Tiertransport
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Quellentexte zur Tierethik

17.12.2013
Sind Tiere nur für den Menschen da, sind sie Sachen? Oder eigenständige fühlende Wesen, die sogar eine Seele haben? Seit über 2000 Jahren beschäftigen sich Menschen mit dem moralischen Status von Tieren.

Schweinehälften im Schlachthof Mannheim.Schweinehälften im Schlachthof Mannheim. (© picture-alliance, KUNZ / Augenk)

Der Unterschied zwischen Mensch und Tier



Barbara Brüning: Was ist Tierethik?

Bereits vor über 2000 Jahren wurde in der Ethik darüber nachgedacht, wie Menschen Tiere behandeln sollten. So war sich der chinesische Philosoph Hsiang Hsiu (ca. 227-277) nicht ganz sicher, ob Tiere eher als eine Sache gelten, die der Mensch benutzt, um seine Interessen zu befriedigen, oder ob sie vom Menschen völlig unabhängige Lebewesen mit Gefühlen und Empfindungen sind? Diese Frage bildet auch heute noch das Kernproblem der Tierethik. Bestimmen wir Menschen über Leben und Tod der Tiere, oder haben die Tiere unabhängig von uns Gefühle und eigene Bedürfnisse, ja sogar Rechte?

Die Gedanken von Hsiang Hsiu waren in der traditionellen Ethik eher eine Ausnahme, die fast 1500 Jahre lang nicht beachtet wurde. Denn bis ins 17. Jahrhundert hinein galten Tiere als eine Sache, die ähnlich wie eine Maschine funktioniert. René Descartes (1596-1650) sprach ihnen sogar jegliches Gefühlsleben und Bewusstsein ab, sodass mit ihnen Experimente bei lebendigem Leib angestellt werden durften. Und genau hier setzt auch die Tierethik im 21. Jahrhundert an. Dank der englischen Philosophin Mary Wollstonecraft (1759-1797) wurde bereits im 18. Jahrhundert die Auffassung von den Tiermaschinen kritisiert. Tiere wurden als leidensfähige Wesen eingestuft, die über Gefühle verfügen. Darauf müsse man bei Tierversuchen trotz ihrer medizinischen Notwendigkeit gerade in einer modernen rechtsstaatlichen Gesellschaft Rücksicht nehmen. Dieses Argument wird insbesondere von der deutschen Philosophin Ursula Wolf (geb. 1946) angeführt.

Der zweite Aspekt der Tierethik betrifft die artgerechte Haltung von Tieren. Nicht selten müssen Tiere unter unwürdigen Bedingungen dahin vegetieren. So haben zum Beispiel Gänse und Hühner auf Großfarmen in ihren Boxen und Käfigen oftmals nur so viel Platz wie ihr Körper einnimmt. Legehennen werden zu viert in Drahtkäfigen von bis zu 50 cm gehalten – dies entspricht nicht einmal einer DIN A 4 Seite als Lebensraum pro Tier. Kühen und Kälbern ergeht es nicht besser. Sie vegetieren in Ställen auf Lattenrosten dahin, weil die Bereitstellung von Boden mit Stroh mehr Arbeitsaufwand für das Personal und damit höhere Kosten bedeuten würde. Schmerzhafte Missbildungen der Hufe sind nicht selten die Folge dieser Massentierhaltung. Hier setzen Tierschützer sowie Philosophinnen und Philosophen auch das Argument der Leidensfähigkeit von Tieren entgegen: Tiere können fühlen und dürfen deshalb nicht während ihrer Lebenszeit unter grausamen Bedingungen gehalten werden.

Der australische Philosoph Peter Singer (geb. 1946) geht sogar noch einen Schritt weiter. Er fordert als einen dritten Aspekt der Tierethik, dass die Menschen die Würde der Tiere achten sollten. Denn Tiere sind selbständige Wesen, die unabhängig vom Menschen Interessen und Wünsche haben: unter anderem gutes Futter und einen sozialen Verbund mit ihren Artgenossen.

Quellentext

Tierversuche - ein Rollenspiel

Im folgenden Spiel streiten in einer ersten Phase vier Personen über Tierversuche.

Erste Spielphase:



Zunächst tritt der Patient auf und klagt über Schmerzen, Angst vor einem frühen Tod, die bisherige Unheilbarkeit seiner Krankheit; nun jedoch, so ergänzt er, könne im Tierversuch ein Medikament entwickelt werden, das mit einiger Wahrscheinlichkeit sein Leben retten würde. Es erscheint seine Ärztin, die seine Partei ergreift und erklärt, ihre Aufgabe sei, dem Patienten jede nur mögliche Hilfe zu bieten, denn dazu verpflichte sie der von ihr geleistete Eid. Hinzu kommt ein Vertreter der Pharmaindustrie, der dem Arzt zustimmt, auf die Entwicklung der Medikamente verweist und auf die vielen Menschenleben, die bereits gerettet werden konnten, und dass dies nur möglich sei, wenn in der Forschung am Tier experimentiert werden könne. Nun ergreift die Tierrechtlerin das Wort, die stillschweigend nach dem Plädoyer des Kranken ein großes Stofftier in der Mitte der Gruppe plaziert hat, und verweist auf die grundsätzlichen Rechte der Tiere auf Leben und Unversehrtheit, auf ein ebenso glückliches Leben, wie der Kranke dies anstrebe. Zuletzt erscheint ein Mediziner, der die sanfte Medizin vertritt und auf Alternativen zu Tierversuchen aufmerksam macht.

Zweite Spielphase



Nun ordnet ihr euch einer der oben aufgetretenen Interessenvertreter zu, entweder weil ihr deren Position gern vertreten möchtet oder weil ihr Argumente für diese Position ausarbeiten wollt. Die Gruppe diskutiert die Position erneut und stützt sie durch weitere Gründe.

Dritte Spielphase



Die Gruppen stellen unter der Leitung des Interessenvertreters die jeweilige Position auf einem Plakat dar und präsentieren darauf die drei überzeugendsten Gründe.

Barbara Brüning, nach einer Idee, aus: Ethik & Unterricht, Heft 1, 1997, S. 29


Menschen haben ihrerseits ein Interesse an guter Ernährung und an guter Gesundheit, und dafür sind teilweise Tierversuche notwendig. Der Konflikt könne nur gelöst werden, indem die verschiedenen Interessen in eine Waagschale geworfen und unparteiisch abgewogen werden. Und wenn die Interessen der Menschen das Übergewicht bilden, dann muss es einen Ausgleich zu den Interessen der Tiere geben. Der Wert des Lebens sollte allein der Maßstab der Abwägung sein – und nicht das Kriterium der Vernunftfähigkeit, das den Menschen einen klaren Vorteil einräumt. Peter Singer und andere Philosophen wollen deshalb den Tieren eigene Rechte zugestehen.

Ihr Hauptargument besagt, dass Babys und Kleinkinder ihre Rechte auch nicht formulieren können und trotzdem gewisse Ansprüche haben, die stellvertretend von ihren Eltern oder einem Anwalt übernommen werden, zum Beispiel bei Erbschaften. Warum könnten also die Menschen nicht die Stellvertreter der Tiere sein und ihr Recht auf gute Lebensbedingungen wahrnehmen?

Kritiker dieser Auffassung wie der amerikanische Philosoph Bernhard E. Rollin sind skeptisch, wie die Interessen von Tieren überhaupt ermittelt werden können. Das Kriterium der Schmerzfähigkeit sage nichts über Interessen von Tieren aus. Pflanzen, Bakterien, Viren und kultivierte Zellen seien auch Lebewesen, von denen man sagen könne, dass sie Bedürfnisse haben, aber es bestehe kein Grund anzunehmen, dass sie auch Interessen haben. Insofern könne das Interessen-Argument keine Gültigkeit für alle Tiere beanspruchen. Einig sind sich aber alle Vertreter der Tierethik, dass Tiere artgerecht gehalten und geschützt werden müssen.

Aristoteles: Tiere sind für den Menschen da

Pflanzen existieren um der Tiere willen, und die wilden Tiere um des Menschen willen. Haustiere sind ihm zu Nutzen, und er ernährt sich von ihnen, die wilden Tiere (oder jedenfalls die Mehrzahl davon) isst er, und er fertigt aus ihnen andere für das Leben zweckmäßige Dinge wie Kleidung oder verschiedene Werkzeuge. Da die Natur nichts Zweckloses oder Unnützes hervorbringt, so ist es unleugbar wahr, dass sie alle Tiere um des Menschen willen hervorbrachte.

Aristoteles: Politik I, 1256b

Descartes: Tiere sind Maschinen

An dieser Stelle besonders hatte ich eingehalten, um Folgendes deutlich zu machen: Wenn es Maschinen mit den Organen und der Gestalt eines Affen oder eines anderen vernunftlosen Tieres gäbe, so hätten wir gar kein Mittel, das uns nur den geringsten Unterschied erkennen ließe zwischen dem Mechanismus dieser Maschinen und dem Lebensprinzip dieser Tiere; gäbe es dagegen Maschinen, die unseren Leibern ähnelten und unsere Handlungen insoweit nachahmten, wie dies für Menschen wahrscheinlich möglich ist, so hätten wir immer zwei ganz sichere Mittel zu der Erkenntnis, dass sie deswegen keineswegs wahre Menschen sind. Erstens könnten sie nämlich niemals Worte oder andere Zeichen dadurch gebrauchen, dass sie sie zusammenstellen, wie wir es tun, um anderen unsere Gedanken bekannt zu machen. Denn man kann sich zwar vorstellen, dass eine Maschine so konstruiert ist, dass sie Worte und manche Worte sogar bei Gelegenheit körperlicher Einwirkungen hervorbringt, die gewisse Veränderungen in ihren Organen hervorrufen, wie zum Beispiel, dass sie, berührt man sie an irgendeiner Stelle, gerade nach dem fragt, was man ihr antworten will, dass sie, berührt man sie an einer anderen Stelle, schreit, man täte ihr weh und ähnliches; aber man kann sich nicht vorstellen, dass sie die Worte auf verschiedene Weisen zusammen ordnet, um auf die Bedeutung all dessen, was in ihrer Gegenwart laut werden mag, zu antworten, wie es der stumpfsinnigste Mensch kann.

Das zweite Mittel ist dies: Sollten diese Maschinen auch manches ebenso gut oder vielleicht besser verrichten als irgendeiner von uns, so würden sie doch zweifellos bei vielem anderen versagen, wodurch offen zutage tritt, dass sie nicht aus Einsicht handeln, sondern nur zufolge der Einrichtung ihrer Organe. Denn die Vernunft ist ein Universalinstrument, das bei allen Gelegenheiten zu Diensten steht, während diese Organe für jede besondere Handlung einer besonderen Einrichtung bedürfen; was es unwahrscheinlich macht, dass es in einer einzigen Maschine genügend verschiedene Organe gibt, die sie in allen Lebensfällen so handeln ließen, wie uns unsere Vernunft handeln lässt. Diese zwei Mittel kennzeichnen nun auch den Unterschied zwischen Mensch und Tier; denn es ist ganz auffällig, dass es keinen so stumpfsinnigen und dummen Menschen gibt, nicht einmal einen Verrückten ausgenommen, der nicht fähig wäre, verschiedene Worte zusammenzuordnen und daraus eine Rede aufzubauen, mit der er seine Gedanken verständlich macht; und dass es im Gegenteil kein anderes Tier gibt, so vollkommen und glücklich veranlagt es sein mag, das ähnliches leistet. Dies liegt nicht daran, dass den Tieren Organe dazu fehlten; denn man kann beobachten, dass Spechte und Papageien ebenso wie wir Worte hervorbringen können und dass sie dennoch nicht reden, d. h. zu erkennen geben können, dass sie denken, was sie sagen, wie wir. Von Geburt taubstumme Menschen dagegen müssen die Organe, die andere zum Reden gebrauchen, ebenso oder mehr noch entbehren als die Tiere und erfinden doch für gewöhnlich selbst Zeichen, mit denen sie sich Leuten ihrer gewohnten Umgebung, die Zeit haben, ihre Sprache zu lernen, verständlich machen. Dies zeigt nicht bloß, dass Tiere weniger Verstand haben als Menschen, sondern vielmehr, dass sie gar keinen haben.

Descartes, René (1990): Discours de la méthode. Hamburg : Felix Meiner Verlag, S. 32.

Nora K.: Haben Tiere eine Seele?

Lieber Vittorio,

vielen Dank für Deine beiden Briefe, Entschuldigung, dass ich so spät schreibe, aber in der letzten Woche hatte ich ziemlich viel zu tun. Na ja, als erstes werde ich Deinen ersten Brief, so gut es geht, beantworten. Also, mir hat sich eine Frage gestellt: haben Tiere wirklich keine Seele? Das war doch auch Renés Frage oder? Er ist zu dem Schluss gekommen, dass Tiere keine Seele haben, stimmt´s? Ich weiß nicht so recht, was ich dazu sagen soll, denn bei unserem Hund kann man viele Eigenschaften feststellen die eigentlich zu einer Seele gehören. Zum Beispiel: Er kann Freude, Schmerz, Trauer (wenn er jault) und auch ein bisschen Heimweh empfinden. Aber das sind ja nicht alle Eigenschaften einer Seele. Da gibt es ja noch die Liebe oder den Verstand. Huch, da fällt mir etwas auf: Etwas Verstand müssen Tiere doch auch haben, denn Tiermütter sorgen sich ja ganz zärtlich um ihre Kinder, und tadeln tun sie sie auch! Hm, das ist wirklich sehr schwer! Vielleicht haben Tiere auch eine Art Tierseele? Oder eine halbe Seele? Was meinst Du denn? Gehört Freude zum Bewusstsein? Haben Tiere vielleicht nur ein Bewusstsein, keine richtige Seele? Vielleicht haben Tiere eine Erkenntnis!? Aber eines kannst Du René sagen: Tiere sind sicherlich keine Computer!

Deine Nora

*Mit René ist der französische Philosoph René Descartes gemeint

Hösle, Vittorio (1998): Das Café der toten Philosophen. München: Verlag C. H. Beck, S. 25/26.

Sarah Tietz, Markus Wild: Was der Hund über die Katze denkt

Es gibt Tiere, die bestimmt denken, nämlich die Mitglieder unserer Spezies. Menschen denken permanent. Sie erfassen Gedanken, erwägen sie, verbinden sie zu Gedankenfolgen, bilden dadurch neue Gedanken, drücken dies bisweilen in Wort und Schrift aus und vieles mehr. Menschen denken, wenn sie Häuser bauen, wenn sie essen oder trinken. Menschen denken aber nicht nur, während sie handeln, sondern sie denken vor allem, um zu handeln. Gedanken sind die Grundlage dafür, dass Menschen bestimmte Handlungen im Gegensatz zu anderen vollziehen.

Wie aber steht es mit anderen Tierarten? Wenn ein Rabe sein Nest baut, denkt er dann, er baue ein Nest? Oder wenn eine Biene ihren Artgenossinnen mit einem Bienentanz zeigt, wo es Nektar zu finden gibt, weiß sie dann, dass sie eine Richtungsanweisung gibt? Kann ein Schimpanse überrascht sein, stutzen und einen aufsteigenden Zweifel haben? Können wir das Denken der Tiere überhaupt erfassen? Wenn ja, wie? Wenn nein, warum nicht?

Das sind schwierige Fragen. Denn ihre Beantwortung hängt von verschiedenen Faktoren ab: zum einen natürlich davon, was es überhaupt heißt, zu denken und zum anderen aber auch davon, wie man bestimmtes tierisches Verhalten zu deuten hat. Um diese verwirrenden Fragen besser in den Griff zu bekommen, kann das folgende Beispiel helfen. Es stammt von dem amerikanischen Philosophen Norman Malcolm und ist sowohl in der philosophischen Diskussion als auch im Feuilleton oft benutzt worden: Nehmen wir einmal an, unser Hund jage die Nachbarskatze. Diese rast mit Volldampf auf eine Eiche zu, schwenkt aber im letzten Moment plötzlich ab und verschwindet auf einem nahen Ahorn. Der Hund sieht dieses Manöver nicht und stellt sich, bei der Eiche angekommen, auf die Hinterbeine, kratzt mit den Pfoten am Stamm, als wolle er hochklettern, und bellt aufgeregt zu den Ästen hoch. Wir, die wir die Episode vom Fenster aus beobachten, sagen: “Er denkt, die Katze sei diese Eiche hochgeklettert."

Weder ist es unverständlich noch unangemessen zu sagen, der Hund denke, dass die Katze die Eiche hoch geklettert sei. Damit können wir das Verhalten des Hundes gut erklären. Der Hund ist sozusagen auf dem Holzweg: Er denkt fälschlicherweise, dass die Katze sich auf der Eiche versteckt. Und weil er dies denkt, bellt er die Eiche empor. Wir haben dem Hund einen bestimmten Gedanken zugeschrieben. Damit haben wir auch einen besseren Zugriff auf die Frage gewonnen, ob Tiere denken. Denken scheint so etwas wie Gedanken bestimmten Inhalts vorauszusetzen. Die Frage, die wir zuerst beantworten müssen, lautet mithin: Haben Tiere Gedanken? Das Beispiel legt eine positive Antwort nahe. Der Hund hat einen Gedanken. Was er denkt, erklärt, was er tut.

Tietz, Sarah und Wild, Markus: Denken Tiere? In: Information Philosophie, Heft 3, 2006, S. 14.

Richard David Precht: Tiere können nicht moralisch sein

Der Mensch ist das einzige Tier, das sich bewusst dazu entscheiden kann, unmoralisch zu handeln! Er ist nicht das einzige Tier, das lacht - auch Schimpansen können lachen. Aber er ist das vermutlich einzige Tier, das andere auslacht. Und es ist anzunehmen, dass Menschen auch die einzigen Tiere sind, die andere Angehörige der eigenen Art hassen können: Menschen, die anders sind als sie, Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, Menschen, die an etwas anderes glauben, Menschen, die mehr besitzen als sie, Menschen, die in anderen Ländern oder Kultur kreisen leben. Warum das so ist, ist nicht leicht zu sagen. Ein Hinweis könnte sein, dass der Mensch das Tier mit der wahrscheinlich geringsten dauerhaften Glücksfähigkeit ist.

Ein Tier, das von seinem enormen Gehirn und dessen unaufhaltsamen und nichtabstellbaren Gedanken tyrannisiert wird. Er ist das einzige Tier, das weint. Das einzige Tier, das neidet, missgönnt und bereut. Das einzige Tier, das sich schuldig fühlt. Das einzige Tier, das an sich selbst verzweifeln kann. Das einzige Tier, das sich selbst tötet. Auf der Gegenseite ist der Mensch das vermutlich einzige Tier, das sich bewusst dafür entscheiden kann, moralisch zu sein. »Menschlichkeit« - objektiv betrachtet schließt das Wort alle Eigenschaften des Menschen mit ein, seine Liebe ebenso wie seinen Hass, seine Fürsorge wie seine Selbstsucht, sein Mitgefühl wie seine Teilnahmslosigkeit am Schicksal der anderen. Subjektiv dagegen verwandelten schon die Gelehrten des 15. Jahrhunderts die Humanitas in eine positive Wertung. Nur der soziale Anteil unserer Fähigkeiten sollte ausmachen, was es heißt, ein wahrer Mensch zu sein. Von nun an konnte man sogar mehr oder weniger Mensch sein, je nachdem, wie viel Güte man in seinem Herzen versammelte. Wer die anderen achtete und liebte, sie förderte und unterstützte, war menschlicher als der, der dies nicht tat. Dass »Menschlichkeit« immer beides sein soll - die Definition unserer Art und die Fähigkeit, moralisch freundlich zu sein ist eine ziemlich angestrengte Idee. Und vielen erscheint sie geradezu bizarr angesichts der blutigen Menschheitsgeschichte. Andererseits kommen Menschen im Alltag zumeist erstaunlich gut miteinander klar.

Wann haben Sie das letzte Mal jemanden geschlagen? Wie oft sind Sie in den letzten Monaten überfallen worden? Wann hat Ihnen das letzte Mal jemand das Essen geklaut oder Ihnen gewaltsam den Sexualpartner entrissen? Wir sind in der Tat eine merkwürdige Spezies: Auf der einen Seite ist der Mensch das Lebewesen, das am brutalsten und grausamsten überhaupt sein kann. Zu fast allen Zeiten gab es Folter und Mord, Pogrome und Genozid, Massaker und Krieg. Auf der anderen Seite halten es dieselben Lebewesen normalerweise recht gut miteinander aus. Sie grüßen sich, rempeln sich nicht an, sind meistens recht freundlich zueinander, und sie lachen gerne zusammen. Und sie tun all dies nicht etwa, weil sie Strafen fürchten. Fast jeder von uns bleibt gerne vor einer roten Ampel stehen, wenn kleine Kinder in der Nähe sind. Und was uns daran hindert, das Signal zu ignorieren, ist nicht die Angst vor dem Gefängnis.

Den Menschen und seine Moral wissenschaftlich objektiv zu beschreiben ist kaum möglich. Natürlich stellen wir unter den Menschen und Kulturen ein enormes Maß an Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten fest. Doch was daran genetisch fixiert und was kulturell überliefert ist, können wir fast nie sicher mit dem Skalpell trennen. Nicht alles, was allen gemeinsam scheint, muss biologisch codiert sein. Es wäre auch möglich, dass es sich aus psychologisch naheliegenden Gründen parallel entwickelt hat. In solcher Lage schlägt die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum (*1947) von der Chicago Law School vor, dass es vielleicht nur ein einziges Kriterium gibt, das tatsächlich festlegt, was ein Mensch ist. Es ist, »dass wir uns über viele Unterschiede der Zeit und des Ortes hinweg gegenseitig als Menschen anerkennen «.-

Richard David Precht (2010): Die Kunst, kein Egoist zu sein. München: Goldmann, S. 88-90.




 

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 8-9/2012)

Mensch und Tier

Tiere sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig: als Nahrungsquelle, als Schuhsohle, als Haustier. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Menschen sich schon immer Tiere zu nutzen gemacht haben. Dürfen wir das? Und wenn ja, in welcher Weise? Weiter...