Basilius-Kathedrale
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Geschönte Vergangenheit


20.10.2010
Inhaftierung in Lagern, Deportation und Erschießungen: Die Geschichte der UdSSR war vor allem unter Stalin von Repressionen geprägt. Die Aufarbeitung findet nur in den Nischen der Gesellschaft statt, eine staatliche Vergangenheitsbewältigung gibt es nicht.

Für viele Sowjetbürger bedeutete der Zusammenbruch der Sowjetunion die Befreiung von einem freiheitsberaubenden, lähmenden und amoralischen System. Mit dem Wandel verbanden sie große Hoffnungen auf mehr Konsum, bessere und größere Wohnungen, die repressionsfreie Ausübung von Grundrechten, politische Partizipation und Abschaffung der Kontrolle durch Partei und KGB. Andere hingegen sahen das Ende der UdSSR als eine schmerzliche Zäsur, deren Konsequenzen sie auch am eigenen Leibe spürten. Präsident Putin unterstützte diese Sicht, als er bedauernd meinte, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen.

Zwar weinten die ehemals zum "Ostblock" gehörigen Polen, Tschechen und Ungarn, die baltischen Völker und die Georgier und so manche Ukrainer sowie die Dissidenten in der Sowjetunion und viele andere dem untergegangenen System keine Träne nach, aber Putins Worte waren Balsam für den verletzten Stolz so mancher ehemaligen Sowjetbürger, welche die plötzlich vorhandene Freiheit als sozialen Niedergang erfuhren und die sowjetischen Propagandaklischees vom Kapitalismus angesichts der nach 1991 einsetzenden wild wuchernden Privatisierung als milde Untertreibungen empfanden. Sie hingen der so genannten guten alten Zeit an, als die UdSSR ein Sechstel der Erdoberfläche bedeckte, als das Sowjetimperium in Osteuropa noch existierte und einige Länder der "Dritten Welt" zum "sozialistischen Weltsystem" zählten, als es Arbeit, Lohn, Ordnung und scheinbar keine Kriminellen gab. Diese Assoziationen eines positiv gefärbten Geschichtsbildes beschwor Putin mit seiner Formulierung herauf.

Der Zynismus in Putins Phrase ist angesichts der Millionen Opfer des Sowjetsystems im eigenen Lande sowie im Ausland kaum zu übertreffen. Was aber ist das Problem? Nichts weniger als die Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert.

Das Erbe, welches tief in die Gegenwart hineinreicht, ist die zu wenig aufgearbeitete Geschichte der Gewalt. Die Jahrzehnte zwischen 1917 und 1953 gehören zu den blutigsten in der Geschichte der Menschheit überhaupt. Von Anfang an nahmen Gewalt und Terror epidemische Ausmaße an. Unter Stalin wurden sie schrankenlos. Wenn im heutigen Russland das während der Perestrojka-Periode zerstörte positive Image Stalins wieder aufpoliert wird, dann fällt die Geschichte des von ihm initiierten Terrors dabei unter den Tisch.

Diese Geschichte kann hier nicht wiedergegeben werden. Nur wenige Beispiele seien kurz genannt, welche die zahlenmäßigen Dimensionen der Vernichtung verdeutlichen. Obwohl es unmöglich ist, eine gesicherte Opferzahl zu errechnen, lässt sich nach dem heutigen Kenntnisstand von circa acht Millionen Opfern des Terrors zwischen 1928 und 1941 sprechen. Allein in den Jahren des sogenannten großen Terrors 1937/38 wurden über 1,7 Millionen Menschen verhaftet, ca. 700 000 von ihnen wurden erschossen. Der von Stalin initiierte Geheimbefehl Nr. 00447 vom Juli 1937 legte Erschießungsquoten für einzelne Regionen der Sowjetunion fest. Erhöhungen der Zahl in den Regionen mussten mit Moskau abgestimmt werden. Bei Charkow, Kalinin (Twer) und Katyn wurden auf Beschluss des Politbüros im April und Mai 1940 15.000 polnische Offiziere erschossen, zusätzlich noch einmal 7.305 Polen in Gefängnissen. Von den 108.000 verhafteten polnischen Zivilisten in den nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt 1939 bis 1941 annektierten Gebieten wurden 18.000 von Erschießungskommandos getötet.



 

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