Basilius-Kathedrale

9.5.2018 | Von:
Gemma Pörzgen

Das Russlandbild in den deutschen Medien

Putin- und Moskaufixiertheit dominiert die deutsche Berichterstattung über das riesige Land. Gelingt die kritische Darstellung zwischen Selbstinszenierung des Regimes und Lebenswirklichkeit im Land? Es gilt: vor Ort wird meist ein differenziertes Bild gezeichnet. Doch welche Medien können sich sowas überhaupt noch leisten?

Ein Gemälde des russischen Präsidenten Wladimir Putin ist auf der Ausstellung "SUPERPUTIN" im UMAM Museum in Moskau zu sehen (12. Dezember 2017).Ein Gemälde des russischen Präsidenten Wladimir Putin ist auf der Ausstellung "SUPERPUTIN" im UMAM Museum in Moskau zu sehen (12. Dezember 2017). (© picture-alliance)

Schon die Buchtitel der Sachbücher deutscher Journalisten über Russland spiegeln wider, wie sehr der russische Präsident Wladimir Putin zur Ikone des Landes geworden ist. "Putins russische Welt", "Putins verdeckter Krieg", "Generation Putin" oder "Putin – der neue Zar" heißen politische Werke, die heute über die Russische Föderation erscheinen – der Blick auf ein riesiges Land mit rund 140 Millionen Menschen wird häufig auf eine Person verengt.

Wer als Journalist über Russland schreibt, wird von den Heimatredaktionen häufig in die Lage gedrängt, sich vor allem mit dem Präsidenten zu befassen oder ihn zumindest in seine Texte einfließen zu lassen. Putin kennt jeder und er gehört, ähnlich wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan oder US-Präsident Donald Trump, zu den Staatsführern, die den Blick auf Land und Leute zunehmend überschatten.

Maxim Kireev, der in Russland als freier Korrespondent für verschiedene deutsche Medien arbeitet, erlebt immer wieder, dass Putin möglichst schon im Einstieg auftauchen soll und meistens in der Überschrift landet. "Das ist eine ambivalente Geschichte", sagt Kireev. "Die deutschen Redaktionen orientieren sich dabei sicher auch an den Interessen der Leser, denn Putin ist eine polarisierende Persönlichkeit und er bringt Online sehr viele Klicks." Andererseits gebe es im Land einen Putin-Kult, den der russische Präsident selbst inszeniere und dem auch die deutsche Berichterstattung zu stark folge.

"Putinisierung" der Berichterstattung

Der russische Staatschef setzt sich gerne medienwirksam in Szene: Er jagt Tiger, zieht einen riesigen Hecht aus dem eiskalten Wasser oder fliegt mit Kranichen über Sibirien. Es gibt zahlreiche Fotos von Putin, auf denen er sich als starker Mann Russlands und als patriotische Vaterfigur präsentiert. All diese Bilder zielen in erster Linie auf die russische Öffentlichkeit ab, kommen aber auch deutschen Medien und deren Drang zur Personalisierung von Politik sehr entgegen. Es gibt eine regelrechte "Putinisierung" der Berichterstattung im russischen TV, bei der ständig das Bild eines omnipräsenten politischen Führers zu sehen ist, der scheinbar alles im Land selbst zu regeln scheint. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Selbstinszenierung bei der Präsidentenwahl, deren Ergebnis ohnehin feststand und den Personenkult auf die Spitze trieb.

Viele deutsche Medien übernehmen diese Fixiertheit auf den Kreml-Führer, wobei sich fast durchgehend ein Putin-kritischer Mainstream durchgesetzt hat, der zeitweise zu einer regelrechten "Dämonisierung" des Präsidenten abgleitet. Das zeigte sich beispielsweise in der Berichterstattung über den Mord an dem Oppositionellen Boris Nemzow im Februar 2015, nach dem zahlreiche Medien es so darstellten, als sei Putin persönlich für den Mord verantwortlich gewesen, obwohl dafür jeder Beleg fehlte.

Solche vereinfachten Deutungen geschehen vor allem in Heimatredaktionen, in denen es an Kompetenz, Interesse und Verständnis für Russland ebenso fehlt wie an frischen Sprach- und Landeskenntnissen. Das hält aber vor allem Kolumnisten und Kommentatoren der verschiedenen Zeitungen keineswegs davon ab, ausgiebig vom deutschen Schreibtisch aus über Russland zu schreiben und gängige Klischees zu verbreiten.

Ein gesundes Spannungsverhältnis zwischen Zentrale und Korrespondenten gebe es allerdings immer, sagt der Moskau-Korrespondent der Deutschen Welle (DW), Miodrag Soric. Redakteure in der Heimat hätten die ganze Welt im Blick, die Korrespondenten die Lebenswirklichkeit ihrer Länder.

Umfangreiche Berichterstattung, sinkende Korrespondentenzahl

Wer in Russland als Korrespondent arbeitet und recherchiert, zeichnet meist ein differenziertes Bild der Lage. Aber die Zahl der akkreditierten Kollegen ist in der russischen Hauptstadt in den vergangenen Jahren gesunken. Das gilt nicht nur für Moskau, sondern ist ein genereller Trend in der Auslandsberichterstattung, die zu den teuersten journalistischen Aufgabenfeldern gehört. Es gibt immer mehr weiße Flecken der Berichterstattung in anderen Teilen der Welt, die viel dramatischer sind. Im Vergleich zu Indien mit einer Milliarde Menschen, über das in deutschen Medien kaum berichtet wird, findet Russland immer noch viel Aufmerksamkeit.

Anlassbezogen gibt es sogar eine Überfülle von Berichten. Das zeigte sich beispielsweise im März 2018 rund um die Präsidentenwahl, die als Aufhänger für zahlreiche TV-Dokumentationen, Zeitungsreportagen und Radio-Feature diente, welche auch die Lebenswirklichkeit außerhalb der Hauptstadt abbildeten. Auch die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2018 dürfte angesichts der vielen Austragungsorte in der Provinz für ein breiteres Medieninteresse und andere Themen sorgen, als die starke Fixiertheit auf Ereignisse rund um den Kreml.

In Moskau sind derzeit etwa 20 deutsche Korrespondenten akkreditiert. Dabei ist die Nachrichtenagentur dpa mit drei Korrespondenten ebenso stark vertreten wie die Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ARD-Hörfunk und ARD-Fernsehen sowie das ZDF). Aber die Zahl der Sendungen, die sie beliefern müssen, ist in den letzten Jahren eher gewachsen. Für das Nachrichtenmagazin "Spiegel" und "Spiegel Online" sind zwei Kollegen in Moskau tätig.

Viele Zeitungen sind in Moskau nicht mehr mit eigenen Korrespondenten vertreten. Das "Handelsblatt" schloss 2013 als einzige deutsche Wirtschaftszeitung nach 20 Jahren das Büro, auch die Magazine "Focus" und "Stern" haben seit Jahren keinen Korrespondenten mehr in der russischen Hauptstadt. Der Sparkurs führte auch bei zahlreichen Regionalzeitungen dazu, dass beispielsweise weder der "Tagespiegel" noch die "Stuttgarter Zeitung" heute einen eigenen Korrespondenten in Russland haben. Gerade bei Regionalzeitungen, die sich über Jahrzehnte freie Korrespondenten teilten, gelten Auslandskorrespondenten inzwischen häufig als "Luxus", den man sich angesichts der Sparzwänge nicht mehr leisten kann.

Die Zahl der freien Korrespondenten ist merklich geschrumpft, denn das Leben in Moskau ist teuer und mit den niedrigen Honorarsätzen von rund 150 Euro für einen Zeitungsartikel kaum finanzierbar. An feste Monatspauschalen, die früher üblich waren, aber auch Reisekosten oder Bürokostenzuschuss, ist angesichts der Zeitungskrise nicht mehr zu denken. Allein überregionale Blätter wie die "Die Zeit", die "Süddeutsche Zeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" leisten sich noch eigene Korrespondenten vor Ort. Aber selbst die FAZ ist nur noch mit einem Korrespondenten vertreten und verzichtet seit einigen Jahren auf die ausführliche Kulturberichterstattung von vor Ort, die das Feuilleton mit Artikeln über russisches Theater, Kunst und Geistesleben lange bereicherte.

Weitere postsowjetische Staaten gehören zum Berichtsgebiet

Fast alle Berichterstatter sitzen in Moskau und sollen von dort aus, das ganze riesige Land abbilden. Die Tagesaktualität lässt nur wenige ausgewählte Reisen zu, zumal Flüge und Hotels teuer sind. Ausgiebige Reportage-Reisen im Land über mehrere Wochen sind heutzutage nur noch für öffentlich-rechtliche Medien zu bewältigen. So hatten die ZDF-Journalisten Britta Hilpert und Winand Wernicke für eine TV-Reportage, die sie im Herbst 2017 von Moskau nach Wladiwostok führte, ganze vier Wochen Drehzeit. So lange könnte keiner der Zeitungskollegen aus dem Moskauer Büro wegbleiben.

Aber auch kürzere Reportage-Reisen sind in Russland so aufwändig und teuer, dass sie inzwischen eher zur seltenen Ausnahme werden. "Als One-Man-Show kann man nicht gleichzeitig in der Hauptstadt sein und in der Provinz das richtige Leben beobachten", sagt DW-Korrespondent Soric über viele Kollegen, die alleinige Vertreter ihres Mediums sind und damit weniger beweglich als er in einem größeren Büros des deutschen Auslandssenders. "Du brauchst Platz für gute Geschichten, Zeit sie zu recherchieren, Geld um sie umzusetzen und eine Redaktion, die Dir den Rücken freihält." Der Zwang zum Sparen bei den Verlagen macht das oft nicht mehr ausreichend möglich. Dabei gehören meist auch noch weitere postsowjetische Staaten zum Berichtsgebiet der Moskauer Korrespondenten, wobei Belarus, Zentralasien und der Südkaukasus in der deutschen Berichterstattung kaum noch vorkommen. Auch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sitzen nur zwei freie Korrespondenten für deutsche Medien und eine dpa-Ortskraft, die dem Moskauer Büro mit drei festen Korrespondenten zuliefert. Im Vergleich zu anderen postsowjetischen Ländern kann sich Russland über mangelnde mediale Aufmerksamkeit in Deutschland nicht wirklich beklagen. Moskau steht unverändert im Mittelpunkt der Berichterstattung aus dem postsowjetischen Raum.

Der in St. Petersburg ansässige Kireev ist die Ausnahme unter den Berichterstattern für deutsche Medien, die sonst alle in der Hauptstadt sitzen. Auch deshalb bleibt die Lage in der russischen Provinz meist unterbelichtet. Schon 2011 bemängelten die damaligen Korrespondenten Stefan Scholl und Moritz Gathmann in einer Debattenreihe über die Russlandberichterstattung in der Zeitschrift "Osteuropa", dass die Kremlberichterstattung aus Moskau den Blick auf das ganze Land trübe: "Was außerhalb der Metropole tatsächlich passiert, nehmen sie kaum oder nur durch die Moskauer Brille wahr", kritisierten Scholl und Gathmann die Arbeitsweise vieler Kollegen. Doch ihr Ruf, viel mehr Korrespondenten sollten nach Krasnodar, Krasnojarsk oder Wladiwostok gehen, von wo aus man über "ein ganz anderes Russland" berichten könnten, klingt heute unrealistischer denn je. Rund um die Präsidentenwahl fiel allerdings auf, dass viele Moskauer Korrespondenten für ihre Geschichten in die Provinz fuhren. Sioric drehte am Abstimmungstag in Wahllokalen in Tatarstan, eine autonome russische Region, die in der deutschen Berichterstattung sonst selten auftaucht.

Kritik an der Russlandberichterstattung

Seit Jahren hagelt es Kritik an der Russlandberichterstattung deutscher Medien. Vor allem die frühere ARD-Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone Schmalz gilt als prominente Kritikerin der eigenen Branche und hat dem Thema mehrere Bücher gewidmet. Sie klagt seit Jahren über eine wachsende Diskrepanz zwischen der Realität des Landes und den verbreiteten Stereotypen über Russland, die sich nach wie vor in den westlichen Köpfen gehalten hätten und noch aus dem Kalten Krieg stammten. Krone-Schmalz warnt vor einer Dämonisierung des Landes und der zu einfachen Einteilung der Welt in "Gut" und Böse": "Auf Russland bezogen, bedeutet dieser Zusammenhang, dass in den westlichen Medien praktisch nur noch Raum für negative Nachrichten über das Land bleibt", schreibt Krone-Schmalz in ihrem jüngsten Buch "Eiszeit". "Denn, was aus Moskau kommt, kann nur falsch sein. Viele Journalisten haben sich offenbar abgewöhnt, genauer hinzuschauen, wenn es um Russland geht, da die Sache ja ohnehin klar scheint: Putin ist der Gegner der freien Welt, der sich der Verbreitung des "Guten" in den Weg stellt." Krone-Schmalz ist in der deutschen Russland-Community umstritten, weil sie selbst seit Jahren nicht mehr aus Russland berichtet, aber die eigene Branche rügt und die Politik des Kremls öffentlichkeitswirksam verteidigt. Ihr eigenes Russlandbild stamme noch aus der Zeit der Sowjetunion und habe mit der heutigen russischen Realität wenig zu tun, lautet der Vorwurf vieler Kollegen. Einige medienwissenschaftliche Studien der letzten Jahre kommen zu vergleichbaren Schlüssen wie Krone-Schmalz und kritisieren ebenfalls eine einseitige Russlandberichterstattung, die sich zu stark an Stereotypen ausrichte. Die Faktoren "Angst und Bedrohung" spielten in der Berichterstattung über Russland eine zu starke Rolle, lautet ein verbreiteter Vorwurf.

Es seien vor allem negative Nachrichtenfaktoren, die bei der Selektion von Russlandthemen dominierten, klagten jüngst auch Teilnehmer einer gemeinsamen Sitzung der drei Arbeitsgruppen Zivilgesellschaft, Religion und Medien im November 2017 beim deutsch-russischen Forum "Petersburger Dialog" in Berlin. Vertreter deutscher und russischer Behindertenverbände kritisierten, dass so ein wichtiges Thema, wie Verbesserungen im Leben von Behinderten in Russland von den deutschen Medien weitgehend ignoriert werde.

Erschwerte Arbeitsbedingungen für Korrespondenten

Diese verbreitete Medienschelte übersieht, dass deutsche Korrespondenten in Moskau im Vergleich zu anderen Hauptstädten unter erschwerten Arbeitsbedingungen leiden. Die russische Seite erweist sich im Umgang mit ausländischen Medien als wenig kooperativ. Fast alle Kollegen in Moskau klagen über mangelnden Zugang. Interviews mit Politikern oder auch nur telefonische Auskünfte von Regierungsstellen und Behörden haben eher Seltenheitswert. Auch Drehgenehmigungen zu bekommen, bedeutet häufig einen bürokratischen Drahtseilakt. Fest vereinbarte Termine werden oft in letzter Minute wieder abgesagt.

Der propagandistische Kurs der russischen Staatsmedien und feindselige Äußerungen russischer Politiker schaffen zudem eine gesellschaftliche Atmosphäre, die westliche Medienvertreter als Feinde darstellt und einen neuen Kalten Krieg herbei beschwört. Viele Russen zögern deshalb bei Interviews mit ausländischen Journalisten, ob es sie nicht gefährden könnte.

Der Zeit-Redakteur und frühere Moskau-Korrespondent Michael Thumann schilderte in einem Interview kürzlich sehr anschaulich, dass Auslandskorrespondenten in den 1990er-Jahren noch auf Offenheit und Gesprächsbereitschaft bei russischen Gesprächspartnern trafen. Diese Zeiten, seien längst vorbei. Bezeichnend sei auch, dass Putin bei seinem jährlichen Valdai-Treffen niemals Moskauer Korrespondenten einlade.

Eine ungute Rolle spielt auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, mit deren Amtseintritt im Sommer 2015 ein scharfer Ton einzog, der das Verhältnis zu ausländischen Journalisten durch Unhöflichkeiten und Flegeleien zusätzlich vergiftet. Sacharowa beschimpft Kollegen bei Pressekonferenzen, statt sie sachlich zu informieren. Sie ist für Moskauer Korrespondenten inzwischen die einzige offizielle Quelle im Ministerium, die zitiert werden kann und hat dadurch aber praktisch ein Informationsmonopol inne.

Dabei galt das Moskauer Außenministerium traditionell im Umgang mit ausländischen Korrespondenten als wichtige Anlaufstelle, die schon zu sowjetischer Zeit bei Anfragen hilfreich und unterstützend sein konnte. "Mit vornehmen Tönen hat es Maria Sacharowa nicht so", charakterisierte der langjährige Spiegel-Korrespondent Christian Neef in einem Artikel die Diplomatin, die nun an zentraler Stelle das Image des Landes prägt. Neef machte eher die Erfahrung, dass Sacharowa mit ihren "unverantwortlichen Sprüchen" das konterkariere, was eigentlich die wichtige Aufgabe ihres Ministeriums sei: für Verständigung zwischen den Ländern zu sorgen.

Auch anderswo tragen russische Stellen mit ihrer unprofessionellen Öffentlichkeitsarbeit einige Mitverantwortung dafür, dass Russland in den ausländischen Medien - und nicht nur in Deutschland - oft schlecht wegkommt. Dass Intransparenz und Verschlossenheit im Umgang mit Medien eher schaden, wird in Russland häufig nicht richtig verstanden. Es fehlen bis heute vielerorts das Wissen und die Erfahrung, wie eine freie Presse funktioniert und wie man mit ihr in einer aktiven Öffentlichkeitsarbeit professionell umgeht. Ausländische PR-Berater führen darüber beständige Klage.

"Es ist sehr schwierig, Behördenvertreter und Politiker für Interviews zu bekommen", ist auch die Erfahrung der Hörfunk-Korrespondentin Gesine Dornblüth, die bis 2017 für das Deutschlandradio in Moskau arbeitete und jetzt wieder von Berlin aus regelmäßig über Russland berichtet. "Sie wollen meistens nicht mit uns reden, anders als Kritiker der Regierung, die sich mehr Zeit nehmen und ihre Positionen ausführlich darlegen", sagt Dornblüth. Auch dadurch entstehe eine gewisse Schieflage in der Berichterstattung.

Als Beispiel für die Schikanen des Journalistenalltags nennt Dornblüth die Pressekonferenzen des russischen Verteidigungsministeriums, das während ihrer Moskauer Zeit immerhin regelmäßig Journalisten einlud. Statt pünktlich zu beginnen, habe man zunächst die Journalisten stundenlang warten lassen und ihnen zuvor die Mobiltelefone abgenommen. "Man schlägt dann seine Zeit tot, bis irgendwann der Ministeriumssprecher zehn Minuten eine Erklärung abgibt und danach keine Fragen mehr zulässt", beschreibt die Korrespondentin den Umgang mit Journalisten. Dass es bei offiziellen Stellen fast nie möglich ist, Nachfragen zu stellen, wertet Dornblüth ebenfalls als grundsätzliches Problem für eine gehaltvolle Berichterstattung, die auch die Positionen der offiziellen Politik und politische Debatten wiedergeben möchte. "Man kann nicht abbilden, was es nicht gibt", sagt die Journalistin.

Bei ihrer letzten Reise nach Kaliningrad hatte sie ein Interview mit dem Gouverneur vereinbart, das aber kurzfristig am letzten Tag der Reise abgesagt wurde. "Das ist leider gängige Praxis", sagt Dornblüth. Dabei benötigt die Radiojournalistin noch stärker als schreibende Kollegen die Originaltöne von Gesprächspartnern. Sie muss sich deshalb häufig mit der Übernahme von Tönen aus dem russischen Staatsfernsehens behelfen, um die offizielle Sicht der Regierenden überhaupt abbilden zu können.

Auch im Kontakt mit der Bevölkerung beobachtet Dornblüth in den letzten Jahren eine Veränderung. "Die Menschen sind zurückhaltender geworden, uns Interviews zu geben." Außerdem habe sie immer öfter das Gefühl, dass ihre Gesprächspartner nicht die Wahrheit sagten. Das sind Auswirkungen des zunehmend autoritären Kurses der Kremlführung sowie einer anti-westlichen Propaganda, die vor allem das russische Staatsfernsehen in die Bevölkerung trägt. All das erschwert es für deutsche Journalisten zusätzlich, die russische Wirklichkeit differenziert abzubilden.

Im Internet finden sich inzwischen auch alternative Angebote zur herkömmlichen Medienberichterstattung. Dabei sticht vor allem die Website "Dekoder" heraus, die auf originelle Weise versucht, Russland zu erklären und tiefe Einblicke in das russische Leben zu geben. Die engagierten Macher versuchen dabei, Journalismus und wissenschaftliche Kompetenz zu vereinen, in dem sie russische Beiträge auf eigene Weise ins Deutsche übertragen und mit zusätzlichen Sachmaterialien verlinken. In diesen "Gnosen" wird erläutert, warum bestimmte Begriffe im Russischen andere Bedeutungsinhalte haben und warum beispielsweise "Demokratie" ganz andere Assoziationen weckt als in Deutschland. "Es spielt heute in der Medienwelt eine immer größere Rolle, den Stimmen aus dem Land selbst zuzuhören", sagt die Chefredakteurin Tamina Kutscher zu der Mission von "Dekoder". Gerade jetzt sei es eine wichtige Herausforderung, Russland differenziert darzustellen, ohne in gängige Schwarz-Weiß-Muster zu verfallen.
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Autor: Gemma Pörzgen für bpb.de
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