Tiertransport

Pflegerische Ethik


9.4.2014
Verfügt die professionelle Pflege als Dienstleistung über normative Grundlegungen? Gibt es pflegebezogene ethische Fragestellungen? Wie kann eine systematische pflegeethische Reflexion im Praxisalltag gelingen?

Eine Pflegehausbewohnerin und eine Pflegehelferin gehen am 08.03.2013 in Hamburg in einem Seniorenzentrum mit einem Rollator einen Gang entlang.Eine Pflegehausbewohnerin und eine Pflegehelferin gehen am 08.03.2013 in Hamburg in einem Seniorenzentrum mit einem Rollator einen Gang entlang. (© picture-alliance/dpa)

Bezugspunkte pflegeethischer Reflexion



Ethik in der Pflege thematisiert diejenigen moralischen und ethischen Dimensionen, die im Kontext des verantwortlichen pflegeberuflichen Auftrags, der interdisziplinären Zusammenarbeit und der professionellen Interaktion bedeutsam sind.[1] Ethik hat zum Ziel, Orientierungshilfe für die ethisch reflektierte und moralisch begründbare Pflegepraxis zu sein.[2] Ethik und ethische Reflexion, verstanden als integraler Bestandteil professioneller Pflege, sind an den originären Gegenstandsbereich der Pflege und die damit gekoppelten anthropologischen Implikationen gebunden. Nachfolgend werden zentrale ethische und moralische Orientierungspunkte benannt.

Die Pionierin der Pflege – Florence Nightingale – prägte mit ihrem "Nightingaleschen Eid"[3] das älteste pflegerisch-ethische Dokument.[4] Die pflegerische Ethik in Deutschland wurde u. a. durch eine im Jahr 1995 vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) veröffentlichte Publikation lanciert (Originaltitel: Ethics in Nursing Practice, A Guide to Ethical Decision Making).[5]"The Nurse´s Dilemma: Ethical Considerations in Nursing Practice" von Sara T. Fry beeinflusste bereits seit 1977 im anglo-amerikanischen Bereich den pflegeethischen Diskurs des ICN (International Council of Nurses). Die Autorin beschreibt ein konkretes Entscheidungsfindungsmodell für die Pflegepraxis und deklariert Wohltätigkeit, Gerechtigkeit, Autonomie, Aufrichtigkeit und Loyalität zu den "wichtigsten Grundsätzen" pflegerischer Berufsausübung.[6] Bereits im Jahr 1923 nahm der ICN die Arbeit an einem Konzept für einen Pflegeethik-Kodex auf. Dieser wurde – nach der Unterbrechung der Entwicklungsarbeit während des Zweiten Weltkriegs – 1953 vorgestellt und seit der ersten Publikation mehrfach überarbeitet.[7] Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe hat den Wortlaut übernommen. Das heißt, der ICN-Ethikkodex ("The ICN Code of Ethics for Nurses") als Modell prägt und beeinflusst den hiesigen Berufsethos. Er nimmt Bezug auf die Grundwerte der Menschenwürde und Menschenrechte, die er der professionellen Pflege als normative Dimensionen zugrunde legt.[8] Der Berufskodex selbst bildet Eckpunkte ethischer Prinzipien und Maßstäbe ab und fordert über die ethischen Normierungen hinausgehend die verantwortungsvolle situationsbezogene ethische Abwägung und Reflexion, orientiert an den Spezifika der jeweiligen Pflegesituation und deren Kontexte.

Auch die Pflegetheorien, die das Pflegehandeln strukturieren, beinhalten anthropologische wie auch ethische Dimensionen des Menschseins und der Pflege und nehmen diesbezüglich Setzungen vor.[9] Die in einzelnen Pflegetheorien enthaltenen Caring-Konzepte (z. B. bei Leininger u. Watson[10]) beschreiben darüber hinausgehend eine pflegerische Grundhaltung. Die Diskurse zur Care-Ethik[11], die "Care Perspektive"[12] und die damit verbundenen Konzepte (zum Beispiel das Konzept der Achtsamkeit[13]) sind für die Grundlegung des moralischen und normativen Bezugsrahmens einer pflegerischen Ethik zu berücksichtigen.

Bereits in dieser Darstellung wird ersichtlich, dass die Pflege mehrere ethische Bezugspunkte hat: den Ethikkodex der ICN, die Pflegetheorien mit den jeweiligen Werteorientierungen zum Beispiel der Menschenwürde, der beruflichen Verantwortung (ICN-Ethikkodex) und der Achtsamkeit (Care-Ethik). Aktuelle ethische Bezugspunkte finden sich für die Pflege ferner in den Chartas, die zunehmend zur Orientierung pflegebezogener Entscheidungen werden: die "Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen"[14] und die "Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland"[15]. Beide Chartas enthalten Werte und Werteorientierungen, die konkrete ethische Anhaltspunkte für eine ethisch reflektierte und moralisch begründbare Pflegepraxis eröffnen. So fordert die Charta für hilfe- und pflegebedürftige Menschen in Artikel 1 "Selbstbestimmung und Hilfe zur Selbsthilfe" in Artikel 2 "Freiheit und Sicherheit", in Kapitel 3 "Privatheit" und in Kapitel 6 "Wertschätzung und Teilhabe"[16]. Die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland stellt die Würde in den Mittelpunkt sowie "eine Perspektive der Fürsorge"[17].

Deutlich wird, in der Pflege gibt es nicht die leitenden Werte oder Prinzipien. Allerdings gibt es Werte, die wiederkehrend und deren Berücksichtigung im Kontext pflegeprofessioneller Entscheidungen unumstritten sind, wie zum Beispiel die (Menschen-)Würde, die Autonomie, die Fürsorge, die Teilhabe und die Verantwortung. Das heißt, die exemplarisch benannten Bezugspunkte (hier Ethikkodex, Pflegetheorien, Chartas) lösen mit ihren ethischen Anhaltspunkten keinesfalls die in der Pflegepraxis vorhandenen ethischen Fragestellungen und Probleme. Zudem können die benannten Werte selbst ein ethisches Spannungsfeld auslösen, so zum Beispiel zwischen dem Wert der Autonomie und der Fürsorge. Exemplarische ethische Konfliktfelder werden nachfolgend ausgeführt.

Ethische Reflexion im professionellen Pflegealltag und der Pflegebeziehung



Pflege als "zwischenmenschliches Geschehen"[18] im Kontext von Interaktion und Begegnung hat in vielfältiger Form das Potenzial zu ethischen Dilemmata und moralischen Irritationen.[19] Die Bedeutung der Pflegeethik hat zugenommen. Das hat mit der zunehmenden Komplexität und den wachsenden Anforderungen an professionelle Pflege unter unterschiedlichen Bedingungen zu tun, auch vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Rahmenbedingungen. Die erhöhte Sensibilität für ethische Fragestellungen ist in allen Handlungsfeldern der Berufsgruppe gefordert: der Klinik, der stationären Langzeitpflege und der häuslichen Versorgung. Vielfach gilt es, ein breites Spektrum an Kontextualisierung (z.B.: Welche Rahmenbedingungen? Welches Setting? Welcher Kostenträger?) und Interdisziplinarität einzubeziehen.

Die jeweiligen Zielgruppen professioneller Pflegeleistungen (zu Pflegende, Angehörige, Zugehörige – lebensphasenübergreifend) verlangen spezifische Perspektiven sowie unterschiedliche Bezugspunkte der jeweiligen Pflegebedarfe und der Pflegeleistung selbst. Pflegebezogene Begegnungen und Handlungssituationen sind geprägt von verschiedenen Lebenswelten, Lebensentwürfen und Lebensbezügen, von Asymmetrien und Diversitäten. Pflegebezogene Kontakte sind von unterschiedlicher Intensität und Dauer. Das führt dazu, dass Pflegende häufig zu wichtigen Partnern in pflege- und lebensbezogenen Entscheidungen werden.

Viele Faktoren beeinflussen Pflegesituationen: Wer ist wie subjektiv betroffen? Wessen Verletzlichkeit gilt es zu schützen, worauf muss Rücksicht genommen werden? Viele Probleme in diesem Kontext entstehen aus den Widersprüchen zwischen den Beteiligten, also zu Pflegenden u. Pflegenden. Diese Widersprüche wiederum resultieren aus den Unterschieden in persönlichen, spirituellen und/oder kulturellen Werteorientierung und ethischen Intuitionen. Zugleich besteht in jedem Bereich der Pflege aufseiten der professionell Pflegenden der Wunsch, eine qualitätvolle, am Individuum orientierte Pflege zu realisieren, die den aktuellen pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht. Das heißt also: Die professionelle Pflege möchte theoretische, evidenzbasierte Anforderungen ebenso gerecht werden wie objektiv erfassbaren Pflegebedarfen und individuellen Bedürfnissen. Dies führt nicht selten zu ethischen Spannungsfeldern.[20] So kann zum Beispiel eine bestimmte Pflegeintervention – wie die regelmäßige Lagerung – Hautläsionen verhindern, die seitens des aufgeklärten und einwilligungsfähigen pflegebedürftigen Menschen jedoch abgelehnt wird, aus dem Bedürfnis nach Privatheit und Ruhe heraus. Die sich aus der bestehenden Diskrepanz zwischen objektivem Pflegebedarf (Hautläsionen verhindern) und individuellem Bedürfnis (nach Privatheit und Ruhe) und der bestehenden Wertepluralität ergebenden Dilemmata (die professionell Pflegenden leitet für ihr Handeln, ihre pflegefachliche Argumentation und Entscheidung ein anderer Wert als den zu pflegenden Menschen aus seiner individuellen Perspektive heraus) fordern eine systematisierte ethische Reflexion. Die geforderte Entscheidung bedarf – ergänzend zu der pflegefachlichen Analyse und Bewertung (Gefahr von Hautläsionen) – der pflegeethisch begründeten Positionierungen in Bezug auf das Handeln beziehungsweise in diesem Beispiel in Bezug auf das Unterlassen.[21]

Zentrale pflegeethische Implikationen



Übergreifender Auftrag professionell Pflegender in den unterschiedlichen pflegeberuflichen Handlungsfeldern und Bedingungen ist der Schutz der physischen und psychischen Integrität aller in die Pflegesituation involvierten Personen. Bedeutsam für den professionellen Pflegealltag ist die reflektierte Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens und den damit einhergehenden vielfältigen und facettenreichen ethischen Fragestellungen. Dies gilt insbesondere in den spezifischen Handlungsfeldern der Intensivpflege und dem sog. Palliative Care Setting in Hospizen und der Altenhilfe. Professionelles Pflegehandeln fordert den ethisch reflektierten, verantwortlichen und rechtlich sicheren Umgang mit Patientenverfügungen, unterschiedlichen Formen der Willensbekundung und den oftmals inhärenten Autonomie- und "Wohldiskursen". Der zunehmende professionelle Pflegebedarf von Menschen mit kognitiven Veränderungen wie Demenzerkrankungen fordert die sorgfältige und systematische ethische Reflexion intendierter pflegerischer Interventionen, da diese Gruppe besonders verletzlich ist und die Kommunikation vielfach eingeschränkt.

Das Thema der Entscheidungsfindung bei Menschen mit erschwerter Kommunikation (als häufige Folge der Demenz) und bei nicht mehr entscheidungsfähigen älteren Menschen wird zunehmend zu einem ethisch reflexionswürdigen Gegenstand professioneller Pflege in allen beruflichen Handlungsfeldern. Dies bezieht sich nicht nur auf die "großen ethischen Fragestellungen" (PEG ja/nein, Krankenhauseinweisung ja/nein, kurative oder palliative Therapieoptionen, Therapiezieländerungen, passive Sterbehilfe etc.) sondern insbesondere auch auf die alltäglichen pflegebezogenen Entscheidungen: den Umgang mit motorischer Unruhe, dem Umgang mit herausforderndem Verhalten (mechanische und medikamentöse Fixierung, Sedierung, Vergabe von Medikamenten etc.) aber auch dem Schutz der Intimität und Privatsphäre, der Teilhabe und Partizipation, Gewaltbereitschaft und Zwang etc., Entscheidungen die seitens der Pflegenden in den komplexen Pflegesituationen eingefordert werden.[22]

Die in der Entscheidungssituation variierenden situativen Deutungen von Autonomie, Menschenwürde und vielfach auch von Lebensqualität, stellen potenzielle ethische Konfliktfelder dar. Ein Aspekt, der diesbezüglich ethische Spannungsfelder provozieren könnte, ist die Diskrepanz zwischen dem formulierten mutmaßlichen Willen der seitens der Angehörigen und/oder dem gesetzlichen Betreuer vertreten wird (zum Beispiel bezogen auf die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr) und dem erlebten Willen (bezogen auf Hunger und Durst), wie ihn die Pflegenden in ihrer Pflege rund um die Uhr bei dem Gegenüber registrieren und erfahren. Hier können die gutgemeinte Fürsorge und die erlebte Selbstbestimmung Ausgangspunkt für einen ethischen Konflikt sein, der sich in dem Dilemma zwischen Fürsorge und Autonomie bzw. zwischen dem jeweils erfassten Wille und dem definierten Wohl konkretisiert.[23]

Pflegeethische Sensibilität manifestiert sich in Alltagssituationen, im Umgang mit den Patienten bei der Pflege, in Beziehung und Interaktion.. Im Hinblick auf die stationäre Langzeitpflege bedeutet das: Die Wahrung und der Respekt vor der Autonomie, also der Selbstbestimmung der Menschen, die in einer stationären Einrichtung leben, haben einen besonders hohen Stellenwert, ebenso der Aspekt der Privatheit und die konsequente Sensibilität für spezifische Aspekte der "Totalen Institution".[24]

Ethische Herausforderungen, die das Pflegemanagement zunehmend berühren, resultieren aus dem finanziellen Druck, der Knappheit der Güter im Gesundheitswesen und den damit einhergehend geforderten Prozessen der Ökonomisierung, Rationierung und Priorisierung.[25]

Aktuelle technologische Entwicklungen im Kontext altersgerechter Assistenzsysteme und der Pflege (z.B. die "therapeutische" Robbe Paro, die in der Pflege von Menschen mit Demenz eingesetzt wird[26] oder "Care-o-bot 3"[27] ein Roboter, der in der stationären Altenhilfe dazu eingesetzt wird, Getränke anzureichen und zur Beschäftigung zu animieren) provozieren ihrerseits spezifische ethische Fragestellungen, die aufgrund des technischen Wandels die Berufsgruppe der Pflegenden betreffen.[28]

Pflegeethische Reflexion als professioneller Auftrag



Pflegerische Ethik ist keine "besondere" Ethik. Sie ist eine Ethik, die sich auf die Besonderheiten der ethischen Fragestellungen im Pflegehandeln, in Pflegesituationen und im Rahmen der pflegebezogenen Begegnungen und Interaktionen bezieht. Sie eröffnet und fordert eine spezifische pflegeethische Reflexion. Die professionsbezogene Zuordnung konkretisiert den Auftrag an die Berufsgruppe der Pflegenden, ihr berufliches Handeln der ethischen Reflexion zu unterziehen sowie sensibel zu sein für ethische Fragestellungen im Handlungsvollzug und in den pflegebezogenen Kontexten. Pflegerische Ethik grenzt sich, so verstanden, nicht primär inhaltlich von anderen Berufsgruppen ab, was vor dem Hintergrund der Prämisse interdisziplinären Handelns auch nicht erstrebenswert erscheint. Abgrenzung erfolgt vielmehr in Bezug auf den pflegeberuflichen Auftrag selbst und die originäre Rolle der Pflegenden im interdisziplinären Versorgungssetting. Ziel pflegerischer Ethik ist es, Ethik als genuinen Gegenstand professionellen Pflegehandelns zu registrieren und ethische Reflexion verantwortungsvoll zu praktizieren. Im speziellen Fokus der Pflegeethik steht deshalb neben der Individuums- auch die Werteorientierung. Beide sind im Rahmen professionellen Pflegehandelns sowie pflegefachlicher Beziehungsgestaltung einzufordern.[29]

Die Konsequenz der Identifikation eines ethischen Spannungsfeldes, wie in dem beschriebenen Beispiel der Ernährung und Flüssigkeitszufuhr, fordert ein, dass das situativ entstehende ethische Dilemma – bestenfalls im Rahmen einer interdisziplinären ethischen Fallbesprechung – systematisch reflektiert wird. Das Spannungsfeld zwischen den beiden konkurrierenden Werten (Autonomie und Fürsorge), das ethische Dilemma aufgrund der unterschiedlichen Einschätzungen von Wille und Wohl des pflegebedürftigen Menschen, ist zugleich der zentrale Gegenstand der ethischen Fragestellung und Ausgangspunkt für eine ethische Fallbesprechung.

Ethische Fallbesprechungen sind demzufolge zentrale Verfahren im professionellen Pflegehandeln, um zu guten, transparenten und für alle Beteiligten akzeptablen Entscheidungen zu kommen. Ethische Fallbesprechungen werden ebenfalls in den bereits genannten Chartas eingefordert. So empfiehlt z. B. die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland "in Entscheidungssituationen (...), in denen Wertekonflikte bestehen oder der mutmaßliche Wille erforscht werden muss, sind ethisch und rechtlich reflektierte, dialogische Verfahren der Entscheidungsfindung zu verankern."[30]

Ethische Reflexion im Pflege- und Versorgungsalltag



Ethische Reflexion und ethische Konsentierung sind grundlegend dafür, dass die jeweilige Pflegehandlung als ethisch legitime Maßnahme akzeptiert und realisiert werden kann (Bezug nehmend auf das o. g. Beispiel: von den Angehörigen, gesetzlichen Betreuern und den professionell Pflegenden). Im Kontext der systematischen ethischen Reflexion gilt es die leitende Werteorientierung zu erfassen. Es stellen sich hier u. a. folgende Fragen: Welche Werte sind in der Situation beteiligt (Autonomie/Selbstbestimmung, Fürsorge, Würde etc.)? Welcher Wert leitet wen in Bezug auf die Argumentation (hier kann für die Angehörigen/gesetzlichen Betreuer ein anderer Wert argumentativ leitend sein, als für die professionell Pflegenden)? Welcher Wert repräsentiert und beansprucht in der Situation Wahrheit und Gültigkeit? In der ethischen Reflexion gilt es die Konsequenzen der jeweiligen Werteorientierung vorwegzunehmen (welche Folge hat die Orientierung an der Selbstbestimmung, welche Konsequenzen ergeben sich aus der Orientierung an der Fürsorge?), Wertekonflikte zu reflektieren (z. B. zwischen dem Wert der Selbstbestimmung und der Fürsorge) um dem Anspruch an eine ethisch fundierte Entscheidung gerecht zu werden. Diese komplexe Entscheidung kann systematisierend durch eine ethische Fallbesprechung erfolgen.[31]

Sukzessive etablieren sich Verfahren und Instrumente der Ethikberatung[32] auch außerhalb des klinischen Settings, wie z. B. in Altenhilfeeinrichtungen und Hospizen.[33] In allen Handlungsfeldern spielt die professionelle Pflege und Betreuung im Kontext einer qualitätvollen Versorgung eine maßgebliche Rolle, demzufolge auch die pflegeethische Perspektive. Die Profession Pflege ist gefordert, ihrer pflegeberuflichen Verantwortung nachzukommen und sich an Prozessen ethischer Reflexion und Entscheidungsfindung aktiv zu beteiligen. Das heißt, Pflegende sind aufgefordert, die spezifischen pflegebezogenen ethischen Gesichtspunkte, die pflegeethische Expertise wie auch die aus ihrer Perspektive beteiligten Wertekonflikte im Sinne einer guten Entscheidung in den interdisziplinären ethischen Entscheidungsfindungsprozess (z. B. im Rahmen ethischer Fallbesprechungen und/oder der Ethik-Leitlinienentwicklung) konsequent einzubringen.[34] Pflegende sind angehalten, Verantwortung für eine würdevolle Pflege zu übernehmen, und zwar aus dem jeweiligen genuinen pflegeberuflichen Auftrag heraus.


Fußnoten

1.
Oh, Y., Gastmans, C., Moral distress experienced by nurses: A quantitative literature review. In: Nursing Ethics, 2013. Published online, DOI: 10.1177/0969733013502803, 1-7.
2.
Gastmans, C., Pflegeethik und aktive Sterbehilfe: Positionen und Implikationen für die Praxis. In: Monteverde, S. (Hrsg.), Handbuch Pflegeethik. Ethisch denken und Handeln in den Praxisfeldern der Pflege. 2012, Stuttgart: Kohlhammer, S. 99-108.; Rabe, M., Ethik in der Pflegeausbildung. Beiträge zur Theorie und Didaktik. 2009, Bern: Hans Huber.; van der Arendt, A., Gastmans, C., Ethik für Pflegende. 1996, Bern: Hans Huber.
3.
http://nursingworld.org/FunctionalMenuCategories/AboutANA/WhereWeComeFrom/FlorenceNightingalePledge.aspx; http://www.pflegewiki.de/wiki/Florence-Nightingale-Gelübde; http://www.pflegewiki.de/wiki/Florence-Nightingale-Gelübde
4.
van der Arendt, A., Gastmans, C., Ethik für Pflegende. 1996, Bern: Hans Huber.
5.
Fry, S. T., Ethik in der Pflegepraxis. Anleitung für ethische Entscheidungsfindungen. 1995, Eschborn: Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe, Eigenverlag.
6.
Ebd.
7.
Ebd.; Monteverde, S., Das Umfeld pflegeethischer Reflexion. In: Monteverde, S. (Hrsg.), Handbuch Pflegeethik. Ethisch denken und Handeln in den Praxisfeldern der Pflege. 2012, Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 19-41.
8.
"The ICN Code of Ethics for Nurses" (2012) formuliert: "Inherent in nursing is a respect for human rights, including cultural rights, the right to life and choice, to dignity and to be treated with respect. Nursing care is respectful of and unrestricted by considerations of age, colour, creed, culture, disability or illness, gender, sexual orientation, nationality, politics, race or social status." International Council of Nurses, The ICN Code of Ethics for Nurses. Revises 2012, www.icn.ch ; http://www.icn.ch/about-icn/code-of-ethics-for-nurses/
9.
vgl. zum Beispiel Roper, N., Logan, W. W., Tierney, A. J., Das Roper-Logan-Tierney-Modell. Basierend auf den Lebensaktivitäten (LA). 2009, Bern: Hans Huber. Und: Henderson, V., ICN´s Basic Principles of Nursing Care. 2004, ICN. www.icn.ch
10.
Leininger, M., Kulturelle Dimensionen menschlicher Pflege. 1998, Freiburg i. Br.: Lambertus.; Watson, J., Pflege: Wissenschaft und menschliche Zuwendung. Bern: Hans Huber.
11.
Kohlen, H., Conflicts of Care. Hospital Ethics Committees in the USA and Germany. 2009, Frankfurt/New York: Campus.; Fry, S. T., Ethik in der Pflegepraxis. Anleitung für ethische Entscheidungsfindungen. 1995, Eschborn: Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe, Eigenverlag.
12.
Gastmans, C., Pflegeethik und aktive Sterbehilfe: Positionen und Implikationen für die Praxis. In: Monteverde, S. (Hrsg.), Handbuch Pflegeethik. Ethisch denken und Handeln in den Praxisfeldern der Pflege. 2012, Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 99-108.
13.
Conradi, E., Take Care. Grundlagen einer Ethik der Achtsamkeit. 2001, Frankfurt/New York: Campus.
14.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen.10. Auflage. 2010, www.bmfsfj.de
15.
Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin e.V., Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V., Bundesärztekammer, Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland. 2010, www.charta-zur-betreuung-strebender.de
16.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen.10. Auflage. 2010, www.bmfsfj.de, S. 7.
17.
Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin e.V., Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V., Bundesärztekammer, Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland. 2010,www.charta-zur-betreuung-strebender.de, S. 9.
18.
Van der Arendt, A., Gastmans, C., Ethik für Pflegende. 1996, Bern: Hans Huber.
19.
Oh, Y., Gastmans, C., Moral distress experienced by nurses: A quantitative literature review. In: Nursing Ethics, 2013. Published online, DOI: 10.1177/0969733013502803, 1-7.
20.
Riedel, A., Vom moralischen Unbehagen zur ethischen Fragestellung – extern definierte Anforderungen und praxisorientierte unterstützende Instrumente für professionell Pflegende. In: Steger, F.(Hrsg.), Klinische Ethikberatung. Grundlagen, Herausforderungen und Erfahrungen. 2013, Münster: mentis, S. 81-109.; Bobbert, M., Entscheidungen Pflegender zwischen Expertise, Patientenselbstbestimmung und Fürsorge. In: Monteverde, S. (Hrsg.), Handbuch Pflegeethik. Ethisch denken und Handeln in den Praxisfeldern der Pflege. 2012, Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 58-73.
21.
Riedel. A., Ethische Reflexion und Entscheidungsfindung im professionellen Pflegehandeln realisieren. In: Ethik in der Medizin, 2013, 25: S. 1-4.; Riedel, A., Ethikberatung im Hospiz. Zur Bedeutung einer individuums- und werteorientierten Pflege. In: Frewer, A., May A. T., Bruns, F. (Hrsg.), Ethikberatung in der Medizin. 2012, Heidelberg: Springer, S. 167-181.
22.
Riedel, A., Lehmeyer, S., Konzeptentwicklung: Theoretische Fundierung und Prämissen zur Konzeptualisierung ethischer Fallbesprechungen. In: Riedel, A., Lehmeyer, S., Elsbernd, A., Einführung von ethischen Fallbesprechungen – Ein Konzept für die Pflegepraxis. Ethisch begründetes Handeln praktizieren. 2013, Lage: Jacobs, S. 39-157.; Bockenheimer-Lucius, G., Dansou, R., Sauer, T., Ethikkomitee im Altenpflegeheim. Theoretische Grundlagen und praktische Konzeption. 2012, Frankfurt/New York: Campus.
23.
Jox, R. J., Der "natürliche Wille" bei Kindern und Demenzkranken. In: Wiesemann, C., Simon, A. (Hrsg.), Patientenautonomie. Theoretische Grundlagen – Praktische Anwendungen. 2013, Münster: mentis, S. 329-339.
24.
Bockenheimer-Lucius, G., Dansou, R., Sauer, T., Ethikkomitee im Altenpflegeheim. Theoretische Grundlagen und praktische Konzeption. 2012, Frankfurt/New York: Campus.; Sauer, T., Bockenheimer-Lucius, G., May, A. T., Ethikberatung in der Altenhilfe. In: Frewer, A., May A. T., Bruns, F. (Hrsg.), Ethikberatung in der Medizin. 2012, Heidelberg: Springer, S. 156-161.
25.
Deutscher Ethikrat, Nutzen und Kosten im Gesundheitswesen – Zur normativen Funktion ihrer Bewertung. Veröffentlicht: 27. Januar 2011.
26.
https://www.alzheimer-forschung.de/alzheimer-krankheit/aktuelles.htm?showid=3288 sowie http://www.demografische-chance.de/die-themen/themen-dossiers/besser-leben-mit-technik/eine-therapie-robbe-fuer-demenzkranke-menschen.html
27.
http://www.deutschlandfunk.de/blecherner-wassertraeger.676.de.html?dram:article_id=28577
28.
Manzeschke, A., Weber, K., Rother, E., Fangerau, H., Ethische Fragen im Bereich Altersgerechter Assistenzsysteme. Ergebnisse einer Studie. Stand: Januar 2013.
29.
Riedel, A., Werteorientierung – Relevanz der Akzentuierung in der professionellen Pflege. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik, 2012, 56: S. 197-206.
30.
Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin e.V., Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V., Bundesärztekammer, Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland. 2010, www.charta-zur-betreuung-strebender.de, S. 9.
31.
Riedel, A., Lehmeyer, S., Konzeptentwicklung: Theoretische Fundierung und Prämissen zur Konzeptualisierung ethischer Fallbesprechungen. In: Riedel, A., Lehmeyer, S., Elsbernd, A., Einführung von ethischen Fallbesprechungen – Ein Konzept für die Pflegepraxis. Ethisch begründetes Handeln praktizieren. 2013, Lage: Jacobs, S. 39-157.; Sauer, T., Bockenheimer-Lucius, G., May, A. T., Ethikberatung in der Altenhilfe. In: Frewer, A., May A. T., Bruns, F. (Hrsg.), Ethikberatung in der Medizin. 2012, Heidelberg: Springer, S. 156-161.; Simon, A., Burger, L., Goldenstein, S., Ethikberatung in der Altenpflege. In: Dörries, A., Neitzke, G., Simon, A., Vollmann, J. (Hrsg.), Klinische Ethikberatung. Ein Praxisbuch für Krankenhäuser und Einrichtungen der Altenpflege. 2010, Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 186-195.
32.
Vorstand der Akademie für Ethik in der Medizin e.V., Standards für Ethikberatung in Einrichtungen des Gesundheitswesens. In: Ethik Med, 2010, 22: S. 149-153.
33.
Bockenheimer-Lucius, G., Dansou, R., Sauer, T., Ethikkomitee im Altenpflegeheim. Theoretische Grundlagen und praktische Konzeption. 2012, Frankfurt/New York: Campus.; Sauer, T., Bockenheimer-Lucius, G., May, A. T., Ethikberatung in der Altenhilfe. In: Frewer, A., May A. T., Bruns, F. (Hrsg.), Ethikberatung in der Medizin. 2012, Heidelberg: Springer, S. 156-161.; Simon, A., Burger, L., Goldenstein, S., Ethikberatung in der Altenpflege. In: Dörries, A., Neitzke, G., Simon, A., Vollmann, J. (Hrsg.), Klinische Ethikberatung. Ein Praxisbuch für Krankenhäuser und Einrichtungen der Altenpflege. 2010, Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 186-195.; Riedel, A., Ethikberatung im Hospiz. Zur Bedeutung einer individuums- und werteorientierten Pflege. In: Frewer, A., May A. T., Bruns, F. (Hrsg.), Ethikberatung in der Medizin. 2012, Heidelberg: Springer, S. 167-181.
34.
Riedel, A., Lehmeyer, S., Konzeptentwicklung: Theoretische Fundierung und Prämissen zur Konzeptualisierung ethischer Fallbesprechungen. In: Riedel, A., Lehmeyer, S., Elsbernd, A., Einführung von ethischen Fallbesprechungen – Ein Konzept für die Pflegepraxis. Ethisch begründetes Handeln praktizieren. 2013, Lage: Jacobs, S. 39-157.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/ Autor: Prof. Dr. phil. M.Sc. Annette Riedel für bpb.de
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