Akquisos

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3.3.2016

Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien als Seminarteilnehmende

"Wir müssen Vertrauen aufbauen"

Tanja Berger, AkquisosTanja Berger (© Tanja Berger)
Hochdrei e.V. - Bilden und Begegnen in Brandenburg ist ein Träger in Potsdam mit dem Arbeitsschwerpunkt politische und internationale Bildungsarbeit. Die Hauptzielgruppe des Vereins sind Kinder und Jugendliche. Multiplikatorenschulungen und Fachaustausche ergänzen das Programm. Hochdrei e.V. bietet seit mehreren Jahren Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien kostenfreie Plätze in Seminaren und Jugendbegegnungen an. Wir sprachen mit der Koordinatorin für Bildung, Tanja Berger.

Akquisos: Wie kam es dazu, dass Sie sich verstärkt um Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien bemühen?

Tanja Berger: Seit mindestens drei Jahren kann man ja von verstärkten Flüchtlingsbewegungen sprechen. Hier in Potsdam klappt es mit der Aufnahme und der Willkommenskultur ziemlich gut. Die Politikerinnen und Politiker der Stadt setzen sich für Vielfalt und Offenheit ein und wir haben gute Flüchtlingsunterkünfte. Für uns war es selbstverständlich, uns dort einzubringen. Wir arbeiten schon lange mit den Flüchtlingsunterkünften zusammen und kennen die Mitarbeiter.

Akquisos: Wie gelingt es Ihnen, dass Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien auf Ihre Seminare aufmerksam werden und dann auch tatsächlich teilnehmen?

Über die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der Flüchtlingsunterkünfte knüpfen wir Kontakte zu den Familien. Diese müssen ja Vertrauen zu uns haben, wenn sie ihre Kinder zu unseren Seminaren und Ferienfreizeiten anmelden. Und dann spricht es sich herum. Manche Kinder haben schon mehrmals an unseren Veranstaltungen teilgenommen und dann andere Kinder mitgebracht. Pro Seminar kommen meist 3-4 der insgesamt 20-24 Kinder aus den Flüchtlingsunterkünften in Potsdam.

Akquisos: Wie beeinflusst die Teilnahme von Kindern mit Fluchtgeschichte und verschiedenen kulturellen Hintergründen die Seminare und Begegnungen?

Seit vielen Jahren organisieren wir internationale Begegnungen und Seminare mit Teilnehmenden unterschiedlicher kultureller Hintergründe. Alle Kinder und Jugendlichen bringen sich ein und so wird die Vielfalt – auch die Sprachenvielfalt – in den Seminaren durch die geflüchteten Teilnehmenden noch größer. Die gemeinsamen Interessen und Erlebnisse verbinden die Kinder. Bei einem deutsch-polnischen Seminar zum Thema "Astronautinnen, Kosmonauten und das Weltall"im vergangenen Jahr wurden beispielsweise die Ausschreibung und die Informationen dazu nicht nur ins Polnische und Deutsche, sondern auch ins Arabische übersetzt. Die komplette Übersetzung während der Seminare ist uns im Normalfall aus Mangel an Personal und Mitteln leider nicht möglich, aber punktuell versuchen wir es zu leisten. Auch beim gemeinsamen Kochen bringen alle Kinder ihre eigenen Hintergründe und Geschichten ein.

Manche Kinder, die traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, benötigen während der Seminare verstärkte Betreuung. Wir hatten schon Kinder dabei, die nachts nur mit Licht schlafen wollten, oder denen wir die Hand beim Einschlafen gehalten haben. Das Sprechen über die Ängste sensibilisiert auch die anderen Kinder für die Erlebnisse der Kinder aus Flüchtlingsfamilien.

Akquisos: Wie finanzieren Sie die Seminarplätze für die Flüchtlingskinder?

Wir bieten die Plätze kostenlos an. Viele der Familien, die in Flüchtlingsunterkünften leben, zahlen jedoch einen – dann eben geringeren – Teilnahmebeitrag, weil sie das gerne möchten. Wir arbeiten mit einer Mischkalkulation. In die Teilnahmebeiträge der anderen rechnen wir immer einen gewissen Puffer ein. Viele unserer Seminare werden durch Fördermittel des deutsch-polnischen Jugendwerks und des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburgs unterstützt, die mit Tagespauschalen arbeiten. Zudem verfügen wir über ein eigenes Tagungshaus. So bemühen wir uns um eine Kalkulation, mit der wir die fehlenden Teilnahmebeiträge auffangen. Im "Notfall"rechnen wir die Übernachtungskosten als Eigenmittel ein.