Nächtliche Skyline von Shanghai
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Mythos Mao


7.8.2008
Bis zum heutigen Tag wird Mao Zedong in China wie ein Heiliger verehrt. Doch seine Herrschaft von 1949 bis 1973 war gekennzeichnet durch Rechtlosigkeit, Terror und totalitäre Gewalt. Der "Große Steuermann", der den "Großen Sprung" wagte und die Kulturrevolution ausrief, brachte das Reich der Mitte an den Rand des Abgrunds.

Undatiertes Foto des chinesischen kommunistischen Führers Mao Tse-tung, winkend. Mao war als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas (1943–1976), als Vorsitzender der Zentralen Volksregierung (1949–1954) sowie als Staatspräsident der Volksrepublik China (1954–1959) der führende Politiker der Volksrepublik China im 20. Jahrhundert.Mao Zedong, Begründer der Volksrepublik China, gleichzeitig ihr "großer Vorsitzender". Bis zum heutigen Tag wird Mao in China wie ein Heiliger verehrt. (© AP)

Von 1949 bis 1973 war Mao Zedong, Begründer der Volksrepublik China, gleichzeitig ihr "großer Vorsitzender". Bis zum heutigen Tag wird Mao in China wie ein Heiliger verehrt. Doch Maos Herrschaft war gekennzeichnet durch Rechtlosigkeit, Terror und totalitäre Gewalt. Der "Große Steuermann" brachte das Reich der Mitte an den Rand des Abgrunds.

Auf Jahrzehnte hinaus traumatisierte Mao das chinesische Volk und hemmte seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Entfaltung. Nach wie vor wird Mao als mythischer Heilsbringer verklärt, der China einte und in die Moderne führte. Doch Mao steht in einer Reihe mit den großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts Stalin und Hitler. Unbestreitbar hat Mao Chinas Antlitz entscheidend geprägt und – wie niemand neben ihm – die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts gestaltet.

Vom Bauer zum Berufsrevolutionär



Mao Zedong kommt 1893 in der zentralchinesischen Provinz Hunan zur Welt, seine Eltern sind Bauern, die es zu einem bescheidenen Auskommen gebracht haben. Mao wächst zu einer Zeit auf, in der Chinas Selbstverständnis vom kulturellen und politischen Zentrum der Welt, dem "Reich der Mitte", nachhaltig zerstört ist. Die inneren Zerfallserscheinungen machten den "kranken Mann am gelben Meer" zum willfährigen Spielball ausländischer Interessen. Das Deutsche Reich, Italien, die USA, vor allem aber Japan beuten China aus, ohnmächtig muss die chinesische Bevölkerung den invasiven Machtanspruch fremder Völker erdulden.

Mao entkommt den beengenden Verhältnissen seines Heimatdorfes und arbeitet nach seiner Ausbildung zum Volksschullehrer als Hilfsbibliothekar an der Universität Peking, wo er Kontakt zu kommunistischen Studentenzirkeln aufnimmt. Von der Zerrissenheit seines Landes und der Machtlosigkeit seines Volkes tief empört, sinnt Mao wie viele seiner intellektuellen Landsleute auf Wege zur Befreiung Chinas von der Fremdherrschaft und zur nationalstaatlichen Einigung des Landes. Beeindruckt von den kommunistischen Umbrüchen der russischen Oktoberrevolution, wo eine kleine Gruppe überzeugter Politiker und Berufsrevolutionäre mit großer Entschlossenheit die Macht über ein riesiges Reich übernimmt, drängt Mao darauf, dem sowjetischen Beispiel zu folgen. Prägend ist für Mao die "Bewegung des 4. Mai" (1919), als die studentische Jugend in Peking gegen die japanischen Invasoren rebelliert und zum bewaffneten Widerstand aufruft. Mao wird Berufsrevolutionär. An der Gründung der Kommunistischen Partei (KP) Chinas 1921 in Schanghai hat Mao keinen entscheidenden Anteil, er wird aber 1923 in das Zentrale Exekutivkomitee der Partei gewählt.

Bürgerkrieg in China



1927 kommt es zum Bruch des fragilen Bündnisses zwischen den Kommunisten und der damals führenden Guomindang-Partei (Nationalchinesische Volkspartei). Die Folge ist ein blutiger Bürgerkrieg. Der Vorsitzende der Guomindang, Chiang Kaishek, bekämpft die Kommunisten mit eiserner Faust, Tausende von ihnen werden verfolgt und liquidiert. Der Bürgerkrieg zwischen den verfeindeten Lagern hinterlässt bei Mao tiefe Spuren und wird sein Verhältnis zur Gewalt maßgeblich bestimmen; Massenhinrichtungen, Massaker, rebellierende Bauern und marodierende Soldatenbanden – die Wirren des Bürgerkrieges legen den Grundstein für den später systematisch angewandten revolutionären Terror unter seiner Herrschaft. Mao entkommt der grausamen Hetzjagd auf die Kommunisten und findet zusammen mit versprengten kommunistischen Parteikadern Unterschlupf in einer abgelegenen Bergregion der zentralchinesischen Jiangxi-Provinz, die zum Sowjetgebiet erklärt wird. Mit äußerster Brutalität arbeitet Mao ebenso systematisch wie planvoll in dieser ersten aus dem Boden gestampften kommunistischen Mikrogesellschaft auf seine Vorherrschaft hin. Doch die Kommunisten müssen bald nach verlustreichen Scharmützeln der ständig vorrückenden, vielfachen Übermacht der Guomindang-Truppen weichen.

Der "lange Marsch"



Diese panische Flucht vor den Schergen Chiang Kaisheks wird Mao später zum legendären "Langen Marsch" (1934/35) verklären und zum Gründungsmythos der chinesischen Revolution erheben. Die strapaziöse, äußerst verlustreiche Wanderbewegung der Kommunisten erstreckt sich über eine Länge von 12.000 Kilometern. Von ursprünglich 100.000 bis 120.000 Kommunisten, die sich auf den Weg machen, überleben nur etwa 8.000 bis 10.000 Menschen die Entbehrungen des ungeordneten Fluchtmanövers. Es ist der "Lange Marsch", der Mao schließlich nach erbitterten Grabenkämpfen zwischen den moskautreuen Kommunisten und dem chinesischen Flügel, dem er vorsteht, den Weg nach ganz oben ebnet: Mit 41 Jahren avanciert Mao zur Nummer Eins in der KP Chinas.

Maos Gefolgsleute lassen sich in der Stadt Yan'an am Yanhe-Fluss nieder. Hier graben sich die Überlebenden der Odyssee im Lössbergland Höhlen auf primitivstem Niveau. Mao regiert die kommunistische Kolonie mit unerbittlicher Härte, degradiert seine Gefolgsleute zu willfährigen Erfüllungsgehilfen. Wer nicht Folge leistet, wird schikaniert, "umerzogen" oder liquidiert. Aus den anfänglichen kommunistischen Idealisten formt Mao ein kleines Heer ideologisch gleichgeschalteter, einzig auf seine Person ausgerichteter Vasallen. Durch eine taktische Politik der Annäherung gewinnt Mao zusehends die bäuerliche Bevölkerung der Umgebung für sich. 1937 erreicht der Zweite Weltkrieg China.

Mao Zedong spricht zu Anhänger, 1939.Mao Zedong spricht zu Anhänger, 1939. (© Public Domain)
Der japanisch-chinesische Krieg erzwingt einen Burgfrieden zwischen den Truppen von Chiang Kaishek und denjenigen von Mao. Der massive Anbau von Opium und schwunghafte Handel mit Rauschgift sowie die ständige finanzielle Unterstützung durch Moskau sichern Mao den kontinuierlichen Aufbau der Roten Armee. Als 1945 nach der Kapitulation Japans der Bürgerkrieg zwischen der KP Chinas und der Guomindang-Partei mit unverminderter Härte fortgesetzt wird, erfährt Mao anfänglich eine breite Unterstützung durch die ländliche Bevölkerung. Bauern, die Maos Anhängern ihre Unterstützung verweigern, werden durch Terroraktionen der kommunistischen Kader eingeschüchtert. Die bei der einfachen Landbevölkerung zusehends verhassten, korrupten Einheiten der Guomindang werden von den rotchinesischen Truppen systematisch zurückgedrängt, Chiang Kaishek flieht mit seinen Anhängern auf die Insel Taiwan.

China wird Volksrepublik



Maos Alleinherrschaft über China steht nun nichts mehr im Weg. Seit 1945 führt Mao offiziell den Vorsitz im Zentralkommitee und im Politbüro der KP Chinas. Am 1. Oktober 1949 proklamiert er in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Volksrepublik (VR) China. Mao übernimmt den Vorsitz im Revolutionären Militärrat und im Zentralen Volksregierungsrat. 1954 wird er Staatsoberhaupt der VR China. Doch das "Reich der Mitte" liegt wirtschaftlich am Boden. Krieg und Bürgerkrieg haben tiefe Wunden hinterlassen. Ströme von Flüchtlingen und Vertriebenen durchqueren das Land. Die ohnehin marginale Infrastruktur ist zerstört. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 54 US-Dollar zählt China zu den ärmsten Ländern der Erde. 70 Prozent der Bevölkerung sind besitzlose Bauern, Tagelöhner und Wanderarbeiter. Die beginnende kommunistische Diktatur erwirtschaftet anfangs sogar zarte Erfolge. Das Bruttosozialprodukt erreicht Vorkriegsniveau, die Inflation wird eingedämmt.

In den Jahren 1949 bis 1952 startet die kommunistische Führung die radikale "Bodenreform". Kleine und große Landbesitzer werden systematisch enteignet, das Land an arme oder noch ärmere Bauern verteilt. Die wenigen industriellen Großbetriebe des Landes, zumeist im Besitz ausländischer Investoren, werden zwangsverstaatlicht. Noch zu Bürgerkriegszeiten erlaubten und förderten Maos Kader die gewaltsame Aneignung des Bodens durch die Besitzlosen. Jetzt fordert die kommunistische Partei die Bauern auf, sich flächendeckend gewaltsam Land anzueignen und an denjenigen, die Land bisher besaßen, Rache und Vergeltung zu üben. Mao versteht es, durch die brachiale Umsetzung der Bodenreform, den Volkszorn gezielt zu entfesseln, zu kanalisieren und zu instrumentalisieren. Eine Welle der Gewalt ergießt sich über China. Überall im Land kommt es zu improvisierten Schauprozessen und hysterischen Übergriffen. Auf Dorfversammlungen werden Menschen zu Hunderttausenden in aller Öffentlichkeit vorgeführt, gefoltert, getötet. Bis zu fünf Millionen Menschen fallen so den Hetzkampagnen zum Opfer.

Der chinesische Weg



Bereits 1927 hatte Mao verkündet, dass sich in China der Kommunismus auf das Bauerntum stützen müsse. Im zunehmend offenen Gegensatz zum "Großen Bruder UdSSR" formuliert Mao Zedong einen eigenen, den "chinesischen Weg" der Revolution: Nicht das Proletariat, die Bauern, stellen die revolutionäre Massen. Mao erzwingt den "chinesischen Weg" mit Maßnahmen, die unerbittlich ins Leben der ländlichen Bevölkerung Chinas eingreifen und welche die seit Generationen gewachsenen Gebräuche und die Arbeitskultur zerstören. Besitzverhältnisse und jahrhundertelang gewachsene Gesellschaftsstrukturen der traditionell familiär ausgerichteten Landbevölkerung werden rücksichtslos zerschlagen, die Bauern zwangskollektiviert und zu großen genossenschaftlichen Großverbänden zusammengefasst. Die Menschen verlieren jegliches Recht auf Selbstbestimmung und Selbstorganisation. Von 1953 bis 1957 etabliert die chinesische Führung den ersten Fünfjahresplan. Nach sowjetischem Vorbild soll durch die landesweite Entfesselung der Arbeitskräfte eine chinesische Schwerindustrie auf Kosten der Landwirtschaft aus dem Boden gestampft werden. Dagegen steht die rapide anwachsende chinesische Bevölkerung, die eine Steigerung landwirtschaftlicher Erzeugnisse dringend notwendig macht. Doch für Mao sind realpolitische und ökonomische Sachzwänge zweitrangig. Für ihn steht einzig die ständige Revolutionierung des Bewusstseins im Vordergrund, die Erziehung zum "Neuen Menschen" auf dem Weg zur "klassenlosen Gesellschaft".


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