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Afrika

20.5.2005 | Von:
Rita Schäfer

Gender und ländliche Entwicklung in Afrika

III. Vernetzung als Überlebens- strategie - Chancen und Grenzen

Obwohl alle Frauen ihre produktiven Arbeiten mit der alltäglichen Hausarbeit, der Kinder-, Alten- und Krankenversorgung vereinbaren müssen, sind insbesondere Ehefrauen einkommensschwacher Wanderarbeiter, Witwen und geschiedene Frauen durch die zeitliche Überschneidung vieler Arbeitsbereiche belastet. Ihre Schwierigkeiten im Ressourcenzugang und ihre eingeschränkte Ressourcenkontrolle reduzieren ihre Chancen, durch die Integration in die Marktproduktion wirtschaftlich autonomer zu werden. Äußerst pragmatisch versuchen viele Frauen dennoch, derartige Probleme im Alltag zu bewältigen. Dabei zählt die Beteiligung an traditionellen Arbeitsgruppen, aber auch an Sparvereinen und innovativen Formen der Zusammenarbeit im Rahmen von Entwicklungsprogrammen zu ihren Handlungsstrategien.

Während traditionelle, ad hoc gebildete reziproke Arbeitsgruppen zum Jäten, Ernten oder Dreschen schon in vorkolonialer Zeit dazu dienten, Arbeitsengpässe im Anbauzyklus rasch zu überbrücken, sind die während der Kolonialzeit entstandenen Spargruppen auf kontinuierliche Mitgliedschaft ausgerichtet und helfen den Mitgliedern bei größeren Ausgaben. Mit Prinzipien wie verwandtschaftliche oder nachbarschaftliche Bindungen, Vertrauen und gegenseitige Kontrolle wollen die Gruppen die Transparenz ihrer Finanzverwaltung gewährleisten, so dass auch Analphabetinnen eine faire Chance zur Partizipation erhalten.

Eine langfristige Mitarbeit ist die Voraussetzung zur Teilnahme an Gemüse produzierenden Gartengruppen, die seit den achtziger Jahren im Rahmen staatlicher und nichtstaatlicher Entwicklungszusammenarbeit gefördert werden. [23] Für viele De-jure-Haushaltsleiterinnen, aber auch für rangniedrige Frauen aus verarmten, polygamen Haushalten ist der leichtere Landzugang das Hauptmotiv zur Gruppenmitgliedschaft: Während sie als Einzelpersonen kaum eine Chance haben, Landnutzungsrechte zu erhalten, ist die Verhandlungsmacht einer organisierten Gruppe gegenüber lokalen Autoritäten weitaus größer, zumal etliche Entwicklungsorganisationen Druck auf Letztere ausüben, um die Voraussetzungen für die Gruppenarbeit zu schaffen. [24]

Eine detaillierte Analyse der Gruppenmitgliedschaft zeigt jedoch, dass diese keineswegs homogen ist, denn im Zuge der häufig sehr attraktiven technischen Förderung sowie der Unterstützung bei der Vermarktung von Überschüssen werden etliche Gruppen von den Ehefrauen vergleichsweise wohlhabender Wanderarbeiter dominiert. Da ihre Kapazitäten, zeitlichen Möglichkeiten und Ziele häufig nicht denen der De-jure-Haushaltsleiterinnen entsprechen, kommt es immer wieder zu Konflikten über die Arbeitsorganisation, über Anbauprioritäten oder die Nutzung der Ernte, die mancherorts auch zum Aufbrechen der Gruppen führen und damit das Ende eines Projektes, z. B. eines gemeinsamen Gemüsegartens, bedeuten. So sorgt die Nutzung der Erträge häufig für Zündstoff: Während die Gruppenleiterinnen oft den Großteil der Gemüseernte zum Gelderwerb vermarkten wollen und dabei autoritär auftrumpfend auf ihre Führungsrolle pochen, plädieren ressourcenarme De-jure-Haushaltsleiterinnen für den Eigenkonsum, da sie meist nicht über andere Versorgungsmöglichkeiten verfügen. Für die Entwicklungszusammenarbeit stellt sich daher die Aufgabe, nicht nur technische und finanzielle Hilfe zu gewähren, sondern viel stärker als bisher die Gruppenkonflikte vermittelnd zu begleiten, z. B., indem sie Moderationsverfahren und Konfliktstrategien mit den Zusammenschlüssen erprobt. [25]

Nur wenn die Differenzen zwischen Frauen im ländlichen Raum ernst genommen werden und Programme gezielt an den Bedürfnissen marginalisierter Haushaltsleiterinnen anknüpfen, kann der Feminisierung der ländlichen Armut gegengesteuert werden. Denn bei den Ressourcenkonflikten innerhalb der Gruppen handelt es sich nicht nur um Interessendivergenzen im sozialen Mikrobereich, vielmehr spiegeln sie gesellschaftliche Brüche und Strukturprobleme wider.

So hängt es auch von jedem speziellen Förderkonzept ab, inwieweit sich die Maßnahmen auf eine praktische Situationsverbesserung beschränken, oder ob sie darüber hinaus eine Basis zur Interessenvertretung bilden, indem sie beispielsweise mehr Sicherheiten in Landrechtsfragen und die Mitsprache in ländlichen Entscheidungsgremien durchsetzen. [26] Dazu sind allerdings umfassende, kulturell angepasste und kontinuierliche Bildungs- und Bewusstseinsprogramme notwendig. Auch die Förderung des Austauschs und der Vernetzung von Frauengruppen könnte hierzu beitragen.

Fußnoten

23.
Vgl. Rita Schäfer, Frauenorganisationen und Entwicklungszusammenarbeit. Traditionelle und moderne afrikanische Frauenzusammenschlüsse im interethnischen Vergleich, Pfaffenweiler 1995.
24.
Vgl. Elisabeth Hartwig, Frauenorganisationen und Selbsthilfegruppen. Ein Schritt in die Selbstständigkeit?, in: Entwicklung und ländlicher Raum, (1999) 2, S. 10 - 13.
25.
Vgl. Gudrun Lachenmann, Entwicklungspolitische Konzeptionen in Afrika, in: Renate Rott (Hrsg.), Entwicklungsprozesse und Geschlechterverhältnisse. Über die Lebens- und Arbeitsräume von Frauen in Ländern der Dritten Welt, Saarbrücken 1992, S. 127 - 148.
26.
Vgl. Ann Whitehead, Wives and mothers. Female farmers in Africa, in: Aderanti Adejoju (Hrsg.), Gender, work and population in Sub-Saharan Africa, London 1994, S. 35 - 53.

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