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Von der Wandzeitung zum Blog

Meinungs- und Gedankenfreiheit in China heute


1.10.2005
In China, dem Land mit den meisten Internetnutzern der Welt, herrscht keine Presse- und Informationsfreiheit. Dennoch existieren vielfältige Blogs mit enormer Reichweite. Martin Hala wirft einen differenzierten Blick auf die chinesische Internetpublizistik.

Junge Chinesen in einem Pekinger Internetcafé.Junge Chinesen in einem Pekinger Internetcafé. (© AP)



Das exponentielle, wahrlich phänomenale Wachstum des Internet in China seit Mitte der 90er Jahre hat im Ausland viel Aufsehen erregt. Nach sehr verhaltenen Anfängen hat China das Internet mit Macht für sich entdeckt. Seit 1996 sind kommerzielle Internetdienste verfügbar. Von geschätzten 630.000 Nutzern 1997 wuchs die Online-Bevölkerung auf 137 Millionen, von denen 90,7 Millionen einen Breitbandanschluss haben.[1] Heute kann sich China mit der zweitgrößten Nutzergemeinde der Welt brüsten und wird nur noch von den USA übertroffen. Einer von zehn Internetnutzern weltweit ist Chinese. Auf die Bevölkerungszahl bezogen sind die Zahlen natürlich weniger beeindruckend, ist doch die Marktdurchdringung des Internet in China mit nur 9,9 Prozent weit geringer als in westlichen Industrieländern und sogar bei einigen Nachbarn wie Südkorea und Taiwan. Freilich lässt diese niedrige Rate auch auf künftiges Wachstumspotential hoffen.

Abgesehen von Nachrichtenlektüre und Informationssuche erfreuen sich in China Mailboxnetze, Onlineforen und Blogs einer unvergleichlichen Popularität. Verfügbare Umfragen lassen vermuten, dass die Hälfte der chinesischen Internetnutzer in verschiedenen Online-Foren aktiv ist und etwa ein Drittel in Blogs.[2] Bei beidem haben die Nutzer die Möglichkeit, ohne viel technisches Wissen ihre Ansichten online zu äußern. Mailboxnetze und Foren bieten größere Anonymität, während sich Autoren mit Blogs in stärkerem Maße einen Namen machen können – üblicherweise unter Fantasienamen. Ihre Identität ist aber, wie wir noch sehen werden, zumeist wohlbekannt. Bloggerdienste wurden erstmals 2002 in China eingeführt, blieben jedoch einige Jahre im Schatten der Mailboxnetze und Foren. Den Grund für den steilen Anstieg des Bloggens in China nach 2005 sieht man für gewöhnlich darin, dass in diesem Jahr die meisten Foren, die eine Plattform für freie Meinungsäußerungen boten, geschlossen wurden, was viele Nutzer zu den Blogs trieb.[3]

Spielt das Internet, insbesondere Mailboxnetze, Foren und Blogs, möglicherweise die gleiche Rolle wie früher die ohne Druckgenehmigung im Selbstverlag publizierten Schriften in anderen kommunistischen Gesellschaften, der sogenannte Samisdat? Die Antwort, oder auch nur das Interesse, diese Frage aufzuwerfen, hängt wohl zuallererst damit zusammen, welche Rolle und Wirkung man dem Samisdat beimisst. Eine einfache Antwort scheint es darauf nicht zu geben. Es gibt indes mindestens zwei Hinsichten, in denen sich sinnvolle Vergleiche zwischen den beiden Methoden der Selbstpublikation ziehen lassen, indem man, erstens, Samisdat und Online-Publikation als Formen der Meinungsäußerung betrachtet und, zweitens, als Katalysatoren eines alternativen öffentlichen Raumes.

Selbst mit dieser Einengung wird jeder Vergleich notwendigerweise ein wenig spekulativ bleiben. Aufgrund der Launen der Geschichte können wir nur Hypothesen darüber anstellen, was aus dem Samisdat im Zeitalter der vernetzten Computer geworden wäre. Die ersten Laptops und Desktops wurden in Mittel- und Osteuropa tatsächlich in der späten Samisdat-Produktion benutzt, aber nur für Grafikdesign und Druck, nicht für den Vertrieb. Ihr Einsatz war in jedem Fall zu marginal und geschah zu kurz vor dem Zusammenbruch des Kommunismus, um daraus irgendeine Schlussfolgerung zu ziehen. Die Internetrevolution kam zu spät, um dem europäischen Samisdat zugute zu kommen.

Tatsächlich wäre allein die Idee des Internet eine Antithese zum Samisdat gewesen, in dem Sinne, dass die Verfügbarkeit eines so durchschlagenden Werkzeugs zur Mitteilung und Verbreitung von Informationen über Grenzen hinweg in jener Art von geschlossenen Gesellschaften, in denen die illegale Selbstpublikation blühte, undenkbar gewesen wäre. Mit anderen Worten, die kommunistischen Regime in Osteuropa hätten das Internet in ihren kleinen Lehnsgebieten niemals zugelassen; falls doch, hätten sie sich in vollständig andere Systeme verwandeln müssen. Und dies ist genau das, was in etwa während des letzten Jahrzehnts in China geschehen ist: Das vernetzte China von heute ist so verschieden vom alten Sowjetblock wie von seiner eigenen maoistischen Vergangenheit. Das Land hat eine gründliche Transformation durchlaufen, welche Vergleiche mit traditionellen kommunistischen Gesellschaften fragwürdig erscheinen lässt. In gleicher Weise hat das Internet alle traditionellen Formen des Samisdat abgelöst, so wie das gegenwärtige chinesische Regime an die Stelle des konventionellen Kommunismus getreten ist.

Unter diesem Vorbehalt lässt sich nun aber trotzdem ein kleiner Vergleich anstellen, der nützlich sein könnte, um einige verbreitete Missverständnisse über die potentiellen sozialen und politischen Auswirkungen des Internet sowie das Wesen der Internetzensur und der Selbstzensur in China zu auszuräumen. Wir brauchen uns dabei nicht auf einen Vergleich mit dem osteuropäischen Samisdat zu beschränken. China kann sich schließlich seiner eigenen Tradition von Untergrundpublikationen und inoffizieller Presse rühmen. Wir sollten daher mit einem kurzen Überblick dieses traditionellen Samisdat im kommunistischen China vor den Zeiten des Internet beginnen.



 

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