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Von Tyrannen und Transvestiten

Streifzüge durch die russische Literatur der Gegenwart


3.2.2011
Abseits strenger Presse-Kontrolle genießen Literaten in Russland künstlerische Freiheit. Auf die russische Öffentlichkeit nehmen die Schriftsteller jedoch nur wenig Einfluss. Carmen Eller mit einem Streifzug durch die russische Literatur der Gegenwart.

Russland im Jahre 2028. Das Land hat sich mit einer Mauer vom Westen abgeschirmt, und im Kreml regiert der Gossudar mit seiner Garde, die Staatsfeinden den Garaus macht. Zu diesen zählt auch der Gefangene Smirnow, der nach dem Verhör mit einem glühenden Schürhaken gefoltert wird. Der Dissident soll, so der Vorwurf, ein subversives Volksmärchen geschrieben haben. Von diesem Alptraum erzählt der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin in seinem Roman "Der Zuckerkreml". Das 2010 auch auf Deutsch erschienene Werk lebt von Schockeffekten und Schilderungen brachialer Gewalt. Sorokin, der zu den russischen Starautoren zählt, hat sich auf Anti-Utopien spezialisiert. Schon sein Vorgängerwerk "Der Tag des Opritschniks" spielte in einer totalitären Zukunft.

Während im Moskau der Gegenwart Kuratoren wie Andrej Jerofejew und Juri Samodurow für Ausstellungen mit religiöser Symbolik strafrechtlich verfolgt werden, genießen russische Schriftsteller künstlerische Freiheit. Ein Luxus, den Sorokin als Erbe der Perestroika betrachtet. "Ich habe es Michail Gorbatschow und Boris Jelzin zu verdanken, dass ein russischer Schriftsteller heute nicht nur alles, was er will, schreiben, sondern auch veröffentlichen kann", sagte er in einem Interview mit dem "Spiegel".

Gleichwohl führen die Schriftsteller ein Schattendasein und nehmen in der russischen Öffentlichkeit kaum Einfluss. Auch als moralische Autoritäten haben die Autoren ausgedient. Alexander Solschenizyn, der in seinem Jahrhundertbuch "Archipel Gulag" die Schrecken der Stalinzeit in Worte fasste, meldete sich zur eingeschränkten Presse- und Meinungsfreiheit unter Putin nicht mehr zu Wort. Er starb 2008 mit 89 Jahren in Moskau. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich umso mehr zu betrachten, wie russische Literaten ihre Freiräume nutzen.

Sozialstudie und Satire



Die Autoren, die heute die literarische Szene Russlands prägen, publizieren meist schon seit der letzten Phase der Sowjetunion. Neben dem 1955 in Bykowo bei Moskau geborenen Sorokin, in dessen jüngeren Werken, etwa seiner "Eis-Trilogie", das Thema Gewalt im Vordergrund steht, erreichte auch Viktor Pelewin einen Kultstatus. Er wurde 1962 in Moskau geboren und arbeitet seit 1990 als freischaffender Autor. Seine satirischen Romane stehen in der grotesk-phantastischen Tradition der russischen Literatur. Pelewin, der seine Geschichten in surrealistischer Manier erzählt, machte mit Werken wie "Das Leben der Insekten" oder "Generation P" auf sich aufmerksam. Auf Deutsch erschienen unter anderem auch "Das heilige Buch der Werwölfe" oder "Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin".

Märchenhafte Elemente, schwarze Komödie und düstere Visionen verbindet Tatjana Tolstaja in ihrer Arbeit. Die Urgroßnichte von Leo Tolstoj wurde 1951 in Petersburg geboren und begann in der Ära Gorbatschow zu schreiben. Heute gehört sie zu den erfolgreichsten Schriftstellern des Landes. In ihrem 2001 erschienenen Zukunftsroman "Kys" ist Russland nach einem Atomkrieg in die Diktatur zurückgefallen. Dort ist es offiziell streng verboten, Bücher aus der Vergangenheit zu besitzen. Alle verfügbaren Werke werden dem Tyrannen Fjodor Kusmitsch zugeschrieben.

Ein auch in Deutschland viel gelesener Autor ist der 1947 in Moskau geborene Victor Jerofejew. Bekannt wurde er 1990 mit einem Roman, der auf Deutsch unter dem Titel "Die Moskauer Schönheit" erschien. Der Sohn einer Diplomatenfamilie und Bruder des vor kurzem in Moskau verklagten Kurators Andrej Jerofejew erweist sich als kritischer Analytiker russischer Befindlichkeit. Gerne entmystifiziert er auch die Nationalheiligen. So begann er etwa einen Aufsatz über den Schriftsteller Anton Tschechow mit der Bemerkung, dass dieser mit Vorliebe Bordelle besuchte.


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