Nächtliche Skyline von Shanghai

7.8.2008 | Von:
Dr. Hans-Wilm Schütte

Chiang Kaishek

Ein Diktatorenleben

Chiang Kaishek verfolgte einen ehrgeizigen Plan. An der Spitze Chinas wollte er stehen, das "Reich der Mitte" vereinen. Und dafür kämpfte der machtbesessene Generalissimus und spätere Präsident der Republik China auf Taiwan zeit seines Lebens. Am Ende ohne Erfolg.

Undatiertes Schwarz-Weiß-Foto des chinesischen Generals Chiang Kai-shek bei der Musterung seiner führenden Stabsoffiziere, die von den verschiedenen Einsatzorten nach Chungking zusammengerufen wurden. Chiang Kai-shek war ein Militär und Politiker in der Zeit nach der Xinhai-Revolution. Er war mehrmals, sowohl auf dem Festland als auch auf Taiwan, Präsident der Republik China.Der chinesische General Chiang Kai-shek bei der Musterung seiner führenden Stabsoffiziere. (© AP)

Chiang Kaishek (31. Oktober 1887 bis 5. April 1975) war in den 1930er- und 1940er-Jahren der weltweit bekannteste chinesische Politiker. Neben Mao Zedong und dem Republikgründer Sun Yatsen ist er einer von nur drei Chinesen der Nachkaiserzeit, denen eine monumentale Gedenkstätte errichtet wurde.

Für Außenstehende ist Chiangs Verehrung heute nicht mehr leicht nachvollziehbar. Sehr treffend erhielt die erste westliche Biografie über ihn, die nach seinem Tod erschien, den Titel "The man who lost China". In der Tat: Schlimmer als der "Generalissimus" kann ein Politiker und Feldherr, der kein Abenteurer ist, kaum scheitern.

Ein Wort zu Chiangs Namen. Das Ausland kennt ihn unter der kantonesischen Form eines im Hochchinesischen Jiang Jieshi lautenden Pseudonyms, das er sich im Alter von 25 Jahren wählte. Sein eigentlicher Name war Jiang Zhoutai. In Taiwan nennt man ihn allerdings (Jiang) Zhongzheng – mit diesem wiederum neuen Namen wollte er ab 1918 seine Verehrung für Sun Yatsen (chinesisch: Sun Zhongshan) ausdrücken.

Ziele, Ambitionen, Erfahrungen

Chiang wurde unweit der ostchinesischen Handelsstadt Ningbo im Markflecken Xikou, Kreis Fenghua, geboren. Er entstammt der Familie eines mäßig wohlhabenden Salzkaufmanns. Chiang erhält ab dem Alter von fünf Jahren klassisch-konfuzianischen Schulunterricht. Erst elf Jahre später kommen etwas Englisch und andere "westliche" Fächer hinzu. 1907 folgt ein Kursus an einer Militärschule. Im Jahr darauf kann Chiang mit einem Stipendium ein Militärstudium in Tokio aufnehmen. Dort kommt er mit chinesischen Revolutionären (darunter Sun Yatsen) in Kontakt und wird Mitglied von deren Organisation, aus der später die Nationale Volkspartei Guomindang hervorgehen wird. Die Republikgründung 1912 bringt China nicht den erhofften Neuanfang. Kriegsherren befehden einander. Ziel der Revolutionäre wird, China militärisch zu einen und gemäß den Staatslehren Sun Yatsens zu reformieren und zu stärken. Die Gegenregierung, die Sun 1918 in Kanton gründet, ist zunächst auf die militärische Unterstützung durch sympathisierende Warlords angewiesen. Chiang, ab 1918 mit Unterbrechungen ebenfalls in Kanton und in Diensten Sun Yatsens, sammelt dabei erste Erfahrungen, die ihn dauerhaft prägen werden: Traue nicht scheinbaren Freunden und Verbündeten, sorge dafür, dass du selbst Macht hast! Und verlässliche Macht heißt für ihn nur: eine eigene Armee.

Chiangs eigentliche Karriere beginnt, als die UdSSR der Guomindang Unterstützung bei der Wiederherstellung staatlicher Einheit zusagt. 1923 leitet Chiang in diesem Kontext eine dreimonatige Studienreise nach Moskau. Im Jahr darauf überträgt Sun ihm die Leitung der neuen Militärakademie von Whampoa, mit der die Guomindang eine eigene, moderne Armee aufbauen will.

Die Guomindang bildet nun auf Druck der Kommunistischen Internationalen (Komintern) eine Einheitsfront mit den chinesischen Kommunisten. Chiang erkennt dabei früh – auch dank der in Moskau gesammelten Erfahrungen –, dass die Guomindang der Komintern nur als Mittel für eigene Zwecke dienen soll, und er warnt, dass Moskau damit eigene imperialistische Ambitionen kaschiere. Sein Misstrauen gegenüber dem Kommunismus prägt von nun an ebenso sein Handeln wie sein Bestreben, Sun Yatsens Ideale Wirklichkeit werden zu lassen und diesen einmal als Führer Chinas zu beerben.

Chiang hat unterdessen, 1921, zum zweiten Mal geheiratet. Eine erste Ehe hatte er auf Beschluss der Eltern im Alter von 14 Jahren mit einer fünf Jahre älteren Frau eingehen müssen. Der Verbindung entsprang sein einziger leiblicher Sohn, Jingguo (1910-1988), der später sein politischer Erbe wird. Von der Frau und einer Konkubine trennt er sich durch Zahlung von Abfindungen, nachdem er sich 1919 in die 13-jährige Jenny Chen verliebt hat. Seinem Werben gibt Jenny 1921 nach. In ihren Memoiren wird sie ihren anfangs mehr als doppelt so alten Gatten später sowohl mit Liebe als auch mit klarsichtiger Schärfe zeichnen: als einen Mann von unbändigem Ehrgeiz, machtbesessen, so unbeugsam wie starrsinnig, aufbrausend, jedoch auch ideenreich und unerschrocken. Diese Wesensmerkmale, von Zeitzeugen bestätigt, durchziehen in der Tat Chiangs gesamtes Wirken und werden gleichermaßen zu Ursachen seiner Erfolge wie seines Scheiterns.

Der Erfolgsmensch

Als Sun Yatsen 1925 stirbt, hat Chiang im Kampf um dessen Nachfolge schlechte Karten – er ist jung und kein Gründungsmitglied der Guomindang. An seiner Qualifikation als Herrführer aber kommt die Partei nicht vorbei. Mitte 1926 wird er zum Oberkommandierenden der Revolutionsarmee berufen, und er beginnt den lange geplanten Nordfeldzug, der Chinas Einheit herstellen soll.

Seine raschen Erfolge im Felde und sein selbstherrliches Vorgehen wecken in der Parteiführung die Befürchtung, Chiang schwinge sich zu einem neuen Kriegsherrn und Diktator auf. In der Tat setzt sich Chiang gern über Regularien hinweg, wenn es ihm passt, und trifft selbstherrliche Entscheidungen, während er ähnliches Verhalten bei anderen keineswegs duldet. Die Parteiführung schließt ihn am 17. April 1927 aus der Partei aus. Vier Tage zuvor hat Chiang die Schanghaier Arbeiterbewegung zerschlagen, Kommunisten verhaften und Streikposten entwaffnen lassen. Es bleibt nicht das einzige zivile Blutbad unter seiner Ägide. Die Guomindang ist nun gespalten, und es gibt zwei Regierungen, beide mit eigenen Armeen – eine pro, eine kontra Chiang. Als eine Annäherung ausbleibt, erklärt Chiang am 13. August 1927 seinen Rückzug aus allen Ämtern und begibt sich in sein Heimatdorf. Dies ist weder sein erster noch sein letzter derartiger Schachzug: ein Gemisch aus beleidigtem Trotz darüber, dass man ihm nicht folgt, sowie unerschütterlichem Vertrauen darauf, dass die anderen bald merken werden, dass es ohne ihn nicht geht.

Chiang nutzt die Zeit dieses Mal auch, sein Privatleben gemäß seinen Zielen neu auszurichten. Seine treue Jenny nützt ihm kaum noch. Würde er dagegen die jüngste der Song-Schwestern, Meiling, heiraten, stiege er in die höchsten Kreise Schanghais auf, bekäme den Finanzmagnaten H.H. Kung sowie den Bankier und Finanzpolitiker T.V. Soong zu Schwägern, dazu die Sun-Yatsen-Witwe Song Qingling zur Schwägerin. Seiner Frau eröffnet er, nur durch eine solche Einheirat könne er noch sein Ziel erreichen, China zu einen, und sie solle doch im nationalen Interesse für fünf Jahre in die USA gehen. Schon 1920, bei seinem Werben um Jenny, hatte er sie beim Patriotismus gepackt: Heirate sie ihn nicht, könne er kein erfolgreicher Revolutionär werden, und China trüge den Schaden davon. Jenny fügt sich erneut und verlässt China. Als die Presse in Japan und den USA berichtet, "Madam Chiang Kai-shek" sei eingetroffen, dementiert Chiang: Diese Frau sei nicht die seine, er kenne sie nicht einmal. Gegenüber der Familie Song erklärt er, die Ehe mit Jenny sei nicht rechtsgültig. Als Chiang und Song Meiling am 1. Dezember 1927 heiraten, werden sie als Traumpaar bejubelt, und in der Tat sollte Meiling bald auch eine eminent wichtige politische Rolle für Chiang spielen: Anders als er versteht sie etwas von Außenpolitik; in den USA erzogen, spricht sie perfekt Englisch und wird in den späteren Kriegsjahren zu seinem besten Diplomaten.

Bald regelt sich alles zu Chiangs Gunsten. Als er am 10. Oktober 1928, dem Nationalfeiertag, zum Vorsitzenden der neuen Nationalregierung in Nanjing bestimmt wird, scheint sein Lebensziel erreicht zu sein.

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