Basilius-Kathedrale

3.2.2011 | Von:
Angelina Davydova

Umweltprobleme und Umweltpolitik

Zu viele Autos, zu viel Verpackung, zu viel Energie

Das ukrainische Hotel, links, und die New Arbat Street kaum sichtbar durch dichten Rauch.In Russlands Großstädten gelten die Abfallentsorgung und die Luftverschmutzung als die dringendsten Umweltfragen. (© AP)
Mit dem Zerfall der Sowjetunion änderte sich auch die Umweltsituation in Russland erheblich. Zum Einen brachen neben dem politischen System auch die wirtschaftlichen Strukturen zusammen. Mehrere hundert Fabriken mussten geschlossen werden. Dies bewirkte in vielen Regionen eine kurzzeitige Verbesserung der ökologischen Verhältnisse, insbesondere die Wasser- und Luftqualität verbesserte sich merklich. Zum Anderen wurde eine exzessive Förderung von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas aufgenommen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Auch wenn die Standorte überwiegend in die entlegenen Regionen Mittel- und Nordsibiriens verlagert wurden, belastet die industrielle Förderung von Erdgas und Erdöl die Umwelt in erheblichem Maße.

Mit dem Lebensniveau stieg auch der Konsum. Das erzeugt Probleme, die in Europa bestens bekannt sind - zu viele Autos, zu viel Verpackung, zu viel Müll. So gelten heute in Russlands Großstädten das Abfallentsorgungsproblem und die Luftverschmutzung durch den Autoverkehr (ca. 80 Prozent der gesamten Schadstoffbelastung) als die dringendsten Umweltfragen. Anders als in Deutschland gibt es in Russland keine Mülltrennung. Stattdessen werden in jüngster Zeit vermehrt zusätzliche Abfallverbrennungsanlagen geplant, meist nahe den Metropolen Moskau und St. Petersburg. Gegen diese Vorhaben regen sich in der Bevölkerung und bei Umweltaktivisten bereits zahlreiche Proteste.

Auch der leichtfertige Umgang mit den Rohstoffressourcen führt zu ernsthaften Problemen. Einer Studie der Weltbank zufolge lässt Russland pro Jahr so viel gewonnene Energie ungenutzt wie Frankreich insgesamt verbraucht. So geht etwa ein Viertel der Heizungswärme für den Wohnungssektor bereits "unterwegs" verloren - durch Löcher in den Rohren. Auch die zentrale Regulierung der Heizungssysteme ist alles andere als ökologisch sinnvoll. Schalter oder Regler zum individuellen Einstellen gibt es kaum, man kann die Raumtemperatur nur durch Fensteröffnen regulieren. Erst seit kurzem wird das Thema Energieeffizienz als eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Landes diskutiert. Inzwischen gibt es Pläne der Regierung, die Energieeffizienz in Russland bis zum Jahre 2020 um 40 Prozent zu steigern.

Ändern muss sich auch die Wahrnehmung der Gesellschaft, die Energie und weitere Ressourcen als unbegrenzt vorhandene und günstige Ware begreift. Allmählich steigen nun auch in Russland die Preise für Energie und Wasser, auch wenn sie noch wesentlich niedriger als in Europa sind.

Umweltpolitik und Umweltbewegung

Wie fast alle Länder verfügt auch Russland über eine umfangreiche Umweltgesetzgebung, erst vor kurzem wurde sie erneut reformiert. Das wesentliche Problem daran ist, dass sie in der Praxis kaum umgesetzt wird. Für Unternehmen ist es billiger und bequemer Geldstrafen oder Schmiergelder zu zahlen, als umweltschonende Technologien aufwändig zu installieren. Umweltanliegen spielen auch in der russischen Innenpolitik noch immer eine untergeordnete Rolle, da die soziale Entwicklung bisher stark mit dem Wirtschaftswachstum verbunden war.

Auch in der öffentlichen Meinung stehen Umweltfragen nicht gerade hoch im Kurs. Mit dem Zerfall der Sowjetunion sank das Lebensniveau vieler Einwohner so drastisch, dass die Fragen der sozialen Sicherheit, der Arbeit und des Gesundheitssystems zu den wichtigsten wurden. Dennoch lässt sich eine zaghafte Tendenz hin zu einem wachsenden Umweltbewusstsein in der Bevölkerung erkennen. Insbesondere die jüngere, gut ausgebildete Generation in größeren Städten interessiert sich zunehmend für Umweltfragen und Umweltschutz.

Gerade im letzten Jahr wurden in Russland einige Umweltkampagnen landesweit bekannt. Die berühmteste war die Verteidigung des Chimki-Waldes, wo eine Gruppe von Aktivisten in der kleine Stadt Chimki nordwestlich von Moskau monatelang gegen den Bau einer neuen Autobahn zwischen Moskau und St. Petersburg protestierte (siehe ecmo.ru). Obwohl die Kampagne Tausende Demonstranten in Moskau und anderen Städten auf die Straßen zog, entschied die Regierung Ende des Jahres zugunsten der Autobahn. Die Demonstrationen halten sich seither hartnäckig.

Eine andere Bürgerbewegung in Russland kämpft für den Schutz des Baikalsees und hat neben vielen lokalen auch zahlreiche internationale NGOs wie WWF und Greenpeace an ihrer Seite. Seit vielen Jahren kämpfen die Aktivisten gegen eine Zellulosefabrik, die das Wasser des Baikalsees mit ihren Abfällen vergiftet - unter der schützenden Hand der Regierung (siehe savebaikal.ru). Auch im Süden Russlands, im Kaukasus, wo 2014 in Sotschi die Olympischen Winterspiele stattfinden, engagieren sich Umweltaktivisten gegen den Neubau von Wettkampfstätten inmitten der unter Naturschutz stehenden Gebirgslandschaft (siehe ewnc.org).

Ein vorsichtig positiver Blick in die Zukunft



Umso stärker die Lebensqualität steigen wird, desto wichtiger und dringlicher werden in Zukunft Umweltfragen in Russlands Öffentlichkeit und Politik diskutiert. Zu erwarten ist eine spürbare Zunahme von Protestbewegungen gegen die Umweltausbeutung. In den unterschiedlichen Regionen Russlands wird immer mehr gegen die Zerstörung der Naturreichtümer und gegen Neubauten an ökologisch sensiblen Orten demonstriert. Zudem ist zu erwarten, dass das Interesse am Öko-Lebensstil noch weiter zunimmt. Auch der Bereich des Umweltjournalismus, der in Russland noch in den Kinderschuhen steckt, wird in den führenden Medien und im Internet mehr an Breite und Einfluss gewinnen.

Abzusehen ist außerdem, dass in den nächsten Jahren explizit das Thema Klimaschutz an Resonanz und Relevanz gewinnt. Durch die extremen Wetterverhältnisse, im Sommer 2010 erlebte Russland eine beispiellose Hitzewelle, die riesige Waldbrände zur Folge hatte, drängen die Themen Klimaveränderung und Klimaschutz in die Medien und damit in das Bewusstsein der Politik und der Bevölkerung.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ein schmelzender Eisberg, aufgenommen am 19. Juli 2007 vor der Insel Ammassalik in Ostgroenland. Die fuehrenden Industrienationen kommen am Mittwoch, 8. Juli 2009, beim G-8-Gipfel in L'Aquila, Italien, zusammen, um ueber die Wirtschaftskrise und den Klimaschutz zu beraten. (ddp images/AP Photo/John McConnico) --- FILE - This is a July 19, 2007 file photo of an iceberg as it melts off Ammassalik Island in Eastern Greenland. (ddp images/AP Photo/John McConnico)
Dossier

Klimawandel

Globale Erwärmung und Klimawandel: diese beiden Worte sind in aller Munde. Wie konnte es überhaupt zum Klimawandel kommen? Und reichen die Bemühungen im Kampf gegen die globale Erwärmung aus?

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Umweltpolitik

Umweltpolitik

Treibhauseffekt, Nahrungsmittelknappheit und das Wachstum der Erdbevölkerung: Die Welt steht vor gr...

Klimawandel

Klimawandel

Der Klimawandel stellt die Menschheit vor eine riesige Herausforderung. Ende 2010 wird sich die Welt...

Zum Shop