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Zehn Jahre Neuroethik des pharmazeutischen kognitiven Enhancements

Aktuelle Probleme und Handlungsrichtlinien für die Praxis


16.5.2013
Wie hat sich die Neuroethik des pharmazeutischen kognitiven Enhancements (PCE) innerhalb der letzten zehn Jahre in Deutschland entwicklet? Thomas Metzinger benennt die wichtigsten begrifflichen Probleme, aktuelle Substanzen und zentrale ethisch-juristische Fragestellungen.

Verschreibungspflichtige Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat gehören zu den Arzneistoffen mit stimulierender Wirkung, die oft als "Studentendroge" bezeichnet werden.Verschreibungspflichtige Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat gehören zu den Arzneistoffen mit stimulierender Wirkung, die oft als "Studentendroge" bezeichnet werden. (© picture-alliance/dpa)

"Neuroethik” ist der Name für eine neue akademische Disziplin, die sich mit den ethischen, anthropologischen und soziokulturellen Fragestellungen auseinandersetzt, welche sich aus dem Erkenntnisfortschritt in den Neurowissenschaften ergeben. [1] Von der wissenschaftstheoretischen Systematik her ist die Neuroethik in der Philosophie angesiedelt, weil es in ihrem Kern um Antworten auf normative Fragen geht. Dabei tauchen allerdings momentan viele der konkreten Probleme für die angewandte Ethik im medizinischen Bereich auf, weil es hier zum Beispiel um die neurotechnologische Umsetzung dieses Erkenntnisfortschritts auf dem Gebiet von Therapie und Diagnose geht. Es hat sich eingebürgert, in wissenschaftshistorischer Hinsicht die Entstehung dieses neuen Forschungsbereichs auf das Jahr 2002 zu datieren und mit einer wissenschaftlichen Konferenz zu identifizieren, die vom 13. – 14. Mai unter dem Titel Neuroethics: Mapping the Field in San Francisco stattfand.[2] Eine erste Fachzeitschrift existiert ("Neuroethics"; ZDB-ID 2421 622 – 627), und mittlerweile ist es vor allem durch eine Initiative des BMBF auch in Deutschland gelungen, erste Schritte in Richtung auf eine institutionelle Verankerung des neuen akademischen Fachs zu unternehmen.

Unter cognitive enhancement (CE; auch "kognitives Enhancement" oder "Neuroenhancement") versteht man generell alle Versuche, die geistige Leistungsfähigkeit von Gesunden zu verbessern bzw. auf ein funktionales Niveau hin zu optimieren, das über dem einer durchschnittlichen gesunden Person liegt. Typischerweise geschieht dies heute durch die Einnahme von in der psychopharmakologischen Forschung neu entwickelten Substanzen (PCE[3]; pharmazeutisches kognitives Enhancement[4]). Selbstverständlich gibt es neben den legalen Klassikern Koffein und Nikotin eine große Anzahl von körpereigenen Substanzen, Phytopharmaka, Nahrungszusätzen und schon länger bekannten Neuropsychopharmaka, die alle eine geistige Leistungssteigerung hervorrufen können [5], und es existieren auch erste Versuche zur positiven Beeinflussung kognitiver Zustände durch elektrische Hirnstimulation mit Verfahren wie ECT, tDCS, TNS, DBS, EpCS oder MST.[6] Der Versuch, die eigene geistige Leistungsfähigkeit zu verbessern, ist eine uralte Menschheitstradition und für sich genommen auch eine durchaus positive ethisch-zivilisatorische Wertvorstellung. Trotzdem ist in modernen Wettbe-werbsgesellschaften eine neue Qualität entstanden, und zwar nicht nur durch Fortschritte in der Hirnforschung und ein immer besseres Verständnis möglicher Wirkmechanismen, sondern insbesondere auch durch neue kommerzielle Zielsetzungen wie der Optimierung und effizienteren "Bewirtschaftung" des gesunden menschlichen Geistes. Eine genauere Definition des PCE wäre die als einer Technologie, deren Ziel darin besteht, bei Gesunden eine bestimmte Klasse von informationsverarbeitenden Funktionen zu optimieren, nämlich solche Funktionen, die wir heute noch als kognitive Funktionen bezeichnen und die physikalisch im menschlichen Gehirn realisiert sind. Dabei ist häufig unklar, was noch als Therapie und was schon als Enhancement oder rein kosmetische Psychopharmakologie"[7]zu gelten hat.

Die beiden wichtigsten begrifflichen Probleme: Was wird verbessert? Was ist eine Verbesserung?



Es gibt gute Argumente dafür, dass sich manche kognitiven Vorgänge in einem wörtlichen Sinne über das Gehirn der jeweiligenPerson hinaus in die Umwelt erstrecken, und zwar,weil die sie konstituierenden Informationsverarbeitungsfunktionen partiell auch auf externen Trägern realisiert sind, etwa Computern, dem Internet oder den Gehirnen anderer Menschen.[8] Aber auch auf der Ebene der Inhalte und spezifischen geistigen Leistungen selbst ist häufig unklar, was genau als "Kognition" gilt: Logisches Denken, Begriffsbildung, Spracherwerb, Textverstehen, mentale Abstraktion, symbolisches Problemlösen, Planung, episodisches Gedächtnis, Entscheidungsfindung oder Metakognition sind zunächst offensichtliche Beispiele. Menschliche Intelligenz resultiert jedoch zum großen Teil aus unbewussten und subsymbolischen Verarbeitungsmechanismen wie der Sinneswahrnehmung, motorischen Simulationen, Aufmerksamkeitskontrolle, Introspektion oder empathiebasierten Formen der sozialen Kognition. Für eine seriöse ethische Bewertung ist es nun entscheidend, dass die Handlungsziele genau spezifiziert werden, d. h. dass man auch weiß, welche kognitive Funktionen tatsächlich optimiert werden sollen (z. B. Aufmerksamkeit oder Arbeitsgedächtnis), welche Effekte möglicherweise nur auf einem Placeboeffekt beruhen (z. B. erhöhte Erfolgserwartung durch eine subjektiv erlebte Vigilanzsteigerung), und welche anderen Funktionen gegebenenfalls abgeschwächt werden (etwa die Fähigkeit zur Impulskontrolle). Für viele der momentan verfügbaren und PCE-relevanten Substanzen ist dies nicht bekannt.

"Intelligenz" ist ein komplexes theoretisches Konstrukt, dem eine komplexe menschliche Eigenschaft entspricht, die sich nicht monokausal durch Einzelinterventionen kontrollieren lässt. Da die verschiedenen Wirkungen einer die kognitive Leistung verbessernden Substanz in einem komplexen System wie dem menschlichen Gehirn sich gleichzeitig linear und exponentiell entfalten können[9], ist durchaus denkbar, dass eine lokale Optimierung zu einer globalen Verschlechterung führt, weil Funktionen in anderen kognitiven Domänen stärker gehemmt oder moduliert werden als innerhalb des eigentlich avisierten Zielbereichs. Empirisch plausible Möglichkeiten sind hier zum Beispiel die Beeinträchtigung des Arbeitsgedächtnisses durch eine Optimierung des Langzeitgedächtnisses, eine Verringerung der Lernfähigkeit und Anpassung an neue Umweltgegebenheiten durch eine pharmakologische Konsolidierung des Langzeitgedächtnisses oder eine Verminderung der behavioralen Flexibilität als Preis für eine Erhöhung der kognitiven Stabilität, etwa zur besseren Aufrechterhaltung der Inhalte des Arbeitsgedächtnisses[10].Das zweite Hauptproblem besteht in einer begrifflich klaren Definition von "Enhancement". Zunächst muss man sehen, dass aus streng logischer Perspektive die Unterscheidung zwischen Therapie und Enhancement weder exklusiv noch erschöpfend ist: Eine bestimmte Form des ärztlichen Handelns könnte gleichzeitig therapeutisch und optimierend sein, und es könnte möglicherweise auch einen illegalen Einsatz leistungssteigernder Substanzen geben, der weder Teil einer ärztlichen Heilbehandlung noch primär optimierend ist. Zum Beispiel könnte PCE bei individuellen Patienten mit vormals extrem überdurchschnittlicher geistiger Leistungsfähigkeit, die altersbedingt auf das statistische Durchschnittsniveau abgesunken sind, durchaus als Therapie konzipiert werden; andererseits zeigen neuere empirische Studien, dass nur 10,9 % bzw. 9,2 % der ADHD-Patienten im Erwachsenenalter eine Therapie mit verschreibungspflichtigen Medikamenten erhalten haben, was die Vermutung nahelegt, dass es sich hier in vielen Fällen faktisch eher um Selbstmedikation als um echtes PCE handelt.[11] Eine klassische bioethische Definition würde sagen, dass es sich bei Enhancement generell um alle Funktionsverbesserungen handelt, deren Zielsetzung jenseits der bloßen Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung des gesunden Zustandes liegt.[12] Es gibt jedoch auch die These, dass bereits alles, was den Organismus – wie z. B. spezielle Diäten, Impfungen oder Implantate – vor einer spezifischen Vulnerabilität schützt, notwendigerweise als Enhancement gelten muss.[13]


Fußnoten

1.
Illes J, Sahakian BJ. The Oxford Handbook of Neuroethics. New York: Oxford University Press 2011
2.
Marcus SJ (ed.) Neuroethics: Mapping the Field. New York: The Dana Press 2002; Farah M. Neuroscience and neuroethics in the 21st centruy. In: Illes J, Sahakian BJ. The Oxford Handbook of Neuroethics New York: Oxford University Press 2011, 761–781
3.
Metzinger T, Hildt E. Cognitive enhancement. In: Illes J, Sahakian BJ. The Oxford Handbook of Neuroethics New York: Oxford University Press 2011, 245–264; Morein-Zamir S, Sahakian B. Pharmaceutical cognitive enhancement. In: Illes J, Sahakian BJ. The Oxford Handbook of Neuroethics NewYork: Oxford University Press 2011, 229–244; Sahakian B, Morein-Zamir S. Neuorethical issues in cognitive enhancement. J Psychopharm 2011; 25 (2): 197–204
4.
Glannon W. Psychopharmacological enhancement. Neuroethics 2008; 1: 45–54;
De Jongh R, Bolt I, Schermer M et al. Botox for the brain: enhancement of cognition, mood and pro-social behavior and blunting of unwanted memories. Neurosci Biobehav Rev 2008; 32: 760–776;
Mehlman MJ. Cognition-enhancing drugs. Milbank Quart 2004; 82 (3): 483–506; Larriviere D, Williams MA, Rizzo M et al. Responding to requests from adult patients for neuroenhancements: guidance of the Ethics, Law and Humanities Committee. Neurol 2009; 73 (17): 1406–1412;
Lieb K. Hirndoping. Mannheim: Tamtmos, Artemis &Winkler 2010;
Schöne-Seifert B, Talbot D (Hrsg) Enhancement. Die ethische Debatte. Paderborn: mentis 2009
5.
Vgl. Förstl H. Neuro-Enhancement – Gehirndoping. Der Nervenarzt 2009; 7: 840–845, siehe dort Tabelle 1
6.
Hoy KE, Fitzgerald PB. Brain stimulation in psychiatry and its effects on cognition. Nat Rev Neurol 2010; 6: 267–275
7.
Kramer PD. Listening to Prozac. A Psychiatrist Explores Antidepressant Drugs and the Remaking of the Self. Viking Press 1993; Cerullo MA. Cosmetic psychopharmacology and the President’s Council on Bioethics. Persp Biol Med 2006; 49 (4): 515–523
8.
Metzinger T, Hildt E. Cognitive enhancement. In: Illes J, Sahakian BJ. The Oxford Handbook of Neuroethics New York: Oxford University Press 2011, 246;
Clark A, Chalmers DJ. Der erweiterte Geist. In: Metzinger T (Hrsg) Grundkurs Philosophie des Geistes. Band III: Intentionalität und mentale Repräsentation; Menary R (Hrsg) The Extended Mind. Cambridge: MA: MIT Press 2010
9.
Schermer M, Bolt I, de Jongh R et al. The future of psychopharmacological enhancements: expectations and policies. Neuroethics 2009; 2: 77
10.
Ebd.: 78;
De Jongh R, Bolt I, Schermer M et al. Botox for the brain: enhancement of cognition, mood and pro-social behavior and blunting of unwanted memories. Neurosci Biobehav Rev 2008; 32: 760–776
11.
Outram SM. Ethical considerations in the framing of the cognitive enhancement debate. Neuroethics 2011. DOI: 10.1007/s12152-011- 9131-7
12.
Jüngst ET. What does enhancement mean? In: Parens E (ed.) Enhancing human traits: ethical and social implications Washington D.C: Georgetown University Press 1998, 29
13.
Harris J. Enhancing Evolution. Princeton: Princeton University Press 2007: 57;
Greely H, Sahakian B, Harris J et al. Towards responsible use of cognitive- enhancing drugs by the healthy. Nature 2008; 456: 702–705

 
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