Tiertransport

Enhancement

Der Fortschritt der Wissenschaften und die Möglichkeit, Menschen zu "verbessern"


15.5.2013
Immer wirkmächtigere und präzisere Eingriffsmöglichkeiten stehen dem Menschen zur Verfügung, um sich selbst nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Welche Folgen hat es aber für eine Gesellschaft, wenn manche beispielsweise ihre Leistungsfähigkeit extrem steigern? Oder länger leben?

Symbolfoto: Ein durch einen Reissverschluss geöffneter Kopf.Biomedizinische und biotechnische Möglichkeiten müssen nicht nur zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. Welche Folgen hat das aber für die Gesellschaft? (© picture-alliance, fStop)

Der beeindruckende Fortschritt der Wissenschaften und der Biotechnologien führt dazu, dass auf neue Art und Weise in den menschlichen Organismus eingegriffen werden kann. Die aktuellen Forschungen, insbesondere im Bereich der Lebenswissenschaften, erlauben ein immer genaueres Verständnis des menschlichen Gehirns, des menschlichen Erbguts und der Abläufe im menschlichen Organismus, etwa beim Stoffwechsel und beim Altern. Damit wird die Entwicklung neuer und immer präziserer Interventionen möglich, die vor allem im Bereich der Medizin Anwendung finden: Es werden neue Medikamente erforscht, die zuvor unheilbare Krankheiten lindern oder heilen können. Die genetischen Anteile am Entstehen von Krankheiten werden erkannt und Interventionen auf genetischer Ebene entwickelt. Auch im Bereich externer Hilfsmittel zur Linderung von Krankheiten und Einschränkungen, etwa mithilfe von Prothesen oder Brain-Machine-Interfaces, werden große Fortschritte gemacht, die Menschen helfen, unerwünschte Behinderungen zu überwinden.

Jedes wirksame Werkzeug kann jedoch zu unterschiedlichen Zwecken verwendet werden. So können auch die neuen biomedizinischen und biotechnischen Interventionsmöglichkeiten außerhalb eines therapeutischen Kontextes eingesetzt werden und darauf abzielen, bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen zu verwirklichen, die nicht als Therapie oder Prävention von Krankheiten zu verstehen sind. Psychopharmaka – etwa Medikamente, die Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) helfen sollen, sich besser zu konzentrieren – wirken nicht nur bei kranken Menschen, sondern können auch gesunden Menschen zur Steigerung ihrer Konzentrationsfähigkeit verhelfen. Dieselben Methoden, die gezielte Eingriffe ins Erbgut erlauben, um etwa die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer schweren Erberkrankung zu verringern, könnten auch dazu eingesetzt werden, punktuell bestimmte Eigenschaften, etwa Körpergröße oder Augenfarbe, zielgenau zu beeinflussen. Ein präzises Verständnis etwa der natürlichen Verfallsprozesse in einem menschlichen Organismus könnte dazu führen, dass effektive Methoden entwickelt werden, genau diese Abläufe stark zu verlangsamen und damit die menschliche Lebensdauer deutlich zu verlängern. Prothesen und externe Unterstützungen des Menschen zur Wiederherstellung des normalen, menschlichen Funktionsspektrums können auch dazu genutzt werden, neue und erweiterte Funktionen zu realisieren. Vieles, was heute schon möglich ist oder in Experimenten getestet wird, klang noch vor wenigen Jahren – und klingt auch heute noch oftmals – nach wilden Science Fiction-Phantasien. Dazu gehört etwa die Möglichkeit, mithilfe bloßer Gedankenkraft einen Computer oder einen Roboterarm zu steuern (Collinger et al. 2013), oder die Möglichkeit, mithilfe eines Exo-Skeletts zu gehen und schwere Lasten zu tragen (Kawamoto et al. 2010). Demgegenüber wirkt die zunehmende Einnahme von Psychopharmaka zur Leistungssteigerung oder Stimmungsaufhellung (DAK 2009) fast alltäglich.

Solche biotechnologischen Eingriffe in den menschlichen Organismus, die in verbessernder Absicht, aber nicht in einem eng verstandenen therapeutischen Kontext stattfinden, werden als "Human Enhancement“-Eingriffe bezeichnet; ein Ausdruck, der sich auch in der deutschsprachigen bioethischen Debatte durchgesetzt hat (zur Debatte um die Definition und Abgrenzung von Enhancements vgl. Heilinger 2010). Zwar haben Menschen gewissermaßen schon immer versucht, die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen, um gewünschte Eigenschaften hervorzubringen, doch mithilfe der tief in den menschlichen Organismus eingreifenden Enhancement-Interventionen scheint eine neue Dimension erreicht zu sein: Immer präzisere und immer wirkmächtigere Eingriffsmöglichkeiten stehen zur Verfügung, mit denen sich Menschen nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten können. Offenkundig handelt es sich dabei um eine Entwicklung, die sowohl gesellschaftlich als auch für den einzelnen Menschen von Bedeutung ist. Die bloße Möglichkeit solcher Enhancement-Eingriffe macht es nötig, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt. Welche Auswirkungen für die Gesellschaft sind anzunehmen, wenn manche Individuen ihre Leistungsfähigkeit extrem steigern? Wie verändert sich der gesellschaftliche Zusammenhalt, wenn einige auf einmal deutlich länger leben? Was bedeutet es für unsere Beziehungen, wenn Stimmungen und Eigenschaften das Ergebnis einer gewollten Entscheidung für einen biotechnologischen Eingriff sind und nicht mehr auf weitgehend unkontrollierbaren Faktoren beruhen?

Die grundlegende Herausforderung, die von der bloßen Möglichkeit von Enhancement-Interventionen ausgeht, besteht darin anzuerkennen, dass unsere Vorstellungen von uns selbst als Menschen und von der Gesellschaft, in der wir leben, nicht alternativlos sind. Salopp gesagt: Es könnte alles anders werden, wenn die Menschen sich für den breiten Einsatz von Biotechnologien entscheiden sollten. Das macht die Aufgabe der individuellen und gesellschaftlichen Verständigung darüber, wie wir als Menschen sein und leben wollen, so vordringlich.

Klarerweise zielen Enhancement-Interventionen zumeist auf Ergebnisse ab, die von den meisten Menschen als positiv bewertet werden: ein aktives, glückliches, uneingeschränktes Leben zu führen, das auch möglichst lange währt. Doch die Realisierung eines solchen Ziels mithilfe von biotechnologischen Interventionen ruft zahlreiche Bedenken hervor: Sind die Risiken solcher Eingriffe zu kontrollieren? Sind die Ergebnisse von Enhancement-Interventionen tatsächlich positiv zu bewerten, oder verbirgt sich hinter ihnen ein letztlich destruktiver, permanenter Verbesserungs- und Optimierungsdrang unserer gegenwärtigen Leistungs- und Spaßgesellschaft? Ist es tatsächlich gut, vormals unverfügbare Bereiche der menschlichen Existenz unter biotechnische Kontrolle zu bringen und damit auch immer mehr Verantwortung aufgebürdet zu bekommen?

Viele der genannten Eingriffsmöglichkeiten werden noch entwickelt und sind noch nicht zugänglich. Manche der aktuellen Entwicklungen können auch noch gesteuert oder zumindest beeinflusst werden. Es scheint daher, dass gegenwärtig ein günstiger Zeitpunkt für eine breite gesellschaftliche Debatte über diese Fragen ist. Das große Interesse, das die Öffentlichkeit etwa der Forschung in den Neurowissenschaften oder der Genetik entgegenbringt, zeigt dies ebenso an, wie die Tatsache, dass die Enhancement-Debatte in den letzten zehn Jahren zu einem der am lebhaftesten diskutierten Bereiche der Bioethik geworden ist (Savulescu/Bostrom 2009).

Die ethische Debatte



Die Forschungsdiskussion über die ethische Bewertung der verschiedenen Enhancement-Eingriffe ist mittlerweile komplex und unübersichtlich geworden. In groben Zügen dargestellt, lassen sich mindestens vier Bereiche von ethischen Überlegungen unterscheiden. Solche, die (1.) die mit Enhancements verbundenen Risiken betrachten; solche, die (2.) die Auswirkungen von Enhancements unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten betrachten; (3.) Erwägungen zur Dimensionen von Zwang und Autonomie; sowie (4.) Natürlichkeitsüberlegungen oder anthropologische Argumente. Eine umfassende Bewertung von Enhancements wird zu allen genannten Dimensionen Stellung beziehen müssen (vgl. dazu ausführlich Heilinger 2010).

Kein Eingriff in ein so komplexes System wie den menschlichen Organismus kann vollständig in seinen Folgen berechnet werden, sodass immer unkalkulierbare Risiken bestehen. Nebenwirkungen und unvorhersehbare Spätfolgen können nicht ausgeschlossen werden. Sind die Leistungssteigerungen durch Psychopharmaka tatsächlich so sicher, wie ihre Befürworter es behaupten? Müssen nicht die erreichbaren Vorteile mit noch unbekannten Nachteilen aufgewogen werden?

Außerdem werden Enhancements mit Blick auf Gerechtigkeitsstandards bewertet: Sind solche Interventionen nicht immer ein Luxusgut, für das knappe Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen, verbraucht werden? Haben nicht ohnehin nur diejenigen Zugang zu Enhancements, die gesellschaftlich besser gestellt sind und damit ihre privilegierte Position noch weiter ausbauen? Eine bereits bestehende soziale Kluft würde dann weiter vergrößert. Andererseits könnten Gerechtigkeitsüberlegungen auch für den Einsatz von Enhancements sprechen: Wenn etwa mit Hilfe von Biotechnologien denjenigen, die von der Natur eher benachteiligt wurden, ohne aber behandlungsbedürftig zu sein, zu einer deutlichen Steigerung ihrer Fähigkeiten verholfen werden kann, könnte so eine Verringerung bestehender Ungerechtigkeiten herbeigeführt werden (Buchanan et al. 2000).

Ein weiterer Standard der ethischen Bewertung der neuen Technologien betrachtet die Freiwilligkeit der Entscheidung für oder gegen den Einsatz eines biotechnologischen Enhancements. So kann etwa durch gesellschaftliche Leitvorstellungen wie die einer "Leistungsgesellschaft“ mehr oder weniger subtiler Druck auf Individuen ausgeübt werden, sich bestimmten Eingriffen zu unterziehen, um mit den anderen mithalten zu können. Man denke an Studierende, die unter großem Leistungsdruck Medikamente einnehmen, um sich besser auf eine wichtige Prüfung vorzubereiten, die ihre berufliche Zukunft bestimmt. Eine wirklich freie Entscheidung für oder gegen den Eingriff wäre unter solchen Umständen stark eingeschränkt.

Schließlich spielen in der Debatte auch anthropologische Überlegungen eine wichtige, wenn auch schwer zu bestimmende, Rolle. Darunter lassen sich Bewertungen verstehen, die von näher zu bestimmenden Vorstellungen ausgehen, was es heißt ein Mensch zu sein, oder was ein "normales“, "natürliches“ menschliches Leben ausmacht. Einige Eigenschaften und Fähigkeiten werden hier als wesentlich ausgezeichnet, während andere Eigenschaften und Fähigkeiten – beispielsweise extreme Langlebigkeit oder Leistungsfähigkeit – als Abweichung vom normalen Menschsein bewertet werden. Die moralische Legitimität einer Enhancement-Intervention wird hier durch einen Abgleich der jeweiligen Ziele mit den Idealvorstellungen vom "normalen“ oder "natürlichen“ Menschen bestimmt.

Die Forschungsdebatte ist aktuell in vollem Gange (vgl. Savulescu et al. 2011). Es zeigt sich dabei, dass es nötig ist, einerseits die einzelnen Interventionen separat in den Blick zu nehmen, um die komplexen Zusammenhänge zu verstehen und bewerten zu können. Andererseits besteht auch eine Notwendigkeit für eine grundlegende Diskussion über Ziele technischer Interventionen, über die angemessene Geschwindigkeit von Innovation und gesellschaftlicher Veränderung sowie über das neue Menschenbild, das durch die zunehmende Machbarkeit und Kontrollierbarkeit unserer eigenen Existenz entsteht.

Somit reagiert die aktuelle Enhancement-Debatte nicht nur auf die Notwendigkeit, einzelne Interventionsmöglichkeiten zu bewerten, sondern liefert auch die Gelegenheit für eine kritische Reflexion der zunehmenden Technisierung der menschlichen Lebenswelt. Selbst wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass viele der Interventionsmöglichkeiten nicht praktikabel oder nicht wünschenswert sind, oder wenn sich schließlich viele in der Debatte diskutierten Ideen als Spekulation oder bloßer "Hype“ erweisen würden (Hasler 2012), ließe sich aus einer breiten gesellschaftlichen Debatte über den Menschen und die erstrebenswerten Formen menschlichen Zusammenlebens großer Gewinn ziehen.

Literatur



Buchanan, Allen, Dan W. Brock, Norman Daniels, and Daniel Wikler. 2000. From Chance to Choice. Genetics & Justice. Cambridge: Cambridge University Press.

Collinger, Jennifer L. et al. 2013. High-performance neuroprosthetic control by an individual with tetraplegia. The Lancet 381 (9866): 557–564.

DAK (Deutsche Angestellten-Krankenkasse). 2009. Gesundheitsreport 2009. Analyse der Arbeitsunfähigkeit. Schwerpunktthema Doping am Arbeitsplatz. Hamburg: DAK, siehe »http://www.dak.de/content/filesopen/Gesundheitsreport_2009.pdf.«

Hasler, Felix. 2012. Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Bielefeld: Transkript.

Heilinger, Jan-Christoph. 2010. Anthropologie und Ethik des Enhancements. Berlin/New York: de Gruyter.

Kawamoto, H. et al. 2010. Voluntary motion support control of Robot Suit HAL triggered by bioelectrical signal for hemiplegia. Paper read at Engineering in Medicine and Biology Society (EMBC), 2010 Annual International Conference of the IEEE, Aug. 31 2010-Sept. 4 2010.

Savulescu, Julian, and Nick Bostrom. 2009. Human Enhancement. Oxford/New York: Oxford University Press.

Savulescu, Julian, Ruud ter Meulen, and Guy Kahane. 2011. Enhancing human capacities. Chichester: Wiley-Blackwell.


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