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Gesellschaftliche Spannungen und Sturz des Zaren

(1850 - 1917)


15.10.2010
Westliche Ideen beeinflussten die Entstehung einer politischen Bewegung im zaristischen Russland. Schon vor dem ersten Weltkrieg bedrohten Spannungen die Zarenherrschaft. 1917 trat der Zar schließlich ab - aber auch die provisorische Regierung fand ein rasches Ende.

Nikolaus II. auf einem Ölgemälde von Earnest Lipgart (um 1900). Zar Nikolaus II. dankte am 15. März 1917 ab. Mit seiner Familie wurde er nach Jekaterinburg gebracht, wo sie im Juli 1918 von den Bolschewiki ermordet wurden.Nikolaus II. auf einem Ölgemälde von Earnest Lipgart (um 1900). Zar Nikolaus II. dankte am 15. März 1917 ab. Mit seiner Familie wurde er nach Jekaterinburg gebracht, wo sie im Juli 1918 von den Bolschewiki ermordet wurden. (© Public Domain)

Russlands Position im Konzert der großen europäischen Mächte brachte die russischen Oberschichten in engen Kontakt mit dem geistigen und politischen Leben des Kontinents. Die Rezeption von Ideen aus der Welt der französischen Revolution und des nationalstaatlichen Erwachens in West- und Mitteleuropa führte zu einer Entfremdung zwischen Teilen der europäisierten Oberschicht und dem autokratischen Regime. Die Spannungen fanden Ausdruck in der Debatte zwischen "Westlern" und "Slawophilen". Während erstere die Öffnung gegenüber dem "Westen" guthießen und Russlands Heil vom Hineinwachsen in diesen "Westen" erwarteten, betonten die Slawophilen slawische und orthodoxe Traditionen und sahen die Zukunft des Landes in der Rückkehr zu diesen Wurzeln.

In dieser Auseinandersetzung trat erstmals eine Gruppe hervor, die den gesellschaftlichen Konflikten in Russland bis weit in das 20. Jahrhundert Form und Ausdruck gab - die Intelligenzija. Dieser Begriff bezeichnet eine Ideengemeinschaft, die ihre soziale und politische Identität aus der gemeinsamen Weltsicht gewann. Ihr Selbstverständnis stützte sich auf drei Leitgedanken: den Willen, die autokratische Zarenherrschaft zu stürzen, das Bewusstsein der Verantwortung für sozial Schwächere und den Glauben, über eine wissenschaftlich fundierte Weltanschauung zu verfügen. Aus der Intelligenzija heraus formten sich jene politischen Gruppierungen, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts den Kampf mit dem zarischen System aufnahmen.

Sturz der Zarenherrschaft



Im Krimkrieg (1853-1856), den Russland gegen das Osmanische Reich, Frankreich und Großbritannien führte, erwies sich das Zarenreich gegenüber den europäischen Großmächten als militärisch und wirtschaftlich hoffnungslos rückständig. Die Regierung Alexanders II. (1855-1881) nahm daher eine umfassende Reform von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in Angriff. Kern der Neuordnung war die Bauernbefreiung im Jahre 1861, die die Leibeigenschaft beseitigte und von Umgestaltungen der Justiz, der Streitkräfte, des Bildungswesens und der Kommunalverfassung flankiert wurde.

Die Reformen führten nicht zu einer politischen Beruhigung im Innern. Aus der Intelligenzija heraus entwickelte sich eine politische Bewegung, die "Volkstümler", die einen Sturz des Zarismus durch Aufklärung der bäuerlichen Massen anstrebten. Einige Gruppierungen setzten auf individuellen Terror. 1881 wurde Alexander II. durch ein Bombenattentat getötet.

Die Regierung seines Nachfolgers Alexander III. (1881-1894) schränkte die Reformen teilweise wieder ein, verfolgte den Kurs wirtschaftlicher Modernisierung aber weiter. Der Ausbau der Industrie, der in den siebziger Jahren in Gang kam, gewann in den neunziger Jahren hohes Tempo. Im Gefolge der Industrialisierung wandelte sich auch die Gesellschaft. Wiewohl Russland immer noch ein Agrarstaat war und 1897 über 86 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande lebten, wuchsen die Städte rasch und wurden zu sozialen Brennpunkten. Die Einwohnerschaft Moskaus etwa stieg zwischen 1867 und 1914 von 350000 auf 1,7 Millionen, die von St. Petersburg von 500000 auf 2,2 Millionen.