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23.3.2010 | Von:
Ulrich Brinkmann
Oliver Nachtwey

Krise und strategische Neuorientierung der Gewerkschaften

Fazit und Perspektiven

Die Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus, die zur größten ökonomischen Erschütterung der Nachkriegszeit geführt hat, erhöht die Dringlichkeit des strategischen Wandels der Gewerkschaften. Trotz der Krisendiagnosen, die den deutschen Gewerkschaften seit über zwei Jahrzehnten ausgestellt werden, haben sie sich als erstaunlich zäh und überlebensfähig erwiesen. Dass es zu einem "Kapitalismus ohne Gewerkschaften" kommt, ist nicht zu erwarten.[33] Allerdings: Die momentanen Revitalisierungsbemühungen verlassen bislang erstaunlich wenig die eingeschlagenen Pfade des Modells der industriellen Beziehungen. Dies hängt auch damit zusammen, dass keine der drei beschriebenen Machtquellen bisher vollständig versiegt ist.

Die weitere Entwicklung scheint nicht zuletzt davon abzuhängen, welche Schlussfolgerungen man aus dem Misslingen des Wettbewerbskorporatismus zieht. Hier zeichnen sich zwei Varianten ab:

  • Zugespitzt formuliert setzt die eine weiter auf die korporatistische Einbindung und hofft, auch in Krisenzeiten über die Nutzung verbliebener Ressourcen Einfluss auszuüben. Das Problem dieses Krisenkorporatismus ist seine mangelnde Absicherung, weil er vor allem auf der - jederzeit umkehrbaren - Offenheit der gesellschaftlichen Eliten und nicht auf eigener Stärke beruht. Da man sich unter die strategischen Erwägungen anderer Akteure einordnen muss, sind nicht nur die Vorbedingungen einer selbstbewussten Strategic Choice unerfüllt, sondern auch die gewährten Teilhabemöglichkeiten eher unverbindlich und situativ.
  • Die andere Variante setzt auf die Stärkung der Primär- und Organisationsmacht mit der Betonung von Organizing und Konfliktorientierung. Sofern sie nicht von krisenbedingten Lähmungserscheinungen geschwächt wird, deutet sich hier eine zukunftsträchtige, moderate Weiterentwicklung des überlieferten Modells an.
Die Krise hat gleichwohl auch dazu geführt, dass die Gewerkschaften die Grundlagen des Wirtschaftens wieder thematisieren und auch die Frage der Demokratie in Wirtschaft und Gesellschaft intensiver diskutieren.[34] Allerdings stehen sie hier noch am Anfang.

Fußnoten

33.
Walther Müller-Jentsch, Kapitalismus ohne Gewerkschaften?, in: Ulrich Brinkmann/Karoline Krenn/Sebastian Schief (Hrsg.), Endspiel des kooperativen Kapitalismus?, Wiesbaden 2006.
34.
Vgl. Martin Allespach/Alex Demirovic/Lothar Wentzel, Demokratie wagen! Gewerkschaftliche Perspektiven in der Wirtschaftskrise, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2010) 2, S. 95-106.