Bus brennt

21.8.2018 | Von:
Stepan Benda

Rudi Dutschke in Prag 1968

Im Verlauf des Prager Frühlings hielt der bundesdeutsche Studentenführer Rudi Dutschke am 9. April 1968 eine Gast-Vorlesung an der Karls-Universität - zwei Tage vor dem Attentat auf ihn in Berlin. Der damalige Soldat und Student Stepan Benda stritt damals mit Dutschke - und wurde von ihm nach Berlin eingeladen. Viel übereinander begriffen beide Seiten damals nicht. Eine Rückerinnerung.

Das Visum Rudi Dutschkes nach Prag im Frühjahr 1968.Das Visum Rudi Dutschkes nach Prag im Frühjahr 1968. (© tschechien-online.org)

Dienstags hatten wir Militärdienst. Also, alle Studenten der Karls-Universität in Prag mussten damals während ihres fünfjährigen Studiums zwei Jahre lang jede Woche am Dienstag vom 6 Uhr früh bis 14 Uhr nachmittags Militärdienst ableisten. Es war für uns Studenten im Grunde eine gute Sache. Wir alle, die wehrpflichtig, also "tauglich" waren, hätten eigentlich entweder vor, oder nach dem Studium für zwei Jahre in die Armee gemusst. Ein Ersatzdienst, oder "Spatensoldaten", wie in der DDR, gab es in der "sozialistischen" Tschechoslowakei nicht. Wehrdienstverweigerer, vor allem solche aus religiösen Gründen, nahm man damals nicht ernst.

Kriegsspiel als Studentenpflicht

Wir gingen also immer am Dienstag frohen Mutes nach Motol, so hieß unser Exerzierplatz am Rande der Stadt, um dort einen Vormittag lang Krieg zu spielen. Eine richtige Armee waren wir damals allerdings nicht. Besonders stolz waren wir auf unsere kuriosen Uniformen. Sie passten einfach nicht. Entweder waren die Hosen auf groteske Weise zu kurz, oder viel zu groß. Das war unsere Absicht, denn wir tauschten sie untereinander. Heimlich veranstalteten wir einen Wettbewerb, wer von uns die Ehre haben wird, die unmöglichste Uniform durch Prag zu tragen. Ich war stets ganz vorne mit dabei.

Nur die Umhängtasche, in der sich unsere Gasmaske befinden sollte, war manchmal ein Problem. Aber so klug, um dort nachzuschauen waren unsere Kontrolleure selten. Wir verbargen dort meisten etwas zum Lesen, am besten gleich Husserl oder Sartre, aber keine Gasmaske. Viele bewahrten dort auch etwas zum Essen auf, denn der Tag auf dem Exerzierplatz war lang und die Mensa weit. Schmalzbrote, ein halbes Hühnchen und ähnliches hatten zu Folge, dass die Tasche, die nicht aus Leder sondern aus Stoff war, meistens durchfettete.

So ausgerüstet kam ich in Uniform an jenem denkwürdigen Nachmittag, es war Dienstag, der 9. April 1968, im Gebäude der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität in Prag an und wollte zunächst unten in unserer Cafeteria einen Kaffee trinken. Dann aber hörte ich lautes Gerede. Die Studenten aus West-Berlin seien gekommen und sie wollten mit uns reden.

Wir wussten schon, dass es sie gibt, die "revolutionären" Studenten aus West-Berlin. Das Kulturzentrum der DDR auf der Nationalstraße hatte seit Monaten in seinen Schaufenstern Fotos und schriftliches Material präsentiert, wo anschaulich demonstriert wurde, wie die armen Studenten aus West-Berlin, von den "revanchistischen Kräften" und "ehemaligen Faschisten" in West-Berlin mit Wasserwerfern, Polizeiknüppeln und überhaupt malträtiert wurden, nur weil sie gegen den "verbrecherischen Krieg der amerikanischen Imperialisten" in Vietnam protestierten.


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