Nächtliche Skyline von Shanghai

1.10.2009 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Kubin

Chinesische Literatur in Moderne und Gegenwart

Schon immer wurde chinesische Literatur auch zu ideologischen Zwecken eingesetzt. Vor allem in der Gründerzeit der Volksrepublik. Es dauerte einige Jahrzehnte, bis sich die Schriftsteller-Szene von dieser Bürde befreien konnte. Heute dominieren Bestseller-Autoren den Markt.

Buchhandlung in Peking.Buchhandlung in Peking. (© AP)

Im Gegensatz zur Tradition, die mit dem Sturz des Kaiserreichs 1911 endet, ist die Literatur der Moderne (1912 bis 1949) und der Gegenwart (seit 1949) in China gut erforscht und vielfältig übersetzt. Über ihren Wert ist schematisch wie folgt befunden worden: So wie die klassische Literatur gehört auch diejenige der Moderne zu großen Teilen zur Weltliteratur. Dagegen hat es nach 1949 Einbrüche aus ideologischen Gründen gegeben, von denen sich die chinesische Literatur der Gegenwart auf dem Festland erst mit Beginn der Reformperiode (1979) langsam hat erholen können. Ihre Kommerzialisierung im Rahmen einer auf bloßen Gewinn ausgerichteten wirtschaftlichen Entwicklung (seit 1992) stellt diesen Erfolg inzwischen allerdings wieder in Frage.

Eine gerechte Einschätzung der chinesischen Literatur nach 1912 ist deswegen so schwierig, weil streng gesehen zu unterscheiden wäre zwischen einer chinesischsprachigen Literatur, die weltweit verfasst, und einer Literatur, die einem politischen Staatsgebilde zugeordnet wird. Chinesische Literatur wird nämlich nicht nur in der Volksrepublik China geschrieben, sondern auch auf Taiwan, in den "administrativen Sonderzonen" Hongkong und Macau sowie in Übersee (Malaysia, USA usw.). Die vielfältigen heutigen Publikationsmöglichkeiten erschweren oft die eindeutige Zuordnung der Autoren zu einem Land oder Gebiet. Der aus Peking stammende Dichter Bei Dao (Jahrgang 1949) zum Beispiel lebt inzwischen mit amerikanischem Pass in Hongkong und publiziert seine (politischen) Gedichte zuerst auf chinesisch in den USA oder auf Taiwan, bevor sie später gegebenenfalls auch auf dem Festland erscheinen können, wo er Einreiseverbot hat. Von Schriftstellern wie diesen redet man inzwischen in der Volksrepublik China gelegentlich als Nicht-Chinesen!

Vier Daten können für die Entwicklung der chinesischen Literatur nach Ausrufung der Republik (1912) als wichtig veranschlagt werden: 1919, 1942, 1979 und 1992.

Chinesische Renaissance

Die Studentenbewegung vom 4. Mai 1919 wird oftmals als der Beginn einer chinesischen Renaissance dargestellt. Dies ist insofern möglich, als mit der Rezeption der westlichen Moderne ein geistiger Umgestaltungsprozess einsetzte, der bis heute nicht beendet ist und sich unter die damaligen Schlagworte "Mr. Science" und "Mr. Democracy" zusammenfassen lässt. Ahnherr des neuen Denkens ist der Vater der modernen chinesischen Literatur, Lu Xun (1881 bis 1936). Er ist der Schöpfer der modernen Erzählung, des modernen Essays, des modernen Prosagedichts und vor allem einer modernen Sprache und Weltanschauung. Beispielhaft ist seine "Wahre Geschichte des Herrn Jedermann" (1921/22), in welcher er den Charakter "seines" typischen Chinesen entwirft, der nach oben buckelt, aber nach unten tritt. Was Sprachkraft und scharfes Denken angeht, ist Lu Xun bis heute im chinesischen Sprachraum unübertroffen. Gleichwohl beginnt sein Einfluss seit 1992 zu sinken, weil das erstarkende China sich nicht mehr einen Sklavencharakter als seinen Wesenszug nachsagen lassen möchte.

Wenn wir in einem Atemzug mit Lu Xun von einer Mutter der modernen chinesischen Literatur sprechen wollen, so wäre die Autorin Bing Xin (1900 bis 1999) zu nennen, mit der die Frauenliteratur in China einsetzt. Sie war die erste Schriftsteller-Persönlichkeit, die in jungen Jahren befähigt war, mit Hilfe der sogenannten Umgangssprache moderne Gedichte zu verfassen und die bislang gültige Schriftsprache aus der Lyrik zu verweisen. Ihre in ihren Erzählungen veranschaulichte Philosophie der Liebe ist heute noch von großer Aktualität. Während Bing Xin einen versöhnlichen Feminismus vertritt, ist in Ding Ling (1904 bis 1986) eine radikale Feministin zu sehen, jedenfalls bis zu ihrer vollkommenen Hinwendung zur kommunistischen Sache im Jahr 1942. Berühmt gemacht hat sie ihr "Tagebuch der Sophia" (1928), das auch heute noch vor allem im Westen eine wichtige Rolle unter ihren Leserinnen spielt. Der Tenor ist eindeutig: Nur Frauen verstehen Frauen und bedürfen daher ihrer eigenen Welt. In ihrer Nachfolge haben die großen Erzählerinnen Xiao Hong (1911 bis 1942) und Zhang Ailing (1920 bis 1995) eindringliche Bilder vom bitteren Los der Frauen auf dem Land bzw. in der Stadt entworfen.

Wendung hin zur modernen Erzählkunst

Wie jede Moderne hat auch die chinesische Moderne die Wendung vom klassischen Gedicht zur modernen Erzählkunst vollzogen und damit die Ambivalenz als Stilmittel in die Literatur eingeführt. Die neuen Literaten, die alle Genres und Stilrichtungen des Westens erprobten, sahen sich aber bald in einem Dilemma gefangen: Die erhoffte Befreiung des Individuums blieb aus, der Einzelne war in den Kriegen und Nöten zum Untergang verdammt. Längst vor 1942, also vor Mao Zedongs Aussprache über Kunst und Literatur in Yan'an, hatten daher Schriftsteller eine Aufgabe des modernen Ich, zum Beispiel eine Aufgabe von Subjektivismus oder Modernismus, und einen Übergang zu Realismus und Kollektivismus gefordert. Die Kommunistische Partei Chinas hat die geistigen Tendenzen der Zeit damals lediglich zusammengefasst und um den Aspekt der (blinden) Parteinahme erweitert.

Nach der Beendigung des Bürgerkriegs (1946 bis 1949) beginnt sich China in zwei verschiedene Machtblöcke aufzuspalten, in die Volksrepublik China auf dem Festland und in die Republik China auf Taiwan. Auf beiden Seiten wird die Literatur vom Staat zunächst verwaltet und verfolgt, sodass nur wenige Werke den Geist der Zeit haben überdauern können. Dazu gehört das Stück "Das Teehaus" (1958) von Lao She (1899 bis 1966), ein dramatischer Abgesang auf das China der Moderne, und die Erzählung "Der Neuling in der Organisationsabteilung" (1956) von Wang Meng (Jahrgang 1934), eine systemimmanente Kritik am sozialistischen China. Lao She beging wie viele weitere Schriftsteller Selbstmord, Wang Meng wurde für gut zwanzig Jahre in die Verbannung geschickt. Auch auf Taiwan wurde eine moderne Literatur bekämpft, wenn sie kein Lob, sondern analytische Kritik bot. Die Literatur des vierten Mai war verboten, eine Reihe von Autoren verbüßte eine Haftstrafe.

Die Dinge änderten sich auf beiden Seiten der Taiwanstraße erst mit den Jahren 1979 und 1987. 1979 begann Peking, den Reformkurs in die Praxis umzusetzen, deren treibende Kräfte und Nutznießer auch die Autoren waren. Taipeh hob 1987 das Kriegsrecht auf, sodass die dortigen Schriftsteller heute so frei sind wie im Westen. Das Festland hat jedoch von der neuen Politik mehr profitiert als die Insel, was die Wahrnehmung von chinesischer Literatur in der ganzen Welt angeht. Die kritische Literatur der 1980er-Jahre, die hauptsächlich in Peking und Schanghai verfasst wurde, führte geradezu zu einem Boom der Sinologie in der Bundesrepublik Deutschland. Man schätzte die politische Diskussion von Chinas Weg seit 1949, die hauptsächlich in der Erzählkunst von den rehabilitierten Autoren geführt wurde, man pries die neue Frauenliteratur, die das weiterhin bestehende Patriarchat beklagte, vor allem aber begeisterte man sich für die neue hermetische Lyrik, die von der nach 1949 geborenen Generation verfasst und an die nachfolgende Generation gerichtet wurde. Zu den inzwischen weltberühmten Namen gehören neben dem erwähnten Bei Dao Gu Cheng (1956 bis 1993), Yang Lian (Jahrgang 1955) oder Duo Duo (Jahrgang 1951). Sie stehen für eine kritische Hinterfragung der chinesischen Geschichte, für eine Suche nach neuen praktikablen Werten und vor allem für die Kreation einer eigenen Sprache.

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