Nächtliche Skyline von Shanghai

1.10.2005 | Von:
Prof. Dr. Thomas Heberer

Gesellschaft im Umbruch

China ist ein Land im Umbruch; während in den Städten die Moderne Einzug gehalten hat und die Wirtschaft wächst, leben auf dem Land Millionen Chinesen in Armut.

Während in China die Städte prosperieren herrscht auf dem Land immer noch Armut.Während in China die Städte prosperieren herrscht auf dem Land immer noch Armut. (© AP)

Die Wirtschaftsreformen haben in China zu sozialen Verwerfungen geführt. Durch die Rückkehr zu familiärer Bewirtschaftung im ländlichen Raum drängten überschüssige Arbeitskräfte (schätzungsweise 100 bis 150 Millionen Menschen), die im Agrarsektor nicht mehr benötigt wurden, in die berufliche Selbstständigkeit und zugleich in den städtischen Raum hinein. Um diesen Druck zu mildern, erlaubte der Staat Mitte der 1980er Jahre den zeitweiligen Aufenthalt ländlicher Arbeitskräfte in den Städten. Damit lockerte er das Haushaltsregistrierungssystem (chin.: Hukou-System), das Bauern seit den 1950er Jahren untersagte, ohne behördliche Genehmigung vom Land in die Stadt zu ziehen, eine Maßnahme, die die Städte stabilisieren und die Landflucht verhindern sollte. Ländliche Handwerker, Händler und Wanderarbeiter füllten nun das Vakuum an Dienstleistungen und billigen Arbeitskräften. Sie bildeten zugleich den Kern für die Entstehung und die rasche Entwicklung eines privaten Wirtschaftssektors, der schließlich von der politischen Führung akzeptiert wurde und die Basis für marktwirtschaftliche Strukturen darstellte. Mit über 90 Prozent aller Unternehmen und circa 50 Prozent aller Beschäftigten hat sich dieser Sektor in jüngster Zeit am dynamischsten entwickelt und trägt maßgeblich zu den hohen Wachstumsraten Chinas bei. Es bildete sich eine Klein-, Mittel- und Großunternehmerschaft, die nicht nur wirtschaftlich, sondern zunehmend auch gesellschaftspolitisch aktiv wurde.

Die rasche Wirtschaftsentwicklung und die Einbindung in den Weltmarkt förderten zugleich die Entstehung einer Schicht von akademisch gebildeten Fachkräften und damit einer wichtigen Gruppe der städtischen Mittelschichten. Die Bedeutung von technisch und akademisch Gebildeten in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ist ebenfalls deutlich gestiegen. Seit den 1990er Jahren ist ein Hoch- oder Fachhochschulabschluss Voraussetzung für leitende Partei- und Regierungsfunktionen von der zentralen bis auf die Gemeindeebene. Von daher haben sich auch die politischen Eliten von der zentralen bis zur lokalen Ebene verändert: Sie sind besser ausgebildet und nicht mehr revolutions-, sondern modernisierungsorientiert.

Wachsende Ungleichheiten

Die neue soziale Differenzierung ist Ergebnis des Übergangs zu marktwirtschaftlichen Strukturen und den damit verbundenen Gewinnmöglichkeiten. Wachsende gesellschaftliche Arbeitsteilung, das Nutzen von Marktchancen und Marktlücken, die Möglichkeiten, die privates Unternehmertum bietet, aber auch illegale Tätigkeiten und Korruption sind die Ursachen für wachsende soziale Ungleichheit und gewaltige Einkommensunterschiede.
Diese zeigen sich vor allem zwischen Stadt und Land, aber auch innerhalb der urbanen und ländlichen Schichten. Betrug die Einkommensdifferenz zwischen den 20 Prozent der Bevölkerung mit höchstem und den 20 Prozent mit niedrigstem Einkommen 1990 noch etwa das Vierfache, so belief sie sich 2004 bereits auf fast das 13fache. 1990 hatten die 20 Prozent Haushalte mit niedrigsten Einkommen noch einen Anteil von neun Prozent am Gesamteinkommen, 1998 nur noch von 5,5. Umgekehrt stieg der Anteil der 20 Prozent Haushalte mit den höchsten Einkommen im gleichen Zeitraum von 39 Prozent des Gesamteinkommens auf etwa 52 und überstieg 2003 sogar die 80-Prozent-Grenze. Da ein Großteil der Einkommen statistisch nicht erfasst ist, sind die Einkommensunterschiede in der Realität noch wesentlich größer als statistisch ausgewiesen.

Entwicklung des Einkommens in Land und Stadt.Entwicklung des Einkommens in Land und Stadt.
Die wachsende Ungleichheit schlägt sich auch im Bewusstsein der Bevölkerung nieder. Chinesische Umfragen in verschiedenen Städten im Jahre 2003 haben ergeben, dass lediglich 1,5 Prozent der Befragten der Meinung waren, die Reformen hätten sich positiv für die Arbeiterschaft ausgewirkt. 59 bzw. 55 Prozent vertraten die Ansicht, sie hätten hauptsächlich den Funktionären bzw. den Privatunternehmern Vorteile gebracht. Auch unter den städtischen Arbeitern ist der Unmut in den letzten Jahren gewachsen. Ein Grund ist die soziale und materielle Unsicherheit vor allem in den alten Industrieregionen, in denen ein Großteil der Staatsunternehmen zusammengebrochen oder zahlungsunfähig ist. Bei vielen, die offiziell als "von ihrem Posten Freigestellte" bezeichnet werden, handelt es sich tatsächlich um Arbeitslose ohne jegliche materielle Versorgung. So muss der Staat sich zunehmend mit Ausbrüchen sozialer Frustration und Kriminalität auseinander setzen.


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