Basilius-Kathedrale

15.10.2010 | Von:
Prof. Dr. Jörg Stadelbauer

Geografie und Klima

Klima und landwirtschaftliche Nutzungspotenziale

Das Klima ist in den meisten Landesteilen kontinental mit großen jahreszeitlichen Temperaturunterschieden. Zeitweise erstreckt sich das winterliche Kältehoch von der ostsibirischen Baikalregion bis Westrussland; arktische Kaltluft kann, weil sich ihr keine Gebirge als Querriegel entgegenstellen, fast ungehindert einfließen. Dann wieder dringen subpolare Tiefdruckgebiete vom Atlantik weit in das Innere Russlands vor und bewirken, dass im wärmsten Monat des Sommerhalbjahrs die Temperaturunterschiede zwischen der Südgrenze der Tundra und der Nordgrenze der Steppe kaum 4° C überschreiten. In der Steppenzone des Trans-Wolga-Gebietes können allerdings Dürreperioden auftreten, die die Getreideernte beeinträchtigen, ebenso Spätfröste, die die Frühjahrsaussaat bedrohen.

Die durchschnittlichen jährlichen Niederschlagssummen liegen in den Niederungen nur bei 600 bis 800 mm und steigen im nördlichen Ural und den fernöstlichen Gebirgen über 1.000 mm an. Dennoch wird der Alltag durch winterliche Schneeverwehungen, einen im Norden mehrere Monate währenden Eisgang auf den Flüssen und die frühjährliche Auftauperiode erschwert. Im Grenzbereich zwischen Tundra und Taiga umfasst die Schneeperiode fast zwei Drittel des Jahres. In der Nichtschwarzerdezone des europäischen Teils Russlands reichen die Niederschlagssummen aus, um mineralische Nährstoffe aus dem Boden auszuwaschen; hierbei bildet sich der für die Taiga typische Podsolboden. Dieser ist sandig, sauer sowie nährstoffarm und bietet deshalb den meisten Nutzpflanzen keine optimalen Bedingungen. In Waldsteppe und Steppe führt der Wechsel von winterlicher Abkühlung und sommerlicher Erwärmung bei ausreichender Bodendurchfeuchtung zur Entwicklung von Schwarzerden (Tschernosjom), die besonders fruchtbar sind.

Eine Folge früherer und aktuell andauernder winterlicher Abkühlung ist die weite Verbreitung von Dauerfrostboden; geschlossen tritt er auf 47 Prozent der Landfläche auf, rechnet man die sporadischen Vorkommen hinzu, nimmt er fast 60 Prozent der Landesfläche ein. Im äußersten Nordrussland sowie in weiten Teilen Sibiriens und des Fernen Ostens erschwert er den landwirtschaftlichen Anbau und beeinträchtigt und verteuert den Bau und den Erhalt von Gebäuden und Verkehrsanlagen. Der Untergrund ist teilweise über 200 m tief gefroren und taut während der sommerlichen Erwärmung nur in einer dünnen Bodenschicht auf. Gebäude müssen auf Pfählen, heute meist aus Beton, tief im Untergrund verankert und gegen Wärmeleitung zwischen Gebäude und Boden geschützt werden. Die wichtigsten wirtschaftlichen Nutzungen in den Gebieten mit Tundrenvegetation oder Nadelwald und gleichzeitig Dauerfrostboden sind die Gewinnung von Bodenschätzen, die Rentierzucht und der Holzeinschlag, der in den Nadelwäldern bereits zu großen Einbußen geführt hat.

Damit hat die klimatologische Differenzierung zur Folge, dass ausreichend günstige Anbaubedingungen nur im sogenannten Agrardreieck vorhanden sind; dieses reicht von der europäischen Westgrenze Russlands zwischen St. Petersburg und Rostow keilförmig nach Osten zur mittleren Wolga, zum südlichen Ural und in das südliche Westsibirien. Beträchtliche Schwankungen der Niederschlagsverteilung und -menge von Jahr zu Jahr lassen in den Steppen große Unterschiede bei den Ernteerträgen auftreten. Betroffen sind insbesondere die Gebiete östlich der Wolga, während in Südrussland und Nordkaukasien die Erntesicherheit etwas höher ist. Die Unterschiede zeigten sich exemplarisch in den Jahren 1997 und 1998; konnte 1997 noch eine ausreichende Getreideernte von 75 Millionen Tonnen eingebracht werden, blieb sie 1998 mit 42 Millionen Tonnen weit hinter dem Bedarf zurück. Allerdings ist die geringe agrarische Produktivität nur teilweise den von Jahr zu Jahr schwankenden Witterungsbedingungen anzulasten; ebenso wichtig sind Mängel in der Agrarstruktur und in der Organisation der landwirtschaftlichen Produktion sowie ein Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag.

Auszug aus: Jörg Stadelbauer: Russlands Geografie. Landschaftszonen, Bodenschätze, Klimawandel und Bevölkerung, in: Pleines, Heiko/Schröder, Hans-Henning (Hrsg.): Länderbericht Russland, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010, S. 11ff.
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