Tiertransport

Einer für alle. Alle für einen?

Die Öffentlichkeit als Spiegel von Bioethik und Biomacht


14.1.2014
Aus den neuen medizinischen Möglichkeiten ergeben sich neue gesellschaftliche Verantwortungen. Bioethik ist dabei die Plattform, auf der öffentlich und normativ über biomedizinische Verfahren gesprochen wird – also unter Zwängen und Machtverhältnissen. Der Text widmet sich diesem Zusammenhang von Bioethik, Öffentlichkeit und Biomacht am Beispiel der Organspende.

Zwei Menschen gehen am 18.08.2013 an einem Werbeschild für Organspenden im Universitätsklinikum Göttingen (Niedersachsen) vorbei. Vor dem Landgericht Göttingen (Niedersachsen) beginnt am 19.08.2013 der Prozess um den Organspende-Skandal am Göttinger Uniklinikum. Foto: Stefan Rampfel/dpa (zu "Spenderorgan-Skandal: Arzt wegen 14 Tötungsdelikten vor Gericht" vom 19.08.2013)"Organtransplantation rettet Leben" - Werbekampagnen lassen normativ "gutes" Handeln oftmals alternativlos erscheinen. (© picture-alliance/dpa)

Mitten im Sommerloch 2013 begann ein Gerichtsprozess, dessen hitzige Folgedebatten die Dringlichkeit seines Gegenstands unterstrichen: Nachdem Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit der Organallokation (Organzuteilung) festgestellt worden waren, mussten die betroffenen Ärzte sich nun vor Gericht rechtfertigen. Dass es im Kontext des juristischen Verfahrens um mehr ging als um die Einflussnahme auf die Vergabepraxis, deutet auch die öffentlich artikulierte Sorge an, das Vergehen wirke sich allgemein negativ auf die Spendebereitschaft aus.[1]

Der bereits vor den Skandalen bestehenden Kluft zwischen vorhandenen und benötigten Organen musste insbesondere vor diesem Hintergrund mit neuer Dringlichkeit entgegengewirkt werden. Zumindest dann, wenn man einen Ausgleich zwischen benötigten und vorhandenen Organen anstrebt. Doch mit welchen Strategien geschah dies seither? Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und das Bundesministerium für Gesundheit lancierten im Mai 2013 eine Kampagne mit dem Titel "Das trägt man heute: Organspendeausweis" (Internet 1, 16.8.2013), für die Prominente wie der Schauspieler Klaus J. Behrendt ihr Gesicht liehen. Ein Ausweis, so die Botschaft, sei ein Accessoire, das seinen Träger zur modebewussten Ingroup befördere. Geworben wird hier vorderhand um eine Entscheidung, nicht um die Spendebereitschaft. Schließlich impliziert das Tragen eines Ausweises nicht automatisch das Einverständnis zur Spende. Derlei Werbemaßnahmen sind allerdings nicht neu: Wer sich etwa im Jahr 2009 in Berlin aufhielt, dem begegnete hier ein Bekannter aus alten Zeiten: Großflächig prangte Superman auf Fassaden und vorbeifahrenden Bussen (Internet 2, 13.8.2013). Was auf den ersten Blick wie eine publikumswirksame Werbeaktion der Spielzeugindustrie erschien, zeigte bei genauerer Betrachtung einen Retter ganz anderer Natur: Nicht zur Wahrung des Weltfriedens war der Held hier angetreten, seine Mission bezog sich auf die Rettung von Leben. Sein Einsatz zielte konkreter auf die Gewinnung von Organen. Aber nicht nur das: Superman war auf der Suche nach Mitstreitern. Schließlich können wir alle – wie Clark Kent – zu einem Superhelden werden, so die Botschaft, die insbesondere junge Menschen umwarb: "Das kannst Du auch – Organspenden heißt Leben retten". Held zu sein ist also kein Status durch Geburt, sondern eine zu erwerbende Eigenschaft, die im Fall einer Spendebereitschaft eine zeitliche Lücke öffnet, zwischen Heldenstatus und Heldentat. Schließlich wird eine Organentnahme, wenn überhaupt, erst nach der Feststellung des Hirntods möglich. Damit unterscheidet sie sich von der auf Entscheidung ausgerichteten Mode-Kampagne. Freilich, die Kampagne ging den Skandalen um die Organallokation zeitlich voraus. Seither bemühen sich viele Prominente wie Til Schweiger um Spendebereitschaft. Der stellt in Aussicht: "Du bekommst alles von mir. Ich auch von Dir?" (Internet 3, 12.8.2013).

Das hier angesprochene Thema "Organspende" ist allgemein sehr diskutabel. Alle drei Beispiele bieten zunächst allerdings eine Erzählung, die anschlussfähig ist zur Alltagswirklichkeit der Betrachter und die auf den ersten Blick nichts mit einem ethischen Minenfeld zu tun hat. Hier geht es um Heldengeschichten genauso wie um Mode. Sie schaffen darüber hinaus aber auf der biologischen Grundlage des Menschen einen Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft, indem sie die Möglichkeit aufzeigen, den eigenen Körper für ein abstraktes Anderes verfügbar zu machen bzw. machen zu lassen. So erscheint die Spendebereitschaft als Dienst an der Gesellschaft. Auf die "Gabe" folgt zwar keine direkte, keine materielle Gegen-Gabe. Kampagnen, wie die hier skizzierten, bieten aber Kompensation an: Sie dienen als Identifikationsangebote für die Lebenden (als gemeinschaftlicher Dienst an der guten Sache) und als gesellschaftliche Sinnstiftung. Vor allem diese Verschränkung zwischen unterschiedlichen Bezugsebenen, meinem Leben (altgr.: bios) und dem der anderen, macht den Umgang mit Organspenden in besonderer Weise für geschichtliche, politische Prozesse zugänglich: Hier werden körperliche Funktionen zu den bevorzugten Zielscheiben des Interesses, das ein Netz spannt zwischen Wohlergehen, Verteilungsgerechtigkeit und (intergenerationeller) Verantwortung. Aufgrund dessen lassen sich die Beispiele lesen als ein Indiz für einen Zusammenhang zwischen Bioethik, Öffentlichkeit und Biomacht. Eine solche Verbindung ist allerdings weiter erklärungswürdig.

Bioethik: mehr als eine philosophische Disziplin



Bioethik ist zunächst eine recht junge (philosophische) Disziplin. Sie koordiniert, kommentiert und kontrolliert die Forschung und Anwendung der Biowissenschaften und ist auf doppelte Weise mit den Biowissenschaften verbunden: Sie umfasst zum einen die ethische Dimension der Forschung sowie der Anwendung der Biowissenschaften. Zum anderen wägt sie das moralisch richtige Handeln unter Berücksichtigung biologischen Wissens ab. Aussagekompetenz macht sie deshalb in sämtlichen Fragen, die sich relational zur Kategorie des Lebens und des Todes stellen, geltend. Das schließt Fragen in Bezug auf die Entstehung von Leben und die hieran gebundenen Interventionen durch die Reproduktionsmedizin und Genetik ein, bezieht sich aber genauso auf die Transplantationsmedizin wie auf die Definition des Hirntods. Zumeist sind es also Grenzsituationen[2] menschlichen Lebens, die Anlass zur Reflexion und/oder Konfrontation bieten; so werden in diesem Bereich nahezu ausschließlich Themen verhandelt, die "grundsätzlich" umstritten sind und bei denen keine gemeinsamen Intuitionen (mehr) vorliegen.[3] Die Bioethik tut dies – folgt man zumindest der öffentlichen Wahrnehmung – stets im "Zeichen der Dringlichkeit"[4] (etwa des diagnostizierten Spendermangels).

Bioethik allerdings ausschließlich auf die philosophischen Disziplinen zu beziehen, greift wesentlich zu kurz. Schließlich löst der mögliche Einsatz von Biomedizin Unsicherheiten aus, die weit über den bloß akademischen Diskurs hinausgehen. Diese Unsicherheiten sind dem Umstand geschuldet, dass durch die potenzielle Anwendung von Biomedizin Handlungs- und damit Entscheidungsoptionen auftreten, die uns nicht nur alle betreffen können, sondern die auch mit Glaubensgrundsätzen verbunden sind und die einer (juristischen) Regelung bedürfen. Auf die Unsicherheit folgt ein öffentlichkeitswirksames Reden, bei dem es um die Verfügung über das Leben geht; und aufgrund der Vielschichtigkeit dieses Lebensbegriffs lässt sich hier eine Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Wirkungs- und Steuerungsmechanismen beobachten. Diese zielen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse darauf ab, das Leben selbst als produktives und damit gestaltbares Element in Bezug auf die Bevölkerung zu kontrollieren. Denn das durch Wissenschaft freigesetzte Wissen ermöglicht eine Einflussnahme auf die Grundkonstitution des Menschen, die mehr betrifft als einzelne Individuen: Solche Optionen müssen sich gesellschaftlich bewähren. Sie müssen den jeweiligen Wahrheitsansprüchen einer Zeit genügen. Und sie entstehen eben nicht (ausschließlich) in Studierstuben. Es ist also sinnvoll, das öffentliche normative Sprechen über Biomedizin insgesamt als Bioethik zu begreifen und nicht nur die "institutionelle Bioethik" der Räte, Kommissionen, Plenardebatten und der Bioethiker (all jene, die sich selbst zu dieser Disziplin rechnen bzw. von Experten zu ihr gezählt werden) darunter zu verstehen.

Diese Ausweitung der "Kampfzone" ist für das Verständnis des Umgangs mit Biomedizin deshalb wichtig, weil dadurch brisante Themen an die Lebenswirklichkeit anschließen: Das Verhältnis der Menschen zum Technologieeinsatz fußt z. B. auf auszuhandelnden gesellschaftlichen Konventionen, die an allgemein zugänglichen Orten wie Zeitungen, auf Plakaten etc. verhandelt werden. Schon dadurch wird der enge Rahmen von Spezialdisziplinen überschritten. Schließlich werden auch in der Öffentlichkeit – das machen die erwähnten Kampagnen deutlich – Themen aufgegriffen bzw. diskutiert, werden Wertungen und (explizite wie implizite) Empfehlungen ins Spiel gebracht, über deren Wahrheitsanspruch in der Folge gerungen wird. Insbesondere die Freiwilligkeit der Organspende zeigt ja deutlich, dass Akzeptanz ein unabdingbarer Motor für die Anwendung von Verfahren ist oder sein kann. Und dass die oben erwähnten Werbekampagnen normativ sind, ergibt sich schon allein aus der "Alternativlosigkeit" guten Handelns, die sie suggerieren: Entscheide Dich! Werde ein Held! Durch die so wirksam werdende Stoßrichtung üben sie Macht aus. Diese Macht heißt genauer: Biomacht. In diesem Sinn ist Bioethik eine Plattform, auf der über Biomedizin gesprochen und damit eine auf den ersten Blick nicht sichtbare Macht ausgeübt wird. Denn hier werden Normen aufgerufen, wiederholt, erstritten und verworfen, die sich nicht im Raum der Wissenschaft finden, sondern die sich vielmehr an eine "qualifizierte Öffentlichkeit"[5] richten, die über die scientific community hinausgeht.

Es ist also entscheidend, die Öffentlichkeit in diesem Zusammenhang ernst zu nehmen und ihren Platz in der Auseinandersetzung mit Biomedizin zu bestimmen. Denn in dem, was öffentlich sagbar, aber auch unsagbar ist, lassen sich Normen ablesen, die sowohl das Individuum als auch die Bevölkerung betreffen. Daher ist es in einem zweiten Schritt sinnvoll, Bioethik als Biomacht und als strategisches Machtmodell der Regulation zu begreifen. "Zu diesem Übergriff der Bio-Macht kommt es, wenn dem Menschen technisch und politisch die Möglichkeit gegeben ist, nicht allein das Leben zu meistern, sondern es zu vermehren, Lebendiges herzustellen und Monströses und – nicht zuletzt – unkontrollierbare und universell zerstörerische Viren zu fabrizieren."[6] Michel Foucault (1926-1984) prägte den Begriff "Biomacht" und verwandte ihn auch, um die Disziplinierung des Leibes und des Bevölkerungskörpers durch sozial ausgeübte Machtstrategien zu kennzeichnen. Eine solche Verbindung wird angesichts einer Thematik, deren Kern das Leben und der Tod sind, besonders augenscheinlich. Denn im Kontext der Organspende tritt neben der wohlfahrtsstaatlichen Vergabepraxis auch die Fusion von Lebens-und-Todes-Kriterien mit der Bevölkerungspolitik in Erscheinung, die Subjekte ebenso betrifft wie gesellschaftliche und politische Entscheidungen. Hier dokumentiert sich so im wahrsten Sinne des Wortes, dass und wie der Begriff "Leben" nicht mehr unhinterfragte Größe ist, sondern als gestalt- und verhandelbare Kategorie in die Geschichte(n) unserer kulturellen Tradition eintritt[7] und insofern "den Körper und das Leben vereinnahmt"[8]. Dies geschieht eben in dem Sinne, dass der Lebensbezug den individuellen Körper genauso in Beschlag nimmt wie die abstrakte Gemeinschaft der Lebenden. Die so entstehende Verbindung ist vor allem eines: spannungsreich. Vergegenwärtigen wir uns das Superman-Plakat: Mittels kollektiver Heldenbilder wird ein Identifikationsangebot gestiftet. Dies geschieht über den eigenen Körper bzw. über die Bereitschaft, diesen zukünftig verfügbar zu machen. Eingebettet in die Moralität der Gabe[9] erscheint nur eine Handlung als die gebotene: das Bekenntnis zur Organspende. Zwar wird niemand für das Nicht-Spenden sanktioniert – direktives Verlangen ist der Biomacht fremd, vielmehr funktioniert sie dahingehend, dass sie Anreizsysteme schafft –, doch greifen erneut insbesondere diejenigen Maßnahmen, die auf das Tragen eines Ausweises zielen. Hier geht es darum, Deutungsangebote zu installieren, die etwa damit werben, nicht seinen Hinterbliebenen die Last einer solchen Entscheidung aufzubürden; also "Verantwortung" im eigenen Nahbereich zu übernehmen (Internet 5, 22.08.2013). Indem Organspende zum anderen konkret als ein heroischer, Menschenleben rettender Akt inszeniert wird, der auch deshalb "leistbar" ist, weil er mir vorderhand wenig abverlangt, wird das mögliche Entscheidungsfeld ganz offensichtlich vorstrukturiert. Wir haben nicht die freie Wahl zwischen Optionen, sondern sollen selbst tun wollen, was wir tun sollen.

Die Kampagnen sind ein Indiz dafür, dass im Kontext der Organspende nicht diejenige Eindeutigkeit herrscht, die die Bilder vorzugeben scheinen. Das Thema Organspende gerät vielmehr immer wieder ins Gespräch, sei es, wegen der erwähnten Unregelmäßigkeit bei der Organverteilung, sei es wegen des diskutablen Kriteriums des Hirntods, sei es wegen der Diskrepanz der Gruppe, die prinzipiell zu spenden bereit ist, und denjenigen, die wirklich einen Organspendeausweis bei sich tragen. Befeuert werden die Auseinandersetzungen um das Thema Organspende auch durch deren implizite und explizite Bezugnahme auf Risiken. Diese sind genau an der eben erörterten Schnittstelle zwischen individuellem und gesellschaftlichem Körper angesiedelt. Thomas Lemke weist zu Recht darauf hin, dass insbesondere der gängige Rekurs auf Risiken die Grenzen zwischen disziplinärer Führung (auf der Ebene des individuellen Körpers – Welche Verantwortung trage ich für meinen Körper?) und Sicherheitsführungen (Bevölkerungsprozesse – Wie lässt sich ein Höchstmaß an gesundheitlicher Fürsorge herstellen? ) durchbricht.[10] Das Sprechen über Risiken schafft somit eine Verbindung zwischen zwei scheinbar getrennten Ebenen: einer öffentlichen und einer privaten. Dadurch, dass sich dies auf der Grundlage von Wissen abspielt, sind Handlungsoptionen politisiert. Das macht den Begriff des Regierens, wie ihn Foucault verwendet, in diesem Zusammenhang zentral, der markiert, dass es darum geht, das "Feld eventuellen Handelns der anderen zu strukturieren".[11] Weil es nämlich im Zusammenhang mit Risiken um Wahrscheinlichkeiten geht, müssen diese nicht nur interpretiert werden, sondern ihnen folgen jeweils spezifische Entscheidungen. Auf diese Weise verknüpfen sich Techniken der Selbstführung mit solchen der Führung anderer und mit der Führung des Staates. So deutet der Begriff des Regierens auf die unterschiedlichen Handlungsformen und Praxisfelder hin, die in vielfältiger Weise auf die Lenkung und Leitung von Individuen und Kollektiven zielen. Und das unabhängig davon, ob man diese Führung legitim findet oder nicht. Entscheidend für den Begriff des Regierens ist vielmehr, dass diese Führung in letzter Hinsicht als Selbstführung (selbst gewollt) in Erscheinung tritt.[12]

Biomedizin: Wie wollen wir leben?



Im Kontext der Spendebereitschaft geht es darum, handelnd Verantwortung zu übernehmen – wie bei vielen anderen Themen, die in Folge der Biomedizin diskutabel werden. Beim Thema Organspende verschiebt sich die Verantwortung des einzelnen über den eigenen Körper durch eine diagnostizierte gesellschaftliche Mangelsituation an Organen auf die betreffende Gesamtbevölkerung: Die Diskrepanz zwischen benötigten und gespendeten Organen spricht dabei scheinbar für sich. Um der neuen Verantwortung gerecht zu werden, die durch die medizinischen Möglichkeiten entsteht, müssen entsprechende Informationen über die Spender- und Empfänger zentralisiert werden. So kann Wissen statistisch ausgewertet und normalisiert werden, dass es als allgemeines Wissen über die Bevölkerung auch allen zur Verfügung steht.[13] Eine weitere Dimension von Verantwortlichkeit offenbart die Erläuterung zu der von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung initiierten Organpaten-Idee: "Sie übernehmen Verantwortung, indem sie einen Organspendeausweis ausfüllen oder ihren persönlichen Willen den Angehörigen mitteilen. Damit nehmen sie ihnen die Verantwortung ab, im Fall der Fälle selbst eine möglicherweise belastende Entscheidung treffen zu müssen." (Internet 6, 24.08.2013) Hier wird an die Verantwortung der eigenen Familie gegenüber appelliert, und dieser Appell ergeht keinesfalls als gesetzliche Pflicht, sondern klingt vielmehr, als folge man einer rein ethischen Maxime. Gleichzeitig wird der Bezug zur Bevölkerung völlig ausgeblendet, als ob die Spendebereitschaft nur damit zu tun hätte, der eigenen Familie nicht die Entscheidung darüber aufzubürden. Die hier geforderte Verantwortung wird damit zum Instrument, um dem Einzelnen vorzuschreiben, wie er sich dem eigenen Leben gegenüber zu verhalten hat. Denn diese Argumentation heißt ja umgekehrt, dass alle, die keine Organe spenden wollen, verantwortungslos handeln.

Ein Organspendeausweis fungiert damit als Eintrittskarte zu einer anerkannten Gruppe der doppelt verantwortlichen Akteure: verantwortlich für die Gesundheit potenzieller Empfänger und verantwortlich gegenüber der möglichen psychischen Überforderung der Angehörigen; und das mit einer sehr überschaubaren Weise des Engagements. Den Organspendekontext kennzeichnet ein Dilemma, das man am Hirntodkriterium veranschaulichen kann: Während man früher davon ausging, dass im Falle eines diagnostizierten Hirntodes eine "postmortaler Organentnahme" stattfinden kann, ist heute in Folge neuer neurologischer Erkenntnisse und medizinischer Möglichkeiten (z. B. im Falle ausgetragener Schwangerschaften von hirntoten Patientinnen) durchaus eine Position nachvollziehbar, die in der Entnahme einen schwerwiegenden Eingriff in den Sterbeprozess sieht.

Das hier aufscheinende Dilemma fußt auf einer kulturellen Setzung. Bei den erwähnten Kampagnen geht es allerdings um weniger abstrakte Fragen: Hier steht nicht zur Disposition, ab wann ein Mensch als tot gilt, sondern es geht darum: Will ich dazugehören oder nicht? Solche Botschaften treffen uns unvermittelter als die geführten Normendebatten der disziplinären Bioethik oder die Aufklärungsverpflichtung der Krankenkassen. Sie können uns überall erreichen. Dazu muss man etwa nur das mobil-Heft der Deutschen Bahn inspizieren, in dem entsprechende Anzeigen geschaltet sind. Genau diese Omnipräsenz rechtfertigt eben die Lesart solcher öffentlichen Erscheinungen als Ethik und Biomacht.

Die Fragen, die die Anwendungsmöglichkeiten der Biomedizin stellt, betreffen jeden, weil es um die Frage geht, wie wir leben (wollen). Entscheidungen über den Einsatz der Biomedizin und ihre gesellschaftliche Akzeptanz werden eben nicht am runden Tisch der Politik oder im Lehnstuhl der Philosophie getroffen. Vielmehr sind sie abhängig von der gesellschaftlichen Akzeptanz der Verfahren. Und dieser geht ein Abwägen, ein Aushandeln voraus, das notwendigerweise öffentlich geschieht. Die erwähnten Plakate sind Teil dieses Prozesses. Sie machen deutlich, dass sie Entscheidungsenthaltsamkeit keinen Raum bieten. Sie zeigen stattdessen beispielhaft, welche Werte und Normen aktuell als gesellschaftlich vertretbar gelten. Diese Werte sind ernst zu nehmen, und zwar vor allem dann, wenn sie vordergründig wenig mit dem ethisch hoch aufgeladenen Thema Organspende zu tun haben. Indem Kampagnen nämlich Geschichten erzählen, die dechiffrierbar sind, weil sie aus einem Fundus kollektiver Bilder stammen, stiften sie eine Verbindung zwischen Individuum und Gesellschaft. Sie berichten vom guten Leben und das hat ganz offensichtlich nichts mit der aktuellen Bereitschaft zur Spende zu tun. Die Kampagnen sind aber damit selbst ein Seismograph gesellschaftlicher Mentalitätszustände.

Literatur



Düwell, Marcus (2008): Begründung in der (Bio-) Ethik und der moralische Pluralismus, in: Cordula Brand/Eve-Marie Engels/Arianna Ferrari/Läszlö Kovacs (Hrsg.): Wie funktioniert Bioethik, Mentis, Paderborn.

Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

Foucault, Michel (1994): Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Athenäum Verlag, Frankfurt a.M.

Foucault, Michel (2001): In Verteidigung der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

Gehring, Petra (2006): Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens, Campus, Frankfurt a.M.

Lemke, Thomas (2007): Gouvernementalität und Biopolitik, VS Verlag , Wiesbaden.

Liebsch, Katharina/ Manz, Ulrike (2007): Jenseits der Expertenkultur: zur Aneignung und Transformation biopolitischen Wissens in der Schule, VS Verlag, Wiesbaden.

Motakef, Mona (2011): Körper Gabe. Ambivalente Ökonomien der Organspende, transcript, Bielefeld.

Internetquellen:



»http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Bilder/Veranstaltungen/2013/02/Organspende_Kampagne/BMG_Organspende_130814_A4_Kraus.jpg« (16.8.2013)

»http://www.dhzb.de/fileadmin/user_upload/deutsche_Seite/aktuell/presse/CLP.pdf« (13.08.2013)

»http://www.proorganspende.de/kampagnenfotos.htm« (12.08.2013)

»http://www.organspende-info.de/« (22.08.2013)

»http://www.organpaten.de/« (24.08.2013)


Fußnoten

1.
Eine solche Sorge artikuliert sich auch in der Berichterstattung. Die FAZ etwa titelte "Organspendebereitschaft nimmt ab" (3.08.2012) oder der Tagesspiegel: "Organskandal. Spendebereitschaft sinkt" (3.08.2012) und die Welt "Organ-Spendeskandal gefährdet Organspendebereitschaft" (10.08.2012). Das Meinungsforschungsinstituts YouGov kam im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa zu dem Ergebnis, dass 45 Prozent der Befragten Misstrauen gegenüber der Praxis der Organspende empfänden. (Internet 4, 30.12.2013)
2.
Zum regelmäßig verwandten Begriff der Grenze führen Katharina Liebsch und Ulrike Manz aus: "Die Rede von der Grenze basiert darauf, dass eine erste Grenzüberschreitung immer schon vollzogen ist, nachfolgend geht es dann um deren ‚ethische‘ Bewältigung." Dies: "Jenseits der Expertenkultur", 2007:75 f.
3.
Düwell, Marcus: ‚Begründung‘ in der (Bio-) Ethik und der moralische Pluralismus, 2008:38.
4.
Gehring, Petra: Was ist Biomacht? 2006:9; 121:147.
5.
Gehring, Petra: Was ist Biomacht? 2006:140 f. Im Gegensatz zu Gehring erweitere ich aber den Kreis der Adressaten um jene, die nicht zwingend "vorinformiert" (ebd.) oder "lernwillig" (ebd.) sind. Vielmehr ist meines Erachtens der Adressatenkreis abhängig von der Themenwahl sehr variabel.
6.
Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft, 2001:300.
7.
Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen, 1983:170.
8.
Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft, 2003:283.
9.
Hierzu: Motakef, Mona: Körper Gabe. Ambivalente Ökonomien der Organspende, 2011.
10.
Lemke, Thomas: Gouvernementalität und Biopolitik, 2007:146.
11.
Foucault, Michel: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, 1994:255.
12.
Foucault spricht hier von einer "Mikrophysik der Macht".
13.
Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft, 2001:388.
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