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Afrika

20.5.2005 | Von:
Rita Schäfer

Gender und ländliche Entwicklung in Afrika

II. Differenzen zwischen Haushalten

Viele nachkoloniale Staaten Afrikas räumten Frauen die Rechtsgleichheit ein, dennoch beeinträchtigt der Dualismus von staatlichem Recht und "customary law" in der Rechtspraxis die Handlungsspielräume von Frauen. Faktisch gelten verheiratete Frauen nicht als vollwertige Rechtspersonen, was ihre wirtschaftlichen Handlungsspielräume und ihre Erbrechte drastisch beeinträchtigt. Gerade in Ländern wie Simbabwe und Südafrika, in denen die familiären Produktions- und Sicherungssysteme seit Jahrzehnten durch Zwangsumsiedlungen und Landenteignungen destabilisiert sind, häufen sich die Fälle, wo Witwen von Haus und Hof vertrieben werden. Von derartiger Willkür sind insbesondere De-jure-Haushaltsleiterinnen betroffen, deren marginale gesellschaftliche Stellung und begrenzter Ressour- cenzugang häufig zu existentiellen Versorgungsproblemen für ihre Kinder führt. Das Ausmaß dieses Problems lässt sich schon daran ermessen, dass in den meisten Ländern südlich der Sahara 30 bis 40 Prozent aller Haushalte von Witwen und geschiedenen Frauen geleitet werden. [14]

Hingegen spiegelt die Situation der Ehefrauen von Wanderarbeitern, so genannter De-facto-Haushaltsleiterinnen, die sozioökonomische Differenzierung ländlicher Gesellschaften wider. Immerhin hat eine kleine Minderheit der Wanderarbeiter den Sprung in feste Beschäftigungsverhältnisse geschafft und verfügt über ein regelmäßiges Einkommen, das zu Zwecken des Sozialprestiges in der ländlichen Heimat investiert wird und von dem auch die Ehefrauen profitieren - allerdings oft nur indirekt, z. B. durch die Anschaffung technischer Geräte. Darüber hinaus ist der Erwerb von Land vielerorts das Hauptinteresse dieser Aufsteiger; selbst in Gebieten mit kommunaler Landnutzung werden durch die Privatisierung von Anbauflächen soziale Ungleichheiten verschärft, und der Ressourcendruck steigt. [15]

So sieht sich die Mehrheit der jungen Männer ihrer Zukunftsperspektiven im ländlichen Raum beraubt und zieht sich aus der familiären Versorgung zurück, zumal veränderte Männlichkeitsideale in den Städten auf individuelle Freiheiten abzielen. Darüber hinaus steigt die Zahl derer, die nicht mehr bereit sind, die steigenden Brautpreisforderungen der älteren, männlichen Familienoberhäupter zu erfüllen. Anstatt eine Ehe einzugehen, bevorzugen sie zeitlich begrenzte Beziehungen, was zur Folge hat, dass die Frauen und ihre Kinder nur schwer Unterstützung einfordern können. Auch bleibt die überwiegende Zahl der älteren Menschen weiterhin auf die Freigebigkeit der Migranten angewiesen, weil es - abgesehen von Südafrika oder Namibia - in den meisten afrikanischen Ländern keine staatliche Altersrente gibt. Da alte Männer, wenn sie nicht gerade das Amt eines "Chiefs" oder Dorfvorstehers bekleiden, in vielen Bereichen des öffentlichen und familiären Lebens ihre Autorität verloren haben, eskalieren die Generationenkonflikte. Diese überschneiden sich mit Geschlechterkonflikten, weil die Mehrheit der Frauen gezwungen ist, die Unterstützungsleistungen ihrer Männer einzufordern.

Kleinbäuerliche Familien und Haushalte sind somit weit entfernt vom Ideal, harmonische Produktions-, Konsum- und Residenzeinheiten zu bilden; vielmehr prägen interne Interessenkonflikte zwischen den einzelnen Mitgliedern die Strukturen. Dies ist vor allem in polygamen Haushalten mit geringem Geldeinkommen der Männer und unzureichendem Landzugang für die Frauen der Fall. Während in der vorkolonialen Zeit in vielen bäuerlichen Gesellschaften West-, Ost- und Südafrikas familiäre Entscheidungsgremien darauf geachtet haben, dass ein Mann nur so viele Frauen heiratet, wie er mit Landnutzungsrechten versorgen konnte, ist diese Limitierung heute irrelevant geworden, weil die Familienstrukturen aufgebrochen sind. [16] Die Ressourcenkonflikte bedeuten für die beteiligten Ehefrauen große Belastungen und Unsicherheiten, wobei Statusdifferenzen zwischen der leitenden und den untergeordneten Ehefrauen sich dahingehend äußern, dass die Erstere Arbeiten an die Rangniederen delegieren kann und Vorteile im Ressourcenzugang beansprucht.

Der insgesamt festzustellende Wandel führt in den von Witwen und geschiedenen Frauen geleiteten Haushalten zu zusätzlichen sozioökonomischen Dynamiken, denn sie kombinieren einerseits unterschiedliche landwirtschaftliche mit außerlandwirtschaftlichen Einkommensquellen, d. h. die Subsistenz- und Marktproduktion etwa mit dem Kleinhandel und dem Bierbrauen. [17] Andererseits gestalten sie die personelle Zusammensetzung ihrer Haushalte flexibel, indem sie Kinder im schulpflichtigen Alter zu vergleichsweise wohlhabenden Verwandten schicken, z. B. zu Brüdern, die dann die Versorgung übernehmen sollen.

Ob und wie die Verwandten ihren Aufgaben in der Kindpflegschaft nachkommen, d. h., inwieweit diese Kinder als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden oder ob ihnen der Schulbesuch tatsächlich ermöglicht wird, hängt von der wirtschaftlichen und familiären Situation, aber auch von der Einstellung der jeweiligen Pflegeeltern ab. Eine Garantie für die Ernährungs- und Zukunftssicherung der Kinder gibt es bei dieser Form der Problemlösung keineswegs, denn infolge wirtschaftlicher und sozialer Krisen steigt die Zahl der Kinder, die von Verwandten aufgenommen werden sollen. Hierbei müssen die Mütter den Verzicht auf die Arbeitskraft eines Kindes, z. B. einer heranwachsenden Tochter, die bei der Kleinkindversorgung und bei der arbeitsintensiven Wasser- und Feuerholzbeschaffung oder der Hausarbeit hilft, gegen die Kosten für die Schulgebühren und Schuluniformen abwägen.

Von Investitionen in die Ausbildung der Töchter versprechen sich viele Frauen eine Unterstützung im Alter, denn die Erfahrung zeigt vielerorts, dass berufstätige Töchter ihre Mütter weitaus mehr unterstützen, als die Söhne dies tun. Allerdings ist diese Differenz durch die unterschiedlichen Sozialisationsziele bedingt, die junge Mädchen in familiäre Pflichten drängen. Die Schulbildung und ein Beruf gelten dabei als Mittel zum Zweck, beispielsweise in Simbabwe, das in den achtziger Jahren den höchsten Bildungsetat in Afrika hatte und damit auch Mädchen den Schulbesuch ermöglichte. Jedoch wurden schon ab den neunziger Jahren im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme die Staatsausgaben für Bildung drastisch reduziert und den Eltern wieder Schulgebühren abverlangt. [18]

Problematisch ist es, wenn junge, berufstätige Frauen heiraten und die Unterstützungsforderungen ihrer Mütter in Widerspruch geraten zu den Erwartungen ihrer Ehemänner. Eine verbreitete Konfliktstrategie der verheirateten, berufstätigen Frauen ist es, Kleinkinder zu den (Groß)müttern aufs Land zu schicken, um die finanzielle Versorgung gegenüber ihren Ehemännern zu rechtfertigen. Dennoch sind die Interessendivergenzen für verheiratete, berufstätige Frauen nur schwer zu vereinbaren, vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Rezessionen, steigender Inflationsraten, hoher Arbeitslosigkeit der Ehemänner sowie der grassierenden AIDS-Epidemie. Da viele Ehemänner ihre Virilität den HIV-Infektionsgefahren zum Trotz noch immer über eine Vielzahl von Partnerinnen definieren, entscheiden sich immer mehr junge berufstätige Frauen gegen eine Eheschließung, was tendenziell ihren Verwandten im ländlichen Raum zugute kommt. [19]

Dennoch durchkreuzen HIV-Infektionen die Pläne vieler junger Frauen und die Erwartungen der älteren Landbewohnerinnen radikal, da oft schon Schülerinnen und Auszubildende infiziert werden; nicht nur durch Partner, die ungeschützten Sex als "Zeichen wahrer Liebe" erzwingen, sondern weil Lehrer und Vorgesetzte sexuelle Gewalt als Machtmittel einsetzen - eine Tendenz, die quer über den Kontinent an Verbreitung gewinnt. [20] Anstatt von den berufstätigen Töchtern unterstützt zu werden, müssen ältere Frauen auf dem Land nun auch noch die AIDS-Kranken pflegen und für die Waisen sorgen, ohne dafür staatliche Unterstützung oder Hilfe von Wohlfahrtsorganisationen zu erhalten. In den afrikanischen Staaten mit einer ausgeprägten Wanderarbeit der Männer, instabilen Beziehungen und sehr hierarchischen bzw. gewalttätigen Geschlechterverhältnissen sind die HIV-Infektionen mit Todesfolge durch AIDS besonders hoch; offiziellen Angaben zufolge sind allein in Simbabwe und Südafrika über 25 Prozent aller Schwangeren HIV-positiv, in Namibia über 15 Prozent. In Wirklichkeit liegt die Zahl der Infizierten vermutlich weit darüber, da angesichts der Tabuisierung der HIV-Infektionen von einer großen Dunkelziffer ausgegangen werden muss. [21]

So beeinflussen die Krankheiten, familiären Krisen und Lebensphasen sowie die Anzahl, das Geschlecht und das Alter der Kinder die Überlebensstrategien der Haushaltsleiterinnen. Dies betrifft einerseits die flexible Zusammensetzung der Konsum- und Residenzgruppen innerhalb eines Haushalts, aber andererseits auch die Diversifizierung der Produktion und des Einkommens, wobei beides an Jahreszeiten und Lebensphasen orientiert ist. [22] Es geht also um aktuelle Herausforderungen sowie um mittel- und längerfristige Zukunftsperspektiven, wobei Letztgenannte wegen der überwältigenden tagtäglichen Probleme heute immer mehr in den Hintergrund treten.

Fußnoten

14.
Vgl. Christina Gladwin/Della McMillan, Is a turnaround in Africa possible without helping African women to farm, in: Economic Development and Cultural Change, 37 (1989) 2, S. 345 - 369.
15.
Vgl. Jane Guyer, Intra-household processes and farming systems research. Perspectives from anthropology, in: Joyce Lewinger Moock (Hrsg.), Understanding Africas rural house"hold and farming systems, Boulder 1986, S. 92 - 104.
16.
Vgl. Jean Davison, Land and women's agricultural production. The context, in: dies. (Hrsg.), Agriculture, women, and land. The African experience, Boulder 1988, S. 1 - 17; Anita Spring, Women farmers and food in Africa. Some considerations and suggested solutions, in: Art Hansen/Della McMillan (Hrsg.): Food in Sub-Saharan Africa, Boulder 1986, S. 332 - 348.
17.
Vgl. Agnes Aidoo, Women and food security. The opportunity for Africa, in: Development, (1988) 2 - 3, S. 56 - 62; Rita Schäfer, Guter Rat ist wie die Glut des Feuers. Der Wandel der Anbaukenntnisse, Wissenskommunikation und Geschlechterverhältnisse der Shona in Zimbabwe, Pfaffenweiler 1998.
18.
Vgl. Rosemary Gordon, Education policy and gender in Zimbabwe, in: Gender and Education, 6 (1994) 2, S. 131 - 139.
19.
Vgl. Ellen Schmitt, Aids und Gesellschaft in Zimbabwe. Beiträge zur Ethnomedizin, Bd. 3, Berlin 1999.
20.
Vgl. Magdalena Rwebangira/Rita Liljeström (Hrsg.), Haraka, Haraka. Look before you leap. Youth at the crossroad of custom and modernity, Stockholm 1998; Rachel Jewkes/Caesar Vundule/Fidelia Maforah/Esmé Jordaan, Relationship dynamics and teenage pregnancy in South Africa, in: Social Science and Medicine, (2001) 52, S. 733 - 744.
21.
Vgl. Gabriel Rugalema, Coping or Struggling? A Journey into the Impact of HIV/AIDS in Southern Africa, in: Review of African Political Economy, 27 (1996) 86, S. 537 - 546; Catherine Campbell, Going underground and going after women. Masculinity and HIV transmission amongst black workers on the gold mines, in: Robert Morrell (Hrsg.), Changing men in Southern Africa, London 2001, S. 275 - 286; Douglas Webb/David Simon, Migrants, money and military. The social epidemiology of HIV/AIDS in Ovambo, Northern Namibia, NEPRU Occasional Paper, No. 4, Windhoek 1995.
22.
Vgl. Kofie Daddieh, Production and reproduction. Women and agricultural resurgence in Sub-Saharan Africa, in: Jane Parpart (Hrsg.), Women and development in Africa, New York 1989, S. 165 - 193.

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