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Organtransplantation

Soziologische Konturen der Transplantationsgesellschaft

15.5.2013

Virtuelle Vergemeinschaftung und der soziale Zwang zum Altruismus



Informationsgrafik: 1046 Menschen haben im Jahr 2012 in Deutschland nach ihrem Tod Organe gespendet, um schwer kranken Menschen zu helfen. Damit ist die Zahl der Organspender auf den niedrigsten Stand seit 2002 gesunken.1046 Menschen haben im Jahr 2012 in Deutschland nach ihrem Tod Organe gespendet, um schwer kranken Menschen zu helfen. Damit ist die Zahl der Organspender auf den niedrigsten Stand seit 2002 gesunken. (© picture-alliance/ dpa-infografik)
Solche gesellschaftlichen Debatten und Kontroversen würden jener Rhetorik und Deutungspolitik zum Organmangel entgegenstehen, die auf die umfassende virtuelle Vergemeinschaftung von potentiellen Spendern und Empfängern zielen – bemäntelt durch jene Fiktion einer freien, aufgeklärten Entscheidung des selbstbestimmten, autonomen Individuums, bei der sich möglichst jeder als gutes Mitglied der Transplantationsgesellschaft bekennt: Ich bin ein Organspender! Mit dieser Bekenntnisnorm schafft die Transplantationsgesellschaft faktisch ein gesellschaftliches Innen, markiert durch die zu Lebzeiten bekundete Bereitschaft zur gebenden Teilnahme am Organgabentausch der Transplantationsmedizin. So kann jeder Einzelne für seine soziale Mitwelt gleichzeitig seine moralische und soziale Integrität, seine Solidarität und/oder Nächstenliebe im Hier und Jetzt dokumentieren: Ich gehöre dazu! Dem gegenüber steht das gleichsam selbst gewählte 'a-soziale' Außen der Organgabenverweigerer, die sich dem Leiden ihrer Mitmenschen verschließen.

Dieses – über das Bekenntnis pro Organspende vermittelte – inkludierend/exkludierend wirkende Gabentauschprinzip der Transplantationsgesellschaft (Kalitzkus 2003; Motakef 2011; Schneider 1999, 2007) mit seinem sozialen Zwang zum Altruismus tritt vielleicht noch deutlicher bei der Lebendspende zu Tage. Gerade weil die Organübertragung als Lebendspende zwischen nächsten Angehörigen erfolgen muss und somit anders als bei der 'postmortalen Organspende' keine potentielle Gegenseitigkeit in einem anonymen Kollektiv durch Ausfüllen eines Ausweises virtuell gesetzt werden kann, wirkt das Gabentauschprinzip der Transplantationsgesellschaft in Primärbeziehungen von Ehe, Lebenspartnerschaft und Familie umso massiver. Dort wird es allein durch die soziale Verpflichtung zum Wollen des faktisch Möglichen bzw. des technisch Machbaren im Alltag der bestehenden engen sozialen Beziehung zwischen Spender und Empfänger, zwischen Lebenspartnern oder Eltern und Kindern wirksam. Die schwere Krankheit des Lebenspartners oder des eigenen Kindes erzeugt gleichsam von selbst jene unausweichliche Konfrontation mit der Therapie-Option Organtransplantation, deren normative Wirkung des Spendens jedoch keineswegs alle Beteiligten gleichermaßen betrifft. So spenden Frauen (als Ehefrauen, Mütter, Schwestern, Freundinnen) häufiger Organe als Männer und sind gleichzeitig deutlich weniger häufig Empfängerinnen von Organen (Motakef 2011; Winter/Decker 2006). Aufgrund von sozialen und kulturellen Faktoren – z.B. immer noch vorhandener Geschlechterstereotypen, unterschiedlicher Beziehungserfahrungen, ungleicher Machtrelationen – wollen/können Frauen sich innerhalb von Primärbeziehungen offenbar weniger der normativen Kraft des Gesollten entziehen als Männer.

Vergesellschaftung über den Körper



Das Ziel des Transplantationsgesetzes, die Transplantationszahlen zu erhöhen bzw. die Spendenbereitschaft seitens der Bevölkerung zu befördern (s.o.), ist bis heute nicht erfüllt. Deshalb verwundert es nicht, dass sich die Stimmen zu einer Gesetzesänderung mehren. So wurden in den letzten Jahren erneut die Vorteile und Probleme z.B. einer Widerspruchslösungbei postmortalen Organentnahmen, die Einführung eines Belohnungsmodells für Lebendspenden (z.B. Nationaler Ethikrat 2007; Schutzeichel 2002) oder gar – wie in verschiedenen Ländern bereits Praxis – die Organentnahme bei sogenannten 'Non Heart-Beating Donors' (Organspender nach Herzstillstand) kontrovers diskutiert. Im Kern zielen diese Debatten auf die Frage, wem der eigene lebendige bzw. tote Körper gehören soll (Lenk 2011; Steineck/Döring 2008) und welche Rolle er für die Vergesellschaftung von Individuen in Zukunft spielen wird. Z.B.: Inwieweit wollen wir den menschlichen Körper als sozialpflichtiges Spendengut oder als individuell frei verfügbares, ggf. auch individuell handelbares Eigentum betrachten? In letzter Konsequenz führt beides hin zu einer umfassenden Verwertungspraxis des Körpers, sei es als verteilungspflichtiges Allgemeingut, als medizintechnische Form von 'Körper-Prostitution', zu der sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen gezwungen sein werden, oder als möglichst gewinnbringend eingesetztes Biokapital des 'freien Körperunternehmers'. So oder so werden wir als Gesellschaft mit entsprechend daraus resultierenden Ungleichheitsphänomenen konfrontiert sein. Was dem einen als Verfügungsfreiheit über seinen Körper gilt, wird für den anderen zur institutionellen Verpflichtung, gar zur Entrechtung. Derzeit wird vorhandenes persönliches Vermögen bei ALG II-Bezug angerechnet. Wer kann und will garantieren, dass in einer neoliberalen Transplantationsmarktgesellschaft die eigene Niere nicht darunter fällt?

Körper, Gesundheit, Krankheit, Sterben, Tod sind keine einfachen physiologischen Gegebenheiten, sondern soziale Phänomene, basierend auf gesellschaftlichen Definitionen und verbunden mit den jeweils kulturell vorherrschenden Normen und Werten. So markierte die Natürlichkeit des menschlichen Körpers in der modernen Gesellschaft nichts anderes als eine gesellschaftlich gezogene Grenzlinie zwischen dem, was gesellschaftlich verfügbar gemacht werden sollte, und dem, was dem gesellschaftlichen Zugriff, weil als natürlich gegeben definiert, entzogen blieb. Solche gesellschaftlichen Grenzlinien zwischen natürlich-künstlich, gesund-krank, lebendig-tot etc. werden nicht wegen, sondern mittels biomedizinischer Techniken wie bspw. Organtransplantation verschoben oder sogar neu gezogen. Über die dahinter stehenden Werte und Normen, die damit verbundenen Praktiken und ihre Folgen für die sozialen Beziehungen von Menschen, kurzum: über die damit einhergehenden gesellschaftlichen Chancen und Risiken wäre es notwendig aufzuklären – und nicht nur darüber, wo man Organspende-Ausweise erhalten kann.

Verwendete Literatur:



Ach, Johann S. / Quante, Michael (Hrsg.) (1997): Hirntod und Organverpflanzung. Ethische, medizinische, psychologische und rechtliche Aspekte der Transplantationsmedizin. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog.

Blöß, Timo (2007): Schweigen ist Silber, reden ist Gold. In: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 104, Heft 18, A1208.

Breyer, Friedrich et al. (Hrsg.) (2006): Organmangel: Ist der Tod auf der Warteliste unvermeidbar? Berlin: Springer.

Brudermüller, Gerd / Seelmann, Kurt (Hrsg.) (2000): Organtransplantation. Würzburg: Königshausen & Neumann.

BZgA Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2010): Einstellung, Wissen und Verhalten der Allgemeinbevölkerung zur Organ- und Gewebespende. Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse. O.O.: o.V. (Autoren: Watzke, Daniela / Stander, Volker).

Eurotransplant International Foundation (2007): Annual Report. Leiden: o.V.

Hoff, Johannes / in der Schmitten, Jürgen (Hrsg.) (1995): Wann ist der Mensch tot? Organverpflanzung und 'Hirntod'-Kriterium. Reinbek: Rowohlt.

Höglinger, Günter U. / Kleinert, Stefan (Hrsg.) (1998): Hirntod und Organtransplantation. Berlin: De Gruyter.

Kalitzkus, Vera (2003): Leben durch den Tod. Die zwei Seiten der Organtransplantation. Eine medizinethnologische Studie. Frankfurt/Main: Campus.

Lenk, Christian (2011): Mein Körper – mein Eigentum? In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung ‚Das Parlament‘), 20-21, S.22-27.

Manzei, Alexandra (1997): Hirntod, Herztod, ganz tot? Von der Macht der Medizin und der Bedeutung der Sterblichkeit für das Leben. Eine soziologische Kritik des Hirntodkonzeptes. Frankfurt/Main: Mabuse.

Manzei, Alexandra (2012): Der Tod als Konvention. Die (neue) Kontroverse um Hirntod und Organtransplantation. In: Eckhart, Wolfgang U. / Anderheiden, Michael (Hrsg.): Handbuch Sterben und Menschenwürde, Berlin: De Gruyter, S.137-174.

Meyer, Gabriele (1998): ‚Der andere Tod‘. Die Kontroverse um den Hirntod. Frankfurt/Main: Mabuse.

Motakef, Mona (2011): Körpergabe. Ambivalente Ökonomien der Organspende. Bielefeld: Transcript.

Müller, Sabine (2010): Revival der Hirntod-Debatte: Funktionelle Bildgebung für die Hirntoddiagnostik, in: Ethik in der Medizin, 22, 1, S.5-17.

Nagel, Eckhard / Alber, Kathrin / Bayerl, Birgitta (2011): Transplantationsmedizin zwischen Fortschritt und Organknappheit. Geschichte und aktuelle Fragen der Organspende. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung ‚Das Parlament‘), 20-21, S.15-21.

Nationaler Ethikrat (2007): Die Zahl der Organspenden erhöhen – Zu einem drängenden Problem der Transplantationsmedizin in Deutschland: Stellungnahme. Berlin: o.V.

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Schneider, Werner (2011): Das andere Leben im ‚toten‘ Körper – Symbolische Grenzprobleme und Paradoxien von Leben und Tod am Beispiel ‚hirntoter‘ Schwangerer. In: Villa, Paula-Irene / Moebius, Stephan / Thiessen, Barbara (Hrsg.): Soziologie der Geburt. Diskurse, Praktiken und Perspektiven, Frankfurt/Main: Campus, S.155-182.

Schutzeichel, Corinna I. (2002): Geschenk oder Ware. Das begehrte Gut Organ. Nierentransplantation in einem hochregulierten Markt. Münster: Lit-Verlag.

Shewmon, Alan D. (1998): Chronic ‚Brain Death‘: Meta-analysis and conceptuel consequences“. In: Neurology, 51, 6, S.1538-1545.

Steineck, Christian / Döring, Ole (Hrsg.) (2008): Kultur und Bioethik. Eigentum am eigenen Körper. Baden-Baden: Nomos.

Winter, Merve / Decker, Oliver (2006): Gender-Aspekte in der SpenderIn-EmpfängerInbeziehung bei Lebendorganspende. In: Manzei, Alexandra / Schneider, Werner (Hrsg.): Transplantationsmedizin – Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis. Münster: Agenda-Verlag., S.225-247.

Weiterführende Literatur:



Ach, Johann S. / Anderheiden, Michael / Quante, Michael (2000): Ethik der Organtransplantation. Erlangen: Harald Fischer Verlag.

Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament) (2011): Organspende und Selbstbestimmung, Nr. 20-21.

Becchi, Paolo / Bondolfi, Alberto / Kostka, Ulrike / Seelmann, Kurt (Hrsg.) (2007): Die Zukunft von Transplantation von Zellen, Geweben und Organen. Basel: Schwabe.

Junge, Torsten (2001): Die Okkupation des Fleisches. Konstitution des Selbst im Zeitalter der Transplantationsmedizin. Eitorf: Gata.

Kalitzkus, Vera (2009): Dein Tod, mein Leben. Warum wir Organspende richtig finden und trotzdem davor zurückschrecken. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Lindemann, Gesa (2002): Die Grenzen des Sozialen. Zur sozio-technischen Konstruktion von Leben und Tod in der Intensivmedizin. München: Wilhelm Fink.

Manzei, Alexandra / Schneider, Werner (Hrsg.) (2006): Transplantationsmedizin – Kulturelles Wissen und gesellschaftliche Praxis. Münster: Agenda-Verlag.

Morris, Peter (Hrsg.) (2006): Organtransplantation – ethisch betrachtet. Münster: Lit-Verlag.

Nieder, Ludwig / Schneider, Werner (Hrsg.) (2007): Die Grenzen des menschlichen Lebens aus kulturwissenschaftlicher Sicht. Münster: Lit-Verlag.

Oduncu, Fuat (1998): Hirntod und Organtransplantation. Medizinische, juristische und ethische Fragen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Oduncu, Fuat /Schroth, Ulrich / Vossenkuhl, Wilhelm (Hrsg.) (2003):Organtransplantation, Organgewinnung und -verteilung, Perspektiven. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schlich, Thomas (1998): Transplantation. Geschichte, Medizin, Ethik der Organverpflanzung. München: C.H. Beck.

Schlich, Thomas / Wiesemann, Claudia (Hrsg.) (2001): Hirntod. Zur Kulturgeschichte der Todesfeststellung. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Schlosser, Horst D. (Hrsg.) (1998): Mit Hippokrates zur Organgewinnung? Medizinische Ethik und Sprache. Frankfurt/Main: Peter Lang.

Schmidt, Volker H. (2004): Tragisches 'Scheitern': Behandlungsausschlüsse in der Transplantationsmedizin. In: Junge, Matthias / Lechner, Götz (Hrsg.): Scheitern. Aspekte eines sozialen Phänomens. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.141-150.

Links



BioSkop Forum zur Beobachtung der Biowissenschaften und ihrer Technologien e.V. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 'Organspende'

DSO Deutsche Stiftung Organtransplantation

DSO Deutsche Stiftung Organtransplantation: Fürs Leben – Für Organspende

Eurotransplant International Foundation

Informationsstelle Transplantation und Organspende (Roberto Rotondo) KAO Kritische Aufklärung über Organtransplantation e.V.

Oliver Decker (Universität Leipzig), Studie zur Organspende: "Im Prinzip schon, aber…"

Special Eurobarometer 272 "Europeans and Organ Donation" (2007)

Stellungnahme Nationaler Ethikrat zum Thema 'Organspende'

Stiftung Lebendspende

Transplantationsgesetz

Statistisches Bundesamt: Gesundheitsberichterstattung (Suchwort 'Organtransplantation')

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer: Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes In: Deutsches Ärzteblatt 95, Heft 30, 24. Juli 1998 (53), A-1861

Bundesärztekammer: Organentnahme nach Herzstillstand ("Non heart-beating donor") In: Deutsches Ärzteblatt 95, Heft 50, 11. Dezember 1998 (63), A-3235


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