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23.3.2010 | Von:
Ulrich Brinkmann
Oliver Nachtwey

Krise und strategische Neuorientierung der Gewerkschaften

Organisationsreform und Mitgliederorientierung

Die Frage der abnehmenden Organisationsstärke beantworteten die deutschen Gewerkschaften zunächst mit Fusionen, die einen defensiven Charakter trugen. Vor allem in den 1990er Jahren gab es eine regelrechte Fusionswelle, an dessen Ende sich die Anzahl der Mitgliedsgewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) um die Hälfte auf acht reduziert hat.

Ver.di:
Die Gründung der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di im Jahr 2001 war bereits kein defensiver Akt der Ressourcenzusammenlegung schwächelnder Einzelgewerkschaften mehr. Ver.di war zugleich ein strategischer Zusammenschluss. Obwohl die junge Dienstleistungsgewerkschaft letztendlich in vielen Bereichen sehr traditionelle Strategien tariflicher Stabilisierung praktizierte, war eines der zentralen Ziele des Zusammenschlusses, neue und bislang wenig organisierte Branchen und Beschäftigtengruppen zu organisieren. Die Matrix-Organisation, vertikale Branchen-Fachbereiche und horizontale Organisationsstrukturen, sollte eine Antwort auf die Differenzierung in der Arbeitswelt bieten.[14] Die Quotierung von Frauen und Männern in den Gremien hat zudem dazu geführt, dass sich die weibliche Repräsentanz in Führungspositionen stark verbessert hat - ein nicht unerhebliches Element für eine Gewerkschaft, in deren Branchen vornehmlich Frauen beschäftig sind.

Doch trotz des strategischen Charakters der Ver.di-Gründung sind Organisationsfusionen immer nur "zweitbeste Lösungen".[15] Die Matrix-Struktur von Ver.di hat zu einer Institutionalisierung von in der Tat sehr losen Kopplungen geführt, die zwar viele innovative Projekte und Ansätze hervorbrachte, doch zuwenig kohärentes und strategisches Handeln der Gesamtorganisation produziert. Seit dem Jahr 2008 diskutiert Ver.di daher ein kohärentes Leitbild und hat sich unter dem Begriff "Chance 2011" zum Ziel gesetzt, die Organisation strategisch auf eine Mitgliederorientierung festzulegen.[16]

IG BAU:
Die IG BAU - eine Fusion aus der IG Bau-Steine-Erden und der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft - hat seit dem Jahr 1996 mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verloren und ist dadurch in eine schwierige personelle und finanzielle Lage geraten. Aber gerade dies hat bei ihr zu einer größeren Bereitschaft zur Erneuerung geführt. Die im Jahr 2007 beschlossene Organisationsreform zur "Mitmachgewerkschaft" stellt den Versuch dar, aus der Not der Mitglieder- und der damit verbundenen Finanzverluste eine Tugend zu machen. Man verschlankte den Vorstand und schaffte einige hauptamtliche Stellen auf Landesebene zugunsten der Beteiligung von Ehrenamtlichen ab. So konnte man einerseits mehr Mitglieder in die Organisationsarbeit integrieren und andererseits Ressourcen für Projekte neu disponieren.

IG Metall:
Auch auf der IG Metall lastete in den vergangenen Jahren der doppelte Druck von Mitgliederverlusten und tariflicher Erosion. Gleichwohl finden die jüngst diskutierten Organisationsreformen der größten Industriegewerkschaft der Welt im Kontext einer befestigten Organisation statt, die finanziell solide geführt wird. Im Vergleich zu Ver.di ist die IG Metall wesentlich zentralistischer strukturiert. Dies hat zur Folge, dass Organisationslernen in vielen Fällen nur begrenzt stattfinden kann, die Organisation aber kohärenter lernt und Lernprozesse effektiver umgesetzt werden können.

Bereits im Jahr 2007 diagnostizierte ihr stellvertretender Vorsitzender Detlef Wetzel, dass die deutsche Sozialpartnerschaft brüchig geworden und das System industrieller Beziehungen erodiert sei. Da die Voraussetzungen des alten gewerkschaftlichen Modells hinfällig seien, forderte er eine "grundlegende Veränderung des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses"; künftig solle die IG Metall weniger auf eine Stellvertreterpolitik setzen, sondern mitglieder-, beteiligungs- und konfliktorientiert handeln.[17] Diese Positionen fließen auch in Wetzels Vorschlag für eine grundlegende Reform der IG Metall ein: Er schlägt vor, dass die IG Metall ihre lokalen Einheiten ("Verwaltungsstellen") massiv stärken solle. Diese bräuchten mehr Ressourcen und Kompetenzen für das künftige Kernanliegen der Organisation, die Mitgliedergewinnung. Die Dezentralisierung der IG Metall-Struktur soll mit schlanken, effizienzorientierten Organisationsstrukturen[18] und einer Straffung der Vorstandsverwaltung verbunden werden - selbst eine Verringerung auf bis zu drei Mitglieder wurde diskutiert.

Die Gefahr einer solchen Reduzierung liegt aber auf der Hand: Schon in vielen Unternehmen sind Verschlankungskonzepte dieser Art gescheitert, weil sie oftmals das Kind mit dem Bade ausschütteten. Zudem sind Gewerkschaften - anders als Unternehmen - Mitgliederorganisationen, die auf die Berücksichtigung pluralistischer Positionen und Identitäten sowie ein dialogisches Führungsprinzip angewiesen sind, um überhaupt kollektiv handlungsfähig zu sein.[19] Der Ausschluss relevanter Fraktionen aus dem zentralen Gremium beschneidet deren Voice-Chancen, also die Möglichkeiten, nachhaltig in Entscheidungsprozesse eingreifen zu können und verstärkt womöglich Exit-Tendenzen, die sich in Mobilisierungsproblemen niederschlagen dürften. Dieser dem Einheitsgewerkschaftsprinzip verpflichtete Gedanke stellte beispielsweise sicher, dass auch CDU-Vertreter im Vorstand der IG Metall vertreten waren.

Fußnoten

14.
Vgl. Claire Annesley, Ver.di and Trade Union Revitalisation in Germany, in: Industrial Relations Journal, 37 (2006) 2, S. 164-179.
15.
Vgl. Berndt Keller, Zusammenschlüsse von Gewerkschaften. Folgen und Perspektiven am Beispiel der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di), in: Leviathan, 112 (2004) 1, S. 89-112.
16.
Vgl. Ver.di Bundesvorstand, Chance 2011 - Zur Veränderungsarbeit der nächsten Jahre in Ver.di. Mitgliederorientierung muss Maßstab für das gesamte Organisationshandeln werden, o.O. 2008.
17.
Vgl. Detlef Wetzel/Jörg Weigand/Sören Niemann-Findeisen/Torsten Lankau, Organizing. Die mitgliederorientierte Offensivstrategie für die IG Metall. Acht Thesen zur Erneuerung der Gewerkschaftsarbeit, o.O.
18.
Vgl. IG Metall Vorstand, Projekt IG Metall 2009, Diskussionspapier. Sich ändern, um erfolgreich zu bleiben, Frankfurt/M. 2010.
19.
Vgl. Claus Offe/Helmut Wiesenthal, Two Logics of Collective Action: Theoretical Notes on Social Class and Organizational Form, in: Political Power and Social Theory, (1980) 1, S. 67-115.