Tiertransport
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Tierethische Positionen

14.1.2014

Gleicher moralischer Status für Tiere?



Wenn es moralische Normen gibt, die auf Tiere direkt anwendbar sind, dann muss man sich fragen, warum Tiere in dieser Hinsicht weniger zählen sollten als Menschen. Wenn das Verbot der Leidenszufügung auch für Tiere gilt, dann sollte man denken, dass der Schmerz eines Tiers prinzipiell dieselbe moralische Relevanz hat wie der ungefähr gleiche Schmerz eines Menschen und so zumindest dort, wo kein Konflikt zwischen dem moralischen Recht eines Menschen und dem eines Tiers vorliegt, berücksichtigt werden müsste. Warum wird er dann aber doch in vielen Fällen schwächer gewichtet? Argumentiert wird durch den Hinweis auf Unterschiede, wobei diese teils Fähigkeiten, teils Beziehungen betreffen.
  1. Wert oder Würde des Menschen: Wenn jemand aus religiösen oder anderen Gründen an einen besonderen Wert des Menschen glaubt, dann ändert das nichts daran, dass Menschen und Tiere die Leidensfähigkeit teilen. Wer glaubt, dass Tiere Mitgeschöpfe sind, müsste sehen, dass Tiere als Wesen geschaffen sind, welche auf besondere Weise schutzlos und verletzlich sind (Linzey).
  2. Vernunft, Selbstbewusstsein, Zeitbewusstsein, Moralfähigkeit des Menschen: Dass Tiere hier manche Fähigkeiten nicht haben, trifft zu, heißt aber nur, dass manche moralischen Normen auf sie gar nicht anwendbar sind. Man muss hier scharf unterscheiden zwischen "gleichen Rechten (gleichem Status)" und "Gleichbehandlung" (Dworkin). Z. B. haben Menschen mit Behinderung ein Recht auf besondere Hilfsmittel, Gesunde nicht. Diese Ungleichbehandlung bedeutet natürlich nicht, dass Gesunde einen schwächeren moralischen Status haben, sondern erklärt sich aus der Verschiedenheit der Bedürfnisse. Dass Tiere kein Recht auf Anerkennung haben, kommt also nicht daher, dass sie einen schwächeren moralischen Status haben, sondern liegt daran, dass sie kein entsprechendes Interesse haben, das man verletzen könnte. Außerdem gilt hier Singers Argument des Speziesismus.
  3. Spezielle Beziehungen: Gegen das Speziesismusargument könnte man einwenden, dass wir gegenüber Mitgliedern der eigenen Spezies, da sie uns näher stehen, stärkere Verpflichtungen haben als gegenüber Wesen anderer Arten (Becker). Daran ist richtig, dass Nähe ein moralisch relevantes Kriterium sein kann. Aber das Argument ist in vielfacher Hinsicht konfus. Nähe fällt nicht automatisch mit den Speziesgrenzen zusammen, viele Menschen fühlen zu ihrem Hund eine größere Nähe als zu einem unbekannten Menschen. Vor allem aber ist Nähe keine Minderung der Gleichheit, sondern ein Zusatzargument, das nur dann akzeptabel ist, wenn zwei Ansprüche zusammentreffen, die zu einem moralischen Konflikt führen. Wenn jemand nur ein Kind aus dem Feuer retten kann, rechtfertigt das Argument der Nähe, dass er das eigene Kind wählt, wenn ein Kind oder einen Hund, dass er das Kind wählt. Aber das Leiden, das die heutige Tiernutzung Tieren zufügt, hat nichts mit einer solchen Rettungsboot-Situation zu tun (Midgley).

Anwendungsfragen



Die drängendsten Anwendungsfragen, die in der Tierethik diskutiert werden, sind die Nutzung von Tieren zu Nahrungszwecken und Tierversuche. Weitere Fragen betreffen die Zulässigkeit der Jagd, des Stierkampfs, der Zirkus- und Zoohaltung sowie der Pelztierzucht. Probleme werfen auch der Umgang mit den sogenannten Kulturfolgern (Füchsen, Ratten usw.) und der Konflikt mit Wildtieren um begrenzte Ressourcen auf. Wenn eine ernsthafte ethische Berücksichtigung der Tiere das Zusprechen eines gleichen Status erfordert, dann erscheinen viele Praktiken der Tiernutzung als bedenklich. Denn dann können menschliche Interessen wie kulinarischer Genuss, ästhetische Lust, Kulturbewahrung, die eine große Bandbreite von Befriedigungsmöglichkeiten haben, nicht als Rechtfertigung dafür dienen, Tieren erhebliches Leiden in Form von Schmerzen, Angst oder Beraubung von Betätigungsmöglichkeiten und sozialen Kontakten zuzufügen, Leiden also, welches das Erreichen des Wohls unmöglich macht.

Tierversuche



Am ehesten könnte man dann Tierversuche für gerechtfertigt halten, weil durch sie Leiden von Menschen behoben bzw. verhindert werden soll. Aber hier liegt kein direkter Konflikt vor, weil nicht ein bestimmtes Leiden eines Tiers einem konkreten Menschen hilft, sondern Tierversuche Teil einer langfristigen Strategie sind, die nur mit mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krankheiten liefern wird. Wenn wir nicht vom Utilitarismus, sondern von individuellen Rechten ausgehen, liegt schon deswegen kein Konflikt vor, weil die Pflicht, anderen zu helfen, unbestimmt und gerade durch die Rechte der anderen Wesen, nicht Nutzenstrategien geopfert zu werden, begrenzt ist.

Konsum von Tierprodukten



Die Massentierhaltung in der heutigen Form, welche Tieren großes Leiden zufügt, lässt sich nicht rechtfertigen, da die Menschheit sich auch mit weniger Tierprodukten ernähren könnte. Strittig ist, ob die Nutzung und Tötung von Tieren überhaupt legitim ist. Wenn Grundlage für die Berücksichtigung der Tiere die Leidensfähigkeit ist, wie ist dann das Töten von Tieren zu bewerten? Hier müsste man zwischen Tieren mit unterschiedlichen Entwicklungsstufen unterscheiden. Wo Tiere über hochentwickelte mentale Fähigkeiten verfügen, die es nahelegen, ihnen ein bewusstes Interesse am Weiterleben zuzuschreiben, lässt sich das Töten nicht rechtfertigen. Bei niedrigeren Tieren kann man das Töten für akzeptabel halten, wo dabei kein Leiden zugefügt wird.

Aber ist nicht die dem Töten vorhergehende Haltung von Nutztieren, z. B. von Legehennen oder Milchkühen, mit großem Leiden verbunden? Faktisch ist das sicher meistens der Fall, es wäre aber zu klären, ob das grundsätzlich so sein muss. Tiere sind in ihrem Verhalten flexibel und lernfähig und nicht auf genau eine Lebensweise festgelegt. Daher kann man sich tierfreundliche Formen der Nutzung vorstellen, die es den Tieren ermöglichen, eine Form des Wohls zu realisieren. Da wir derzeit von einer solchen Tierhaltung weit entfernt sind, ist die wachsende Attraktivität der veganen Lebensweise verständlich, die nicht nur wie der Vegetarismus auf das Essen von Fleisch und Fisch verzichtet, sondern auf die Nutzung jeglicher Tierprodukte.

Literatur



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Bekoff, Marc / Meaney, Carron A. (Hg.) (1998): Encyclopedia of Animal Rights and Animal Welfare. Westport.

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Tugendhat, Ernst (1993): Vorlesungen über Ethik. Frankfurt a.M., 9. Vorl.

Wolf, Ursula (2012): Ethik der Mensch-Tier-Beziehung. Frankfurt a.M.

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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Prof. Dr. Ursula Wolf, Jens Tuider für bpb.de

 

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 8-9/2012)

Mensch und Tier

Tiere sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig: als Nahrungsquelle, als Schuhsohle, als Haustier. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Menschen sich schon immer Tiere zu nutzen gemacht haben. Dürfen wir das? Und wenn ja, in welcher Weise? Weiter... 

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