Tiertransport
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Gentechnisch veränderte Organismen


10.3.2009
Christof Potthof erläutert Kennzeichnung und Zulassung von gentechnisch veränderten Produkten. Trotz eines umfangreichen Regulierungs-Apparates fehlen unabhängige Prüfungsverfahren.

Die Verpackung einer Erewhon Crispy Brown rice Cereal wird in San Francisco gezeigt.Hinweis auf einer Verpackung eines us-amerikanischen Herstellers: "100% Natural". (© AP)

GVO – gentechnisch veränderte Organismen



Politisch und verwaltungstechnisch sind beim Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) verschiedene Ebenen relevant: In Bezug auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen ist die europäische Ebene federführend. Die wichtigsten Gesetze zur Regulierung der GVO werden in Brüssel ausgehandelt. In der Regel werden diese Verhandlungen zwischen dem Rat, der sich aus den Fachministerinnen und -ministern der EU-Mitgliedstaaten zusammensetzt, und dem EU-Parlament geführt. Eine wichtige Rolle kommt zudem der EU-Kommission zu. Auf der Ebene der Mitgliedstaaten werden in erster Linie Vorgaben aus Brüssel in nationale Gesetze übernommen – die genaue Umsetzung kann aber zwischen den verschiedenen Mitgliedstaaten variieren.

Zu guter Letzt folgt noch die Verwaltungsebene "unterhalb des Staates", in Deutschland betrifft dies die Bundesländer, in anderen Staaten zum Beispiel die Regionen oder Provinzen. Auf dieser Ebene findet in Deutschland die "Kontrolle" statt: Die Länder sind dafür verantwortlich, dass die Gesetze wie zum Beispiel die Kennzeichnungsregeln bei Lebensmitteln eingehalten werden.

Kennzeichnung (1)



Um es gleich vorweg zu sagen: Die Kennzeichnung von GVO in der EU hat nach offizieller Lesart mit Gesundheitsrisiken und deren Vermeidung zunächst einmal nichts zu tun. Es wird davon ausgegangen, dass nur gesundheitlich unbedenkliche GVO auf den europäischen Markt kommen. Diese durchlaufen ein Zulassungsverfahren, das explizit nach möglichen negativen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit sucht. Allerdings ist eben dieses Zulassungsverfahren umstritten und wird von Umwelt- und Verbraucherorganisationen wie auch von Regierungsbehörden verschiedener europäischer Länder – zum Teil heftig – kritisiert.

Mit oder ohne Gentechnik?

Die Kennzeichnung von GVO oder auch von Produkten, die aus GVO hergestellt worden sind, ist in erster Linie als Teil des Regelwerkes der so genannten "Koexistenz gentechnischer und nicht gentechnischer Landwirtschaft" und "gentechnischer und nicht gentechnischer Lebensmittelherstellung" anzusehen. (2)

Rückruf

In einem anderen Zusammenhang kommt der Kennzeichnung auch mit Bezug auf die Sicherheit für die Gesundheit der Menschen und der Umwelt eine entscheidende Rolle zu, nämlich im Rahmen des so genannten "Risiko-Managements", wenn "unvorhergesehene" negative Effekte durch gv-Produkte erkennbar werden und (weiterer) Schaden abgewendet werden soll. Sollte sich ein Produkt aus oder mit GVO, nachdem es auf den Markt gekommen ist, als nicht sicher für Umwelt oder Gesundheit herausstellen, wäre durch die Kennzeichnung eines solchen Produktes die Basis dafür gelegt, dass Rückrufaktionen – zumindest theoretisch – durchgeführt werden können.

Die freie Wahl

Aus der Kennzeichnung folgt aber auch, dass Verbraucherinnen und Verbraucher auswählen können, ob sie Lebensmittel aus oder mit GVO kaufen und konsumieren wollen oder nicht.

Aus oder mit GVO

In der EU wird ein Produkt als GVO gekennzeichnet, wenn es selbst ein solcher Organismus ist oder aus GVO besteht: Eine gentechnisch veränderte Tomate wird ebenso gekennzeichnet wie zusammengesetzte Lebensmitteln, zum Beispiel eine Tiefkühl-Pizza, bei der aus den Angaben in der Zutatenliste hervorgehen muss, ob ein verwendeter Rohstoff aus GVO besteht. Auch ein Öl, das aus gentechnisch veränderten Sojabohnen hergestellt wird, muss gekennzeichnet werden. Besonders an diesem letzteren Fall ist, dass in der Regel in Lebensmittel-Ölen weder (gv-)Proteine noch (gv-)DNA zu finden sind. Das heißt, im Supermarkt könnte das gekennzeichnete Öl von dem nicht gekennzeichneten Öl chemisch nicht unterschieden werden, da hierzu in der Regel DNA, in manchen Fällen zumindest Protein notwendig wäre. "Entscheidend dabei ist, ob das Lebensmittel oder Futtermittel einen aus dem genetisch veränderten Ausgangsmaterial hergestellten Stoff enthält." (3) Die Kennzeichnung erfolgt auf dem Produkt, seiner Verpackung oder ggf. in den Begleitpapieren, in Restaurants u.ä. in der Speisekarte.

BOX "Ohne Gentechnik"

Lebensmittel, die mit Hilfe von GVO hergestellt werden, selbst aber keine GVO sind oder enthalten, werden nach europäischem Recht nicht als GVO gekennzeichnet. Dies gilt insbesondere für solche Lebensmittel, die unter dem Stichwort "tierische Produkte" zusammengefasst werden, womit in diesem Zusammenhang Fleisch, Milch und Eier zu verstehen sind, die von mit gv-Futtermitteln gefütterten Tieren stammen. Von den Organisationen, die sich kritisch zur Verwendung von GVO aussprechen, wurde an dieser Stelle mit dem Inkrafttreten der neuen europäischen Regeln für die Zulassung, Kennzeichnung und Rückverfolgung von GVO im Frühjahr 2004 eine Lücke ausgemacht, durch die der Hauptteil der weltweit angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP) unter einer für die Verbraucherin und den Verbraucher nicht zu durchschaubaren "Tarnung" verschwindet.

Gentechnische Pflanzen als Futter

Schätzungen verschiedener Quellen zufolge wandern etwa 80 Prozent der GVP in Futtertröge. Soja wurde seit Mitte der neunziger Jahre zur weltweiten Protein-Währung von Tiermast und Milchproduktion, in der EU spätestens seit dem (mit der BSE-Gefahr begründeten) Verbot der Verfütterung von Tiermehl. Parallel zu der gestiegenen Nachfrage in Europa breitete sich der Anbau von gentechnisch veränderter Soja insbesondere in Südamerika rasant aus. Zum Einsatz kommt dort fast ausschließlich die gentechnisch veränderte, gegen das Breitbandherbizid Roundup resistente Sorte des US-Gentechnik-Konzerns Monsanto. Sie trägt den Handelsnamen "Roundup Ready".

Die Futtermittel, die selbst als gentechnisch verändert gekennzeichnet sind, werden zum Beispiel an Mastrinder verfüttert. Das Fleisch der Tiere landet aber – dem europäischen Recht entsprechend – ohne GVO-Kennzeichnung in den Regalen der Supermärkte, denn die Tiere bestehen nicht aus GVO, sondern wurden nur unter deren Verwendung "hergestellt". Entsprechendes gilt für Milch und Eier.

Um wenigstens den umgekehrten Fall, die Herstellung besagter tierischer Produkte ohne gentechnisch veränderte Organismen, sichtbar zu machen, gibt es in verschiedenen europäischen Ländern spezielle Regeln. So auch in Deutschland: Die Große Koalition hat 2008 eine Regelung novelliert, derzufolge bestimmte Lebensmittelprodukte als "ohne Gentechnik" ausgewiesen werden können.

Organisationen aus Umwelt- und Verbraucherschutz haben diese Neuregelung begrüßt, da sie als ein Werkzeug für die Umsetzung der Wahlfreiheit von Verbraucherinnen und Verbraucher angesehen wird. (4)




Anmerkungen

(1) Ich werde hier im Text in der Regel von Lebensmitteln sprechen. Es sei aber angemerkt, dass in den meisten Fällen Lebens- und Futtermittel in gleicher Weise betroffen sind. Ausnahmen sind möglich.

(2) Die EU unterscheidet in der Regel in solchen Fällen zwischen gentechnischer, konventioneller und ökologischer Landwirtschaft. Diese Arten der Landwirtschaft sollen nebeneinander existieren können. Um es überspitzt zu sagen: Vor dem Gesetz sind alle gleich. Ich werde hier auf diese Dreiteilung verzichten und nur im Ausnahmefall, wenn überhaupt, Besonderheiten des ökologischen Landbaus erwähnen. In der Regel geht es eher um die Frage von Landwirtschaft (und Lebensmittelproduktion) mit oder ohne GVO.

(3) Verordnung (EG) Nr. 1829/2003 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. September 2003 über genetisch veränderte Lebensmittel und Futtermittel, dort Erwägungsgrund 16.

(4) Zu den politischen Ränkespielen um diese Kennzeichnungs-Novellierung siehe zum Beispiel: www.gen-ethisches-netzwerk.de.


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