Nächtliche Skyline von Shanghai

1.10.2005 | Von:
Prof. Dr. Thomas Heberer

Gesellschaft im Umbruch

Gesellschaftliche Vereinigungen

Die Dynamik wirtschaftlicher Veränderung hat dazu geführt, dass sich traditionelle Formen sozialer Organisation und Kontrolle zu lösen begannen. Neben den Dorfstrukturen betraf das auch die Danwei, die "Arbeitseinheit", also den öffentlichen Betrieb (Fabrik, Behörde, Lehranstalt), dem jemand angehört. Die Danweis waren für das gesamte Leben, auch die soziale Sicherung ihrer Beschäftigten, zuständig. Als die Ideologie der Partei, die zur Erklärung sozialer Verhältnisse und sozialer Veränderungen nicht mehr taugte, ihre bewusstseinslenkende Rolle verlor, bildeten sich neue soziale Gruppen und Interessenorganisationen heraus, die auf Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungen drängen.

Seit den 1980er Jahren entstanden Berufsverbände, Umwelt- und soziale sowie andere Interessenorganisationen. Es kam zu einer Vielzahl unternehmerischer Vereinigungen auf dem Land, aber auch zu einer Wiederbelebung traditioneller Organisationen. So bildeten sich auf lokaler Ebene Landsmannschaften, Clans, religiöse Vereinigungen (Untergrundkirchen), Geheimgesellschaften und Sekten. In den Städten begannen sich Bauern auf der Grundlage gleicher Interessen ebenfalls zu solchen traditionellen (und inoffiziellen) Organisationen und Interessenvereinigungen zusammenzuschließen. Auf dem Tianwaitan-Markt in Peking zum Beispiel stammten in den 1990er Jahren 70 Prozent der Händler aus Yiwu in der Provinz Zhejiang. Sie kontrollierten nicht nur einen Großteil des Großhandels mit kleinem Alltagsbedarf, sondern waren auch als landsmannschaftlicher Interessenverband organisiert. Solche Landsmannschaften beziehen meist gleiche Wohnquartiere und bilden auf diese Weise relativ geschlossene Migrantengemeinschaften. Vereinigungen dieser Art existieren in China mindestens seit der Song-Zeit (circa 10. Jahrhundert) und haben stets eine große Rolle im urbanen Leben gespielt.

Die Gründung wissenschaftlicher, beruflicher, fachlicher, künstlerischer oder sozialer Vereinigungen und von Hobby-Vereinen ist seit den 1980er Jahren gesetzlich erlaubt. Die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen sehen allerdings vor, dass Vereine staatlicher Kontrolle zu unterliegen haben. Sie müssen sich über eine "Trägerinstitution" anmelden, zum Beispiel über eine offizielle Stelle oder ein öffentliches Unternehmen. Mit dem formalen Antrag auf Anerkennung eines Vereins übernehmen diese Trägerinstitutionen zugleich die formelle Schirmherrschaft und Aufsichtspflicht. 2004 soll es bereits weit über 100.000 offiziell registrierte nichtstaatliche Vereinigungen gegeben haben.

Seit Mitte der 1990er Jahre entstand in China eine Vielzahl von Nichtregierungsorganisationen (Non governmental organizations, NGOs), die zwar durch den Staat kontrolliert, nicht aber direkt von ihm finanziert wurden. Durch die Zulassung versprach sich die politische Führung bürgernahe Lösungen für als weniger wichtig angesehene Politikfelder und neue Ansätze für Problemlösungen, ohne die Überwachung durch die örtlichen Funktionäre vollständig aufzugeben. Die Organisationen widmen sich Themen wie der Ökologie und dem Arten- oder Konsumentenschutz; sie übernehmen Beratungstätigkeiten - etwa für ländliche Wahlen. Sie vertreten Randgruppen wie Homosexuelle oder Aidskranke. Homosexuelle Beziehungen, die seit Gründung der Volksrepublik tabusiert waren und streng verfolgt wurden, finden seit den 1980er Jahren im gesellschaftlichen Leben größere Akzeptanz und werden politisch toleriert. Allmählich bildet sich eine "Szene" heraus, die nicht nur im Internet vertreten ist, sondern auch in einer spezifischen "Kneipenszene" in den Großstädten. Teils werden die NGOs direkt von staatlichen Stellen gegründet (so genannte Gongos, government organized NGOs). Daneben gibt es staatlich initiierte Gruppen (beispielsweise für Geburtenplanung und Armutsbekämpfung). Die Gruppen besetzen also gesellschaftliche Räume, in die der Staat nicht eingreift, soweit er diese Organisationen nicht als politische Bedrohung ansieht.