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Analyse: Die FSC-Wald-Zertifizierung in Russland: Das Zusammenspiel von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren


19.6.2012
Seit den frühen 1990er Jahren hat sich die russische Forstwirtschaft einem tiefgreifenden Wandel unterzogen. Durch die Anstrengungen von zivilgesellschaftlichen Organisationen (NGOs) konnte die Zertifizierung des Forest Stewardship Council (FSC) in Russland etabliert werden.

FSC-zertifiziertes HolzFSC-zertifiziertes Holz Lizenz: cc by/3.0/de (Wikimedia, Gerhard Elsner)

Die FSC-Zertifizierung



Der FSC ist eine neue Form der nicht-staatlichen Regulierung, die Nachhaltigkeit durch marktwirtschaftliche Anreize schafft. Die Stärken des FSC werden in der Förderung verantwortlicher Waldnutzung, dem Erhalt der Biodiversität sowie dem Schutz lokaler Gemeinschaften und indigener Völker gesehen. Der FSC hat ein freiwilliges Zertifizierungssystem entwickelt, das auf den Prinzipien der dreigliedrigen nachhaltigen Entwicklung basiert, welches ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Aspekten in der Forstwirtschaft voraussetzt. FSC-zertifizierte Firmen können ihre Produkte zu etwas höheren Preisen anbieten und, noch wichtiger, erhalten Zugang zu sozial und ökologisch orientierten Kunden. Der FSC entwickelt mehrere Arten von Standards und bietet zwei Hauptarten von Zertifikaten: das Zertifikat für Forstwirtschaft (FSC-FM) und das für die Produktkette (FSC-COC). Das FM-Zertifikat garantiert, dass die Abholzung und andere Waldarbeiten gemäß der Prinzipien und Kriterien des FSC-Standards unter Berücksichtigung wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Komponenten nachhaltiger Waldnutzung vorgenommen werden. Das FSC-COC garantiert die Legalität des Nutzholzes und zeigt, dass der Weg des Holzes entlang der Produktkette von der Abholzung über alle Stationen bis hin zum Kunden, einschließlich Transport, Abfertigung und der Herstellung von Waren aus diesem Holz, überwacht wurde. Der FSC umfasst nationale und regionale Büros. Nationale Repräsentanzen gibt es in Ländern mit großen Waldflächen wie Russland, Kanada, USA, Mexiko und China. Andere Länder werden von regionalen Büros des FSC koordiniert. Die National Initiatives (nationale FSC-Repräsentanzen seit 2010) sind genauso organisiert wie der FSC International und bestehen aus sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Kammern mit jeweils gleichem Gewicht. Ihr Hauptziel ist es, nationale Standards zu entwickeln und den Zertifizierungsprozess im Land zu organisieren. Die Prinzipien und Kriterien sind global, die Indikatoren und Kontrollmechanismen werden jedoch jeweils im Land entwickelt. So sollen die globalen Standards an die jeweiligen nationalen Bedingungen angepasst werden. Die FSC-Standards sind nicht starr und verallgemeinernd; es gibt viel Raum für Verhandlungen und Interpretationen auf allen Ebenen, was hilft, den Standard an lokale, soziale, politische und ökologische Anforderungen anzupassen. Diese Flexibilität ermöglicht es auch, eine Feedback-Schleife auf der transnationalen Ebene zu aktivieren und den Standard zu ändern, wenn er nicht zum jeweiligen lokalen Umfeld passt.

Der FSC in Russland



Die ersten FSC-Zertifizierungen in Russland kamen durch Marktbeziehungen zustande. Drei Unternehmen, (1) Kosichinski Leschos, in der Altaj Region mit dem Verarbeitungsbetrieb Timber Production Pricebatch Ltd., (2) Kowerninskij Leschos in der Region Nowgorod und (3) Holz Dammers GmbH in der Region Archangelsk, bekamen ihre Zertifikate ohne Hilfe vom WWF oder von Waldzertifizierungszentren. Das Unternehmen Kosichinski Leschos in der Altaj Region begann sich 1997 auf die FSC-Zertifizierung vorzubereiten und erhielt das Zertifikat im Jahr 2000. Ein weiterer Pionier war die Papierfabrik Wolga, die mit der FSC-Zertifizierung von Kowerninskij Leschos im Jahre 1996 begann und sie 2002 abschloss. Alle drei Unternehmen wurden privat zertifiziert, im Wesentlichen in Reaktion auf entsprechende Forderungen von ihren westlichen Mitinhabern und Partnern. 1998 begannen die Umweltschutzorganisationen WWF, Greenpeace, Social SEU und das Biodiversity Conservation Center (BCC) für die FSC-Zertifizierung in Russland mit einer Serie von Initiativen zu werben. Im Jahre 2000 startete der WWF die Association of Ecologically Responsible Forest Companies und berief eine Produzentengruppe ein; solche Gruppen wurden zu dieser Zeit nur in Russland und Brasilien gebildet. Die Förderung der FSC-Zertifizierung wurde durch den WWF fortgesetzt: durch das World Bank Alliance Projekt und später über WWF-Partnerschaften mit IKEA und Kooperationen mit regionalen Unternehmensverbänden der Holzwirtschaft. Die WWF-Demonstrationsprojekte dienten als Lehrstätten, anhand welcher gezeigt werden kann, wie intensive und/oder nachhaltige Forstwirtschaftsentwürfe arbeiten können. In Russland wie auch in anderen Ländern bietet die Entwicklung des nationalen Standards eine Verhandlungsplattform, auf der die Akteure den generellen internationalen Standard interpretieren und an spezifisch russische Umstände anpassen können. Die National Initiative in Russland, zusammengesetzt aus ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Kammer, existierte für lange Zeit in Form einer Arbeitsgruppe für Waldzertifizierung, die im Mai 1998 gegründet und 2006 vom FSC International akkreditiert wurde. Parallel zur nationalen Gruppe wurden über verschiedene Zeiträume vier regionale Arbeitsgruppen für die FSC-Zertifizierung organisiert: in der Komi-Republik, in den Regionen Archangelsk und Krasnojarsk sowie im Fernen Osten. Alle diese Gruppen arbeiteten an nationalen und regionalen FSC-Standards. Die Entwicklung und Akkreditierung des russischen nationalen FSC-Standards war ein sehr langer Prozess, der mehr als zehn Jahre in Anspruch nahm. Die Entwickler des nationalen Standards hatten Probleme, folgende zwei Prozesse im Gleichgewicht zu halten: die Änderung des Standards einerseits, um ihn an die Bedingungen des Landes anzupassen und ihn andererseits im Rahmen des globalen Standards zu halten. Im Jahr 2008 wurde letztendlich die sechste Version mit einigen Korrekturwünschen akkreditiert. Die nationale FSC-Repräsentanz in Russland wurde im Februar 2005 mit einer Anschubfinanzierung des Beihilfeprogramms der Europäischen Union gegründet. Die FSC-Repräsentanz in Russland ist hauptsächlich mit der Koordination der FSC-Aktivitäten in Russland beschäftigt, obwohl sie auch für die gesamte GUS zuständig ist. Aktivitäten in den anderen GUS-Ländern begannen ernsthaft aber erst 2009/10. Die Zuständigkeiten der Repräsentanz in Russland beinhalten die Koordination der gesamten Arbeit, die mit der FSC-Zertifizierung im Land zu tun hat. Dabei geht es konkret um die Abstimmung mit der National Initiative, dem FSC Russia Board of Directors, den Zertifizierungsinstitutionen und den verschiedenen Interessenvertretern aller betroffenen Gruppen. Die Repräsentanz bietet Informationen, führt die Datenbank zertifizierter Unternehmen und verbreitet die Nachrichten des FSC International Coordination Centers unter allen interessierten Parteien in Russland. In der Repräsentanz können alle Interessengruppen Informationen zu neuen Zertifizierungsrichtlinien und Methodikleitfäden zu verschiedenen Aspekten der Zertifizierung sowie Informationen über Trainingsangebote und Veranstaltungen erhalten. Bei der Reorganisation im Jahr 2010 wurde aus der FSC-Repräsentanz und der National Initiative eine Organisation, die vom FSC Russia Board of Directors geführt und vom FSC International und Mitgliedsbeiträgen finanziert wird.

Umfang der Zertifizierung



Bezogen auf den Umfang der mit FSC-Zertifikaten bewirtschafteten Waldfläche liegt Russland nach Kanada weltweit auf dem zweiten Platz. Von den zehn großen russischen Holdings in der Forst- und Holzwirtschaft sind neun zertifiziert und viele kleinere Unternehmen befinden sich im Zertifizierungsprozess. Insgesamt wurden bis Anfang Mai diesen Jahres 117 Forstwirtschaftszertifikate ausgestellt, die etwa 30 Mio. ha Waldfläche umfassen. Außerdem sind 215 Produktketten zertifiziert worden. Dabei variiert die Beteiligung an der FSC-Zertifizierung zwischen den Regionen des Landes. Sie ist im europäischen Teil am größten, insbesondere wegen der Bedeutung der Zertifikate für den Zugang zum europäischen Markt, boomt derzeit in Sibirien und hat erst kürzlich im Fernen Osten begonnen. Eine hohe Nachfrage der asiatischen Märkte nach nicht-zertifiziertem Holz, besonders in China, genauso wie korrupte russische und chinesische Netzwerke und illegale Abholzungen haben einen schnellen Ausbau der Zertifizierung im Fernen Osten Russlands behindert. Bei 30 Mio. ha zertifizierter Fläche sind 70 % der Zertifikate für den Nordwesten Russlands ausgestellt, 22 % für Sibirien und nur 8 % für Russlands Fernen Osten. Mit dem rasanten Wachstum der Zertifizierung wurde die Qualität der Zertifikate zu einem Thema. Der FSC verstärkte die Überwachung und in Gebieten von etwa 1,9 Mio. ha wurden von 2008 bis 2012 Zertifikate vorübergehend ausgesetzt, bis sich die Waldbewirtschaftung verbesserte.



 
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