Nächtliche Skyline von Shanghai

1.10.2009 | Von:
Dr. Kai Filipiak

Das Militär der Volksrepublik China

Staat und Militär

Die Gründung der Roten Armee wird von der chinesischen Geschichtsschreibung auf den ersten August 1927 datiert, als Soldaten unter der Führung kommunistischer Generäle einen Aufstand in Nanchang durchführten. 1946 wurde die Rote Armee in Volksbefreiungsarmee (VBA) umbenannt. Sie war das kriegsentscheidende Machtinstrument der KP Chinas im Bürgerkrieg gegen die Streitkräfte der herrschenden Guomindang-Regierung. Nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 übernahm die Volksbefreiungsarmee die Aufgabe, die bestehenden Machtverhältnisse nach außen und innen zu sichern.

Die erste Bewährungsprobe erfolgte im Korea-Krieg (1950 bis 1953), als China die nordkoreanischen Streitkräfte im Krieg gegen die verbündeten Truppen Südkoreas und der USA unterstützte. Trotz hoher Verluste leisteten die chinesischen Truppen den US-Streitkräften erfolgreich Widerstand. Einen Sieger gab es jedoch nicht. Korea blieb auch fortan geteilt. In militärischer Hinsicht brachte der Krieg die wichtige Erkenntnis, dass die hoch motivierten chinesischen Streitkräfte den US-Truppen waffentechnologisch unterlegen waren und dringend modernisiert werden mussten. In politischer Hinsicht bewies China in diesem ersten großen Konflikt des kalten Krieges, dass die Restauration der einstigen Großmacht Ostasiens ihren Anfang genommen hatte.

Das zeigte sich auch in der zunehmenden Entfremdung von der Sowjetunion als wichtigsten Bündnispartner Chinas seit der Gründung der Volksrepublik. Der vorausgehenden politisch-ideologischen Konfrontation, die ihren Höhepunkt in der chinesisch-sowjetischen Spaltung 1960 erfuhr, folgte die militärische Eskalation im Grenzkrieg 1969. Die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion schlug sich auch in militärischen Konflikten mit den Anrainerstaaten nieder, die enge Beziehungen zur Sowjetunion pflegten. Zu nennen wären hier insbesondere die Auseinandersetzungen mit Indien (1962) und Vietnam (1979).

Auch in innenpolitischer Hinsicht spielte die Volksbefreiungsarmee mehrfach eine wichtige Rolle. Während der Kulturrevolution (1966 bis 1976) wurde die Armee als Werkzeug für den politischen Kampf missbraucht. Bereits 1960 begann man auf Beschluss der von Mao Zedong geleiteten Militärkommission, die ideologische Arbeit in der Armee zu verstärken. Die daraus resultierende Stärkung der Stellung der Politkommissare führte zum Konflikt mit Berufsoffizieren, welche die Modernisierung der Armee in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten. Dieser Machtkampf ging zu Gunsten des damaligen Verteidigungsministers Lin Biao aus, der von Mao Zedong mit der ideologischen Durchdringung der Armee beauftragt worden war. Folglich bildete das Militär in der Anfangsphase der "Kulturrevolution" vor allem in den Großstädten das wichtigste Machtinstrument der politischen Gruppe um Mao. So half die Armee beispielsweise beim Aufbau der "Roten Garden", welche die gegen Partei und Staatsapparat gerichtete Politik Maos umsetzten. Über die Armeezeitung wurden Angriffe auf politische Gegner medienwirksam publiziert. Und schließlich besetzten Soldaten das Pekinger Stadtkomitee, das als Zentrum des Widerstands gegen Mao agierte. Allerdings ist anzumerken, dass eine Reihe von hochrangigen Berufsoffizieren die Kulturrevolution nicht unterstützte. Auch die Einheiten der großen äußeren Militärregionen der Mongolei, Xinjiangs und Tibets widersetzten sich dem Kurs Maos. Daher war es letztendlich auch die Armee, welche die katastrophalen Zustände beendete und die öffentliche Ordnung wieder herstellte.
Während der Tiananmen-Ereignisse des Jahres 1989 griff die Armee erneut auf Weisung der Partei- und Staatsführung ein und schlug die Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens gewaltsam nieder.

Militär und Gesellschaft

In der Anfangszeit der Volksrepublik genoss die Armee auf Grund der Erfolge über Japan, die Guomindang und die US-Streitkräfte im Korea-Krieg ein hohes Ansehen. Zur gesellschaftlichen Akzeptanz trug bei, dass ein Großteil der Soldaten der ländlichen Bevölkerung entstammte.
Dieses Renommee erlitt in der Zeit der Kulturrevolution zum Teil Schaden, vor allem aber im Zusammenhang mit den Tiananmen-Ereignissen. Ziel der Politik ist es deshalb, das verlorengegangene Vertrauen des Volkes in die VBA zurückzugewinnen. Zu diesem Zweck wird die Armee mit zahlreichen Aufgaben betraut, die zur Unterstützung der ökonomischen Reformpolitik dienen. Dazu gehören Infrastruktur-Projekte wie Straßen- und Brückenbau, Häfen und Flughäfen oder die Herstellung von Kommunikationsverbindungen. Es versteht sich von selbst, dass diese Projekte auch von militärischer Bedeutung sind. Dennoch sind sie auch von gesellschaftlichem Nutzen, weil sie wichtige Grundlagen in den strukturschwachen und armen Gebieten schaffen. Diese befinden sich vor allem in Westchina, weshalb die Armee dort besonders aktiv ist. Damit leistet das Militär einen wichtigen Beitrag zur Erschließung der Westgebiete, die seit den 1990iger-Jahren verstärkt propagiert wurde.

Auch im medizinischen Bereich leistet die Armee wirksame Unterstützung. Militärhospitäler unterstützen auf lokaler Ebene die entsprechenden zivilen Einrichtungen mit Personal und Technik. Während der SARS-Krise von 2002 bis 2003 spielten die militärischen Einrichtungen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung der Epidemie.
Besonders deutlich wird das gesellschaftliche Engagement des Militärs bei den jährlichen Hilfsaktionen, die infolge von Überschwemmungs-, Dürre- oder Erdbebenkatastrophen stattfinden. Durch den umfangreichen Einsatz von Personal und Technik vor Ort kann der Bevölkerung schnell geholfen werden, wodurch das Militär an Ansehen gewinnt. Gleichzeitig bieten diese Operationen eine gute Möglichkeit, um militärische Abläufe zu trainieren und Kapazitäten zu testen.

Reform des Militärs

Bereits 1975 wurde unter dem Schlagwort der "Vier Modernisierungen" der Beschluss gefasst, die Streitkräfte zu modernisieren. Ziel der Militärreform war von Anfang an die Umwandlung einer Massenarmee, die ursprünglich für einen langwierigen Abnutzungskrieg auf eigenem Territorium aufgestellt worden war, in eine schlagkräftige Armee, die zeitlich und regional begrenzte militärische Auseinandersetzungen entlang der Peripherie unter Hightech-Bedingungen führen und gewinnen kann.

Die Reform beinhaltete die Reduzierung der Personalstärken, die Restrukturierung und Professionalisierung der Streitkräfte, die Entwicklung und Aneignung moderner Waffentechnologie, eine bessere Ausbildung des Führungspersonals, die Verbesserung des Lebensstandards der Soldaten und vieles mehr.

Es steht außer Frage, dass China bis heute große Fortschritte in der Modernisierung seiner Streitkräfte erreicht hat. So wurde die Gesamtmannschaftsstärke der VBA von 4,24 Mio. Mann im Jahr 1985 auf derzeit 2,2 Mio. Mann nahezu halbiert. Damit einher ging eine Reduzierung der Feldarmeen von 35 auf 24. Auch die Zahl der Militärbezirke wurde von elf auf sieben gesenkt. Ende der 1980iger-Jahre begann man kleine, gut ausgebildete und ausgerüstete Spezialeinheiten in Bataillon- oder Brigadegröße aufzustellen, die entsprechend der neuen Doktrin unterschiedliche taktische Aufgabenstellungen schnell ausführen konnten. Mit hohen Investitionen in die Marine will China seine militärische Präsenz zur See stärken. Zu diesem Zweck wurde die U-Boot-Flotte ausgebaut. Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums gehen davon aus, dass China bis zum Jahr 2010 fünf Atom-U-Boote des Typs 094 besitzen wird, die Raketen mit einer Reichweite von 7.200 km abfeuern können. Auch mit dem Bau von Flugzeugträgern wurde begonnen, wenngleich der Abstand zur US-Marine mit elf aktiven Flugzeugträgern sehr groß erscheint.

Trotz der Fortschritte in der Modernisierung des chinesischen Militärs scheinen Tempo und Reichweite der Reformen noch zu gering, weshalb sich der chinesische Verteidigungsminister Liang Guanglie kürzlich für eine Beschleunigung der Reformen aussprach. Auch der im Vergleich zu den USA geringere Wehretat lässt Zweifel darüber aufkommen, ob China in absehbarer Zeit in der Lage wäre, mit der militärischen Supermacht USA gleichzuziehen. Andererseits ist zu bedenken, dass es keine verlässlichen Informationen über Investitionen, Entwicklungsstand und Absichten des chinesischen Militärs gibt. Tatsache ist lediglich, dass die Reform des chinesischen Militärs die Machtbalance in der Region mittelfristig zu Gunsten Chinas verändern wird.

Literaturhinweise

  • Blasko, Dennis J.: The Chinese Army Today, New York 2006.
  • Domes, Jürgen: Kulturrevolution und Armee. Die Rolle der Streitkräfte in der chinesischen "Kulturrevolution", Bonn 1967.
  • Li Xiaobing: A History of the Modern Chinese Army, Lexington 2007.
  • Mulvenon, James C./Andrew N.D. Yang (Hrsg.): The People's Liberation Army as Organization, Pittsburgh 2002.
  • Presseamt des Staatsrats der Volksrepublik China (Hrsg.): Die Landesverteidigung Chinas, Peking 1998.
  • Shambaugh, David/Richard H. Yang (Hrsg.): China´s Military in Transition, Oxford 2003.
  • Shambaugh, David: Modernizing China's Military, Berkeley 2004.

Internetquellen


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