Öffentlicher Schuldenstand
25.5.2012
In Griechenland lag der öffentliche Schuldenstand im Jahr 2011 bei 165,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – der höchste Wert innerhalb der EU. Darauf folgten Italien, Irland, Portugal und Belgien.
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In Artikel 126 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) ist festgelegt, dass die Mitgliedstaaten der EU übermäßige öffentliche Defizite vermeiden sollen. Dabei überprüft die Europäische Kommission die Entwicklung der Haushaltslage und die Höhe des öffentlichen Schuldenstands. Insbesondere zwei Kriterien stehen im Mittelpunkt der Überprüfung. Erstens darf die jährliche Nettoneuverschuldung eines Staates nicht mehr als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entsprechen. Zweitens muss sein gesamter öffentlicher Schuldenstand bei 60 Prozent des BIP oder weniger liegen. Allerdings bestehen für beide Kriterien Ausnahmen. So darf der öffentliche Schuldenstand mehr als 60 Prozent des BIP entsprechen, wenn er hinreichend rückläufig ist und sich rasch genug dem Referenzwert nähert.
Bezogen auf das BIP sanken die Staatsschulden der EU-27 von 69,9 Prozent 1996 auf 59,0 Prozent im Jahr 2007. Während der Schuldenstand 2008 noch 62,5 Prozent des BIP entsprach, erhöhte sich der entsprechende Wert – vor allem bedingt durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise – auf 74,8 Prozent im Jahr 2009 (8.778 Mrd. Euro) bzw. 80,0 Prozent 2010 (9.812 Mrd. Euro). Im Jahr 2011 entsprach der Schuldenstand der EU-27 mit 10.422 Milliarden Euro 82,5 Prozent des BIP und erreichte damit den höchsten Stand des hier betrachteten Zeitraums. In den 17 Ländern des Euroraums entsprach der Schuldenstand 2011 sogar 87,2 Prozent des BIP (8.215 Mrd. Euro).
In Griechenland lag der öffentliche Schuldenstand im Jahr 2011 bei 165,3 Prozent des BIP – der höchste Wert innerhalb der EU. Darauf folgten Italien (120,1 Prozent), Irland (108,2 Prozent), Portugal (107,8 Prozent) und Belgien (98,0 Prozent). Weitere neun Staaten – Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Ungarn, Österreich, Malta, Zypern, Spanien sowie die Niederlande – verfehlten die 60-Prozent-Marke ebenfalls deutlich. Wie in Frankreich, Großbritannien und Ungarn entsprach auch in Deutschland der Schuldenstand mehr als 80 Prozent des BIP (81,2 Prozent / 2.088 Mrd. Euro).
In Estland entsprach der Schuldenstand lediglich 6,0 Prozent des BIP – der mit Abstand niedrigste Wert von allen EU-Staaten. Darauf folgten Bulgarien (16,3 Prozent), Luxemburg (18,2 Prozent) und Rumänien (33,3 Prozent). Schweden, Litauen, die Tschechische Republik, Lettland sowie die Slowakei hatten Schulden in Höhe von weniger als 45 Prozent des jeweiligen BIP und lagen damit ebenfalls klar unter dem Referenzwert von 60 Prozent.
Bezogen auf das Verhältnis der Schulden zum BIP konnten im Zeitraum 1995 bis 2007 Irland (minus 69,5 Prozent), Dänemark (minus 62,1 Prozent) und Estland (minus 54,9 Prozent) ihren Schuldenstand mehr als halbieren (Bulgarien reduzierte seinen Schuldenstand zwischen 1997 und 2007 sogar um 84,1 Prozent). Auch größeren Wirtschaftsnationen – zum Beispiel Großbritannien (minus 13,3 Prozent), Italien (minus 14,7 Prozent) oder Spanien (minus 42,8 Prozent) – gelang eine relative Verringerung des Schuldenstands in den Jahren 1995 bis 2007. Hingegen haben sich die Schulden der Tschechischen Republik (plus 99,3 Prozent), Rumäniens (plus 93,9 Prozent) und Maltas (plus 75,9 Prozent) relativ zum BIP am stärksten erhöht. Unter den insgesamt elf EU-Staaten, in denen der Schuldenstand bezogen auf das jeweilige BIP zwischen 1995 und 2007 gestiegen ist, ist auch Deutschland (plus 17,3 Prozent).
Vor allem die globale Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 hat dazu geführt, dass sich der Schuldenstand von 2007 bis 2009 in 25 von 27 EU-Staaten erhöhte. In acht EU-Staaten sind die Schulden – im Verhältnis zum BIP – in nur zwei Jahren um mehr als die Hälfte gestiegen, EU-weit war es ein gutes Viertel (plus 26,8 Prozent). Dabei hat sich der relative Schuldenstand in Luxemburg (plus 120,9 Prozent) und Estland (plus 94,6 Prozent) etwa verdoppelt, in Irland (plus 162,5 Prozent) war er 2009 gut eineinhalbmal so hoch wie 2007 und in Lettland hat sich der relative Schuldenstand mit einem Plus von 307,8 Prozent sogar vervierfacht. In Deutschland entsprach der Schuldenstand 2007 65,2 Prozent des BIP, 2009 waren es 74,4 Prozent des BIP – das entspricht einem Plus von 14,1 Prozent. Außerhalb der EU fällt von den Staaten, für die Eurostat Daten bereitstellt, noch Island auf, wo sich der Schuldenstand relativ zum BIP verdreifacht hat (plus 208,4 Prozent).
Auch wenn die Steigerung des Schuldenstandes der EU-27-Staaten bezogen auf das BIP von 2009 auf 2010 mit 7,0 Prozent deutlich geringer ausfiel als von 2008 auf 2009 (plus 19,7 Prozent), stieg der Schuldenstand in einigen Staaten ungewöhnlich stark an. So in Irland (plus 42,1 Prozent), Litauen (plus 29,3 Prozent), Rumänien (plus 29,2 Prozent), Luxemburg (plus 29,1 Prozent) und Lettland (plus 21,8 Prozent). Lediglich Schweden (minus 7,5 Prozent) und Estland (minus 6,9 Prozent) konnten ihre Schulden von 2009 auf 2010 relativ zum BIP verringern. Deutschland lag mit einer relativen Erhöhung des Schuldenstands um 11,6 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt.
Im Verhältnis zum BIP ist der Schuldenstand der EU-27 von 2010 auf 2011 langsamer gestiegen als in den Jahren zuvor – von 80,0 auf 82,5 Prozent des BIP, was einer Zunahme um 3,1 Prozent entspricht. In sechs EU-Staaten – Estland, Luxemburg, Lettland, Schweden, Deutschland (minus 2,2 Prozent) sowie Ungarn – reduzierte sich der relative Schuldenstand, in Bulgarien blieb er stabil. In lediglich sechs Staaten – Slowenien, Irland, Zypern, Portugal, Griechenland und Spanien – erhöhte sich der relative Schuldenstand um mehr als zehn Prozent, wobei die Veränderung nur in Slowenien bei mehr als 20 Prozent lag.
Durch die Schuldenstände entstehen vor allem dann Probleme, wenn Staaten trotz hoher Schuldenquote zusätzliche Kredite aufnehmen. Laut der Deutschen Bundesbank gehören dazu "die potenzielle Verdrängung privater Investitionen, Unsicherheiten und Verzerrungen durch erwartete oder tatsächliche künftige Erhöhungen der Abgabenlast oder merkliche Risikoprämien auf den Kapitalmärkten infolge verstärkter Sorgen um die Zahlungsfähigkeit des Schuldners. Darüber hinaus dürfte bei hohen Schuldenquoten die Wirksamkeit gezielter kreditfinanzierter Maßnahmen zur Abwehr von besonders schweren Krisen zunehmend begrenzt sein. Zudem erhöht sich die Gefahr von Konflikten zwischen Finanz- und Geldpolitik, die gravierende gesamtwirtschaftliche Kosten zur Folge haben, während umgekehrt solide Staatsfinanzen eine stabilitätsorientierte Geldpolitik erleichtern" (Deutsche Bundesbank: Monatsbericht April 2010). Weiter führt die gestiegene Staatsverschuldung zu einer Erhöhung der Zinsausgaben und damit zu einer Verengung des staatlichen Handlungsspielraums. Beispielsweise lagen die Zinsausgaben in Deutschland (Bund, Länder, Gemeinden und Gemeindeverbände, Sozialversicherung) im Jahr 2010 bei 64,6 Milliarden Euro. Bei bereinigten Ausgaben von insgesamt 1.127,8 Milliarden Euro entsprach das 5,7 Prozent.
Datenquelle
Eurostat: Online-Datenbank: Defizit/Überschuss, Schuldenstand des Staates und damit zusammenhängende Daten (Stand: 04/2012); Amtsblatt der Europäischen Union: Konsolidierte Fassung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (30. März 2010); Deutsche Bundesbank: Monatsbericht April 2010; Statistische Bundesamt: www.destatis.de
Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (Wertschöpfung), soweit diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden. Das BIP ist gegenwärtig das wichtigste gesamtwirtschaftliche Produktionsmaß.
Mitglieder des Euroraums Anfang 2012: Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien und Zypern.
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Tabelle: Öffentlicher Schuldenstand*
In Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), ausgewählte europäische Staaten, 1995 bis 2011
| 1995 | 1997 | 1999 | 2001 | 2003 | 2005 | |
| Europäische Union (EU-27) | – | 68,3 | 65,7 | 61,0 | 61,9 | 62,8 |
| Euroraum (17 Länder) | 72,0 | 73,2 | 71,6 | 68,1 | 69,1 | 70,1 |
| Griechenland | 97,0 | 96,6 | 94,0 | 103,7 | 97,4 | 100,0 |
| Italien | 120,9 | 117,4 | 113,0 | 108,2 | 103,9 | 105,4 |
| Irland | 81,2 | 63,7 | 48,0 | 35,2 | 30,7 | 27,2 |
| Portugal | 59,2 | 54,4 | 49,6 | 51,2 | 55,9 | 62,8 |
| Belgien | 130,2 | 122,5 | 113,6 | 106,5 | 98,4 | 92,0 |
| Frankreich | 55,5 | 59,2 | 58,9 | 56,9 | 62,9 | 66,4 |
| Großbritannien | 51,2 | 49,8 | 43,7 | 37,7 | 39,0 | 42,5 |
| Deutschland | 55,6 | 59,8 | 61,3 | 59,1 | 64,4 | 68,6 |
| Ungarn | 85,6 | 62,9 | 60,8 | 52,7 | 58,6 | 61,7 |
| Österreich | 68,2 | 64,1 | 66,8 | 66,8 | 65,3 | 64,2 |
| Malta | 35,3 | 48,4 | 57,1 | 60,9 | 67,6 | 69,7 |
| Zypern | 51,8 | 57,4 | 59,3 | 61,2 | 69,7 | 69,4 |
| Spanien | 63,3 | 66,1 | 62,4 | 55,6 | 48,8 | 43,1 |
| Niederlande | 76,1 | 68,2 | 61,1 | 50,7 | 52,0 | 51,8 |
| Polen | 49,0 | 42,9 | 39,6 | 37,6 | 47,1 | 47,1 |
| Finnland | 56,6 | 53,9 | 45,7 | 42,5 | 44,5 | 41,7 |
| Slowenien | 18,6 | 22,4 | 24,1 | 26,5 | 27,2 | 26,7 |
| Dänemark | 72,6 | 65,4 | 58,1 | 49,6 | 47,2 | 37,8 |
| Slowakei | 22,1 | 33,7 | 47,8 | 48,9 | 42,4 | 34,2 |
| Lettland | 15,1 | 11,1 | 12,5 | 14,1 | 14,7 | 12,5 |
| Tschechische Republik | 14,0 | 12,6 | 15,8 | 23,9 | 28,6 | 28,4 |
| Litauen | 11,5 | 15,4 | 22,7 | 23,0 | 21,0 | 18,3 |
| Schweden | 72,8 | 71,2 | 64,3 | 54,7 | 51,7 | 50,4 |
| Rumänien | 6,6 | 15,0 | 21,7 | 25,7 | 21,5 | 15,8 |
| Luxemburg | 7,4 | 7,4 | 6,4 | 6,3 | 6,1 | 6,1 |
| Bulgarien | – | 108,3 | 77,6 | 66,0 | 44,4 | 27,5 |
| Estland | 8,2 | 7,0 | 6,5 | 4,8 | 5,6 | 4,6 |
| Island | – | – | – | – | – | 26,0 |
| Türkei | – | – | – | 104,4 | 85,1 | 52,3 |
| Kroatien | – | – | – | – | 40,9 | 43,7 |
| Norwegen | – | – | – | 29,2 | 44,3 | 44,5 |
| 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | 2011 | ||
| Europäische Union (EU-27) | 59,0 | 62,5 | 74,8 | 80,0 | 82,5 | |
| Euroraum (17 Länder) | 66,3 | 70,1 | 79,9 | 85,3 | 87,2 | |
| Griechenland | 107,4 | 113,0 | 129,4 | 145,0 | 165,3 | |
| Italien | 103,1 | 105,7 | 116,0 | 118,6 | 120,1 | |
| Irland | 24,8 | 44,2 | 65,1 | 92,5 | 108,2 | |
| Portugal | 68,3 | 71,6 | 83,1 | 93,3 | 107,8 | |
| Belgien | 84,1 | 89,3 | 95,8 | 96,0 | 98,0 | |
| Frankreich | 64,2 | 68,2 | 79,2 | 82,3 | 85,8 | |
| Großbritannien | 44,4 | 54,8 | 69,6 | 79,6 | 85,7 | |
| Deutschland | 65,2 | 66,7 | 74,4 | 83,0 | 81,2 | |
| Ungarn | 67,0 | 73,0 | 79,8 | 81,4 | 80,6 | |
| Österreich | 60,2 | 63,8 | 69,5 | 71,9 | 72,2 | |
| Malta | 62,1 | 62,3 | 68,1 | 69,4 | 72,0 | |
| Zypern | 58,8 | 48,9 | 58,5 | 61,5 | 71,6 | |
| Spanien | 36,2 | 40,2 | 53,9 | 61,2 | 68,5 | |
| Niederlande | 45,3 | 58,5 | 60,8 | 62,9 | 65,2 | |
| Polen | 45,0 | 47,1 | 50,9 | 54,8 | 56,3 | |
| Finnland | 35,2 | 33,9 | 43,5 | 48,4 | 48,6 | |
| Slowenien | 23,1 | 21,9 | 35,3 | 38,8 | 47,6 | |
| Dänemark | 27,5 | 33,4 | 40,6 | 42,9 | 46,5 | |
| Slowakei | 29,6 | 27,9 | 35,6 | 41,1 | 43,3 | |
| Lettland | 9,0 | 19,8 | 36,7 | 44,7 | 42,6 | |
| Tschechische Republik | 27,9 | 28,7 | 34,4 | 38,1 | 41,2 | |
| Litauen | 16,8 | 15,5 | 29,4 | 38,0 | 38,5 | |
| Schweden | 40,2 | 38,8 | 42,6 | 39,4 | 38,4 | |
| Rumänien | 12,8 | 13,4 | 23,6 | 30,5 | 33,3 | |
| Luxemburg | 6,7 | 13,7 | 14,8 | 19,1 | 18,2 | |
| Bulgarien | 17,2 | 13,7 | 14,6 | 16,3 | 16,3 | |
| Estland | 3,7 | 4,5 | 7,2 | 6,7 | 6,0 | |
| Island | 28,5 | 70,3 | 87,9 | 93,1 | 98,8 | |
| Türkei | 39,4 | 39,5 | 45,4 | – | – | |
| Kroatien | 32,9 | 28,9 | 35,3 | – | – | |
| Norwegen | 51,5 | 48,2 | 43,5 | 43,7 | 29,0 | |
* Bruttoschuld des Staates (konsolidiert)
Quelle: Eurostat: Online-Datenbank: Defizit/Überschuss, Schuldenstand des Staates und damit zusammenhängende Daten (Stand: 04/2012)
Zahlen und Fakten: EuropaDie Staaten/Gebiete Europas
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