Nächtliche Skyline von Shanghai
1 | 2 Pfeil rechts

Die Komplexität der Tibetfrage


1.10.2009
Schon immer ist Tibet ein Spielball unterschiedlicher Weltmächte gewesen – von Großbritannien über Russland bis hin zur Volksrepublik China. Die Forderungen des Dalai Lama und der tibetischen Exil-Regierung nach mehr Autonomie oder gar Unabhängigkeit sind bislang allerdings von keinem Erfolg gekrönt, wie historische Stationen belegen.

Der Potala-Palast in Lhasa, 1938.Der Potala-Palast in Lhasa, 1938. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Bundesarchiv, Bild 135-S-15-04-37 / Fotograf: Schäfer, Ernst)

Der rechtliche Status Tibets vor 1950



Ab 1720 besaß Tibet den Status eines mit China assoziierten Gebietes. Damals wandten sich die Tibeter an den chinesischen Kaiser mit der Bitte um militärische Unterstützung gegen eine Invasion der Dsungar-Mongolen. Nach deren erfolgreichen Vertreibung schloss Kaiser Kang Xi einen Vertrag mit dem Dalai Lama, durch den sich Tibet der Schutzmacht China unterstellte. Es erkannte die Oberhoheit Chinas an, die Regierungs­gewalt jedoch lag beim Dalai Lama. Tibet befand sich damit im Zustand der Suzeränität, nicht aber der Sou­veränität. D.h., militärische Sicherheit und Außenpolitik lagen beim Kaiserhof in Peking, der sich im Gegenzug verpflichtete, Tibet jeden erdenkbaren Schutz zu gewähren. Die innere Verwaltung hingegen lag beim Dalai Lama und seinem Hofstaat, wie es der traditionellen Politik des Kaiserhofes entsprach.

Danach wurden Siedlungsgebiete nicht-chinesischer Völker nicht direkt durch chi­nesische Beamte verwaltet. Vielmehr erhielten in Gebieten, in denen Macht- und Organisations­struktur der Stammesgesellschaften noch ungebrochen waren, einheimische Führer vom Kaiserhof erbliche Titel und Ränge innerhalb der chinesischen Beamtenhierarchie. Die so ge­schaffenen "Beamten" übten ihre Befugnisse unter der Aufsicht chinesischer "Schutz­herren" aus. Da in diesen Regionen auch die unteren Beamten aus den Reihen der loka­len Führer stammten, spürten die so ins chinesische Reich integrierten Völker oder Stämme die Oberhoheit des Kaiserhofs nicht direkt. Zu unmittelbaren Eingriffen des Kaiserhofes kam es nur, wenn dessen Oberhoheit in Frage gestellt wurde oder Stämme sich auf­lehnten. Nicht militärische Eroberung, sondern indirekte Verwaltung war für diese Po­litik kennzeichnend. Dementsprechend hielten sich die Bevollmächtigten des chinesi­schen Kaiserhofes in Tibet, die Ambane, während der Qing-Dynastie bei Eingriffen in innere Angelegenheiten Tibets zurück, wobei es zugleich nur eine marginale Militärpräsenz gab. Daraus kann jedoch nicht auf eine Selbstständigkeit Tibets geschlossen werden. Ti­bet hatte sich der Oberhoheit Pekings unterstellt, und die Ambane übten die Kontrolle über die lokale Verwaltung aus.

Das war jedoch kein statischer Zustand bis zur chinesischen Revolution von 1911. Das Vorrücken der Briten auf dem indischen Subkontinent veränderte die Machtverhältnis­se in Asien. China wurde selbst Opfer kolonialer Machtpolitik und erlitt eine empfind­liche Schwächung, von der auch die Schutzmacht über Tibet berührt wurde. Der Kai­serhof bemühte sich, seine Schwäche durch ein energischeres Vorgehen in Nord- und Osttibet auszugleichen, um dort territoriale Verluste zu verhindern. Tibet sah sich durch die britische Unterwerfung Indiens und das Vorrücken der Kolonialmacht an seinen Gren­zen bedroht. Daher schloss es bereits Ende des 18. Jahrhunderts sein Gebiet für Personen aus "westlichen Mächten". Da Tibet eine "Schutzmacht" England ablehnte, China jedoch diese Funktion immer weniger auszuüben vermochte, bemühte sich Tibet seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts um Äquidistanz, d.h. es pendelte zwischen beiden Seiten, um keine von ihnen zum Eingreifen zu provozieren.

Als Peking 1908/09 seine Kontrolle über Osttibet zu verstärken und damit das Funda­ment der bisherigen Beziehungen zu untergraben begann, wandte sich der Dalai Lama an Großbritannien und bat um die Errichtung eines Protektorats. London lehnte dies ab, weil Tibet, wie es in einem britischen Dokument hieß, als "wertloses Stück Territorium" betrachtet wurde. Die Kosten einer Inbesitznahme wurden als zu hoch veran­schlagt; eine Übernahme hätte zudem zu Konflikten mit Russland geführt. Diese beiden Mächte einigten sich darauf, Tibet als Puf­ferzone zwischen ihren Einflusssphären zu etablieren, vorzugsweise unter chinesischer Oberhoheit. Nach dem Ende der kaiserlichen Herrschaft in Peking erklärte der Dalai Lama sein Land 1913 für unabhängig. China erkannte diesen Schritt nicht an und gab seinen Anspruch auf Tibet nie auf. Dies gilt für die Guomindang unter Sun Yatsen, Chiang Kaishek und dessen Nachfolger ebenso wie für die Kommunistische Partei (KP). Vor dem Ein­marsch der Chinesen 1950 hatte kein Staat Tibet als selbstständiges völkerrechtliches Sub­jekt anerkannt. Verträge zwischen Großbritannien und China bekräftigten auf allerdings widersprüchliche Weise, dass Tibet zwar unabhängig sei, aber chinesischer Oberherr­schaft unterstehe.

Unterschiedliche Rechtsauffassungen



Bei Zugrundelegung der Konvention über die Rechte und Pflichten von Staaten des Völ­kerbunds von 1933 waren für die Anerkennung eines Staates bestimmte Kriterien maßge­bend: permanente Bevölkerung, fest umrissenes Territorium, eine Regierung und die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Staaten aufzunehmen. Drei dieser Erfordernisse waren im Falle Tibets erfüllt. Durch die selbst gewählte Isolation gab es allerdings keine Beziehungen zu anderen Staaten. Von daher war Tibet vor 1950 auch kein inter­national anerkannter Staat. Die fehlende Anerkennung durch die Staatengemeinschaft, die Zuordnung zu China und der von Peking aufrechterhaltene Anspruch lassen den völ­kerrechtlichen Status des Landes vor 1950 als nicht eindeutig erscheinen.

Zwar hatte Ti­bet sich für unabhängig erklärt, es zugleich aber versäumt, die Unabhängigkeit interna­tional abzusichern. Damit fehlten 1950 drei entscheidende Voraussetzungen für die Unab­hängigkeit: 1. eine frühere Beteiligung am Leben der internationalen Staatengemein­schaft; 2. die Fortdauer der Schwäche Chinas; 3. eine Schutzmacht, die, nach dem Rückzug Großbritanniens aus Indien im Jahr 1947, die gewaltsame Eingliederung durch China hätte verhindern können.

Die tibetische Regierung hatte 1947/48 vergeblich Missionen in die Hauptstädte der wichtigsten westlichen Staaten gesandt, um eine Anerkennung zu erreichen. Der Wi­derstand der damals noch von der Guomindang (Nationale Volkspartei) gestellten Regierung in Peking ließ de­ren wichtigsten Verbündeten, die USA, das Ansinnen zurückweisen. Auch nach ihrer Übersiedlung nach Taipeh verhinderte die nicht-kommunistische Führung der Repu­blik China, die noch jahrzehntelang den Sitz im UNO-Sicherheitsrat innehatte, eine Änderung der westlichen Haltung. Auch wollten sich Großbritannien (als Kolonialmacht in Hongkong) und Frankreich (als Kolonialmacht in dem an China grenzenden Indochina) auf keinen Konflikt mit Peking einlassen, weil dieser ihre kolonialen Interessen in Fernost hätte beeinträchtigen können.

Aus chinesischer Sicht erschien die gewaltsame Wiedereingliederung Tibets völlig gerecht­fertigt. China ging und geht von einem anderen Nations- und Staatsbegriff aus als die westlichen Länder. Danach sind alle Völker, die bis 1911 auf chinesischem Territorium gelebt haben, Teil des chinesischen Volkes. Der in China verwendete Begriff "Chinesen" ("Zhongguoren") schließt alle Bewohner des Landes unabhängig von ihrer Nationalität ein. Die Angehörigen der Mehrheitsnationalität heißen "Han" und gelten als eine der 56 Nationalitäten des Landes. Anders als in Westeuropa, wo im 18. und 19. Jahrhundert re­lativ einheitliche Nationen Nationalstaaten bildeten (Übereinstimmung von National- und Nationsprinzip), wurde in China das Territorialprinzip zum Nationsprinzip gemacht. Bereits Sun Yatsen, der Gründer der Republik China, schrieb nach der Unab­hängigkeitserklärung des äußeren Teils der Mongolei (die später zur Gründung der Mongolischen Volksrepublik führ­te), auch die Mongolen seien und blieben Chinesen, auch wenn sie dies eine Zeitlang ver­gessen hätten.


Der Dalai Lama

Der Titel "Dalai Lama" (Mongolisch: ozeangleicher Lehrer) wurde im 15. Jahrhundert vom mongolischen Kaiserhof dem Oberhaupt der mächtigen und promongolischen "Gelbmützenbewegung" innerhalb des tibetischen Buddhismus verliehen. Der Dalai Lama gilt nicht nur als Reinkarnation des Gründers der Gelbmützen und spirituelles Oberhaupt der Tibeter, sondern auch als Wiedergeburt des Bodhisattva Avalokitesvara, des Bodhisattva (d.h. ein Wesen, das auf dem Weg zur Buddhaschaft ist) des unversellen Mitgefühls, der zugleich der Schutzpatron Tibets ist.

Dalai Lama während eines Besuchs im größten Kloster der Mongolei, Gandantegcheling in Ulan Bator. Der Dalai Lama besucht die Mongolei das größte buddhistische Kloster am Dienstag zu Beginn einer einwöchigen Reise. (© AP)
Der gegenwärtige Dalai Lama, der den offiziellen Namen Jetsun Jamphel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso trägt, wurde 1935 im nördlichen Teil Tibets (Amdo) geboren, der zur chinesischen Provinz Qinghai gehört. Nach einem Aufstand in Lhasa floh er 1959 nach Indien. Er residiert heute als Oberhaupt der tibetischen "Exilregierung" in Dharamsala/Indien.




Von daher stehen sich hier zwei unterschiedliche Rechtskonzepte gegenüber. Nach den Normen des heutigen Völkerrechts war die Ausdehnung der chinesischen Macht auf Ti­bet eindeutig eine Okkupation. Nach chinesischem Rechtsverständnis dagegen handel­te es sich um die Wiederherstellung legitimer Rechte, die China lediglich aufgrund zeit­weiliger Schwäche und Zerrissenheit nicht hatte ausüben können. Peking hatte demnach nichts anderes getan, als einem lange missachteten Rechtsprinzip wieder Geltung zu ver­schaffen. Bei dem chinesischen Vorgehen dürfte auch die militärstrategische Lage Tibets ein wichtiger Gesichtspunkt gewesen sein. Tibet verfügt über eine natürliche Grenze nach Süden. Diese strategische Bedeutung darf, vor allem unter den Bedingungen des Kalten Krieges, als nicht gering bewertet werden. Tibet schafft zugleich eine natürliche Grenze und Barriere gegenüber dem Rivalen Indien, mit dem nach wie vor Grenzstreitigkeiten bestehen. Überdies war es als große, menschenleere Region mit großem Rohstoffpotenzial für China interessant.



Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Publikationen zum Thema

Volksrepublik China

Volksrepublik China

Die Volksrepublik China befindet sich mitten in einem rasanten wirtschaftlichen Wandel mit tief grei...

Coverbild Maos Großer Hunger

Maos Großer Hunger

Der von Mao Zedong initiierte "Große Sprung nach vorne" sollte China zu den großen Industrienation...

apuz

China

China hat 2009 den langjährigen Exportweltmeister Deutschland auf den zweiten Platz verwiesen und J...

Länderbericht China

Länderbericht China

Die Volksrepublik China ist zur Weltmacht aufgestiegen. Kenntnisse der geschichtlichen, politischen,...

Coverbild Die Große Mauer in den Köpfen

Die Große Mauer in den Köpfen

Entfremden sich China und der Westen mehr und mehr? Der Politikwissenschaftler Xuewu Gu konstatiert ...

Coverbild Wandkarte China

Wandkarte China

Die Volksrepublik China ist ein zunehmend wichtiger Akteur in der Weltpolitik und ein globaler ökon...

Coverbild Kulturrevolution

Kulturrevolution

Im Frühjahr 1966 entfesselte Mao Zedong, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, die "Gr...

WeiterZurück

Zum Shop

Mediathek

Shanghai - Hauptstadt des 21. Jahrhunderts?

Mit dem aufstrebenden China rückt auch die Weltstadt Shanghai immer mehr in den Mittelpunkt. Vor welchen Herausforderungen steht die bedeutendste Industriestadt der VR China? Weiter...