich zwischen den Akteuren in modernen Lohnarbeitsverhältnissen entfalten. Man spricht dann häufig von "industriellen Beziehungen", von betrieblicher oder Unternehmens-Sozialpolitik und schließlich gar von "Unternehmenskultur", was freilich die im Zeitablauf stark zunehmende Rolle des Staats als Ordnungsmacht auch in den Arbeitsbeziehungen vernachlässigt.

Die Entwicklung der Arbeitsbeziehungen und der Wandel der Arbeit lässt sich auch am Beispiel der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handwerke und Zünfte untersuchen, aber der Begriff hat seine heutige Bedeutung erst mit der Industrialisierung gewonnen.[1] Mit der Durchsetzung der großen Maschinerie in zentralisierten Gewerbebetrieben - in England seit der Mitte des 18., in Deutschland seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts - breitete sich gewerbliche Lohnarbeit in raschen Schritten aus. Sie überholte in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ländlich-agrarischen Arbeitsverhältnisse und dominiert seither. Damit einhergehend, konzentrierte sich einstweilen die Entwicklung auf die industrielle Lohnarbeiterschaft, die in der Mitte der 1920er Jahre etwa die Hälfte und in stark industrialisierten Regionen wie dem Ruhrgebiet mehr als zwei Drittel der gesamten Lohnarbeiterschaft ausmachte.

Erst in der Nachkriegszeit sind die Erwerbsverhältnisse im Dienstleistungsbereich immer stärker in den Vordergrund getreten. Das hat die Arbeitsbeziehungen, mit gewisser Verzögerung auch die Formen gewerkschaftlicher Organisation, stark beeinflusst und verändert. Dieser Übergang von der dominierenden Industriearbeit zur nunmehr dominierenden Lohn- bzw. Erwerbsarbeit in dem schwer auf den Begriff zu bringenden Sektor der Dienstleistungen bezeichnet die wichtigste Veränderung in den Arbeitsbeziehungen seit Durchsetzung der großen Industrie- und der mit ihr einhergehenden Arbeitsgesellschaft. Zeichnen sich damit bereits verschiedene Phasen ab, in deren Verlauf die Arbeitsverhältnisse und die gewerkschaftlichen Organisationen in unterschiedlichen Konstellationen aufeinander wirkten, so lohnt es sich besonders, die strukturellen Entwicklungen in den einzelnen Phasen auf den Begriff zu bringen. Nachfolgend soll dabei die Frage nach den Einwirkungen der gewerkschaftlichen Organisationen auf die Arbeitsbeziehungen im Vordergrund stehen. Man wird dabei nicht von einseitiger Einflussnahme, sondern vielmehr von Wechselbeziehungen auszugehen haben. Denn unter dem Eindruck industriewirtschaftlicher Strukturveränderungen hatten die Gewerkschaften ihrerseits durch teilweise tiefgreifende organisatorische Anpassungen und Richtungsänderungen zu reagieren, um handlungsfähig zu bleiben oder zu werden. Dabei waren die Handlungsfelder nicht nur durch die betrieblichen und allgemeinen gewerblichen Beziehungen abgesteckt, in welche die Gewerkschaften zu den Arbeitgebern traten. Vielmehr nahm der Staat im Zeitablauf eine zunehmend bedeutende Rolle in der Ordnung der Arbeitsbeziehungen wahr, weshalb die Einwirkung der gewerkschaftlichen Politik auf das staatliche Ordnungsverhalten durch Gewerbeinspektion, Arbeitsschutz, Sozialversicherung und schließlich Ordnung der industriellen Beziehungen immer wichtiger wurde. Einen gewissen Höhepunkt ihres Einflusses erreichten die Gewerkschaften in Westdeutschland während der Zeit der sozialliberalen Koalition in den Jahren 1969 bis 1982.


Fußnoten

1.
Vgl. Walther Müller-Jentsch (Hrsg.), Konfliktpartnerschaft. Akteure und Institutionen der industriellen Beziehungen, München-Mering 19993; Gerald D. Feldman/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Arbeiter, Unternehmer und Staat im Bergbau. Industrielle Beziehungen im Vergleich, München 1989.

 
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