Basilius-Kathedrale

7.6.2018 | Von:
Nik Afanasjew

Die Bedeutung der WM für Russlands politische Führung – und für die russische Gesellschaft

Obwohl westliche Staaten mit Sanktionen auf die Annexion der Krim und den Konflikt im Osten der Ukraine reagiert haben, kommt es zu keinem Boykott des Turniers. Trotzdem bleibt seine Durchführung international umstritten. Ist die innenpolitische Bewertung der Veranstaltung nun ebenfalls durch Kritik geprägt?

Ein Wahlplakat zur Präsidentschaftswahl in Russland zeigt Vladimir Putin, 21.02.2018, NovosibirskWieder im Amt: Vladimir Putin wurde für eine weitere Amtszeit wiedergewählt. (© picture-alliance/dpa, Sputnik)

Wer im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen studiert, wird wenig Erfreuliches finden. Vermutete Cyber-Attacken, der Anschlag auf den früheren Geheimagenten Skripal in Großbritannien, die Unterstützung für Syriens Präsident Assad: Die Liste der Vorwürfe gegen Russland ist lang. Ein "Kalter Krieg bei der WM" wird in Presse-Überschriften und in den Kommentarspalten erwartet. Großbritannien und Island haben früh angekündigt, das Turnier politisch zu boykottieren, weitere Staaten könnten folgen. Selbst ein sportlicher Boykott wird zumindest von einzelnen Politikern gefordert. Die Bundesregierung hat sich offiziell noch nicht entschieden, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass ranghohe deutsche Vertreter zur WM nach Russland fahren werden.

Im neuen alten Ost-West-Gegensatz scheint der Fußball, dem ja oft völkerverbindende Kräfte nachgesagt werden, kaum positive Wirkung zu entfalten. Trotzdem spielt das Turnier sowohl für Russlands politische Führung als auch für die russische Gesellschaft insgesamt eine große Rolle. Dabei decken sich die Interessen vieler Bürger und der Politiker teilweise, sind aber keinesfalls identisch – auch wenn erst im März 2018 knapp 77 Prozent der Russen bei der Präsidentenwahl für eine weitere Amtszeit Wladimir Putins gestimmt haben – Putin ist seit mittlerweile 18 Jahren die politische Führungsfigur im Land.

Sport ist für die Bürger eines Staates oft identitätsstiftend – für Russland gilt das in besonderem Maße. Ein wichtiger Grund dafür liegt in der immer noch prägenden Sowjet-Zeit, als sportliche Erfolge Teil einer umfassenden Ideologie waren und die Überlegenheit des eigenen Systems gegenüber dem des Westens verdeutlichen sollten. Die Sowjets wollten einen neuen Menschen erschaffen – und dieser sollte überlegen und siegreich sein. Vor allem der Medaillenspiegel der Olympischen Spiele wurde zu einer Vergleichstabelle der Systeme hochstilisiert, bisweilen auch im Westen, wo gerade die USA den Sowjets weder das Politische noch das Sportliche überlassen wollten.

Laut einer repräsentativen Umfrage des unabhängigen Levada-Zentrums bedauern 58 Prozent der Russen den Zerfall der Sowjetunion. Alleine diese Zahl sowie die nostalgisch-patriotische Stimmung im Land zeigen, wie sehr die Zeit vor 1990 in die russische Gegenwart hineinwirkt. Auch darf nicht unterschätzt werden, wie sehr Russland immer noch nach dem richtigen Weg sucht, sich zu organisieren und die für sich passenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen aufzubauen. Eine Erzählung, die mit jener westlicher Industrienationen vergleichbar ist, wo humanistische Traditionen, demokratische Strukturen und generationenübergreifende wirtschaftliche Prosperität betont werden, fehlt im größten Land der Erde.

Sport und nationale Identität

In Russland selbst ist deshalb oft von einem eigenen Weg die Rede. Die Idee, einfach westliche Standards und Strukturen zu kopieren, gilt als gescheitert. Um diesen eigenen Weg zu finden und zu gehen braucht es laut Putin "geistige Klammern" der modernen nationalen Identität – er verwendete diesen Begriff in einer programmatischen Parlamentsrede im Jahr 2012. Früher wie heute ist der Sport für Russland eine dieser Klammern.

Für Putin und die politische Führung ist die Weltmeisterschaft vor allem eine Möglichkeit, sich selbst und ihr Land der ganzen Welt als starke Akteure zu präsentieren, die große Herausforderungen zu meistern verstehen. Stärke, Unbeugsamkeit und ja, auch Unbesiegbarkeit, sind Attribute, die Putin seinem Land mit ihm an der Spitze zuspricht, etwa in einer zweistündigen Rede an die Nation vor der Präsidentschaftswahl 2018, die zu weiten Teilen aus der Präsentation neuer Raketen und anderer Militärtechnik bestand.

Auch wenn viele westliche Würdenträger dem Turnier fernbleiben, dürften Bilder fröhlicher Fans und gönnerhaft winkender Politiker um die Welt gehen. Russland, das vor allem durch seine Rolle in den weiter andauernden, blutigen Konflikten im Osten der Ukraine und in Syrien international gerade im Westen einen sehr schweren Stand hat, kann sich selbst und der Welt zeigen, dass es nicht so isoliert ist, wie es bisweilen scheint.

Einen großen Unterschied gibt es aber zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi: Bei der WM wird Russland sportlich kaum glänzen können. Im Gegensatz zu den Winterspielen ist es trotz des langen Vorlaufs – die WM bekam Russland 2010 zugesprochen – nicht gelungen, eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen, die mit den Favoriten aus Westeuropa und Südamerika mithalten könnte. Die gewohnte Erzählung vom stets siegreichen Russland, das sich vor niemandem zu verstecken braucht, funktioniert in Bezug auf die Fußball-Sbornaja (die russische Auswahl) also nicht. Umso wichtiger ist deshalb ein reibungsloser Verlauf der Veranstaltung sowie die im Vorfeld errichtete Infrastruktur.

Kosten und Nutzen der WM

Der russische Staat investiert etwa zehn Milliarden Euro in das Fußballfest. Auch wenn manche Experten davon ausgehen, dass die wahren Kosten doppelt so hoch sein werden, dürften sie trotzdem weit unter den Ausgaben für Sotschi 2014 bleiben. Die Spiele kosteten laut offiziellen russischen Angaben knapp 50 Milliarden Dollar. Obwohl die Summe diesmal also deutlich geringer ist, profitieren viele russische Regionen, da die Weltmeisterschaft nicht an einem Ort, sondern in elf Spielorten ausgetragen wird.

In Rostow wurde ein neuer Flughafen gebaut, in Saransk verschönert nun eine 1,3 Kilometer lange Promenade die Stadt. In der russischen Exklave Kaliningrad soll um das neue Stadion und einen Park herum die ganze Region aufblühen. Zahlreiche Straßen wurden anlässlich der WM im ganzen Land gebaut oder saniert, die russischen Eisenbahnen bekamen viele neue Züge. All diese Maßnahmen sollen auch die einfachen Bürger erreichen, die dem Fußballfest sonst wenig abgewinnen können und von ihrer Regierung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten vielleicht einen anderen Fokus erwarten würden.

Ein Frau bettelt in einer Unterführung in Russland. Laut der russischen Regierung ist mehr als die Hälfte der russischen Bevölkerung von Armut gefährdet.Ein Frau bettelt in einer Unterführung in Russland. (© AP)
Es darf nicht vergessen werden, dass die westlichen Wirtschaftssanktionen, der jahrelang niedrige Ölpreis sowie strukturelle Probleme der heimischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren die ökonomische Lage im Land verschlechtert haben. Nach Zahlen der russischen Statistikbehörde sind knapp 20 Millionen Menschen im Land arm, 2012 waren es noch gut 15 Millionen.

Dem Ausbau der Infrastruktur stehen aber auch die in Russland bekannten und im Land selbst diskutierten Missstände gegenüber, die sich diesmal vor allem an der neuen Arena in Sankt Petersburg zeigen. Mit mehr als 800 Millionen Euro Baukosten, zahlreichen Korruptionsaffären und Skandalen um ausgebeutete Arbeiter, die teilweise aus Nordkorea stammten, ist das hochmoderne Stadion seit vielen Jahren ein Symbol für alles, was nach Meinung von Putins Kritikern im Land schiefläuft. Gleichwohl ist in einer sportbegeisterten Stadt ein Stadion entstanden, das international höchsten Standards entspricht. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung in Samara, wo das Stadion erst wenige Wochen vor der WM fertiggebaut werden konnte und dessen Bau ebenfalls von Skandalen überschattet war. Gleichwohl hat eine seit Jahrzehnten fußballbegeisterte Stadt nun ein neues Stadion, das dem lokalen Team nach dem ersehnten Aufstieg in die höchste Spielklasse langfristig einen Schub geben könnte.

Über wirtschaftliche Auswirkungen sportlicher Großereignisse wird seit vielen Jahren immer wieder aufs Neue gestritten. Ökonomen, Politiker und Nichtregierungsorganisationen zeichnen dabei sehr unterschiedliche Bilder, was auch daran liegt, dass im Vorfeld oft mit recht optimistischen Prognosen gearbeitet wird. Laut Organisationskomitee tragen die Vorbereitungen auf das Turnier seit 2013 mehr als ein Prozent zum russischen Bruttoinlandsprodukt bei. Der durch das Turnier ausgelöste und im Nachklang daran erfolgende Tourismus soll bis zu drei Milliarden Euro Mehreinnahmen jährlich erwirtschaften. Ob all diese Zahlen sich als zutreffend erweisen werden, lässt sich noch nicht seriös sagen.

Ein nicht zu unterschätzender Wert ist für die vielen Russen, die es sich nicht leisten können, ins Ausland zu reisen, der anstehende Besuch von Fußballfans aus der ganzen Welt. Bereits in Sotschi war zu beobachten, mit welchem Enthusiasmus die Menschen Gäste aus allen möglichen Ländern willkommen hießen. Das führte damals durchaus auch zu einer Verbesserung des Bildes von Russland in der Welt. Auch wenn viel von dieser Wirkung durch die kurz nach den Winterspielen erfolgte Krise um die von Russland annektierte ukrainische Halbinsel Krim und den später bekannt gewordenen Dopingbetrug vieler Wintersportler wieder eingebüßt wurde, blieb dieser positive Aspekt nachhaltig in Erinnerung.

Und die russische Zivilgesellschaft?

Es ist sehr selten, dass Touristen aus Japan oder Dänemark nach Saransk kommen. Aber genau das werden manche von ihnen tun, wenn ihre Mannschaften in der Gruppenphase im Süden Russlands um Punkte gegeneinander spielen. Insgesamt werden mehr als eine halbe Million ausländischer Gäste zur Weltmeisterschaft erwartet. Interessant ist auch, dass von allen Fußballfans außerhalb des Gastgeberlandes die meisten Tickets im Vorfeld von Bürgern des neuen und alten politischen Erzfeindes USA erworben wurden. Vielleicht existiert die völkerverbindende Kraft des Fußballs also doch.

Eine große Rolle für die russische Zivilgesellschaft spielen Ereignisse wie die Weltmeisterschaft auch durch den Einsatz von Freiwilligen. 17.000 junge Menschen werden als Volunteers im Einsatz sein. 180.000 hatten sich beworben, weil sie unentgeltlich während der WM Parks aufräumen oder Touristen den Weg durch das komplizierte Moskauer Metro-Netz weisen wollten. In Zeiten starker gesellschaftlicher Fragmentierung und Individualisierung sind das beachtliche Zahlen. Für den massenhaften Einsatz von Freiwilligen – überwiegend handelt es sich um Studentinnen und Studenten – galten wiederum die Spiele von Sotschi als Blaupause. Noch Jahre später erkannten sich die Volunteers in ganz Russland an den mit Stolz getragenen bunten Jacken und Rucksäcken, die alle freiwilligen Helfer bekommen haben.

An dieser Stelle fließen die Interessen der einfachen Bürger und der politischen Führung zusammen. Gäste von allen Kontinenten legitimieren die russischen Machteliten und erlauben auch den Bürgern des Landes einen persönlichen Kontakt mit der Welt, die sich keine teuren Reisen leisten können. Sie geben Russland und den Russen das Gefühl, Teil einer Weltgemeinschaft zu sein – auch wenn die eigene Regierung sich oft mit dieser Gemeinschaft streitet und das eigene Land auch und gerade über Abgrenzung vor allem zu den Staaten der westlichen Hemisphäre definiert. Für Oppositionelle und Regierungskritiker bietet ein Ereignis wie die Weltmeisterschaft zum einen eine Chance, ihre Anliegen weltweit hörbar vorzutragen, bedeutet gleichzeitig aber oft auch eine Verschlechterung ihrer Situation im Anschluss an das Turnier.

Keine allzu großen Sorgen muss sich Putin um die Stimmung im Land machen. Das beweist nicht nur sein Wahlergebnis. Sie ist auch Resultat der flächendeckenden Kontrolle der wichtigen Medien. Zwar gibt es unabhängige Zeitungen, TV-Kanäle und vor allem Online-Plattformen in Russland, allerdings haben sie nur eine marginale Breitenwirkung. Nach Meinung des Soziologen Lew Gudkow erreichen sie gerade einmal sechs Prozent der Russen. Vereinfacht lässt sich sagen, dass nur junge, urbane Eliten regierungskritischen Journalismus überhaupt mitbekommen. Dadurch bleibt eine mögliche negative Auslegung einer Großveranstaltung unwahrscheinlich. Ausnahmen sind etwa die vielen Berichte über den skandalösen Bau des Stadions in Sankt Petersburg, auch in den staatlichen Medien.

Ein Blick in die nahe Vergangenheit offenbart, dass die Schlüsseljahre Russlands jeweils durch eine Mischung aus sportlichen und militärisch-politischen Wegmarken gekennzeichnet waren. 2008 gewann Russland die Eishockey-Weltmeisterschaft, holte Zenit Sankt Petersburg den UEFA-Pokal, spielte sich die Sbornaja bei der Europameisterschaft bis ins Halbfinale – und bekämpfte Russland den viel kleineren Nachbar Georgien im Kaukasuskrieg. 2014 richtete das Land die Olympischen Winterspiele aus und annektierte die Krim. Die Konflikte mit Georgien und mit der Ukraine führten aber nur zu Beginn zu patriotischen Begeisterungsstürmen in weiten Teilen der russischen Gesellschaft, der Kater wegen der negativen langfristigen Folgen folgte schnell.

Auch wenn am 14. Juni in Moskau das Eröffnungsspiel angepfiffen wird, sind russische Soldaten im Einsatz. Doch zeigt sich hier ein großer Unterschied: Die Beteiligung am syrischen Bürgerkrieg war in Russland noch nie besonders populär, nach repräsentativen Zahlen des Levada-Zentrums würde eine Mehrzahl der Russen sie lieber beendet sehen. Dagegen unterstützen nach wie vor 86 Prozent der Menschen den Anschluss der Krim. Der Kriegseinsatz ist also diesmal unbeliebt und die eigene Auswahl sportlich chancenlos. 2018 scheint deshalb auch bei Patrioten kaum Chancen zu haben, später einmal in einer Reihe mit den Jahren 2008 und 2014 genannt zu werden.

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Autor: Nik Afanasjew für bpb.de


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