Mikrofonpult

9.12.2016 | Von:
Heinz Bonfadelli

Medien und Gesellschaft im Wandel

Internet und Web 2.0 als Alternativen

Statt Blockhaltung zwischen Zeitung und Leser zum Mitgestalten auffordern – dieses Ziel setzen einige Verlage bereits erfolgreich um.Statt Bevormundung des Publikums zum Mitgestalten auffordern – etablierte Medien haben begonnen, Möglichkeiten anzubieten. (© Photocase/chriskuddl | ZWEISAM)


Während die Bemühungen um Medienqualität auf bestehende Medienangebote von Presse und Rundfunk zielen, verstärkte sich in den letzten Jahren die grundsätzliche Kritik an den klassischen Massenmedien durch Anhänger und Vertreter der sog. Neuen Medien [18]. Für sie beschränkt der Journalismus der klassischen Medien die Meinungsfreiheit grundsätzlich und bevormundet das Publikum. Nach ihrer Meinung bietet sich das Internet wegen seiner Interaktivität an, wobei das Social Web mit seinen Diskussionsforen, Blogs und Twitter neue Möglichkeiten für alle Nutzer bereitstelle und so die Öffentlichkeit transparenter und egalitärer mache. Die "Konsumenten" der klassischen Medien werden dabei unter dem Stichwort "Produser" zu Produzenten in der Internetsphäre.

Allerdings werden diese Hoffnungen auf verstärkte Partizipation der Bürger durch das Internet kontrovers diskutiert [19]. Betont wird etwa, dass auch im Internet die etablierten politischen Akteure – Stichwort "Twitter" – und die mächtigen Wirtschaftsorganisationen dominieren würden. Zudem zeichnet die bisherige empirische Forschung [20] ein eher ernüchterndes Bild, und zwar sowohl was die Qualität der Beiträge anbelangt als auch die politikorientierte interaktive Nutzung des Internets. Obwohl nach der neuesten ARD/ZDF-Onlinestudie [21] 59 % der Onliner mindestens einmal wöchentlich Artikel und Berichte im Internet lesen, geben nur 12 % der Onliner an, an Internetforen teilzunehmen, und nur 8 % nutzen mindestens einmal pro Woche Blogs, also Weblogs von Bloggern. Darüber hinaus werden unter dem Stichwort "Shitstorms" auch Schattenseiten des Social Web diskutiert [22], insofern zu Reizthemen wie Flüchtlinge, Gleichstellung, Homo-Ehen etc. "mitunter hochemotionale Reaktionen auslösen und eine echte Debattenkultur vermissen lassen". Solche Netzdebatten erwecken den Eindruck, dass es weniger um einen konstruktiven Dialog mit gegenseitiger Kenntnisnahme der Argumente geht, sondern oft nur um Skandalisierung und Moralisierung mittels verbaler Scharmützel.

Vergleich zwischen klassischem und Internet-Journalismus

Zudem haben die klassischen Medien unter dem Stichwort Bürgerjournalismus begonnen, ihre Nutzer zu aktivieren und stärker zu beteiligen [23] (siehe nachfolgende Übersicht). Neue Partizipationsformen werden angeboten: Fotos, Filme und Textbeiträge können über Internet und Handy zugemailt und in den redaktionellen Teil integriert werden. Darüber hinaus recherchieren die professionellen Journalisten heute selber verstärkt im Internet und nutzen die laufenden Diskussionen in den Foren als Input für ihre eigene Arbeit. Im Folgenden wird der Journalismus in den klassischen Medien (Presse und Rundfunk) mit den neuen Möglichkeiten der Partizipation im Internet verglichen:

Vergleich zwischen klassischem und Internet-Journalismus

Klassische Medien Internet und Social Web
Tagesaktualität kontinuierliches Updating möglich
explizite Qualitätsstandards Info-Qualität unklar, nicht transparent
auf Dauer gestellte professionelle Leistung spontan von "unabhängigen Laien" erbracht
strukturiertes Angebot zugangsoffene egalitäre Vielfalt
Einseitigkeit der Massenkommunikation zweiseitiger interaktiver Austausch
Rollentrennung: Journalist – Rezipient Rollenwechsel: Produzent – User als Produser
Push-Situation: Medien bieten Infos an Pull-Situation: Nutzer müssen aktiv Info suchen
Nutzung tendenziell passiv-rezipierend Nutzung aktiv → interaktiv → partizipativ
kaum Zugangsbarrieren digitale Zugangsklüfte und Fragmentierung
Allerdings ist nicht immer klar, was genau unter Bürgerjournalismus zu verstehen ist:

Das Phänomen hat vielfältige Facetten und der Begriff wird dementsprechend uneinheitlich verwendet [24]. Im Kern meint Bürgerjournalismus aber eine zugangsoffene, unabhängige und vielfältige Nachrichtenproduktion durch zivilgesellschaftlich engagierte Bürger in Form von selbstständig erbrachten Laienangeboten. Konkret werden darunter Formate wie Weblogs, Podcasts oder Wikis und Facebook, YouTube oder Twitter verstanden.

Positiv herausgehoben wird vor allem, dass so eine breite Partizipation der Bürger an öffentlicher Kommunikation möglich und die Entscheidungsfindung in der Politik durch Diskussionsbeteiligung der Betroffenen demokratischer würde. Als Beispiel kann auf die breite Diskussion um das Bahnprojekt "Stuttgart 21" verwiesen werden.

Aus der Perspektive der klassischen Medien werden Erwartungen an den Bürgerjournalismus im Internet abgeschwächt: Es wird betont, dass nur Bezahlmedien dauerhaft gesichert, aktuelle und professionelle redaktionelle Leistungen zu erbringen vermögen, welche auf klar definierten Qualitätsstandards beruhen. Die Leistungen des Bürgerjournalismus seien, was die Qualität anbelangt, oft nicht transparent und außerdem sehr heterogen. Zudem überwiege in Internetkommentaren der Austausch von nicht-neutralen Meinungen, vertiefte unabhängige Recherchen seien die Ausnahme und der Anteil an Exklusivinformation gering.

Die vorliegenden Befunde sprechen somit eher gegen den Optimismus, dass der Bürgerjournalismus bezüglich Qualität mit dem professionellen Journalismus konkurrieren könne [25]. Relativierend ist allerdings festzuhalten, dass die Forschung im deutschen Sprachraum erst am Anfang steht und der Bürgerjournalismus im Internet ohne Zweifel neue Impulse auch für die etablierten Medien gebracht hat.

Eine kontrovers geführte Debatte innerhalb der Kommunikationswissenschaft befasst sich mit der Frage nach den Wirkungen des Medienwandels und des Internets für die Bürger als Mediennutzer:
  • Positive Utopien erwarten mehr Partizipation und mehr Demokratie als Mobilisierungsthese

  • Skeptiker befürchten, dass die Verbreitung des Internets mit seiner fast unbegrenzten und heterogenen Informationsfülle eine Aufsplitterung des Publikums aufgrund seiner spezifischen Interessen und Vorzüge zur Folge haben könnte.

  • Parallel dazu tendiert der gesellschaftlichen Wandel in Richtung verstärkter Individualisierung, was Politikabstinenz und Politikverdrossenheit verstärkt. Das könnte wiederum die Fragmentierung der Gesellschaft in mehr oder weniger abgeschottete und polarisierte Teilöffentlichkeiten verstärken [26]. Dies würde letztlich einen Verlust der Integrationsfunktionen der Medien bedeuten.

  • Allerdings gibt es auch hier Gegenargumente: Zum einen gibt es Hinweise, dass auch im Internet die organisierten, mächtigen und ressourcenstarken gesellschaftlichen Akteure wie Wirtschaftsverbände mit ihrer Präsenz weiterhin dominieren. Zum anderen haben sich die traditionellen Medien mit eigenen Online-Plattformen im Internet zu etablieren begonnen. Hinzu kommt, dass sich die Medien bei der Wahl ihrer Themen gegenseitig aneinander orientieren, aber auch die neuen politisch aktiven Gruppen des Internets sich wiederum auf die klassischen Medien mit ihren Themen beziehen.

  • Darum dürfte die Gefahr einer sich abschwächenden Agenda-Setting-Funktion der Medien eher unwahrscheinlich bleiben [27]. Darunter wird die Leistung der Medien verstanden, die knappe Aufmerksamkeit der Bürger auf eine begrenzte Anzahl politisch relevanter Themen zu fokussieren [28].

Mediennutzung im Wandel: zwischen Individualisierung und Fragmentierung

Während bis jetzt der Medienwandel vor allem aus der Perspektive der Medien und des Journalismus dargestellt worden ist, soll im letzten Teil des Beitrags auf die Bürger als Mediennutzer eingegangen werden, und zwar mit der Ausgangsfrage: Was hat sich im Umgang mit den Medien verändert?

Mediennutzung in Deutschland seit 1990
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Der Medienwandel lässt sich für Deutschland sowohl im Medienvergleich mit der seit 1964 alle fünf Jahre durchgeführten ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation [29] (siehe Abb. oben) als auch im Trendverlauf mit den ARD/ZDF-Onlinestudien [30] gut dokumentieren und nachzeichnen.

Die nachfolgende Tabelle zeigt sowohl Stabilität als auch Wandel im Umgang mit den Medien. Einerseits werden die klassischen Medien Fernsehen und Radio bis 2010 stabil auf hohem Niveau genutzt, und zwar sowohl was die Reichweite als auch was die Nutzungsdauer anbelangt, aber seit 2010 leicht rückläufig. Andererseits zeigen sich bei der Tageszeitung Verluste bezüglich Reichweite und Nutzungsdauer, allerdings wird dieser Rückgang weitgehend durch die Nutzung von Online-Zeitungsangeboten kompensiert. Schließlich dokumentiert die Studie einen starken Anstieg der Internetnutzung. Dies belegt auch die jährlich durchgeführte ARD/ZDF-Onlinestudie. Nach der jüngsten Erhebung von 2015 waren 79.5 % der deutschsprachigen Erwachsenen online, d. h. nutzten das Internet mindestens gelegentlich [31].

Mediennutzung im Wandel

Reichweiten pro Tag in % Nutzung in Minuten pro Tag
2000 2005 2010 2015 2000 2005 2010 2015
Fernsehen 85 89 86 80 185 220 220208
Radio 85 84 79 74 206 221 187173
Tageszeitung 54 51 44 33 30 28 2323
Bücher 18 23 21 18 18 25 2219
Internet 10 28 43 46 13 44 83107

Anmerkung: Personen ab 14 Jahren, Mo-So., 5.00-24.00 Uhr, Quelle: Engel/Breunig (2015), ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015: Mediennutzung im Intermediavergleich in: Mediaperspektiven 7-8/2015.

Eine Folge dieser rasanten Verbreitung des Internets ist, dass sich die zu Beginn bestehenden Zugangsklüfte verringert haben (vgl. Nadia Kutscher: Teilhabe im Kontext des Internets: Zukunftsperspektiven und Herausforderungen). Aber auch heute noch haben jüngere, gebildete und einkommensstarke User signifikant mehr Zugang zum Internet und nutzen dieses auch häufiger und länger. Es bestehen aber nach wie vor ebenso soziale Disparitäten in der Nutzung der klassischen Medien [32].

Während weniger Gebildete und Mediennutzer aus sog. Hedonistischen Milieus [33] politisch weniger interessiert sind und sich verstärkt über das Fernsehen informieren, ist das Interesse am politischen Geschehen bei den Gebildeteren und im sog. "Gesellschaftlichen Leitmilieu" deutlich stärker ausgeprägt, und die Tagespresse hat als Informationsquelle eine größere Relevanz.

Interessant ist, dass verschiedene Kommunikationswissenschaftler wie beispielsweise der Amerikaner John Zaller [34] in jüngster Zeit versuchen, das Negativ-Image des Fernsehens als sog. "Null-Medium" [35] abzubauen: Sie heben hervor, dass auch weniger Gebildete und politisch wenig Interessierte quasi durch zufällige oder versehentliche Nebenbei-Nutzung aktuelle Themen aufnehmen können, sofern über diese prominent in den Medien berichtet wird.

Quellentext

Hans-Magnus Enzensberger: "Null-Medium"

Das Fernsehen wird primär als eine wohldefinierte Methode zur genußreichen Gehirnwäsche eingesetzt; es dient der individuellen Hygiene, der Selbstmeditation. Das Nullmedium ist die einzige universelle und massenhaft verbreitete Form der Psychotherapie.…

Insofern kommt der Wattebausch vor den Augen der Transzendentalen Meditation recht nahe. So ließe sich auch die quasi-religiöse Verehrung, die das Nullmedium genießt, zwanglos erklären: Es stellt die technische Annäherung an das Nirwana dar. Der Fernseher ist die buddhistische Maschine.

Quelle: "Die vollkommene Leere. Das Nullmedium Oder Warum alle Klagen über das Fernsehen gegenstandslos sind." Hans-Magnus Enzensberger, in: DER SPIEGEL 20/1988, S. 234–244.

In Anlehnung an eine gängige Alarmanlage ist vom sog. "Burgler Alarm" die Rede: Man müsse die bestehenden demokratietheoretisch basierten Anforderungen an eine aktive und aufmerksame Mediennutzung durch die Bürger zurückschrauben. Nach Zaller genügt es schon, wenn Bürger die Medien nur oberflächlich und kaum informationsorientiert nutzen, weil die Medien in Krisensituationen zu intensiver Kommunikation greifen und so quasi einen "Alarm" auslösen würden, sodass auch politisch Uninteressierte durch die oben erwähnte zufällige Nutzung auf das jeweilige Thema aufmerksam würden. Allerdings sind seine Überlegungen nicht unwidersprochen geblieben.

Fußnoten

18.
Vgl. Schrape 2011.
19.
Vgl. Scherer 1998, Winkel 2001.
20.
Emmer/Bräuer 2010, Emmer/Vowe 2010, Imhof et al. 2015.
21.
Frees/Koch 2015, S. 372 und Tippelt/Kupferschmitt 2015, S. 442.
22.
Vgl. Weichert 2014.
23.
Vgl. Neuberger 2012.
24.
Vgl. Eilders 2011; Ziegele 2016.
25.
Vgl. Neuberger 2012, S. 60.
26.
Vgl. Holtz-Bacha 1998, Holtz-Bacha/Peiser 1999.
27.
Vgl. Schrape 2011.
28.
Vgl. Bonfadelli/Friemel 2011, S. 181 ff.
29.
Vgl. Engel/Breunig 2015; Best/Handel 2015.
30.
Vgl. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=511
31.
Vgl. Frees&Koch: ARD/ZDF-Onlinestudie 2015: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=535
32.
Vgl. Blödom/Gerhards/Klingler 2006.
33.
Vgl. Bernhard Engel /Lothar May: Mediennutzung und Lebenswelten
34.
Vgl. Marcinkowski 2010.
35.
Hans-Magnus Enzensberger 1988.
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