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Medien und Gesellschaft im Wandel


9.12.2016
Medienwandel und Medienkrise können zu Skandalisierung, Moralisierung und Personalisierung in der Berichterstattung führen. Trägt Mediennutzung zur Informiertheit aller bei oder profitieren die besser Gebildeten stärker? Wie werden die alten und neuen Medien genutzt?

Der Schatten eines Fernsehkameramanns.Der Schatten eines Fernsehkameramanns. (© picture-alliance)


Einleitung



Der Beitrag befasst sich mit den Leistungen der Massenmedien für Gesellschaft und Demokratie. Im Kontext von Medienwandel und Medienkrise werden Veränderungen im Journalismus wie Kommerzialisierung und Orientierung am Massenpublikum, aber auch die verstärkte Skandalisierung, Moralisierung und Personalisierung in der Politikberichterstattung thematisiert. Vor diesem Hintergrund wird zum einen nach Möglichkeiten der Sicherstellung von Medienqualität und zum anderen nach dem Potential von Internet und Social Media gefragt.

Abschließend stehen die Bürger der Zivilgesellschaft als Mediennutzer im Zentrum: Wie nutzen sie die alten und neuen Medien? Trägt Mediennutzung zur Informiertheit aller bei oder profitieren die besser Gebildeten stärker? Weitere Fragestellungen sind: Begünstigen die Medien Wandel oder Stabilität in der Gesellschaft? Hat die gestiegene Informationsflut tendenziell eine Fragmentierung und Polarisierung der Gesellschaft zur Folge?

Gesellschaftliche Erwartungen und mögliche Leistungen der Massenmedien



Massenmedien wie Presse, Radio und Fernsehen sowie das Internet und Social Web leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren der Demokratie. Davon gehen Politiker im Allgemeinen und Medienschaffende im Speziellen, aber auch die Öffentlichkeit aus. Massenmedien sollen sowohl zur Stabilität wie auch zum Wandel der Gesellschaft beitragen.

Nach Meinung des Soziologen Niklas Luhmann [1] ermöglichen Medien die Selbstbeobachtung der Gesellschaft:
  • Medien als "Fenster zur Welt" wählen relevante Themen für die Öffentlichkeit aus und stellen sie bereit.
  • Medien liefern den Bürgern Argumente für und gegen umstrittene Themen.
  • Medien recherchieren das für die Entscheidungsbildung notwendige Hintergrundwissen, bereiten es verständlich auf und machen es breit verfügbar.
Als Folge dieser Medienleistung werden Argumente zu aktuellen Fragen in der Öffentlichkeit ausgetauscht, diskutiert und kritisch hinterfragt. Durch die Nutzung der Medien beteiligt sich die Bevölkerung an den gesellschaftlich aktuellen Themen und Problemen. Dadurch erhöht sich der Wissensstand aller. Darüber hinaus erhofft man sich, dass auch Minderheiten wie Migranten durch die Medien in die Gesellschaft integriert werden. Durch die Medienberichterstattung könnten sich soziale Vorurteile und vielleicht sogar Diskriminierungen gegenüber Minderheiten abschwächen.

Massenmedien leisten für die Gesellschaft unverzichtbare Funktionen:



Funktionen der Medien für die GesellschaftFunktionen der Medien für die Gesellschaft I. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Funktionen der Medien für die GesellschaftFunktionen der Medien für die Gesellschaft Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


PDF-Icon Hier finden Sie beide Grafiken zum Download.
  1. Die Vermittlung von Information und Hintergrundwissen über aktuelle Ereignisse und relevante Themen (Stichwort: Agenda-Setting), aber auch einen Beitrag zur Bildung und kulturellen Entfaltung.

  2. Bürger, aber auch Politiker der Legislative wie Mitglieder der Regierung sowie weitere politische Akteure (z. B. Nichtregierungsorganisationen = NGOs) und solche aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft äußern ihre Interessen, Meinungen und Argumente zu politischen und gesellschaftlichen Fragen via Medien (Stichwort: Framing [2]). Die Medien selbst stellen für diese Akteure eine öffentliche Arena bzw. Plattform zur Verfügung. Sie ermöglichen so die Entstehung und Abstimmung von Meinungen durch eine sachgerechte Darstellung der bestehenden Meinungsvielfalt.

  3. Darüber hinaus kommt den Medien im Sinne einer sog. "Vierten Gewalt" aber auch eine unabhängige und im Idealfall verantwortungsbewusst wahrgenommene Kontroll- und Kritikfunktion zu: Über Recherchen sollen quasi stellvertretend für die Zivilgesellschaft die "Mächtigen" in der Gesellschaft kontrolliert und allfällige Missstände aufgedeckt werden.

  4. Schließlich wird den Medien zukunftsorientiert eine Frühwarnfunktion zugeschrieben: Sie sollten frühzeitig auf problematische Entwicklungen wie beispielsweise die Klimaerwärmung aufmerksam machen, sodass gesellschaftliche Lernprozesse stattfinden können [3] (vgl. Grafiken oben und nachfolgende Übersicht).

Funktionen der Medien für die Bereiche der Gesellschaft

Information als "Fenster zur Welt" → transparente öffentliche Arena
Politik Wirtschaft Kultur - Soziales
Öffentlichkeit herstellen Konsuminformation Orientierung und Lebenshilfe
Artikulation von Meinungen Warenzirkulation Sozialisation: Werte & Normen
Kontrolle und Kritik Beschäftigung sichern Integration in Gesellschaft
Frühwarnfunktion Wertschöpfung z. B. in der Medienbranche Bildung und kulturelle Entfaltung
Partizipation & Aktivierung Unterhaltung und Entspannung
Diese Erwartungen an die öffentlichen Massenmedien sind Idealvorstellungen, welche als wünschbare Leistungen gefordert werden. Sie sind in der Realität aber immer nur teilweise umgesetzt, was sich immer wieder in Medienkritik und Medienschelten äußert. Anstelle von transparenter Meinungsvielfalt kann speziell in autoritären Gesellschaften mit eingeschränkter Medienfreiheit die Meinung von Regierung oder mächtigen Gruppen als uniforme Mehrheitsmeinung unhinterfragt in den Medien dominieren (z. B. Russland oder China).

Aber auch für Medien in Demokratien stellt sich die Frage, ob und wie stark sich diese konkret für mehr oder weniger Gleichheit in der Gesellschaft einsetzen. Denn anstelle von Beiträgen zur Integration und Solidarität bezüglich Migranten oder anderen Minderheiten können Medien durch pauschalisierend negative Berichterstattung zur Stereotypisierung beitragen und Diskriminierung verstärken. Schließlich besteht immer auch die Gefahr, durch einseitig moralisierende Darstellungen Einzelpersonen oder gesellschaftliche Gruppen ungerechtfertigt in Verruf zu bringen. Inhaltsanalysen der Medienberichterstattung zeigen, dass Migranten und speziell Muslime in den Medien tendenziell wenig vorkommen, und wenn, dann stereotyp und negativ dargestellt werden [4].

Medienwandel und Medienkrise



Jüngste Entwicklungen im Medienbereich geben Anlass zur Sorge, dass die Qualität der Medienberichterstattung in Gefahr ist. Warnende Stimmen sprechen sogar von einer Medienkrise [5]. Im Printbereich wie im Rundfunk ist bei den Medienkonzernen seit längerem eine wachsende Medienkonzentration im Gange: Große Medienkonzerne werden immer dominanter. Parallel dazu verschieben sich die Werbeausgaben von der Presse ins Internet und die Zeitungsnutzung ist rückläufig. Auf der Ebene der Medienorganisationen hat dies nicht zuletzt zur Entlassung von Medienschaffenden, zur Verkleinerung der Redaktionen und zur Schaffung von kostengünstigeren Newsrooms geführt. Im Nachrichtenraum erfolgt die gemeinsame Produktion der Inhalte für die Print-Ausgabe und das Online-Angebot. Die Journalisten schreiben somit einen Artikel nicht mehr nur für die Zeitung, sondern erstellen gleichzeitig auch Online-Versionen oder Radio- bzw. TV-Beiträge. Dies hat nicht zuletzt zu einer Erhöhung des Zeitdrucks der journalistischen Arbeit geführt.

Aber die Medienkrise ist nicht nur eine Finanzierungskrise, auch der Journalismus ist inhaltlich betroffen. Die Kommerzialisierung hat nicht nur zu einer Abnahme der Medienvielfalt geführt, sondern der wirtschaftliche Druck äußert sich ebenso in einer verstärkten externen Einflussnahme von Public Relations (Öffentlichkeitsarbeit) auf die Berichterstattung etwa als Gefälligkeitsjournalismus. Durch die Verwischung der Grenzen zwischen redaktionellem und Werbeteil (Stichwort: native advertising) wird die journalistische Unabhängigkeit gefährdet.

Als Folge der Ökonomisierung sind zudem eine verstärkte Orientierung am Publikum und dessen Wünschen zu konstatieren. Information und Unterhaltung sowie Öffentliches und Privates etwa von Politikern werden in der Berichterstattung vermischt, um diese interessanter zu machen. Die Medienkritik fokussiert hier unter den Stichworten "Personalisierung"[6]und "Infotainment" zum [7] einen auf die Boulevardpresse und zum anderen auf den Privatrundfunk. Beiden wird Populismus und mangelnde Unabhängigkeit sowie ein generell tiefes Qualitätsniveau vorgeworfen.

Infokasten

Infotainment / Personalisierung

Die Vermischung von informierenden und unterhaltenden Formaten des Fernsehens wird als Infotainment bezeichnet. Der erste Teil des Wortes stammt von "Information", der zweite Teil leitet sich aus dem angloamerikanischen Begriff "Entertainment" (= Unterhaltung) ab. In der Regel wird damit die Tendenz beschrieben, z. B. in Nachrichtensendungen immer mehr "weiche" Themen wie Meldungen über Prominente aufzunehmen. Infotainment bezeichnet auch die zunehmende Emotionalisierung und Personalisierung von Nachrichten, wobei letzteres die Ausrichtung auf eine bestimmte Person (Moderator, "Anchorman") bedeutet.

Quelle: Tele-Visionen: Glossar medienwissenschaftlicher Fachbegriffe


Analysen der Medienberichterstattung erkennen und kritisieren insbesondere einen Wandel der sog. Medien-Logik, d. h. der Art und Weise, wie Medien Ereignisse und Themen selektiv auswählen und darüber berichten[8]: Der Journalismus, aber auch Public Relations, würden immer mehr Ereignisse als Media-Events selber inszenieren und fokussierten immer stärker auf Skandalisierung und Moralisierung einerseits sowie Personalisierung, Emotionalisierung und Intimisierung andererseits. Dabei würde bewusst das Bedürfnis des Medienpublikums nach Neugier und Voyeurismus bedient und bewirtschaftet im Sinne der Steigerung von Auflagen und Reichweiten.

Umgekehrt wird unter dem Stichwort Medialisierung diskutiert, dass nicht nur die Politik, sondern auch die übrigen Bereiche der Gesellschaft wie auch die Wissenschaft sich der Medien-Logik anpassen würden [9].

Medienqualität zwischen Anspruch und Realität



Die vielfach geäußerte Kritik an den oben genannten (Fehl-)Entwicklungen im Journalismus [10] hat Forderungen nach verstärkter Selbstregulierung und nach mehr medienpolitischer Fremdkontrolle zur Sicherstellung von Medienqualität Auftrieb gegeben. Dies hat in der Kommunikationswissenschaft zur Definition und Messung der Qualität von Medienangeboten als Forschungsthema geführt [11]. Auch die Landesmedienanstalten begannen Studien zur Qualität der privaten TV- und Radioprogramme in Auftrag zu geben [12].

Die Diskussion über Medienqualität ist aber nichts Neues. Immer wieder streiten Journalisten, Politiker und das Medienpublikum kontrovers über die Qualität:
  • von Mediengattungen wie Boulevardpresse oder Privatfernsehen,
  • einzelner Programme bzw. Formate wie Reality-TV oder
  • einzelner Sendungen wie etwa der neue Polit-Talk "Absolute Mehrheit" von Stefan Raab vom 11. November 2012.

Infokasten

"Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen"

Politische Talkshow mit Stefan Raab. "Fünf Gäste diskutieren über drei Themen und die Zuschauer entscheiden, wer die besten Argumente hat. Schafft es ein Talkgast die absolute Mehrheit hinter sich zu versammeln, gewinnt er 100.000 Euro!", so die ursprüngliche Eigenwerbung bei ProSieben Ende 2012. Nach sechs Folgen von November 2012 bis September 2013 wurde die Sendung wegen stark sinkender Quoten nicht mehr ausgestrahlt.


In solchen Debatten zur Medienqualität wird dabei auf positive Kriterien wie objektiv, sachgerecht, relevant, professionell, unabhängig, verständlich etc. verwiesen oder negativ mangelnde Professionalität, Subjektivität, Arroganz, Einseitigkeit, Realitätsverzerrung, Oberflächlichkeit u.a.m. kritisiert.

Bei der Ermittlung von Medienqualität werden einzelne Dimensionen etwa von TV-Nachrichten mittels Inhaltsanalyse gemessen und mit Qualitätsstandards verglichen. Was normativ unter Nachrichten- bzw. Medienqualität verstanden wird, kann aber unterschiedlich definiert und begründet werden. In der Regel werden solche Qualitätsdimensionen wie in Deutschland unter Rückgriff auf Art. 5 des Grundgesetzes und die entsprechenden Landespressegesetze abgeleitet.

Schatz/Schulz formulierten schon 1992 folgende 5 Qualitätsdimensionen für TV-Programme [13]:

  1. Vielfalt von Angeboten bezüglich Formaten, Themen Regionen, Gruppen, Interessen und Quellen
  2. Relevanz der Themen für Individuen, Gruppen und Gesellschaft
  3. Professionalität der Inhalte und Gestaltung etwa bezüglich Sachgerechtigkeit und Unparteilichkeit
  4. Akzeptanz durch die Zuschauer
  5. Rechtmäßigkeit als Einhalten der entsprechenden journalistischen Normen und Mediengesetze, wie z. B. Jugendschutz.
Das magische Vieleck der Medienqualität
Magisches Vieleck der MedienqualitätMagisches Vieleck der Medienqualität (PDF-Icon Grafik zum Download) Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Parallel dazu formulierte Russ-Mohl [14] sein Qualitätsmodell, nach dem sich qualitativer Journalismus zu orientieren habe an:
  1. Aktualität
  2. Komplexitätsreduktion
  3. Objektivität
  4. Transparenz und Reflexivität
  5. Originalität.
Der Vergleich der beiden Ansätze zeigt, dass Qualitätsmaßstäbe im Journalismus von verschiedenen Faktoren abhängig sind [15]:
  1. Medium (Rundfunk vs. Presse),
  2. Periodizität (tagesaktueller vs. wöchentlicher Journalismus),
  3. Genre (Nachricht, Bericht, Reportage, Kommentar),
  4. Funktion (Information vs. Unterhaltung) und
  5. Selbstverständnis der Journalisten (objektiver Vermittler, Anwalt, Erklärer), aber auch
  6. vom Publikum als Zielgruppe (z. B. Bildung).
Mittlerweile sind zur Medienqualität verschiedene empirische Studien durchgeführt worden [16]. Die Informationssendungen des öffentlichen Rundfunks schneiden dabei besser ab als jene des Privatrundfunks, insofern etwa ARD und ZDF u. a. mehr Nachrichten, einen höheren Politikanteil, eine breitere Themenvielfalt und mehr Themen mit gesellschaftlicher Relevanz aufweisen.

Und die Diskussion in der Kommunikationswissenschaft befasst sich nicht mehr nur mit der Frage nach der Messung, sondern zunehmend mit dem Problem der (nachhaltigen) Sicherstellung von Medienqualität im Rahmen des redaktionellen Managements [17]. Stichworte hierzu sind: Vorhandensein publizistischer Leitlinien, Factchecking und Gegenlesen, Blatt- bzw. Sendekritik, institutionalisierte Weiterbildung etc.


Fußnoten

1.
Vgl. Luhmann 1996.
2.
Vgl. Bonfadelli/Friemel 2015, S. 196ff.; Wehling 2016.
3.
Beck 2007, S. 87 ff und Neverla/Schäfer 2012.
4.
Z. B. Schiffer 2005.
5.
Vgl. Jarren et al. 2012.
6.
Hoffmann/Raupp 2006.
7.
Vgl. Bernhard/Scharf 2008.
8.
Vgl. Imhof et al. 2006; Schulz 2008, S. 31ff.
9.
Vgl. Imhof 2006.
10.
Vgl. Jarren 2012.
11.
Vgl. Arnold 2008.
12.
Maurer/Reinemann 2006, S. 28.
13.
Vgl. Patrick Donges: Bildung und Information als Auftrag – sind die Medien in der Pflicht?
14.
Vgl. hierzu Russ-Mohl, 1992.
15.
Vgl. Russ-Mohl 1992.
16.
Vgl. Daschmann 2009.
17.
Vgl. Wyss 2008.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Heinz Bonfadelli für bpb.de
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