Tiertransport
1 | 2 Pfeil rechts

Genetische Disposition und medizinische Behandlung


22.4.2009
Die Forschung verrät immer mehr über die genetische Disposition des Menschen. Das weckt Hoffnungen auf eine Medizin, die besser auf den Einzelfall ausgerichtet ist. Sind diese Hoffnungen berechtigt? Und welche Chancen und Risiken bergen solche Erkenntnisse?

Die Laborantin Angelika Pletschacher untersucht DNA Proben in Berlin am Mittwoch, 23. März 2005. Die Charite und die Berliner Krankenkassen haben eine Vereinbarung geschlossen, die die Finanzierung von Gentests für Frauen mit familiärer Belastung für Brust- und Eierstockkrebs regelt.Die Laborantin Angelika Pletschacher untersucht DNA Proben in Berlin. (© AP)

Die Meldungen über Fortschritte in der Erforschung der genetischen Disposition von Menschen nehmen in letzter Zeit stark zu. Verbunden damit sind Hoffnungen, dass sich eine stärker personalisierte Medizin entwickeln lässt, welche die Behandlung von Erkrankungen, jedoch auch die Ratschläge zu deren Vorbeugung, besser auf den einzelnen Patienten ausrichten kann. Dessen abschätzbares Risiko für die Entwicklung oder den gefährlichen Verlauf einer Erkrankung soll also aufgrund seiner genetischen Disposition präziser abschätzbar werden.

Beispiele für Forschungserfolge der vergangenen Jahre sind etwa Mutationen in Genen, welche bei Frauen Rückschlüsse auf das Auftreten von Brustkrebs oder auch Gebärmutterhalskrebs geben. Bei diesen gefährdeten Personen kann eine intensivere Diagnostik, etwa über aufwändige Magnetresonanzbildgebung (MRT) erfolgen, um die Krebserkrankung früher erkennen und mit größerer Aussicht auf Erfolg behandeln zu können. Weitere Beispiele für Erkrankungen, bei denen eine genetische Disposition abgeleitet wurde, sind die Alzheimer Demenz, die altersbedingte Makuladegeneration oder auch Multiple Sklerose.

Verbunden mit den Erfolgen bei der Erforschung von genetischen Dispositionen wächst die Hoffnung, dass sich die auf den Einzelfall optimierte Behandlung dadurch wesentlich verbessert. Inwieweit dies tatsächlich erwartbar ist, bleibt allerdings umstritten. Nachfolgend sollen daher die wesentlichen Aspekte einer auf der genetischen Disposition basierenden personalisierten Medizin dargestellt und diskutiert werden.

In einer Artikelreihe im Journal of the American Medical Association (JAMA) wird anschaulich beschrieben, wie ein individueller Patientenfall unter Hinzuziehung genetischer Informationen behandelt beziehungsweise beraten werden kann. Als Beispiel dient dort ein fiktiver 55-jähriger Mann, der sich besorgt zeigt über sein mögliches Risiko, Alzheimer zu entwickeln. Sein Großvater und auch sein Vater litten in vergleichsweise jungen Jahren (Alter von 65 beziehungsweise 70 Jahren) an der Erkrankung, er selbst raucht seit seinem 20. Lebensjahr und nimmt Medikamente zur Senkung des Blutdrucks seit seinem 50. Lebensjahr. Seine Cholesterinwerte sind ihm unbekannt und er hat aus der Presse erfahren, dass es einen genetischen Test gibt, der ihm sein womöglich erhöhtes Risiko einer Alzheimererkrankung offenlegen kann.

Der behandelnde Arzt steht bei einem solchen Patientenwunsch vor einer erheblichen Herausforderung. Allein die Anzahl der wissenschaftlichen Beiträge, welche einen Zusammenhang zwischen Alzheimer und genetischer Disposition beleuchten, beträgt über eintausend und sie wächst rasant. Mittlerweise existiert bereits eine Datenbank, welche Studien zur Thematik, Kenntnisse über die Häufigkeit von genetischen Mutationen in der Bevölkerung, Auswirkungen von Umwelteinflüssen und auch die Forschung zu genetischen Tests sammelt und darstellt. (Human Genome Epidemiology Network, HuGENet™, http://www.hugenavigator.net/)

Könnte der Arzt eine belastbare Studienlage feststellen, könnte er auch den anfragenden Patienten bezüglich seiner Disposition gründlicher beraten und womöglich auch bereits eine Therapieänderung einleiten. Auch wäre eine bessere Beratung über eine Prognose möglich (sofern dies vom Patienten überhaupt gewünscht wird).

Dieser Informationsvorsprung tritt jedoch nicht immer ein. Vielmehr wird oftmals auch keinerlei Auswirkung durch die Kenntnis der genetischen Disposition eintreten. Die Ursachen können vielfältig sein: So kann die genetische Disposition unauffällig sein (a); es können zwar Dispositionen für Erkrankungen vorliegen, doch die Änderungen des Risikos ist sehr gering (b), oder aber es besteht keine Therapiemöglichkeit oder keine Änderung der Therapie (c). Derzeit ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass sich für den Großteil der Bevölkerung keinerlei zusätzliche Empfehlungen aus der Kenntnis ihrer genetischen Ausstattung in Bezug auf Therapien oder Präventionen ableiten lassen.

Grund hierfür ist, dass das Wissen über den Zusammenhang von genetischer Ausstattung und Erkrankung meist aus Bevölkerungsstudien gewonnen wird, bei denen nach statistischen Zusammenhängen gesucht wird. Es wird dabei nicht unbedingt auch eine molekulare Erklärung für das Ausbrechen einer Erkrankung gefunden. Da jedoch die molekularen Ursachen für Erkrankungen sehr komplex sein können, sind Erklärungsansätze zwischen genetischen Ausstattungen und Erkrankungen vorsichtig zu interpretieren.

Hinzu kommt, dass auch die zu erklärende Erkrankung unterschiedlich definiert werden kann. Soll beispielsweise das Risiko einer Alzheimer Erkrankung eingeschätzt werden, muss nicht nur eine exakte Klassifikation der Alzheimererkrankung vorliegen, sondern auch angewandt werden. Ist bereits bei der statistischen Untersuchung, zum Beispiel bei der Erhebung bezüglich des Zusammenhangs zwischen Mutation und späterer Alzheimererkrankung, die Erkrankung selbst falsch klassifiziert oder diagnostiziert worden, kann auch der spätere Test nur noch verzerrte Ergebnisse liefern. Entsprechendes gilt auch für die Durchführung der genetischen Entschlüsselung (Genotyping); auch hierbei können Fehler auftreten.

Neben der genetischen Disposition selbst, sind auch weitere Ursachen einer Erkrankung fast immer von Bedeutung. So kann Alkoholkonsum das Risiko einer Alzheimererkrankung verändern. Wird der Alkoholkonsum außer Acht gelassen, könnten genetische Unterschiede als Ursache für die Alzheimererkrankung genannt werden, obwohl tatsächlich das Konsumverhalten ursächlich war.

Ist schließlich eine genetische Disposition erkannt worden, kann nicht immer eine Aussage über die Therapie gemacht werden. Es können Krankheiten prognostiziert werden, für die es beispielsweise keine Medikation gibt. 60 Jahre nach der Identifizierung der molekularen Grundlagen der Sichelzellenanämie (einer Erkrankung der roten Blutkörperchen) ist beispielsweise noch keine entsprechende Therapie vorhanden. Umgekehrt kann es sein, dass die Kenntnis über die genetische Disposition keine Änderung der bereits bekannten Therapie bewirkt. Wird ein genetisch erhöhtes Risiko für die altersbedingte Makuladegeneration festgestellt, würde dennoch die hergebrachte Empfehlung des angemessenen Lebensstiles als oberstes Gebot benannt werden. So wird die altersbedingte Makuladegeneration wesentlich auch durch das Rauchverhalten und die Exposition gegenüber Sonnenlicht beeinflusst. Es kann daher wichtiger sein, sich dieser Risikofaktoren zu entledigen, als die eigene genetische Disposition zu kennen. Ebenso verhält es sich mit Alzheimererkrankungen. Auch wenn das erhöhte Risiko festgestellt würde, bliebe die Empfehlung bezüglich des Lebensstiles weiterhin unverändert bestehen.


 


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 20-21/2011)

Organspende und Selbstbestimmung

Seit 1982 findet an jedem ersten Samstag im Juni der "Tag der Organspende" statt. Er wurde eingeführt, um die deutsche Öffentlichkeit über die Spende von Organen und die Transplantationsmedizin aufzuklären. Denn neben der Unwissenheit darüber, wie Organe gespendet werden können, herrscht häufig große Unsicherheit im Hinblick auf medizinische und ethische Aspekte: So ist die vermeintlich einfache Frage, ab wann ein Mensch unwiderruflich tot ist und damit als Spender eines lebenswichtigen Organs infrage kommt, nicht eindeutig zu beantworten. Weiter...