Basilius-Kathedrale

7.6.2018 | Von:
Prof. Dr. Jürgen Schwier

Football´s Coming Home

Globalisierung und Renationalisierung des Spiels

Weltmeisterschaften und Nationalmannschaften gehören zwangsläufig zusammen und repräsentieren doch Dimensionen, die als widersprüchlich wahrgenommen werden. Trotz einer Transnationalisierung des Fußballs bleibt die WM als Medienereignis für ein internationales Publikum auf nationale Identifikationsangebote angewiesen.

WM-Finale Deutschland – Ungarn am 4. Juli 1954 in BernWM-Finale Deutschland – Ungarn am 4. Juli 1954 in Bern (© picture-alliance/AP)

Die Geschichte des modernen Fußballsports ist von Anfang an von transnationalen Beziehungen beeinflusst worden, da im Ausland tätige englische Geschäftsleute – die das seinerzeit neuartige Spiel in ihrer Schulzeit kennen und schätzen gelernt haben – maßgeblich an seiner raschen Verbreitung in den kontinentaleuropäischen Ländern beteiligt gewesen sind. Gleichzeitig ist der Sport durch britische Beamte, Kaufleute und Militärs in alle Regionen des Empire exportiert worden. Den eigentlichen Motor für den weltweiten Siegeszug des Fußballs im 20. Jahrhundert dürfte dabei das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage bilden, dass schrittweise zur Ausbildung eines eigenständigen Fußballsystems (nationale und internationale Verbände, Wettbewerbe, Lizenzsierung der Fachkräfte, Professionalisierung auf allen Ebenen usw.) geführt hat.

Neben dem für alle Bevölkerungsgruppen leichten Zugang ist für den erfolgreichen Verlauf dieser frühen Phase der Globalisierung des Fußballs sicherlich der Umstand mitverantwortlich gewesen, dass das Spiel zentrale Bedeutungsgewebe und Glaubenssätze des europäischen Kulturraums körpernah in Szene setzen, dabei kollektive Emotionen und Wir-Identifikationen ins Spiel bringen sowie intensive Gemeinschaftserlebnisse und Gefühle der Zugehörigkeit stimulieren kann. Fußball ist so mehr als jede andere Sportart ein globales Spiel geworden, welches eine Repräsentationsfunktion, symbolische Machtstrategien und ökonomisches Gewinnstreben mit widerspenstigem Vergnügen, lustvoller Identitätspolitik und Taktiken der Selbstermächtigung verbindet. Der Fußballsport bewegt eben weltweit die Massen und ist dabei – zugespitzt formuliert – sowohl ein Volkssport als auch ein gemeinsames Spiel der Völker, das sich gleichzeitig auf das Selbstbild und die Fremdwahrnehmung von Nationen auszuwirken vermag.

Im Zuge seiner Popularisierung, Kommerzialisierung und Professionalisierung kommt es ferner in späteren Entwicklungsphasen quasi notwendigerweise zu einer Entnationalisierung des Fußballs und so gibt es spätestens seit dem sogenannten "Bosman-Urteil" von 1995 auf dem Markt für Spielerinnen und Spieler kaum noch Einschränkungen der internationalen Freizügigkeit. Neben dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs spielt für ein solches "Global Sourcing" sicherlich die mit der Einführung der UEFA Champions League weiter verschärfte Konkurrenz zwischen den Spitzenclubs der Big-Five-Ligen (Deutschland, England, Frankreich, Italien, Spanien) bei gleichzeitig besserer Verfügbarkeit von Spielerinnen und Spielern in den so genannten Exportländern eine zentrale Rolle. Die multinationale Zusammensetzung der Vereinsmannschaften stellt inzwischen weltweit den Standard dar, da sie sowohl die sportliche Qualität des Teams als auch die Vermarktungspotentiale des Clubs steigern kann. Wenn ein Fußballbundesligist mit elf deutschstämmigen Akteuren in der Startformation ein Spiel beginnt, dürfte dies daher wohl längst eher einen Nachrichtenwert besitzen, als wenn ein Verein mit elf ausländischen Spieler in der Startelf antritt. Die internationale Freizügigkeit auf dem Markt für Fußballspielerinnen und -spieler verstärkt allerdings nach wie vor die Asymmetrien zwischen den verschiedenen Ligen in Europa, zwischen den Großclubs und "kleinen" Ligateilnehmern sowie zwischen dem Marktführer Europa und dem Rest der Welt. Es kommt so unter anderem häufig zu einer sportlichen Abwertung der Ligen in den Exportländern und die Hoffnungen vieler jugendlicher Arbeitsmigranten auf eine Karriere im professionellen Fußball bleiben in Europa unerfüllt.

Einzelne europäischen Spitzenclubs sind inzwischen des Weiteren bestrebt, Dependancen auf anderen Kontinenten zu eröffnen: Unter dem Dach der City Football Group hat der Eigentümer aus Abu Dhabi neben Manchester City auch den New York City FC, den FC Girona, Melbourne City sowie verschiedene Farmteamsin China, Japan, Südamerika und den Vereinigten Arabischen Emiraten versammelt. In diesen Farmteams werden die jungen Talente der Klubs ausgebildet. Wie dieses Beispiel illustriert sind in diesem Prozess sowohl der europäische Vereinsfußball als auch die Wettbewerbe der Nationalmannschaften für internationale Finanzinvestoren, Vermarktungsagenturen und das Sportmarketing noch interessanter geworden. Da kann es kaum noch überraschen, wenn der FIFA anscheinend ein 20-Milliarden-Euro-Angebot von einem Bieter-Konsortium aus Asien, dem Nahen Osten und den USA vorliegt, bei dem es um die Rechte an der seit 2005 regelmäßig ausgetragenen Club-WM und einer neuen, nun globalen "Nations League" gehen soll, über das nach der WM 2018 eine Entscheidung ansteht.[1] Mit Blick auf die Wettbewerbe der FIFA und den professionellen Vereinsfußball in Europa lässt sich – trotz aller Korruptions- und Manipulationsaffären der letzten Jahre – durchaus die These vertreten, dass der Fußball im Zeitalter der Globalisierung in gewisser Hinsicht als Modell für internationale Beziehungen und den freien Welthandel dienen könnte: Die Wettbewerbe kennen nur geringe Teilhabebarrieren, werden nach von allen Beteiligten akzeptierten Standards und mit gemeinsamen Regeln zum ökonomischen Nutzen aller Mitwirkenden sowie zur Unterhaltung eines erheblichen Teils der Weltbevölkerung ausgetragen.

Die Globalisierung des Spiels ist selbstverständlich im ureigenen Interesse des Weltfußballverbandes FIFA, der neben der Ausrichtung von Wettbewerben, der Vermarktung seiner Mega-Events, dem weltweiten Kampf gegen Doping und Spielmanipulationen, der Organisation von Aus- und Fortbildungsmaßnahmen sowie diversen sportpolitischen Aktivitäten auch ein "Forward-Programm" aufgebaut hat, das die nachhaltige Entwicklung des Fußballsports in jedem einzelnen Mitgliedsverband vorantreiben will. Gefördert werden so unter anderem die Etablierung von Frauenfußball-Ligen in Indien, Kolumbien und Uruguay oder Projekte zur Nachwuchsförderung in Mazedonien und Peru. Kurz: Der Weltfußballverband will dem Spiel überall auf der Welt noch mehr Aufmerksamkeit und soziale Relevanz verschaffen sowie das Ballspiel gewissermaßen mit seiner Lesart des Eine-Welt-Gedankens als ideologischen Überbau ausschmücken. Die von ihm organisierte Weltmeisterschaft bietet als televisionärer Mega-Event die ideale Plattform zur Verbreitung der Botschaft, dass Fußball keine Grenzen kennt, auch weil er lokale, nationale und transnationale Zugehörigkeiten miteinander verbindet. Die durch ein Netzwerk von nationalen und supranationalen Administrationen, Verbänden, Vermarktungsagenturen und Medienkonzernen getragene Produktion einer Weltmeisterschaftsendrunde sowie deren populärkulturelle Relevanz – mitsamt der von der Sportartikelbranche gepflegten modischen Erlebniswelten oder der Rolle von Spitzensportlern als Popstars und Testimonials – signalisieren, dass die Entwicklung des Fußballs maßgeblich durch die Globalisierung des ökonomischen, politischen und kulturellen Austauschs vorangetrieben wird und zu diesem Prozess einer Deterritorialisierung des Raumes ebenfalls beiträgt. Seine globale Popularität hat der Fußballsport allerdings nicht zuletzt den Medien zu verdanken, durch deren aktive Mitwirkung er in den meisten Ländern zu einem Bestandteil des Alltagslebens geworden ist. Gerade das Fernsehen und die digitalen Medien unterhalten enge Beziehungen zu diesem Ballspiel, da es eine zwanglose Nähe zu den Feldern der Freizeit und des Konsums bietet sowie Momente der Identifikation freisetzt.

Wenn die FIFA alle vier Jahre die Endrunde ihrer Weltmeisterschaft veranstaltet, handelt es sich hierbei auch um ein transnationales Medienereignis, das auf allen Kontinenten die Menschen vor den Bildschirmen versammelt. Die im Rahmen der umfassenden (Live-) Berichterstattung von diesen Spielen wirksamen Inszenierungsmuster zeichnen sich dabei innerhalb gewisser Grenzen vor allem dadurch aus, dass sie das bevorzugte Selbstbild und die herrschenden Ideologien jener Länder reproduzieren, in denen sie Leser, Zuhörer und Zuschauer erreichen wollen. Die Spielübertragungen und die Anschlusskommunikation tragen so tendenziell zur Renationalisierung von internationalen Sportereignissen bei. Die Medien tendieren in diesem Zusammenhang noch immer dazu, die Dimensionen der nationalen Identität und der Stiftung von Wir-Identifikationen wesentlich stärker zu betonen als die dem Sport zugeschriebene Funktion der interkulturellen Begegnung oder der Völkerverständigung. Und zweifelsohne vermag gerade der Fußballsport mit seinen Legenden, seinen Erzählungen über ewige Rivalitäten, den Duellen zwischen großen Favoriten und Außenseitern sowie seinem unerschöpflichen Reservoir an Heldenfiguren zur Bestätigung kollektiver Identitäten, nationaler Werte oder sogar zur Massenloyalität beizutragen. Zahlreiche Studien haben für die europäischen Fernsehmärkte nachgezeichnet, dass der Mediensport einen festen Kanon nationaler Images und Stereotype nutzt, wobei vor allem die (Live-) Berichterstattung über Spiele von Nationalmannschaften als Wettkämpfe zwischen "Uns" und den jeweils Anderen in Szene gesetzt werden, also die Aspekte der Selbstdarstellung, der Selbstvergewisserung und der Abgrenzung gegen das Außerhalb akzentuieren.[2] Damit suggeriert der Fernsehfußball zugleich seinen Zuschauerinnen und Zuschauern, dass sie – unabhängig von Alter, Bildung, Geschlecht und sozialer Lage – unter dem mythischen Banner der Nation zusammengehören.

Nationalmannschaften im Medienzeitalter

Nach wie vor kommt Nationalmannschaften im Medienzeitalter auch die Aufgabe zu, das Bild und die Vorstellungen, die ein Land von sich besitzt, wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Wo die Globalisierung ein diffuses Gefühl der Unübersichtlichkeit, Enttraditionalisierung und des Schwindens von Heimat entstehen lässt, bietet sich unter anderem der Fußball als Weltsicht und als latent sinnstiftender Faktor an. Als hilfreich erweist sich dabei der Umstand, dass die Globalisierung des Spiels nach wie vor einen lokalen, regionalen oder nationalen Patriotismus symbolisch zu integrieren vermag und damit eine Stabilisierung von Wir-Identifikationen begünstigt. An dem zuletzt genannten Aspekt setzen auch die verbands- oder vereinseigenen Multimediaplattformen (z.B. fcbayerntv) an, die im Sinne eines "Corporate Sports Journalism", journalistische Inhalte mit Marketingbotschaften verknüpfen, dabei eine weltoffene und pluralistische Haltung an den Tag legen sowie Imagefilme (z.B. der DFB-Film "Die Mannschaft" über das deutsche Team bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien) als Instrumente zur Verbreitung der eigenen Interpretation des Fußballgeschehens nutzen.

Das von den Medien choreographierte Wechselspiel zwischen dem Nationalen und dem Globalen scheint im Prozess der Kommerzialisierung des Spiels selbst in Bewegung geraten zu sein. Grundsätzlich verweist schon das für den Fußball charakteristische Versprechen einer symbolischen Gleichheit der Akteure auf vorhandene Spielräume für Formen der wechselseitigen Anerkennung und des interkulturellen Respekts. Darüber hinaus lässt sich vor allem im Bereich des professionellen Vereinsfußballs eine gewisse Tendenz zur Unterwanderung der nationalen Fußballdiskurse beobachten, die maßgeblich durch den Bedeutungszuwachs europäischer Wettbewerbe wie der UEFA Champions League, die Personal- und Marketingpolitik der inzwischen multinational operierenden Spitzenclubs oder das Entstehen neuer Fußballmärkte (z.B. China) stimuliert wird. Nicht zuletzt die umfassende Berichterstattung über die Champions League und die über die Sozialen Medien frei zugängliche Flut an Fußballvideos tragen des Weiteren dazu bei, dass sich Fußballfans heute mehr für ausländische Vereine, Ligen oder Spieler interessieren und ihren eigenen Verein vermehrt in einem internationalen Kontext wahrnehmen. Die Globalisierung des Fußballs begünstigt ferner einen spielerischen Umgang mit post-nationalen Identifikationen jenseits der eigenen nationalen Zugehörigkeit. So finden sich in Deutschland sowohl zahlreiche Fangemeinden von Juventus Turin, Manchester United oder Real Madrid als auch Fußballanhänger, die gleich mehrere Clubs in verschiedenen Ländern unterstützen. Die nationalen Aspekte der Fußballkultur sind letztendlich für Fernsehsender, Sponsoren und das Marketing unverändert von erheblicher Bedeutung, gleichzeitig begünstigen der globale Erfolg des Medienfußballs, die damit einhergehende Unterhaltungsorientierung der Sportberichterstattung und die zunehmend transnationale Ausrichtung der Fußballbranche aber auch eine Akzentuierung der grenzüberschreitenden Elemente im Fußballdiskurs sowie von Marktstrategien, die von vorneherein auf ein internationales Publikum abzielen. In gewisser Hinsicht signalisiert der Fußballsport seinen Anhängern, dass nationale und transnationale Identifikationen nebeneinander bestehen können und sich kreativ verknüpfen lassen. Ansonsten gilt wohl auch für das Verhältnis von De- und Renationalisierung des Fußballdiskurses, dass das Tor – wie schon Sepp Herberger wusste – in der Mitte steht.

Fußnoten

1.
focus.de
2.
Vgl. u.a. Liz Crolley und David Hand: Football, Europe and the Press. London, New York 2013 und Jens Wernecken: Wir und die anderen… Nationale Stereotypen im Kontext des Mediensports. Berlin 2000.
Creative Commons License

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Autor: Prof. Dr. Jürgen Schwier für bpb.de


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