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Hongkong und Macau

Ein historischer Überblick

1.10.2009

Die Hongkong-Frage



Die positive Entwicklung der Kolonie steht allerdings unter einem immer größer werdenden Fragezeichen, rückt doch das Jahr 1997 näher. Zu diesem Datum läuft der Pachtvertrag mit China für die "New Territories" aus. Ohne diese grünen Gebiete im Norden wäre die überfüllte Stadt kaum überlebensfähig und zu versorgen. Ohnehin fordert Peking die Rückgabe der gesamten Kolonie. Anfang der 1980er-Jahre schließlich steht die Hongkong-Frage auf der internationalen politischen Agenda. Die britische Regierung unter Premierministerin Margaret Thatcher hofft zunächst noch, Hongkong durch Verhandlungen mit Peking halten zu können. Doch Chinas politischer Führer Deng Xiaoping tritt mit großer Stärke auf und setzt sich schließlich gegen London durch. 1984 vereinbaren beide Regierungen die Rückgabe Hongkongs für den 1. Juli 1997. Die Stadt soll danach zwar zu China gehören, nach dem Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" aber 50 Jahre lang als Sonderverwaltungsregion politisch und wirtschaftlich große Autonomie genießen. Durch diesen Kompromiss wird die Rückgabe für die britische Seite akzeptabel. Hongkong soll seine kapitalistische Marktwirtschaft behalten dürfen, aber auch liberale Bürgerrechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit. In der Kronkolonie machen sich trotzdem Unsicherheit und Zukunftsangst breit. Viele Menschen trauen den chinesischen Zusagen nicht. Vor allem das Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz durch die Volksbefreiungsarmee im Jahr 1989 nährt die Auswanderungspläne vieler Hongkonger. Mehrere hunderttausend Menschen ziehen zwischen 1984 und 1997 ins Ausland. Allein 1992 kehren 66.000 Personen der Kronkolonie den Rücken.

Trotz der politischen Ungewissheit erlebt Hongkong in den Achtzigerjahren eine Blütephase. Das Hongkong-Kino und der Canto-Pop haben ihre Hochzeit. Die Wirtschaft boomt und durchläuft gleichzeitig einen radikalen Strukturwandel. Seit der chinesischen Öffnungspolitik ab 1978 verlagern Hongkonger Unternehmen die Fertigung immer häufiger ins festlandchinesische Hinterland. Sie werden zur treibenden Kraft bei der Industrialisierung des Perlflussdeltas, heute eines der größten Industriegebiete der Welt. Aus Hongkong selbst verschwindet die einst so wichtige Industrieproduktion. Doch die alten Arbeitsplätze werden durch neue ersetzt. Der Anteil des Dienstleistungssektors an der Wirtschaftsleistung steigt auf über 80 Prozent.

Chinesisch-portugiesische Erklärung



Nach der Nelkenrevolution im Jahr 1974 demokratisiert sich Portugal und leitet Schritte zur Entkolonialisierung ein. Doch erst nach der Klärung der Hongkong-Frage beginnt Peking ernsthafte Verhandlungen über die Zukunft Macaus. Diese münden schließlich in der "chinesisch-portugiesischen Erklärung" von 1987. Darin wird die Übergabe der Kolonie auf den 20. Dezember 1999 terminiert. Auch hier findet die Formel "ein Land, zwei Systeme" Anwendung. Wie Hongkong soll auch Macau außer in der Verteidigungs- und Außenpolitik große Autonomie behalten. In den Folgejahren werden für beide Städte sogenannte Grundgesetze ausgearbeitet, Mini-"Verfassungen", die mit der Rückgabe in Kraft treten sollen.

Spielcasino in Macau.Spielcasino in Macau. (© AP)
Die Übergabeverhandlungen fallen in eine Zeit größter wirtschaftlicher Dynamik. China durchläuft einen rasanten Industrialisierungsprozess. Um mit marktwirtschaftlichen Methoden zu experimentieren, richtet Peking in Südchina Sonderwirtschaftszonen ein. Die erste und prominenteste ist Shenzhen direkt hinter der Hongkonger Stadtgrenze gelegen. Sie soll Investitionen aus der britischen Kolonie anlocken. Das Konzept geht auf, Hongkonger Firmen ziehen mit ihren Fabriken zu Tausenden über die Grenze. Aus dem Inneren Chinas kommen Wanderarbeiter in die Region, die zu extrem niedrigen Löhnen arbeiten. Im Perlflussdelta entsteht ein Ballungsraum mit mehr als 50 Millionen Menschen, in den sich Hongkong und Macau wirtschaftlich immer stärker integrieren. Zwischen 1978 und 1997 wächst der Handel zwischen Hongkong und der Volksrepublik um durchschnittlich 28 Prozent pro Jahr.

So ist die britische Kronkolonie bereits eng mit China verflochten, als sie in der Nacht zum 1. Juli 1997 der Hoheit Pekings unterstellt wird. In einer aufwändigen Zeremonie, begleitet von sintflutartigem Regen, nehmen die Briten Abschied von Hongkong. Das Ereignis wird von Millionen Menschen weltweit im Fernsehen verfolgt. Viel weniger Beachtung findet hingegen die Rückgabe Macaus zwei Jahre später am 20. Dezember 1999. Dabei geht eigentlich erst hier ein Kapitel der Weltgeschichte zu Ende. Nach mehr als 400 Jahren geben die Europäer mit Macau ihre letzte Kolonie in Asien auf. Die Portugiesen kamen einst als erste und gehen als letzte.

"Ein Land, zwei Systeme"



Die Einwohner in den beiden Sonderverwaltungsregionen und die Weltpresse beobachten die Entwicklung seither genau. Anders als viele befürchtet haben, hält sich China nach der Rückgabe an das Prinzip der zwei Systeme in einem Land. Hongkong und Macau funktionieren weitgehend wie eigenstaatliche Gebilde. Die freie Marktwirtschaft ist unangetastet. Speziell in Hongkong existiert – trotz einer Tendenz zur Selbstzensur – eine freie vielfältige Presselandschaft, und es herrscht Meinungsfreiheit. Dennoch nimmt die chinesische Regierung großen Einfluss auf das politische Geschehen in beiden Städten, nicht zuletzt bei den Wahlen des jeweiligen Regierungschefs durch die mehrheitlich pekingtreu besetzten Wahlkomittees. Die politischen Systeme beinhalten demokratische Elemente, sind aber nicht vollständig demokratisch. Die Abgeordneten des Hongkonger Parlaments etwa werden nur zur Hälfte direkt vom ganzen Volk gewählt. Peking hat allerdings eine Direktwahl aller Parlamentarier und des Regierungschefs durch das Volk mittelfristig in Aussicht gestellt.

Hongkong setzt seine gute Wirtschaftsentwicklung auch unter chinesischer Herrschaft fort. Einen schweren Einbruch erleidet die Stadt nur während der Epidemie der Lungenkrankheit SARS im Jahr 2003, als knapp 300 Menschen in der Stadt sterben. Die Arbeitsteilung zwischen dem hoch entwickelten Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum Hongkong und dem günstig produzierenden chinesischen Hinterland ist auch zum Beginn des neuen Jahrtausends weiterhin fruchtbar.

Auch das lange zurückgebliebene Macau kann sich nach 1999 gut entwickeln. Dabei setzt es vor allem auf den Tourismus aus Festlandchina und das Glücksspiel. Beide Bereiche machen mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts des Territoriums aus. Die größten Kasinos der Welt entstehen hier, bei den Glücksspieleinnahmen überholt Macau sogar Las Vegas.

Heute stehen die beiden ehemaligen Kolonien erfolgreich und wohlhabend da. Doch es zeichnen sich große Herausforderungen ab. Das Spielerparadies Macau spürt seit dem Einsetzen der globalen Finanzkrise deutliche Rückgänge im Tourismus- und Glücksspielgeschäft. Es bekommt vorgeführt, wie sehr es sich lange Zeit auf nur einen Wirtschaftssektor gestützt hat und dadurch sehr verwundbar wurde.

Die Finanzstadt Hongkong leidet ebenfalls unter der Krise. Ihre langfristigen Herausforderungen aber sind von grundsätzlicher Art. Langsam verliert die Metropole ihren Entwicklungsvorsprung gegenüber festlandchinesischen Städten. Vor allem Schanghai ist zurück auf der internationalen Bühne und soll sich nach dem Willen Pekings zu einem globalen Finanzzentrum entwickeln. Auch als Drehscheibe und Logistikzentrum verliert Hongkong an Bedeutung. Viele Waren etwa verlassen China mittlerweile über die Containerhäfen im benachbarten Shenzhen oder von anderen Küstenstädten. Mit seinen sieben Millionen Einwohnern ist Hongkong zudem gegenüber den chinesischen Metropolen recht klein und auf Dauer schlecht wettbewerbsfähig. Die Hongkonger Regierung hat dies erkannt und eine neue Zukunft für die Stadt skizziert, die nicht mehr in ihrer "splendid isolation" liegt. Hongkong soll mit seinem Umland jenseits der Grenze zusammenwachsen. Selbst von einer Fusion mit Shenzhen und anderen Städten im Perlflussdelta ist die Rede. So könnte eine neue Megalopolis im Süden Chinas entstehen, ein Kraftzentrum, das es mit den Metropolregionen von Schanghai und Peking im Wettbewerb aufnehmen kann. Das Symbol dieser neuen Zukunft nimmt bald Gestalt an: eine 30 Kilometer lange Brücke von Hongkong nach Macau und ins westliche Perlflussdelta.


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