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Rockmusik in der Sowjetunion


28.2.2011
Der Rock'n Roll hatte es in der Sowjetunion nicht leicht. Doch je restriktiver das Umfeld, umso größer die Kreativität. Und wie in vielen anderen unfreien Ländern war die Rockmusik nicht nur Unterhaltung, sondern eine Waffe gegen das Regime. Sie war ein Stück Freiheit.

"Aquarium", eine der bekanntesten Rockbands der Sowjetunion 1991"Aquarium", eine der bekanntesten Rockbands der Sowjetunion 1991 (© Andrej "Willy" Usow)

Die Anfänge - von "Platten auf Knochen", Beatlemania und tolerierten Hippies



Anfang der 1950er brachten die sogenannten Stiljagi ("Hipster") Farbe auf die Straßen von Moskau, St. Petersburg und Tallinn. Sie legten großen Wert auf Stil und Mode, kleideten sich extravagant, tanzten Tango, Foxtrott und später Rock'n'Roll. Amerikanische Jazzgrößen wie Duke Ellington, Louis Armstrong und Glenn Miller landeten auf ihren Plattentellern. Sowjetische Diplomaten brachten ihren musikbegeisterten Söhnen häufig Schallplatten aus dem Westen mit. Befreundete Mediziner kopierten diese dann mit Röntgenapparaten. Diese "Platten auf Knochen" genannten Flexi-Disks konnten immerhin 20 bis 30 Mal auf normalen Plattenspielern abgespielt werden. Die Stiljagi gelten heute als erste inoffizielle Jugendkultur der Sowjetunion, eine eigene russische Musikrichtung prägten sie allerdings noch nicht.

Zu den ersten sowjetischen Rock'n'Roll-Bands gehörten die "Revengers" aus Riga, die 1961 als Cover-Band bekannt wurden. Dann kamen die "Beatles" und veränderten alles. Sie führten zu den gleichen Begeisterungsstürmen wie im Westen und waren Vorbilder für viele Bands, die sich in den Städten der Sowjetunion gründeten. Die eingängigen Melodien der Beatles passten besonders gut zum russischen Musikgeschmack. Als direkte Antwort auf die Beatlemania formierten sich in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre die ersten offiziellen Beat-Ensembles, die sogenannten VIA's ("Vokalno-Instrumentalny Ensemble", Gesangs- und Instrumental-Ensemble). Diese Schlager-Bigbands erhielten Unterstützung vom Kulturministerium und damit auch gute Instrumente und Auftritte. Musikalisch betrachtet waren sie eher harmlos und von der sowjetischen Ideologie weichgespült. Dennoch brachten sie etwas Rock'n'Roll ins staatliche Showbusiness und einige VIA's wurden zu Megastars und verkauften Millionen von Platten, wie zum Beispiel die "Pesnjary" aus Weißrussland mit ihrem einmaligen Mix aus Folk, Rock und Pop mit weißrussischen Texten.

Ein wichtiger Wegbereiter der Rockmusik in der Sowjetunion war Alexander Gradski mit seiner 1965 gegründeten Band "Slavjane". Nicht nur Gradskis charismatische Stimme, sondern auch sein unermüdliches Engagement für die Rockmusik als ernstzunehmende Kulturform machten ihn zum "Vater des Moskauer Rocks". Damals nannte sich die Musik allerdings noch nicht Rock, sondern Beat oder Big Beat.

Mit dem Motto "make love not war" vertrat die aufkommende Hippie-Bewegung einen Standpunkt, der für den Staat harmlos war. So wurden die Hippies, trotz ihrer anstößigen langen Haare und bunten Kleidung, von der Miliz relativ in Ruhe gelassen.

Insgesamt betrachtet waren die Anfänge der Rockmusik in der Sowjetunion von einer wahren Cover-Flut geprägt. In erster Linie wurden westliche Songs nachgesungen und kaum eigene Lieder geschrieben. Das Publikum wollte es auch nicht anders. Denn Russisch - das hieß angepasst. Englisch - das war Protest. Der Staat erkannte den Protestcharakter der englischen Sprache nicht sofort, die 1960er-Jahre in der Sowjetunion waren daher, musikalisch betrachtet, eine recht liberale Zeit.


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